Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Konstruktion und Dekonstruktion von Geschlecht und fragt danach, ob und wie eine De-Konstruktion vermittels der Modifikation von körpereigenen, fremden und künstlichen Haaren stattfinden kann. Um zunächst zu klären, ob es sich bei der Kategorie „Geschlecht“ um eine soziale Konstruktion handelt, stellt Kapitel 2 exemplarisch das widersprüchliche Verhältnis von staatlicher und alltagspraktischer Geschlechterdichotomie zur Tatsache intersexuell geborener Menschen vor. Kapitel 3 legt anhand der ontogenetischen Entwicklung der Behaarung und der kulturellen Ableitungen daraus dar, dass Haare als soziale Marker auch auf Geschlecht hinweisen. Indem Kapitel 3 mit Drag Queens und transsexuellen Frauen die Gruppen vorstellt, auf denen mit ihrer Weiblichkeitsdarstellung das Hauptinteresse liegt und sich an einer Definition versucht, leitet es über zum Hauptteil, in welchem am Beispiel von doing drag und Transsexualität die verschiedenen Strategien und Methoden zur Herstellung aber auch Infragestellung von Geschlecht anhand von Haarmodifikationen aufzeigt werden. Nach einer Vorstellung der verfolgten Strategien, wird auf Praxen und Methoden eingegangen und der entlarvende Charakter derselben aufgezeigt. Den Abschluss bildet ein Fazit.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Geschlecht als Konstrukt
3 Haare als Marker für Geschlecht
4 Transsexualität und Drag
5 Haarmodifikation und Geschlechter[de]konstruktion
5.1 Strategien
5.2 Haarentfernung
5.3 Hinzufügen von Haaren
5.4 Übertreibung und Brüche
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion und Dekonstruktion von Geschlecht durch die Modifikation von Körper- und Kopfhaaren. Sie fragt dabei, inwieweit Praktiken wie Haarentfernung oder das Hinzufügen von Haaren bei Drag-Performances und transsexuellen Identitätsentwürfen dazu dienen, Geschlechterbilder zu stabilisieren oder deren Künstlichkeit durch subversive Inszenierung offenzulegen.
- Die soziale Konstruktion von Geschlecht als dichotomem System.
- Haare als gesellschaftliche Marker für Weiblichkeit und Männlichkeit.
- Vergleichende Analyse von Strategien bei Transsexualität und Drag.
- Methoden der Haarmodifikation (Entfernung, Perücken, Styling).
- Das Potenzial von Übertreibung und Brüchen zur Dekonstruktion von Geschlechternormen.
Auszug aus dem Buch
5.4 Übertreibung und Brüche
Haritaworn (2009, S. 47) sieht drag als mobile Ressource, die sich der Abwertung und Wiederverwertung marginalisierter Stile und Verkörperungen bedient und ihnen durch Fixierung, Essenzialisierung und Pathologisierung einen neuen Wert verleihen. Auch Luig (2008) unterstellt dem doing drag emanzipatorisches Potenzial als Schlussfolgerung darauf, dass es gerade in der Anwendung von Inszenierung und Verwandlung, biologische Ideen als Maskerade entlarvt.
Die Fragilität und der artifizielle Charakter der biologistisch-traditionellen Geschlechterbilder lassen sich in den Darstellungsweisen der Drag Queens nicht nur dort ablesen, wo blonde, langhaarige Überweiblichkeitsfiguren mit glatter Haut einen offenen Blick auf unsere Idealvorstellungen von Mann und Frau zulassen, sondern auch in den Übertreibungen und Abschweifungen, wo aus der perfekten Illusion eine offensichtliche Täuschung wird.
