Code-Switching in der Literatur

Am Beispiel des Romans "Caramelo" von Sandra Cisneros (2002)


Bachelorarbeit, 2013
49 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung.

2) Begriffsdefinition: Code-switching in der Alltagssprache
2.1) Wandel der Anerkennung des Code-switching
2.2) Interferenz versus Code-switch.

3) Formale und funktionale Aspekte des Code-switchings in der Alltagssprache
3.1) Formale Aspekte des Code-switchings in der Alltagssprache
3.2) Funktionale Aspekte des Code-switchings in der Alltagssprache
3.2.1) Ausdrucksschwierigkeiten des Sprechers
3.2.2) Identifikationsstiftendes Code-switching
3.2.3) „Situational” Code-switching
3.2.4) „Metaphorical” Code-switching
3.2.5) Sprachliche Bedarfsdeckung
3.2.6) Ausschluss von Sprechern
3.2.7) Emotionalität und Code-switching

4) Zweisprachigkeit in der Literatur
4.1) Kontextualisierung nach Peter Auer
4.1.1) Interaktionsteilnehmer
4.1.2) Handlungsschemata
4.1.3) Kontextualisierungshinweise
4.1.4) Sprecher und Rezipient
4.1.5) Adressat und Zuhörer
4.1.6) Steigerung der Dringlichkeit
4.1.7) Kommunikationsinhalt
4.1.8) Beziehung der Gesprächspartner

5) Konversationsanalyse ‚Part 1, Kapitel 20 „Echando palabra s”
5.1) Analyse des ersten Abschnitts
5.2) Analyse des zweiten Abschnitts
5.3) Analyse des dritten Abschnitts

6) Fazit

7) Literaturverzeichnis

8) Selbstständigkeitserklärung zur Bachelorarbeit

1) Einleitung

Menschen, die mit mehr als einer Muttersprache aufwachsen oder in einer bilingualen Gesellschaft leben, sind nicht nur mit dem Aufeinandertreffen mehrerer Kulturen konfrontiert, sondern auch tagtäglich mit dem Sprachkontaktphänomen des Code-switchings. Der Wechsel zwischen zwei oder auch mehreren Sprachen ist der „Stempel“ multikultureller Gesellschaften. Es gibt heute kaum noch ein Land, in dem nur eine einzige Sprache gesprochen wird. Nicht nur in der zwischenmenschlichen, alltäglichen Kommunikation bilingualer Sprecher ist die Verwendung des Code-switchings häufig, auch in der modernen Literatur trifft man auf dieses sprachliche Phänomen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema des Code-switchings in der fiktiven Mündlichkeit anhand des zweisprachigen Romans „Caramelo” aus dem Jahr 2002 von Sandra Cisneros. Der Roman handelt von einer mexikanischen Familiengeschichte, erzählt aus der Sicht des jungen Mädchens Celaya (Lala) Reyes. Die Familie Reyes lebt in Chicago und fährt im Jahr 1962 im Sommerurlaub nach Mexico City, um dort die Großeltern zu besuchen. Celaya berichtet mittels Erzählungen der Verwandten über das Leben ihrer Großeltern, Eltern und Tanten.[1]

Das Ziel dieser Arbeit ist es, die verschiedenen Sprachwechseltypen aus dem Roman herauszufiltern und unter anderem die Motivation für diese herauszuarbeiten. Wann, warum und wie wird von der Sprache A in die Sprache B gewechselt? Gibt es spezielle Bereiche, in denen der Sprachwechsel besonders häufig vorkommt? Trifft man auf Hinweise, die im Voraus einen Code-switch ankündigen?

Es werden das sprachliche Phänomen des Code-switchings in der Alltagssprache und die verschiedenen Sprachwechseltypen, welche im weiteren Verlauf dieser Arbeit anhand des Romans analysiert werden, vorgestellt. Ebenso wird auf die Erforschung und Anerkennung des Code-switchings, das häufig mit Interferenzen gleichgestellt wurde, eingegangen.

