Die aspektuale Extension imperfektiver Verben in Aussagen des Typs "Czytałem tę książkę"


Seminararbeit, 1998

20 Seiten


Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Primäre und sekundäre Symmetrica

3. Erstellung des Fragebogens

4. Auswertung des Fragebogens
4.1. Die primären Symmetrica
4.1.1. Simplicia
4.1.2. Aspektbildung
4.1.3. Suppletive Transposition
4.2. Die sekundären Symmetrica
4.2.1. Unipräfixale Transposition
4.2.2. Partielle Transposition
4.3. Primäre und sekundäre Symmetrica im Vergleich
4.4. Zur multipräfixalen Transposition
4.5. Zur pleonastischen Transposition

5. Zusammenfassung

Verwendete Literatur

1. Einleitung

Der Begriff der aoristischen Extension stammt von J. A. Czochralski [1] Er bezeichnet eine funktionelle Ausdehnung von imperfektiven Präteritrorialformen, die in gewissen Kontexten eine Funktion des perfektiven Präteritums übernehmen können:

Es ist der Fall , wo ein Moment in der Vergangenheit als eine Tatsache hingestellt wird. In dieser an sich perfektiven Anwendung erscheint das Imperf. Prät. bei aspektualer Extension. Zwei Fälle können unterschieden werden:

a) Einzelereignis speziellen Typs, wo festgestellt wird, daß der angegebene Vorgang tatsächlich stattgefunden hat,
b) Angabe des Urhebers, wo es nicht um die im Verb dargestellte Tätigkeit geht, sondern um den Urheber einer Tätigkeit, die zur Entstehung eines Gegenstandes geführt hat. Beispiele:

zu a) Czytales tç ksi^zkç? Widziales siç z nim? Rozmawiales z ni^ wczoraj? Pisalismy do niego. Sluchales dziennika? Nic o tym nie slyszalem.

zu b) Kto malowal ten obraz? Kto režyserowal tç sztukç? Kto rzezbil tç statuç? To ubranie szyl mi krawiec na zamówienie.

Es ist offensichtlich, daß die aoristische und die präresultative Bedeutung Gegensätzliches ausdrücken und als solche miteinander unvereinbar sein sollten. Und dennoch werden siç durch ein und dieselbe Formkategorie wiedergegeben, nämlich durch das imperfektive Präteritum. [2]

Czochralski beschreibt die Aspektkategorie im Polnischen polyfunktional. Eine funktionale Charakterisierung dieser Kategorie stellt er folgendermaßen dar[3]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die aoristische Extension erweitert den Funktionsbereich des imperfektiven Präteritums um die aoristische (momentan-semelfaktive) Bedeutung, die normalerweise dem perfektiven Präteritum vorbehalten ist. Czochralskis Beispiel Pisalismy do niego kann also eine momentane, einmalige Handlung bezeichnen, die sich der Bedeutung von Napisalismy do niego nähert. Neben der aoristischen Bedeutung, der Bezeichnung des Ereignishaften, wird jedoch auch die resultative Bedeutung in den Umfang der aoristischen Extension miteinbezogen. Pisalismy do niego kann also ebenfalls eine abgeschlossene Handlung in der Vergangenheit bezeichnen. Wie Czochralski betont, enthält die aoristische Extension also das gesamte perfektive Strukturbündel [4]. Eine solche Aussage können wir leicht überprüfen, indem wir Formen des imperfektiven Präteritums in einen eindeutig momentanen, semelfaktiven bzw. resultativen Kontext setzen.

Momentaneität : Padalo, kiedy mupisalem ten list.

Wojna jeszcze trwala, kiedy czolgiprzekraczaly granice.

Semelfaktivität : Pisalem do niego tylko raz.

Resultativität :Pisalismy do niego ijuž od dwuch tygodni czekamy na odpowiedz Tojest list, który pisalem wczorai[5]

Wie deutlich wird, sind Formen des imperfektiven Präteritums in der Lage sämtliche Funktionen des perfektiven Präteritums auszufüllen.