Da, wo Materialien verwendet werden, die jeder Auffassung von „Natürlichkeit“ widersprechen, werden Perücken und Haarteile ganz klar als solche ausgewiesen. Künstliche Wimpern aus bunten Federn stellen die Darstellung von Wimpern dar, Frisuren aus Organza wie bei Tatjana Taft (Abb. 6) oder aus mit Steinen besetzten Schaumstoffstreifen wie bei Olivia Jones (Abb. 8) weisen unübersehbar auf die Materialität von Perücken hin und lassen keinen Zweifel an ihrer Künstlichkeit zu. Kunsthaar wird damit auf die Spitze getrieben und greift, wie etwa an Fräulein Wommy Wonders Fiberglasperücken (Abb. 7) zu sehen ist, weibliche, abgewertete Eigenheiten, wie etwa die mit Haarspray erstarrten und unlebendig gemachten „Betonfrisuren“ von Margaret Thatcher oder Beatrix der Niederlande, auf.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, ob und wie eine Dekonstruktion von Geschlecht durch die Modifikation von Haaren möglich ist.
2 Geschlecht als Konstrukt: Dieses Kapitel erläutert, wie das soziale System der Geschlechterdichotomie durch staatliche und alltägliche Praxen naturalisiert und festgeschrieben wird.
3 Haare als Marker für Geschlecht: Hier wird dargelegt, wie Behaarung als soziales Merkmal genutzt wird, um Körper in weibliche und männliche Kategorien einzuteilen.
4 Transsexualität und Drag: Dieser Abschnitt vergleicht die Ansätze von Drag Queens und transsexuellen Personen bei der Transformation ihres Erscheinungsbildes hinsichtlich ihrer unterschiedlichen Intentionen.
5 Haarmodifikation und Geschlechter[de]konstruktion: Das Hauptkapitel analysiert konkrete Praxen wie die Enthaarung, das Hinzufügen von Haaren sowie die bewusste Übertreibung zur Infragestellung von Geschlechternormen.
6 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Haarmodifikationen sowohl zur Reproduktion als auch zur subversiven Dekonstruktion von Geschlecht eingesetzt werden können.
Schlüsselwörter
Geschlechterkonstruktion, Drag, Transsexualität, Haarmodifikation, Körperbehaarung, doing gender, doing drag, Identität, Maskerade, Dekonstruktion, Performanz, Intergeschlechtlichkeit, Weiblichkeit, Männlichkeit, Epilation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der soziologischen Untersuchung, wie Geschlecht durch das Modifizieren von Haaren hergestellt, stabilisiert oder durch Brüche dekonstruiert wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die soziale Konstruktion von Geschlecht, die symbolische Bedeutung von Körperbehaarung sowie die Analyse von Transformationsstrategien bei Drag-Performern und transsexuellen Personen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Geschlecht keine rein biologische Tatsache ist, sondern durch kulturelle Praxen (wie Haarmodifikation) permanent hergestellt wird und somit auch durch ebensolche Praxen dekonstruiert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer soziologischen Analyse, die Fachliteratur zu Gender Studies, ethnomethodologische Untersuchungen sowie Fallbeispiele aus der Drag-Kultur und transsexuellen Lebensentwürfen einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden konkrete Techniken wie Haarentfernung, das Anbringen von Perücken und Wimpern sowie die bewusste Nutzung von Übertreibungen als subversive Strategien gegen starre Geschlechterbilder untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Geschlechterkonstruktion, Haarmodifikation, Doing Drag, Transsexualität, Performanz und Dekonstruktion.
Inwiefern unterscheidet sich die Haarmodifikation von Drag Queens von der transsexueller Frauen?
Während bei transsexuellen Frauen das Ziel meist das "Passing" als Frau ist, um das Selbstbild in Einklang mit dem Wunschgeschlecht zu bringen, nutzen Drag Queens Haarmodifikationen oft parodistisch oder übertreibend, um die Künstlichkeit von Geschlechternormen zu entlarven.
Welche Rolle spielt das "Passing" bei der Identitätsarbeit?
Das Passing ist insbesondere für transsexuelle Frauen von hoher Bedeutung, da es den Prozess beschreibt, im Alltag als das gewünschte Geschlecht wahrgenommen zu werden, ohne dass die eigene Transidentität bemerkt wird.
- Citation du texte
- Stefan Kräh (Auteur), 2013, Haarige Metamorphosen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264849