In seinem Buch „Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie“ von 1911 stellt Robert Michels die These auf, dass in jeder menschlichen Zweckorganisation wesentliche oligarchische Züge vorhanden sind. Im Speziellen geht er auf Parteien (vgl. dazu auch den Einleitungssatz) ein und kommt zu dem Ergebnis, dass sich keine Partei dieser Struktur entziehen kann.
Diese Hausarbeit soll den Gedankengang Robert Michels’ nachzeichnen und überprüfen, ob seine Feststellungen in der Realität zutreffen.
Im ersten Teil wird kurz auf die allgemeine Entstehung des Begriffs Oligarchie im Sinne von Aristoteles eingegangen. Darauf folgt, wie Michels über seine Definition zur These vom „Ehernen Gesetz der Oligarchie“ kommt.
Im Hauptteil werden die Strukturen der österreichischen Volkspartei untersucht und im Hinblick auf Michels’ Theorie analysiert. Die ÖVP habe ich aus zwei Gründen gewählt:
Einerseits weil sie konservativ ist. Michels analysierte sozialdemokratische Parteien. Ich wollte keine Kopie seiner Erforschung anfertigen sonder aus eigenem Interesse eventuelle Parallelen zu konservativeren Parteien herstellen.
Des Weiteren wollte ich eine Partei aus einem Land der Europäischen Union mit ähnlichem Partei- und Regierungssystem wie in Deutschland betrachten, um auf der einen Seite leichter Vergleiche mit der BRD herstellen zu können und auf der anderen Seite auf die gute Datenlage bezüglich der EU zugreifen zu können.
Der Schluss fasst diese Betrachtungen zusammen und beantwortet die Frage, ob Oligarchie in Parteien moderner Demokratien nicht zu vermeiden ist.
Die wesentliche Literatur, die dieser Hausarbeit zu Grunde liegt, ist das Hauptwerk von Michels für den allgemeinen Teil, sowie die Untersuchung „Parteien unter Stress – Studien zur Politik und Verwaltung“ von Fritz Plasser für den Hauptteil. In seinem Buch fasst er unter anderem die Umfrageergebnisse von Dr. Fessel in Zusammenarbeit mit dem Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut der Konrad-Adenauer-Stiftung bzw. der Gesellschaft für Konsumforschung zusammen. Da diese Umfragen nicht direkt zugänglich waren wurde Plassers Darstellung als Quelle angegeben. Zusätzlich diente die Promotion „Die politischen Parteien im Verfassungssystem Österreichs“ von Hans-Wolfram Wilde als Ergänzung für den Hauptteil. Beide Bücher sind nicht aktuell, allerdings reichen ihr Aussagen und Daten zur Bearbeitung von Michels’ allgemeiner These aus. Detaillierte Informationen zur ÖVP wurden ihrer Homepage entnommen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Oligarchie nach Aristoteles
3 Oligarchie nach Michels
4 Oligarchie am Beispiel der Österreichischen Volkspartei ÖVP
5 Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Anwendbarkeit von Robert Michels’ „Ehernem Gesetz der Oligarchie“ auf moderne Parteiorganisationen, speziell am Beispiel der Österreichischen Volkspartei (ÖVP), um zu prüfen, ob oligarchische Strukturen in Parteien unvermeidbar sind.
- Theoretische Herleitung der Oligarchie-Definition nach Aristoteles.
- Analyse der drei Säulen von Michels: Notwendigkeit der Organisation, Individualpsychologie und Massenpsychologie.
- Untersuchung der strukturellen Entwicklung und Machtkonzentration innerhalb der ÖVP.
- Zusammenhang zwischen oligarchischen Parteistrukturen und politischem Desinteresse der Wählerschaft.
- Diskussion über Transparenz als Gegenmittel gegen oligarchische Tendenzen.
