Mit dieser Hausarbeit möchte ich zunächst die wesentlichen Faktoren darstellen, die zu den
Massenauswanderungen nach Brasilien im 19. Jahrhundert geführt haben. Denn nicht nur die
Entwicklung in Deutschland, sondern auch die wirtschaftliche Modernisierung in Brasilien
spielte eine entscheidende Rolle für die Auswanderungswellen. Die Arbeit soll einen
Überblick über die verschiedenen Aspekte der deutschen Auswanderung nach Brasilien, die
geschichtlichen Fakten, Faktoren, die zur Entstehung des Riograndenser Hunsrückisch führten
und Sprachkontaktphänomene,u.a. geben. Der geschichtliche Aspekt ist hierbei sehr wichtig
in Bezug auf den Sprachkontakt zwischen deutschen Einwanderern und portugiesischen
Bewohnern, denn wichtige Ereignisse im 20. Jahrhundert (u.a. die Weltkriege,
Industrialisierung) wirkten sich entscheidend auf den Sprachkontakt aus. Dies möchte ich
dann unter dem Aspekt der Soziolinguistik betrachten. Ich werde das in mehrere Abschnitte
unterteilen und auf die anfängliche Isolierung, danach auf das Verbot der deutschen Sprache
in Folge des Weltkriegs und die folgende Akkulturation eingehen. Hierzu habe ich mir die
Frage gestellt, ob das Verbot der deutschen Sprache wirklich so entscheidend war für den
deutsch-portugiesischen Sprachkontakt und ob die Einwanderer danach entscheidend beim
Lernen der portugiesischen Sprache gefördert wurden, oder ob es noch andere zu betrachtende
Aspekte gibt. Meine Erwartung diesbezüglich ist, dass zwar eine gewisse Änderung
eingetreten ist, die Nationalisierungsgesetze aber nicht alleine für die Entstehung von
Sprachmischung und Sprachkontakt verantwortlich sind. Ich denke, dass vor allem die neuen
Medien diesen Sprachkontakt entscheidend förderten.
Interessant ist es hierbei auch den Sprachgebrauch in der Öffentlichkeit und in der Familie
gegenüberstellend zu betrachten, was ich in Kapitel 4 näher erläutern möchte.
Des Weiteren möchte ich den deutsch-portugiesischen Sprachkontakt besonders am Beispiel
des Riograndenser Hunsrückisch darstellen, wobei ich mich unter anderem auf die Literatur
von ‚Cleo Vilson Altenhofen: Hunsrükisch in Rio Grande do Sul’ beziehe, da dieser den
Begriff „Riograndenser Hunsrückisch“ erstmals einführte. Der Sprachkontakt lässt sich sehr
gut an verschiedenen Sprachkontaktphänomenen aus den Bereichen Morphologie, Syntax und
Phonologie festlegen und durch sprachliche Beispiele verdeutlichen. [...]
Inhaltsverzeichnis
1.) Einleitung
2.) Historischer Kontext/ Migrantengeschichte
2.1. Situation in Deutschland
2.2. Situation in Brasilien
2.3. Verlauf der Einwanderungen nach Brasilien im 19. Jahrhundert
3.) Sprachkontakt/Soziolinguistik
3.1. Isolierung der deutschen Kolonien und ihre Folgen
3.2. Verbot der deutschen Sprache in die Folgen
3.3. Sprachliche Entwicklungen
4.) Sprachgebrauch und Sprachkompetenz der Deutschstämmigen
4.1. Sprachgebrauch in der Familie
4.2. Sprachgebrauch in der Öffentlichkeit
4.3. Sprachkompetenz
5.) Riograndenser Hunsrückisch
5.1. Beispiele für das Riograndenser Hunsrückisch
6.) Sprachkontaktphänomene und sprachliche Beispiele
6.1. Code-Switching
7.) Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die wesentlichen historischen und soziolinguistischen Faktoren, die zur Entstehung und Entwicklung des Riograndenser Hunsrückisch im Kontext der deutschen Einwanderung nach Brasilien im 19. Jahrhundert geführt haben, wobei insbesondere die Auswirkungen von Sprachkontakt, Isolierung und den Nationalisierungsgesetzen analysiert werden.
- Historische Faktoren der Massenauswanderung aus Deutschland nach Brasilien
- Die soziolinguistische Situation und Isolierung deutscher Kolonien
- Sprachgebrauch und Kompetenzniveaus in verschiedenen Generationen
- Eigenschaften des Riograndenser Hunsrückisch als Koiné
- Phänomene des Sprachkontakts und Code-Switching
Auszug aus dem Buch
3.1.) Isolierung der deutschen Kolonien und ihre Folgen
Die deutschen Einwanderer kamen nach Brasilien und wurden in isolierten Kolonien angesiedelt, um die unbebauten Waldgebiete landwirtschaftlich zu erschließen. Sie fanden also nicht die erwartete landwirtschaftliche Struktur vor, sondern mussten alles selber erbauen. Die brasilianische Regierung beabsichtigte dies speziell, da in Brasilien die kleinbäuerliche Landwirtschaft nicht existierte und die Einwanderer diesen Platz einnehmen sollten. Die Einwanderer wollten sich durch die Arbeit eine neue Existenz aufbauen und konnten sich mit den Gedanken der Regierung sehr gut anfreunden, da er ihren entsprach.
Dazu passt das Zitat des brasilianischen Anthropologen Egon Schaden(1954): „Sie waren sich ihrer Aufgabe wohl bewusst- sie wollten und sollten zunächst nichts anderes sein als Verkünder der „Religion der Arbeit“. […]Es bildeten sich geschlossene, völkisch meist einheitliche Kolonien, in denen Sprache, Sitte und sonstige Überlieferungen, sofern sie in der neuen Umwelt eine Funktion hatten, sich ohne weiteres erhalten konnten. Brasilianische Kulturelemente nahm man in dem Maße auf, in dem man sie kennenlernte und deren Vorzüge in den doch recht verschiedenen Verhältnissen der neuen Heimat einsah. […]“.