Nicht nur die unterschiedlichen Arten des Code-switchings werden erklärt, sondern auch sprachliche sowie soziale und kulturelle Motive des Sprachwechsels. Ist Code-switching identifikationsstiftend? Wird es angewandt, um die Emotionalität zu verstärken, einen Sprecher auszuschließen oder den Kontext besser zu beschreiben? Was ist „metaphorical” und was „situational” Code-switching? Gibt es immer wieder rekurrierende, spanische Elemente in dem Roman und was ist deren Funktion? Diese funktionalen Sprachwechseltypen werden anhand von wissenschaftlichen Beispielen von Linguisten wie Gumperz, Grosjean, Pavlenko u.a. belegt und durch dazu passende literarische Textstellen aus dem Roman „Caramelo” verdeutlicht.

Der Linguist Georges Lüdi teilt Zweisprachigkeit in drei verschiedene Arten ein. Diese drei Typen werden in einem Kapitel erklärt und dem Roman entsprechend zugeordnet.

Für die abschließende Konversationsanalyse dieser Arbeit sind Aspekte der Kontextualisierung nach Peter Auer relevant. Was ist ein Kontext? Wer sind die Interaktionsteilnehmer, was ist das Handlungsschema, was der Kommunikationsinhalt und wie stehen die Sprecher zueinander? All diese und mehr Faktoren sind bei der Konversationsanalyse zu beachten.

Anhand eines Ausschnitts aus dem Roman wird schließlich mithilfe der Kriterien der Konversationsanalyse nach Peter Auer eine fiktive, sehr emotional bewegte Diskussion zwischen den Personen Zoila, Inocencio und Soledad aus dem 20. Kapitel „Echando Palabras“ untersucht. Dieses Gespräch ist in drei Teilabschnitte mit direkt darauffolgender Analyse eingeteilt worden, um somit eine bessere Übersicht über die Entwicklung der Unterhaltung zu bekommen.

2) Begriffsdefinition: Code-switching in der Alltagssprache

Code-switching gehört zu einem der faszinierendsten sprachlichen Phänomene, welches beim Vermischen der Sprachen multilingualer Sprecher vorkommen kann. Nicht nur durch die Migration verschiedener Nationalitäten, sondern auch durch die Globalisierung resultiert der Kontakt der unterschiedlichsten Kulturen und Sprachen auf dieser Welt. Besonders in Ländern wie den USA, die eine multikulturelle Bevölkerung aufzeigen, können verschiedene Sprachmischungen entstehen. In den Vereinigten Staaten ist dieses Phänomen sehr verbreitet, denn nicht nur jede 10. Person in diesem Land ist Mexikaner, sogar jede fünfte Person, die dort lebt, ist lateinamerikanischer Abstammung.

Die Recherche zu diesem Thema ergab, dass mehrere Bezeichnungen für das Code-switching verwendet werden, wie beispielsweise „Code-Mixing”, „Borrowing” oder „Code-Alternation”. Linguisten sind sich bei allen Bezeichnungen einig, dass es sich dabei um einen Sprachwechsel zwei verschiedener Sprachen innerhalb eines Satzes oder sogar innerhalb des Wortes handelt. Uneinig ist man sich über die Rechtschreibung dieses Phänomens. In der Literatur sind Schreibweisen wie „Code-switching” oder das deutsche Wort „Kodewechsel” zu finden. In dieser Arbeit wird sich auf die Definition Hadumod Bußmanns aus dem Lexikon der Sprachwissenschaft gestützt und das Wort mit Bindestrich verwendet. Zur Vereinfachung wird ebenso das Kürzel CS benutzt.

Bußmanns Definition des Code-switchings lautet:

„Als Code-switching bezeichnet man den Wechsel zwischen verschiedenen Sprachvarietäten bei bilingualen bzw. multilingualen Sprechern je nach Erfordernissen der Kommunikationssituation.“ (Bußmann 2002:139)

Bilinguale Sprecher mögen beim CS oft so scheinen, als würden sie ohne große Bemühungen ihre Switches anwenden. Beachtet man jedoch die Schnelligkeit, mit der die Sprecher zwischen den Sprachen wechseln, ist es sehr interessant, dass sie freiwillig während des Sprechens zwei Sprachen vermischen, da dies für monolinguale Sprecher vom „normalen und alltäglichen” Sprachgebrauch abweicht und eine Herausforderung darstellt. Anfang der 50er Jahre war dieses sprachliche Phänomen nicht als eine Kompetenz angesehen und nur wenig erforscht, CS wurde von Sprachwissenschaftlern oftmals als negativ dargestellt.