Jedoch fallt auf, daß nicht alle imperfektiven Verben zu einer solchen aoristischen Extension fähig sind: Verben wie dusic oder zabijac können nicht in der Bedeutung ihrer perfektiven Aspektpartner udusic bzw. zabic gebraucht werden, wie wir anhand folgender Beispiele überprüfen können:

Dusilem swojego sqsiada.

Zabijalem swojego sqsiada.

Die erste Aussage konnotiert eindeutig eine Präresultativität (gegenüber Udusilem swojego sqsiada), die zweite Aussage erscheint geradezu als fehlerhaft (gegenüber Zabilem swojego sqsiada).

Eben diese Einschränkung der aoristischen Extension beschäftigt uns in dieser Arbeit. Unsere Frage lautet: Innerhalb welcher Aspektpaare ist eine aoristische Extension der imperfektiven Form möglich, welche Beziehungen zwischen Aspektpaaren wirken der aoristischen Extension entgegen?

Einer möglichen Antwort auf diese Frage in Verbindung mit Czochralskis Charakterisierung der Aspektkategorie widmet sich das folgende Kapitel.

2. Primäre und sekundäre Symmetrica

Entgegen der Meinung z.B. Cockiewiczs[6] hält Czochralski die Präfigierung nicht für ein Mittel zur Aspektbildung. Innerhalb reiner Aspektpaare (d.h. Paare in denen die Opposition zwischen perfektivem und imperfektivem Verb nur auf deren unterschiedlichem Aspekt beruht) unterscheiden sich die perfektive und die imperfektive Form lediglich durch einen Morphemwechsel des Typs da-k-c / da-wa-c oder oslep-i-c / oslep-ia-c. Solche Aspektpaare nennt Czochralski primäre Symmetrica.

Zu den primären Symmetrica zählt Czochralski Simplicia wie dac / dawac, rzucic / rzucac und durch Aspektbildung entstandene Paare wie oslepic / oslepiac. Synchron betrachtet sind nach Czochralski auch suppletive Aspektpaare wie brac / wziqc oder klase /položyc primäre Symmetrica, da die semantische Opposition zwischen ihnen sich auf aspektualer Ebene erklären läßt.

Neben diesen symmetrischen Verben gibt es in der polnischen Sprache asymmetrische Verben wie pisac und czytac die keinen perfektiven Aspektpartner aufweisen. Diese können jedoch zusammen mit anderen asymetrischen Verben aus dem aktionalen Subsystem sekundäre Symmetrica bilden, z.B. +napisac / pisac und +przeczytac / czytac. Aufgrund dieser Transposition besteht jedoch innerhalb solcher sekundärer Aspektpaare neben der aspektualen Opposition immer auch eine zusätzliche aktionale Modifizierung. Eben diese aktionale Modifizierung unterscheidet nach Czochralski die primären und sekundären Symmetrica.[7]

Die Extension der imperfektiven Form ist nach Czochralski ein weiteres Mittel neben der Aspektbildung und der eben beschriebenen aspektualen Transposition, die perfektive Leerstelle bei asymetrischen, imperfektiven Verben auszufüllen.

Czochralski behauptet nun, daß die aoristische Extension besonders oft innerhalb sekundärer Symmetrica einsetzt:

Ein wichtiger Grund liegt wohl darin, daß die aspektuale Transposition kein adäquates Mittel ist, die unbesetzte perfektive Stelle beim imperfektiven Asymmetricum vom Typ pisac, mielic, parzyc, jesc auszufüllen. Die resultativen und resultativähnlichen durch Transposition ans Imperfektivum hinübergezogenen Aktionsverben napisac, zmielic, zaparzyc, zjesc sind doch keine genauen perfektiven Partner für die genannten imperfektiven Aspektverben . Bei den symmetrischen Verbpaaren ist die Extension ein fakultatives redundantes Mittel, die Leerstellen auszufüllen.[8]

Demnach begünstigt der semantische Unterschied (die aktionale Modifizierung), der zwischen sekundären Symmetrica besteht, den Prozeß der aoristischen Extension. Innerhalb der von Czochralski beobachteten Ausfüllungsprozesse (der Aspektbildung, der Transposition und der Extension) ist die Extension somit bevorzugt ein Mittel, die Transposition und die damit verbundene Bedeutungsänderung zu umgehen.