Somit wurde nun eben diese soziale Mittelschicht durch die deutschen Einwanderer geschaffen. Diese Isoliertheit (sprachlich als auch geographisch) und der fehlende Kontakt zu brasilianischen Einwohnern, sollte die schnelle Übernahme der lusobrasilianischen Denkweise verhindern, die schon für das damalige Scheitern einer sozialen Mittelschicht durch portugiesische Einwanderer verantwortlich war. Der Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung war aus verschiedenen Gründen sehr schwer, oder sogar unmöglich. Zum Einen wohnten kaum Brasilianer in den Gebieten, in denen die deutschen Kolonien angesiedelt wurden, zum Anderen war der Kontakt aufgrund der anderen Sprache und Kultur kaum möglich. Die Deutschen lebten somit in einer hybriden Identität.
Zusammenfassung der Kapitel
1.) Einleitung: Die Einleitung definiert den Untersuchungsgegenstand, stellt die Forschungsfragen bezüglich der Sprachkontaktphänomene und der Auswirkung der Nationalisierungsgesetze auf und skizziert den Aufbau der Arbeit.
2.) Historischer Kontext/ Migrantengeschichte: Dieses Kapitel erläutert die sozioökonomischen Push- und Pull-Faktoren der Auswanderung im 19. Jahrhundert sowie die Ansiedlungspolitik des brasilianischen Staates.
3.) Sprachkontakt/Soziolinguistik: Hier werden die Folgen der geographischen Isolierung, das Verbot der deutschen Sprache während der Nationalisierungsphase und die daraus resultierenden langfristigen sprachlichen Entwicklungen analysiert.
4.) Sprachgebrauch und Sprachkompetenz der Deutschstämmigen: Das Kapitel untersucht anhand von Studien den tatsächlichen Sprachgebrauch innerhalb der Familie und in der Öffentlichkeit sowie die Sprachkompetenz der verschiedenen Generationen.
5.) Riograndenser Hunsrückisch: Diese Sektion definiert das Riograndenser Hunsrückisch als Koiné und brasilianisiertes Deutsch, das durch den Ausgleich verschiedener Dialekte und den Einfluss des Portugiesischen entstanden ist.
6.) Sprachkontaktphänomene und sprachliche Beispiele: Es werden konkrete Beispiele für lexikalische Interferenzen und grammatikalische Strukturen aufgezeigt, wobei ein besonderer Fokus auf dem Phänomen des Code-Switching liegt.
7.) Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse, in der die Bedeutung der verschiedenen Faktoren für den Sprachwandel und die hybride Identität der deutschstämmigen Brasilianer zusammengefasst wird.
Schlüsselwörter
Riograndenser Hunsrückisch, Sprachkontakt, Deutschbrasilianer, Soziolinguistik, Migration, Brasilien, Nationalisierungsgesetze, Code-Switching, Koiné, Sprachwandel, Assimilierung, Sprachgebrauch, Sprachkompetenz, Deutsch, Portugiesisch
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die sprachliche Situation deutschstämmiger Migranten in Brasilien, insbesondere die Entstehung und Entwicklung des Riograndenser Hunsrückisch unter dem Einfluss des Kontakts zur portugiesischen Sprache.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Migrationsgeschichte, der soziolinguistischen Entwicklung der deutschen Kolonien, dem Einfluss staatlicher Sprachpolitik sowie der Analyse von Sprachkontaktphänomenen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Faktoren zu identifizieren, die zur Entstehung der spezifischen Sprachvarietät Hunsrückisch in Brasilien führten, und zu bewerten, wie stark das Verbot der deutschen Sprache den tatsächlichen Sprachgebrauch beeinflusst hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf der Auswertung relevanter Fachliteratur, soziolinguistischer Studien (z.B. von Ciro Damke und Cleo Vilson Altenhofen) und historischer Kontexte basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in historische Analysen der Einwanderung, die Untersuchung soziolinguistischer Isolationsfolgen, eine differenzierte Betrachtung von Sprachgebrauch in Familie und Öffentlichkeit sowie eine linguistische Analyse des Hunsrückischen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Riograndenser Hunsrückisch, Sprachkontakt, Deutschbrasilianer, Assimilierung, Code-Switching, Nationalisierungsgesetze und Sprachwandel.
Inwiefern hat das Verbot der deutschen Sprache ab 1938 die Sprachsituation verändert?
Das Verbot führte zwar zu einem starken Rückgang des Hochdeutschen und einer erzwungenen Hinwendung zum Portugiesischen in öffentlichen Belangen, förderte jedoch in manchen Gemeinden paradoxerweise den informellen Gebrauch des Dialekts als Identitätsmarker.
Was genau ist das Riograndenser Hunsrückisch laut der Arbeit?
Es wird als eine Koiné-Sprache beschrieben, die auf einer moselfränkischen Basis beruht, sich über etwa 170 Jahre durch Dialektausgleich entwickelte und durch starken Kontakt mit dem Portugiesischen brasilianisiert wurde.
Warum spielt Code-Switching in der Untersuchung eine so große Rolle?
Code-Switching dient als wichtiges Indiz für den aktiven Sprachkontakt und die zweisprachige Kompetenz (oder den unvollständigen Spracherwerb) der Sprecher, was besonders gut innerhalb von Sätzen nachweisbar ist.
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- Janine Drephal (Author), 2008, Migrantensprachen: Deutsch in Brasilien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265087