2.1) Wandel der Anerkennung des Code-switchings

Vor den 70er Jahren widmeten sich kaum Wissenschaftler dem Phänomen des CS, da der Gebrauch als sprachliche Inkompetenz und nicht als „skill” angesehen wurde. Dieser Meinung war unter anderem der Sprachwissenschaftler Uriel Weinreich[2]. Weinreich betrachtete das Code-switching zu seiner Zeit als Interferenz:

„In speech, interference is like sand carried by a stream; in language, it is the sedimented sand deposited on the bottom of a lake. The two phases of interference should be distinguished. In speech, it occurs anew in the utterances of the bilingual speaker as a result of his personal knowledge of the other tongue. In language, we find interference phenomena which, having frequently occurred in the speech of bilinguals, have become habitualized and established.” (Weinreich 1953:11)

Anhand dieses Zitats wird deutlich, dass er die Meinung vertrat, dass die Interferenzen vom persönlichen Sprachniveau der Zweitsprache abhängig waren. Je schlechter dieses war, desto mehr Interferenzen verwendete man. Auf die Abgrenzung der Begriffe wird im anschließenden Kapitel 2.2) genauer eingegangen. Code-switches waren seiner Ansicht nach ein eindeutiges Indiz für die Nichtbeherrschung der Sprache eines bilingualen Sprechers:

„The ideal bilingual switches from one language to the other according to appropriate changes in the speech situation (interlocutors, topics, etc.), but not in an unchanged speech situation and certainly not within a single sentence.”

(Weinreich 1953:73)

Im Jahr 1972 veröffentlichten Jan Blom[3]und John Gumperz[4]einen Artikel, der sich mit dem CS der Dialekte im norwegischen Hemnesberget, einem Fischerdorf, beschäftigte (vgl. Myers-Scotton 1993, S.46). Die Publikation des Artikels regte viele Wissenschaftler zu Nachforschungen bezüglich des Sprachwechsels an. Das Interesse galt jedoch nicht nur dem CS zwischen den verschiedenen Dialekten. Forscher begannen, den Sprachwechsel zwischen zwei oder mehreren verschiedenen Sprachen zu untersuchen.

Shana Poplack[5]beschäftigte sich in den 80er Jahren mit dem syntaktischen Code-switching. Bald darauf gewannen viele weitere Sprachwissenschaftler Interesse, sich mit soziolinguistischen und interaktionalen Hintergründen der Code-switches zu befassen. Die Forschungen gehen heute sogar so weit, dass es psycholinguistische Studien gibt, welche die Zeit zwischen den einzelnen Code-switches messe, sowie soziophonetische Forschungen, die sich auf die sozialen Begebenheiten der Sprachauswahl konzentrieren.

Durch die Erforschungen auf diesem Gebiet hat sich das Bild des Code-switchings inzwischen verbessert und wird heute als hohe sprachliche Kompetenz bilingualer Sprecher angesehen.

2.2) Interferenz versus Code-switch

Heutzutage weiß man, dass Interferenzen in der Regel häufiger von Fremdsprachenlernern benutzt werden (vgl. Karbe, U. & Pieho, H. 2000). Diese erwerben meistens zu ihrer Muttersprache L1 eine weitere Fremdsprache L2. Die Lerner entwickeln aus L1 und L2 eine Zwischensprache, die sogenannte Interimsprache. Interferenzen bilden eine Untergruppe des Transfers. Diese sind klar von Code-switches abzugrenzen, da eine Interferenz die Übertragung einer falschen Struktur oder Regel aus der Muttersprache L1 in die „andere” Sprache L2 meint. Übertragungen können positive Transfers sein, dabei werden Strukturen aus L1 korrekt auf L2 übertragen. Jedoch bezeichnet der Begriff „Interferenz” den negativen Transfer. Dabei handelt es sich um eine falsche Übernahme aus der Muttersprache L1 in die neue Sprache L2. Im praktischen Begriffswörterbuch zum Fremdsprachenunterricht wird die Interferenz wie folgt bezeichnet:

„Unter Interferenz versteht man im Fremdsprachenunterricht die störenden Einflüsse eines sprachlichen Systems (der Muttersprache oder einer anderen Sprache) auf ein neues Sprachsystem, das erlernt werden soll.” (Karbe, U. & Pieho, H. 2000:127)

Sagt ein spanischer Muttersprachler beispielsweise den englischen Satz: „I have 24 years old“*, liegt eine Interferenz vor, da er die Struktur des Spanischen ins Englische übernommen hat: „Yo tengo 24 años”. Diese ist jedoch im Englischen falsch, daher kann man diesen Versuch als Interferenz bezeichnen. Der Sprecher bildet mit diesem negativen Transfer eine Interimsprache.

Zu Interferenzen gehören auch die sogenannten „false friends”, zu denen es kommen kann, wenn die Sprachen ähnliche Wörter aufweisen. Das Wort „pie” in Spanisch zum Beispiel bedeutet Fuß, im Englischen jedoch bezeichnet es ein Dessert.[6]Ein Code-switch ist, wie bereits erwähnt, immer aus zwei oder mehreren Sprachen bestehend und grammatikalisch, je nach Sprachstand des Sprechers, korrekt von der L1 in die L2/ L3 oder umgekehrt eingefügt. Hierbei geht es nicht darum, dass Strukturen von einer Sprache in die andere Sprache übertragen werden, es ist vielmehr das Vermischen beider Sprachen, was das Code-switching kennzeichnet.

Um eine genauere Vorstellung von den verschiedenen Typen des Code-switchings zu bekommen, werden im folgenden Kapitel die unterschiedlichen Typen der Code-switches vorgestellt. Dazu werden passende Beispiele einiger Code-switches aus dem Roman „Caramelo” genannt.

3) Formale und funktionale Aspekte des Code-switchings in der Alltagssprache

Code-switches können verschiedene Formen haben und finden ihre Anwendung in den unterschiedlichsten Bereichen der Alltagssprache. In diesem Kapitel wird herausgearbeitet, wie die Code-switches formell gestaltet sind und welche Funktionen sie erfüllen. Bei der Erläuterung der formalen Aspekte wird sich an der Kategorisierung Shana Poplacks orientiert und passende Beispiele aus „Caramelo” angeführt. Anschließend folgt die Ausführung der funktionalen Aspekte in Punkt 3.2).

3.1) Formale Aspekte des Code-switchings in der Alltagssprache

Shana Poplack kategorisiert Code-switches in drei verschiedene Typen. Ihre allgemeine Definition des Code-switchings lautet:

„Code-switching is the alternation of two languages within a single discourse, sentence or constituent.” (Poplack 1980:583)

Da diese Definition nicht ausreicht, um die verschiedenen Typen des CS herauszuarbeiten und zu analysieren, ist es notwendig, in diesem Unterkapitel präzisere Definitionen der Arten des CS nach Shana Poplack zu nennen.

„Intersentential Code-switching“, auch als satzexternes Code-switching bekannt, bezeichnet den Wechsel von der Sprache A in die Sprache B zwischen zwei vollständigen Sätzen. In „Caramelo” gibt es viele intersententiale Code-switches. Ein passendes Beispiel aus dem Roman, dem 15. Kapitel entnommen, ist folgendes:

(1) - I can’t stand it anymore, I’m getting the hell out of here. I can’t even open the refrigerator and eat an apple if I feel like it. (1a) ¡Me voy a larger, me oyes![7]

[Hervorh. C.B.]

Es handelt sich um eine komplette Satzeinheit, die auf Spanisch angefügt wurde (1a). Die vorhergehenden Sätze sind Englisch, die Trennung zwischen dem Spanischen und dem Englischen ist bei diesem Beispiel der fiktiven Mündlichkeit klar abgegrenzt.

Im Gegensatz dazu gibt es das „intrasentential Code-switching“. Hierbei wird innerhalb einer Satzeinheit oder sogar eines Wortes die Sprache gewechselt. Diese Art des Code-switchings ist der am häufigsten verwendete Typ des Sprachwechsels im Roman. Bereits auf der ersten Seite des Romans findet man einen intrasententialen Sprachwechsel:

(2) - Here is Father squinting that same squint as I always

make when I’m photographed. He isn’t (2a) acabado

yet.[8][Hervorh. C.B.]