Auszug aus dem Buch
Massenpsychologie:
Michels hält die breite Masse für inkompetent. Sie fühlt sich traditionell an ihre Führer gebunden, teilweise durch ein stark ausgeprägtes Dankbarkeitsgefühl (MICHELS 1989, 368 und 55ff). Der Autor ist ebenfalls überzeugt davon, dass nur ein geringer Anteil der Bevölkerung am Gemeinwohl interessiert ist (MICHELS 1989, 46). Das spricht eindeutig für ein eher negatives Menschenbild. Dieses Desinteresse und die Uninformiertheit führen dazu, dass die Masse den ihr auferlegten Regeln und Aufgaben folgen wird. Dies gilt auch für Parteien (MICHELS 1989, 47). „Die Mehrzahl der Organisierten bringt der Organisation dieselbe Gleichgültigkeit entgegen wie die Mehrheit der Wählerschaft dem Parlament.“ (MICHELS 1989, 48) Ebenso unterstellt Michels der Masse, dass sie ein ausgeprägtes Verehrungsbedürfnis besitzt, das sich häufig in Symbolen wieder spiegelt (MICHELS 1989, 59ff). Aus all dem schließt der Autor, dass die Masse das Bedürfnis hat, geführt zu werden. Dies nimmt sie nicht nur hin, sie unterstützt es sogar (MICHELS 1989, 368 und 63ff).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage, ob Robert Michels’ Thesen über oligarchische Strukturen in Organisationen auf die heutige Zeit und die ÖVP übertragbar sind.
2 Oligarchie nach Aristoteles: Definition der Oligarchie als entartete Staatsform, in der eine kleine Gruppe zum eigenen Vorteil statt zum Gemeinwohl herrscht.
3 Oligarchie nach Michels: Erläuterung des „Ehernen Gesetzes der Oligarchie“ basierend auf der Notwendigkeit von Organisation sowie individual- und massenpsychologischen Faktoren.
4 Oligarchie am Beispiel der Österreichischen Volkspartei ÖVP: Anwendung der drei aufgestellten Thesen auf die ÖVP, um Korrelationen zwischen Parteiidentifikation, Wählerverhalten und Machtstrukturen zu analysieren.
5 Schluss: Fazit, dass oligarchische Tendenzen in Parteien zwar sehr häufig auftreten, jedoch durch Transparenz und Partizipation theoretisch vermeidbar wären, sofern ein politischer Wille zur Änderung besteht.
Schlüsselwörter
Oligarchie, Robert Michels, Ehernes Gesetz, Politische Parteien, Österreichische Volkspartei, ÖVP, Massenpsychologie, Individualpsychologie, Parteiensoziologie, Politische Partizipation, Aristoteles, Machtkonzentration, Parteiorganisation, Demokratie, Wahlbeteiligung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die theoretischen Grundlagen der oligarchischen Strukturen in Parteiorganisationen und überprüft diese anhand eines konkreten Fallbeispiels der österreichischen Politik.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind das „Eherne Gesetz der Oligarchie“ von Robert Michels, das Verhalten von Wählergruppen und die Machtstrukturen in konservativen Parteien.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist zu untersuchen, ob Michels’ Beobachtungen aus dem Jahr 1911 in der modernen Realität der ÖVP noch Bestand haben und ob Oligarchie in Parteien strukturell unvermeidbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine Kombination aus der theoretischen Auseinandersetzung mit der klassischen Soziologie und einer empirisch orientierten Analyse von Daten zur Wahlbeteiligung und Parteistruktur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in die Begriffe der Oligarchie sowie eine praktische Analyse der ÖVP mittels dreier spezifischer Thesen zu Wählerverhalten und Führungsstrukturen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Oligarchie, Parteiensoziologie, Machtkonzentration und Wähleridentifikation bestimmt.
Warum wurde die ÖVP als Fallbeispiel für die Untersuchung gewählt?
Der Autor wählte die ÖVP, da sie als konservative Partei einen Kontrast zu den von Michels ursprünglich untersuchten sozialdemokratischen Parteien darstellt und eine gute Datenlage für das gewählte Untersuchungsgebiet bietet.
Welche Rolle spielt das politische Desinteresse in der Analyse?
Politisches Desinteresse wird als ein Symptom der Distanz zwischen der oligarchisch organisierten Parteiführung und der Wählerbasis interpretiert, was die Demokratie schwächt.
- Quote paper
- Dr. Michael Knoll (Author), 2004, Ehernes Gesetz der Oligarchie am Beispiel der ÖVP, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264901