3. Erstellung des Fragebogens

Wir werden versuchen, Czochralskis Behauptung zu überprüfen. Zu diesem Zweck konstruieren wir Aussagen, die imperfektive Verben in aoristischer Bedeutung verwenden und stellen diese ihren (primären bzw. sekundären) Aspektpartnern gegenüber. Somit ergibt sich eine Auswahl zwischen den Ausfüllungsprozessen:

a) Aspektbildung vs. Extension (primäre Symmetrica) z.B. Zmieniias (zmieniaias) dzisiaj firanki?
b) Aspektuelle Transposition vs. Extension (sekundäre Symmetrica) z.B. Przeczytaias (czytaias) tç ksiqzkç?

Im folgenden untersuchen wir die Reaktion von polnischen Muttersprachlern auf die von uns gebildeten Aussagen. In dem von uns erstellten Fragebogen befinden sich 90 solcher Aussagen, die die Prädikatstelle mit einem primären bzw. sekundären Symmetricum besetzen. Ihre Verteilung wollen wir zusammen mit einer tabellarischen Auflistung der von Czochralski beobachteten Ausfüllungsprozesse darstellen[9]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten [10] [11]: 7 primäre Symmetrica[12] [13]

^ 35 primäre Symmetrica

27 durch unipräfixale Transposition gebildete Symmetrica 7 durch partielle Transposition gebildete Symmetrica ^ 34 sekundäre Symmetrica

Gesondert untersuchen wollen wir die multipräfixale sowie die pleonastische Transposition

[14]

Bei der Bewertung der Akzeptanz der gebildeten Formen (Spalte 1 des Fragebogens) durch die polnischen Muttersprachler stellen sich folgende Fragen:

1. In welchen Fällen werden die durch die aoristische Extension gebildeten Formen von den Sprechern als falsch, in welchen Fällen als richtig empfunden? (Spalte 2 des Fragebogens)
2. In welchen Fällen werden die imperfektiven Formen als aoristische Extension wahrgenommen, d.h. in welchen Fällen besteht eine Synonymität zwischen imperfektiver und perfektiver Form? (Spalte 3 des Fragebogens)
3. In welchen Fällen werden die durch die aoristische Extension gebildeten Formen von den Sprechern gegenüber den perfektiven Formen bevorzugt, in welchen Fällen als gleichberechtigt empfunden? (Spalte 4 des Fragebogens)

4. Auswertung des Fragebogens

Den erstellten Fragebogen bewerteten 13 Doktoranten und Studenten der Abteilung für Skandinavistik der UAM Poznaň.

Die Ergebnisse sind im folgenden tabellarisch wiedergegeben:

Die erste Spalte enthält die im Fragebogen verwendeten Verbpaare in der Notierung Czochralskis[15]. Die Ziffer in Klammern verweist auf die Numerierung innerhalb des Fragebogens.

Die möglichen Ergebnisse können wir folgendermaßen darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Ereignisse #3 und #4 werden nicht tabellarisch erfaßt, da ihre Häufigkeit aus den jeweiligen Gegenereignissen hervorgeht.

Die Prozentwerte beziehen sichjeweils auf die Gesamtzahl der Antworten.