Es wird deutlich, dass der Sprachwechsel satzintern innerhalb der Phrasen vorkommen kann. Bei Beispiel 2) wird ein einzelnes spanisches Adjektiv in einen englischen Satz eingebettet. Beim intrasententialen CS werden einzelne anderssprachige Wörter (hier das Spanische) wie Verben, Nomen, Adverbien, Adjektive, Hilfsverben etc. in einen anderssprachigen Satz (hier das Englische) eingefügt. Diese Art des Code-switchings verlangt eine sehr hohe sprachliche Kompetenz des Sprechers, denn er kombiniert beim intrasententialen CS zwei grammatikalische Systeme miteinander:

„A more complex or ‚intimate’ type, since a code-switched segment, and those around it, must conform to the underlying syntactic rules of two languages which bridge constituents and link them together grammatically.” (Poplack 1980:585)

Poplack fügt noch eine dritte Art des Code-switchings hinzu, das „extrasentential Code-switching“ oder auch „emblematic Code-switching“ genannt. Der Wechsel von einer in die andere Sprache erfolgt dabei außerhalb der syntaktischen Struktur, meistens sind es Füllwörter wie z.B. „pues” oder „sabes” und Interjektionen wie ‚,¡Oye!” oder ,‚¡Ay!” , die an-oder eingefügt werden, um den Satz auf der jeweilig addierten Sprache zu markieren. Diese Switches sind an jeder Position im Satz zu finden und können ohne fundierte grammatikalische Kenntnisse eingefügt werden. In den meisten Fällen findet man sie am Anfang der Phrase wieder, wie in dem folgenden Beispiel aus „Caramelo”:

(3) - ¡Ay, ay, ay, ay, ay! There it is![9][Hervorh.C.B.]

Diese Wechsel von einer in die andere Sprache finden nicht grundlos statt, es gibt für einige Code-switches nachvollziehbare Motive. Nachdem sich mit den formellen Aspekten des Code-switchings beschäftigt und die verschiedenen Typen und Formen vorgestellt wurden, werden im nächsten Kapitel die Funktionen des Sprachwechsels mit passenden Beispielen aus „Caramelo“ vorgestellt.

3.2) Funktionale Aspekte des Code-switchings in der Alltassprache

Es gibt etliche Gründe für den Sprachwechsel, der von bilingualen Sprechern untereinander vollzogen wird. Die Motive können kommunikativen, sozialen oder kulturellen Ursprungs sein. In diesem Kapitel werden die Motive und dazu passende Zitate aus François Grosjeans[10] „Life with two languages: An Introduction to Bilingualism”‚ genannt. Ergänzend dazu werden eindeutige Beispiele aus dem Roman „Caramelo” verwendet. Es wird sich ebenso auf Arbeiten des Linguisten John Gumperz und der Professorin Aneta Pavlenko[11] bezogen.

Da sich die folgenden Kriterien nicht nur auf das Mündliche beziehen und auch Einfluss auf die Literatur haben, insbesondere wenn es um die fiktive Mündlichkeit geht, werden nun im Folgenden einige relevante Motive für das Code-switching genannt, die in der anschließenden Analyse des Romans „Caramelo” wiederzufinden sind. Sie werden beim Verständnis der ,,Kontextualisierung” helfen. Dieses Thema wird ebenso analyserelevant sein und findet im Kapitel 4) dieser Arbeit Platz für Erklärungen.

3.2.1) Ausdrucksschwierigkeiten des Sprechers

Ein Grund für die Kodewechsel kann zum einen das sprachliche Unvermögen des Sprechers sein. Ein spanischer Muttersprachler, dessen Englischniveau mittelmäßig ist, wird bei Gelegenheit spanische Wörter in seine Äußerungen einfügen, weil er die englische Sprache noch nicht so gut beherrscht wie seine Muttersprache. Nach den Angaben Heredias und Altarribas kennen jedoch viele Code-Switcher das richtige Wort auf der Zweitsprache, verwenden es aber aus zeitökonomischen Gründen oft nicht (vgl. Heredia, R.R. & Altarriba, J. 2001, S. 164-168). Code-switching kann man nicht immer auf die sprachliche Inkompetenz zurückzuführen. Es kann vorkommen, wenn der Sprecher müde ist und ein Code-switch der einfachste Weg ist, sich ohne große Anstrengungen mitzuteilen. Grosjean listete nach Befragungen bilingualer Sprecher einige Zitate in seinem Buch auf, welche die Sprecher für ihre Sprachwechsel nannten. Ein französisch-englischer Sprecher gab folgendes Motiv an:

„I tend to use both languages when I feel tired or lazy as an ‚easy way out’ when I can not find a word in the language I am speaking.” (Grosjean 1982:150)

In dem Roman „Caramelo” trifft man gleich zu Beginn auf einen Code-switch, der angewandt wird, weil die sprachliche Kompetenz Celayas nicht ausreicht. Sie kann nicht das ausdrücken, was sie möchte. Weder auf Englisch noch auf Spanisch:

(1a) - I scramble downstairs to tell everyone, only I don’t have the words for what I want to say.Not in English. Not in Spanish.[12]

In diesem Kapitel geht es darum, dass Lala sieht, wie sich im oberen Stock die Zimmerdecke ablöst. Sie versucht, ihrer Familie mitzuteilen, was im oberen Stockwerk geschehen ist. Lala verwendet jedoch ein falsches Wort für die ,,Decke , wodurch Missverständnisse aufkommen.

[...]


[1] Eine ausführliche Zusammenfassung ist zu finden unter:

http://www.bookreporter.com/reviews/caramelo.

[2] Uriel Weinreich lebte von 1927 bis 1967 und war ein polnisch-amerikanischer Linguist und Professor, der sich mit der Sprachkontaktforschung beschäftigte. Weitere Informationen zu seiner Person und seinen Werken unter: http://www.akadem.org/medias/documents/2_linguistique-weinreich-bio.pdf.

[3] Jan-Petter Blom ist norwegischer Professor der Sozialanthropologie an der „Universitetet i Bergen“.

[4] John J. Gumperz ist ein deutscher Linguist und war Professor an der „University of Berkeley“ in Kalifornien. Er gilt als Begründer der Ethnografie der Kommunikation und hatte großen Einfluss auf die Soziolinguistik. Einen ausführlichen Überblick über sein Leben und seine Werke findet man folgender Seite: http://www.lib.berkeley.edu/ANTH/emeritus/gumperz/gumpa.pdf.

[5] Shana Poplack ist Linguistin und Professorin an der ‘University of Ottawa’. Sie ist Autorin vieler Bücher und Publikationen über Sprachkontaktphänomene. Weitere Informationen über ihre Biografie und Arbeit sind auf ihrer Homepage zu finden: http://www.sociolinguistics.uottawa.ca/shanapoplack/.

[6] vgl. Altarriba, J. & Basnight-Brown, Dana M. : Empirical approaches to the study ofcode-switching in sentential contexts. New York: Benjamins, S.15.

[7] Caramelo, Part 1, Chapter 15: Cinderella, S.66.

[8] Caramelo, Part 1, Chapter 1: Recuerdo de Acapulco, S.3.

[9] Caramelo, Part 1, Chapter 7: La Capirucha , S.25.

[10] François Grosjean ist ein französischer Psycholinguist, Professor und Autor vieler Werke zum Thema „Bilingualismus“. Weitere Angaben zu seiner Biografie und seinen Werken :

http://www.francoisgrosjean.ch/biography_en.html.

[11] Aneta Pavlenko ist Professorin an der „Temple University” in Philadelphia, ihr Spezialgebiet sind Mehrsprachigkeit, Sprache und Identität. Weitere Informationen zu Pavlenko: http://astro.temple.edu/~apavlenk/.

[12] Caramelo, Part 1, Chapter 13: Niños y borrachos, S.60.

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Code-Switching in der Literatur
Untertitel
Am Beispiel des Romans "Caramelo" von Sandra Cisneros (2002)
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Autor
Jahr
2013
Seiten
49
Katalognummer
V264870
ISBN (eBook)
9783656542346
ISBN (Buch)
9783656544579
Dateigröße
737 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
code-switching, literatur, beispiel, romans, caramelo, sandra, cisneros
Arbeit zitieren
Carina Becker (Autor), 2013, Code-Switching in der Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264870

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