Die Vater-Sohn-Beziehung in Kafkas „Die Verwandlung“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gregor Samsa

3. Der Vater

4. Biographische Parallelen zwischen Gregor Samsa und Franz Kafka

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur
6.2.1 Monographien
6.2.2 Artikel in Sammelbänden
6.2.3 Online-Literatur

1. Einleitung

Am 6. Dezember 1912 schloss Franz Kafka seine Erzählung Die Verwandlung ab. Als ihm die Idee zu seiner Erzählung kam, lag er in einer tiefen Depression, welche auch die Grundstimmung Gregors ist. Kafka wartete zu eben jenem Zeitpunkt auf einen Brief seiner Geliebten und war entschlossen, erst aus dem Bett zu steigen, wenn er den Brief in den Händen hielte. Er war zu traurig, um sich zu bewegen.[1] Besonders dieser Aspekt findet sich in der Verwandlung wieder, wenn der hilflose Käfer, wartend auf menschliche Teilnahme, in seinem Bett liegt.

Diese Hausarbeit beschäftigt sich jedoch nicht mit den Beweggründen der Entstehung dieser Erzählung, sondern analysiert das Problem zwischen Vater und Sohn in der Verwandlung. Das Thema ist insoweit von Interesse, da Kafka selbst erhebliche Probleme mit seinem Vater hatte. Einige Parallelen zwischen seiner Biographie und Gregors Verhältnis zum Vater werden am Ende der Hausarbeit herausgearbeitet und analysiert.

In der Literatur der Jahrhundertwende war das Leiden unter dem tyrannischen Vater ein häufiges Thema. Die veraltete patriarchale Gesellschaft wurde damit von der jungen Generation angegriffen, wobei dieser Kampf besonders in Prag unter den Juden einen besonderen Höhepunkt fand. Auf der Suche nach der gewährten Freizügigkeit, kamen jene vom Land in die Städte und mussten nicht selten eine Menge Kraft aufwenden, um zu ein wenig Wohlstand und Ansehen zu gelangen. Die Väter versuchten ihre Werte und Normen an die Söhne weiterzugeben, doch mit dem Wandel der Zeit veränderten sich auch die gesellschaftlichen Bedingungen. Die Söhne bevorzugten nunmehr akademische Berufsfelder wie Medizin oder Rechtswissenschaft.[2]

In seinem Nachwort zu Franz Kafkas Erzählung Die Verwandlung schreibt Ewald Rösch: ,,Sie [die Erzählung] gilt gemeinhin als Kafkas Abrechnung mit der Herzlosigkeit der Familie, nämlich der Familie Samsa, der Familie Kafka und der Familie überhaupt."[3] Dass das Vater-Sohn-Motiv in der Verwandlung ausschlaggebend ist, sieht man an seiner geplanten Veröffentlichung der Erzählungen Das Urteil, Die Verwandlung und Der Heizer in einem Band, mit dem Titel Die Söhne. Besonders das Motiv der Strafe, der Verurteilung, ist eng mit dem Vater-Sohn-Motiv verbunden.[4] Weiterhin ist jenen Texten gemeinsam, dass sich ihre Helden nicht oder nicht zureichend mit ihrer Umgebung verständigen können. Besonders in der Verwandlung wird dieser Sachverhalt offenkundig, da sich Gregors Stimme nach der Verwandlung nicht zwangsläufig in ein Piepsen reduziert, das von niemandem mehr verstanden wird.[5] So funktioniert Gregors Verwandlung vorerst als Verhinderung einer bevorstehenden Rebellion des Sohnes, also als Bestrafung seiner Absicht und nicht seiner Handlung.

Diese Hausarbeit beginnt mit einer Analyse Gregors bzw. damit, wie sich sein Charakter im Laufe der Erzählung verändert. Darauf folgen eine Beschreibung des Vaters und eine Untersuchung seines Charakters. Zu beachten ist hierbei der Rollentausch von Vater und Sohn. Am Ende der Arbeit wird, wie bereits erwähnt, ein Teil von Kafkas Biographie herangezogen, um sein Verhältnis zum Vater mit dem Gregors zu vergleichen.