4.1. Die primären Symmetrica

4.1.1. Simplicia

Wir werten die Simplicia auf -nq.c zunächst getrennt aus. Nach Czochralski unterscheiden sie sichjedoch, funktional betrachtet, nicht wesentlich von den Simplicia des Typs dac / dawac.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine getrennte Betrachtung der perfektive Simplicia auf -nqé scheint tatsächlich überflüssig zu sein[16], die Ergebnisse weichen nur geringfügig voneinander ab. Im folgenden werden wir sämtliche 14 untersuchten Simplicia gemeinsam betrachten:

4.1.2. Aspektbildung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Czochralski, J.A: Verbalaspekt und Tempussystem im Deutschen und Polnischen. Eine konfrontative Darstellung. Warszawa 1975

[2] ibd. S. 181

[3] ibd. S. 28

[4] vgl. ibd. S. 182

[5] Die resultative Bedeutung, die das imperfektive Präteritum aufgrund der aoristischen Extension annehmen kann, wird besonders deutlich in den von Czochralski angeführten Beispielen des Typs Kto malowal ten obraz. Hier verweisen bereits die deiktischen Bezugnahmen ten obraz, te sztuke etc. deutlich auf ein Resultat der Handlung.

[6] vgl. Cockiewicz, W., Matlak,A.: Strukturalny slownik aspektowy czasowników polskich. Krakow 1995

[7] vgl. Czochralski: op.cit. Kapitel 3. Aspektuale Symmetrie und Asymmetrie. S. 30-33

[8] ibd. S. 48

[9] vgl. ibd. S. 38-49

[10] Nach Czochralski sind die imperfektiven Simplicien auf -n^c prinzipiell der aoristischen Extension unfähig (vgl. ibd. S. 54). Perfektive Verben auf -n^c mit imperfektiven Aspektpartnern verhalten sich seiner Meinung ähnlich wie andere Simplicia auch. (vgl. ibd. S. 62 f.)

[11] Eine weitere Unterteilung der unipräfixalen Transposition aufgrund der Art der Präfigierung übersteigt den Rahmen dieser Arbeit. Innerhalb der 27 sekundären Symmetrica istjedes der von Czochralski aufgelisteten Präfixe (vgl. ibd. S. 40) mit drei Beispielen vertreten.

[12] Die durch suppletive Transposition gebildeten Symmetrica sind nach Czochralski primär. Ihnen fehlt die den sekundären Symmetrica eigene aktionale Modifizierung. (vgl. ibd. S. 41)

[13] Eine solche Beobachtung unterstützte zudies die Behauptung Czochralskis, Präfigierung sei im Gegensatz zum Morphemwechsel kein (reines) Mittel zur Aspektbildung .

[14] Zur multipräfixalen Transposition: Hier müßte die aoristische Extension der imperfektiven Verbform die Bedeutung mehrerer perfektiver Aspektpartner annehmen. Zur pleonastischen Transposition: Hier scheinen eben aufgrund des pleonastischen Charakters der Transposition nicht alle Verbformen gleichermaßen anerkannt zu sein. Aufgrund dieser speziellen Eigenschaften werden die so gebildeten Symmetrica beim Vergleich zwischen primären und sekundären Symmetrica nicht berücksichtigt.

[15] Der einfache Schrägstrich trennt primäre Symmetrica, der doppelte Schrägstrich sekundäre Symmetrica, das Additionszeichen kennzeichnet die transponierten Verbformen innerhalb sekundärer Symmetrica (die Suppletiva notiert Czochralski wie sekundäre Symmetrica, d.h. diachronisch. Synchron betrachtet sind hält sie Czochralski jedoch - wie bereits erwähnt - primäre Symmetrica.

[16] vgl. ibd. S. 62 f.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die aspektuale Extension imperfektiver Verben in Aussagen des Typs "Czytałem tę książkę"
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Autor
Jahr
1998
Seiten
20
Katalognummer
V265070
ISBN (eBook)
9783656545347
ISBN (Buch)
9783656545620
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
extension, verben, aussagen, typs, czytałem
Arbeit zitieren
Heinz Rosenau (Autor), 1998, Die aspektuale Extension imperfektiver Verben in Aussagen des Typs "Czytałem tę książkę", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265070

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