2. Gregor Samsa

Gregor Samsa ist der Hauptcharakter in der Erzählung Die Verwandlung. Bis auf den Epilog wird alles aus der Sicht Gregors dargestellt und erzählt. „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“[6], lautet der erste Satz. Zwei Dinge fallen schon zu Beginn auf: Zum einen ist die Passivität des Hauptcharakters bereits angedeutet, d. h. er hat seine momentane Situation nicht aus freien Stücken gewählt; zum anderen springt dem Leser der Name ,Gregor Samsa‘ ins Auge, der ein Anagramm zu Georg, der Hauptfigur des Urteils, darstellt. Des Weiteren ist der Name ,Samsa‘ ein Kryptogramm zu ,Kafka‘. Beide Namen haben dieselbe Anzahl an Buchstaben und der Vokal a wiederholt sich an den gleichen Stellen.[7] Weiterhin zu beachten ist die Tatsache, dass zu Kafkas Lebzeiten unter der tschechischen Bevölkerung Prags der Begriff ,Sám jsi‘[8] existierte. Durch den Autor in ,sám jsa‘ umgewandelt bedeutet es ,allein seiend‘.[9] Dies passt natürlich wunderbar zu der Erzählung, da Gregor in jedem Stadium der Erzählung alleine ist.

Seine bewusste Beobachtung der Umwelt beginnt mit der Feststellung: „Es war kein Traum“[10]. Ob es nun Realität ist oder nur ein Traum, lässt sich in der ganzen Erzählung nicht abschließend klären. Gegen einen Traum spricht der realistische Ablauf der Erzählung. Jedoch kann man behaupten, dass sich im Erwachen die Welt so zeigt, wie sie wirklich ist. Gregors private Existenz wird in Frage gestellt. Vor seiner Verwandlung hat der Sohn, zumindest dem Anschein nach, die Führung und den Erhalt der Familie vom Vater übernommen. Er ernährt zwar die Familie und begleicht die Schulden des Vaters, wobei letzteres nicht so notwendig erscheint, wie er glaubt. Gregor und der Vater tauschen ihre Rollen nach der Verwandlung erneut. So übernimmt der alte Samsa seine ursprünglichen Funktionen, die Gregor wegen seiner Verwandlung nicht mehr ausführen kann. Dieser hingegen ist nun eingeschränkt auf sein Zimmer und muss zu Hause bleiben, während die Familie immer häufiger abwesend ist. Nach seiner Verwandlung zeigt sich das kleine Vermögen des Vaters und die Ausbeutung Gregors: „Nun war der Vater zwar ein gesunder, […] Mann, […] fünf Jahre nichts gearbeitet hatte […] viel Fett angesetzt […].“[11] Gregor verlegt also all seine Kräfte in das Geschäft, um die Schulden des Vaters abzuarbeiten und mit den Chef nicht in Konflikt zu geraten. Es kann sogar soweit gegangen werden, zu behaupten, dass er ein Sklave seines Arbeitgebers ist, genauso wie er nach seiner Verwandlung ein Sklave seines eigenen Körpers wird. Durch seine oft langen Arbeitszeiten verliert er jeden Anteil am Familienleben, da er häufig auswärts schläft, wo er sehnsüchtige Gedanken an seine Familie hegt, „[…] wenn er sich müde ins feuchte Bettzeug hatte werfen müssen“[12]. Wenn er sich dagegen zu Hause aufhält, hindern ihn die Sorgen um das Geschäft daran, am Familienalltag teilzunehmen. Am Abend liest er ruhig seine Zeitung oder sieht Fahrpläne durch, und am Morgen reist er, lange bevor die Familie erwacht, wieder ab.[13] Menschliche Beziehungen findet er weder in seiner eigenen Familie noch im Geschäft. Wie bereits erwähnt, befindet sich Gregor vor und auch nach seiner Verwandlung in einer Isolation. Er erfüllt zwar Bedürfnisse und Aufgaben des Geschäfts und der Familie, trotzdem findet er zu beiden Bereichen keinen Zugang. Er sieht keine Möglichkeit seine Situation zu verändern und schaut deshalb träumend in die Zukunft – „so werde es im Geschäft noch fünf bis sechs Jahre dauern bis die Schulden der Eltern abgezahlt seien, danach wolle er seinem Chef die Meinung sagen“[14]. Seiner Schwester will er ein Studium am Konservatorium ermöglichen und sich dadurch die ursprüngliche Liebe und Anerkennung wieder erkaufen. An diesem Vorhaben wird ein Charakterzug Gregors besonders deutlich; er hat nicht den Mut seine Pläne laut zu äußern, wartet lieber ab, obwohl er das Geld schon fast zusammengetragen hat.

Durch jenen Plan will er seine Autorität gegenüber dem Vater, der dagegen ist, durchsetzen. So hätte Gregors Macht die des Vaters über die Schwester ersetzt. Der Schwester will er seinen Plan erzählen und sie somit gegen den Vater auflehnen. Er will sich als eigentlicher Träger und Erhalter der Familie zur Geltung bringen. Gregor trägt den Aufwand der Familie und so steht es ihm auch zu, an der Stelle des Vaters Entscheidungen zu treffen. Er greift nach der Rolle des Vaters ohne die des Sohnes loszulassen. Er will die Stelle des Vaters übernehmen, aber die Liebe, welche er als Sohn genossen hat, nicht verlieren.[15] Vom Beginn bis zum Ende seiner Verwandlung verändert sich Gregors Wesen und auch seine Haltung seinem gepanzerten Körper gegenüber. Zu Beginn seiner Verwandlung schämt er sich vor den Blicken seiner Familie und versteckt sich bei dem kleinsten Geräusch an der Tür unter dem Kanapee. Seine Angehörigen ekeln sich vor ihm, was sich erst im Laufe der Erzählung etwas ändert, indem Schwester und Mutter in sein Zimmer kommen. Dem Ekel der Familie entspricht auf Gregors Seite die Scham, da er klebrig, braun und unförmig auftritt. Im Laufe der Zeit traut er sich immer mehr. Am Ende findet er sogar den Mut dazu, in das Wohnzimmer zu kriechen, in dem seine Schwester Violine spielt. Er stellt vor allem seine Leiden, für die er die Familie verantwortlich macht, gerne zur Schau. So ist er beleidigt wegen der Schmutzstreifen, dem Staub und Unrat in seinem Zimmer, weshalb er sich zuweilen bei Ankunft der Schwester zur Schau stellt, „um ihr durch diese Stellung gewissermaßen einen Vorwurf zu machen“[16]. So verhält er sich ebenfalls nach der Reinigung seines Zimmers: Als ihn die Feuchtigkeit des Bodens kränkt, liegt er „breit, verbittert und unbeweglich auf dem Kanapee“[17]

[...]


[1] Vgl. Schubiger (1969), S. 25

[2] Schlegel (o. J.)

[3] Kafka (1999), S. 102

[4] Vgl. Sokel (1964), S. 78

[5] Vgl. Binder (2004), S. 146

[6] Kafka (1976a), S. 57

[7] Vgl. Gassmann (2002), S. 111

[8] Übersetzung: Fryd (1966), S. 218: Du bist allein!

[9] Vgl. Frýd (1966), S. 218

[10] Kafka (1976a), S. 57

[11] Kafka (1976a), S. 80

[12] Ebd., S. 91

[13] Vgl. ebd.

[14] Vgl. ebd., S. 58

[15] Vgl. Ruf (1974), S. 63

[16] Kafka (1976a), S. 94

[17] Ebd., S. 94

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Vater-Sohn-Beziehung in Kafkas „Die Verwandlung“
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V264844
ISBN (eBook)
9783656540779
ISBN (Buch)
9783656541332
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vater-sohn-beziehung, kafkas, verwandlung
Arbeit zitieren
B.A. Viktoria Heitz (Autor), 2010, Die Vater-Sohn-Beziehung in Kafkas „Die Verwandlung“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264844

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