Teuflische Frauen, bärtige Zwerge, starke Riesen, weise und schöne Meerfrauen, unverwundbare, übermütige Helden und mythische Drachen: Sie alle haben ihren Platz im Nibelungenlied gefunden. Besondere Zuschreibungen brandmarken und kennzeichnen sie als ‚andersartige‘ Wesen. Andersartigkeit wird im Nibelungenlied zur Moralisierung und Wertung des höfischen und nicht höfischen Verhaltens verwandt. Mythische Wesen sowie aus Menschen und Tieren zusammengefügte Geschöpfe dienten dazu, Laster und Tugenden begreifbar und inhaltlich vorstellbar zu machen. In der höfischen Literatur kennzeichnen Fremdheitserfahrungen mit mythisch-animalischen Kreaturen diese als sozial untergeordnete Wesen.Die Andersartigen stellen keine homogene Gruppe dar. Sie setzen sich zusammen aus mythischen Wesen und solchen, die als ‚Mischwesen‘ aus einem menschlichen und einem nicht-menschlichen Teil bezeichnet werden können. Aber was macht die Andersartigkeit dieser Figuren aus? Die vorliegende Arbeit konzentriert sich bewusst auf das ‚Wie‘ und nicht auf das ‚Warum‘ der Zuordnung dieser Andersartigkeit. Zur Klärung des ‚Wie‘ ziehe ich Konzepte und Theorien der Intersektionalitätsforschung heran.Es handelt sich demnach um historische Intersektionalitätsforschung und um den Versuch, intersektionale Konzepte auf hochmittelalterliche Texte anzuwenden. Beabsichtigt ist im Hinblick auf die Frage der Andersartigkeit, die verschiedenen, sich überschneidenden Kategorien, die Andersartigkeit beschreiben, zu benennen. Beantwortet werden die Fragen: Anhand welcher Kategorien werden Brünhild, Kriemhild, Siegfried und die mythischen Wesen als andersartig hervorgehoben? Welche Behandlungsweisen erfahren andersartige Figuren? Die Menge der Ka- tegorien wird dabei ebenso beleuchtet wie ihre Gewichtung.Es wird aufgezeigt, dass als Mittel sowohl die Fokussierung auf manche Kategorien, als auch die Ein- und Ausblendung bestimmter Kategorien genutzt wird, um Andersartigkeit zu erzeugen. Die übliche Trias ‚race, class gender‘ wird überwunden und durch den übergreifenderen Begriff der Andersartigkeit ersetzt. Die Durchdringung erfolgt somit vom Allgemeinen hin zum Speziellen. Diese Vorgehensweise ergibt sich aus der Problematik, dass Kategorien verknüpft werden. Das vielfältige Thema Andersartigkeit impliziert von vornherein eine Vernetzung der be- teiligten Kategorien und erlaubt keine Einzelbetrachtung. Aus den einer Figur zugeschriebenen Kategorien entsteht das Bild ihrer Andersartigkeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Inhaltliche und methodische Überlegungen
2. Theorien der Intersektionalität
2.1. Intersektionalität – Ein Überblick
2.2. Das Mehr-Ebenen-Modell
2.3. Die Frage nach den Kategorien
2.4. Intersectional Invisibility
3. Definition und Historisierung der Kategorien
4. Fremdartigkeit vs. Andersartigkeit
5. Andersartigkeiten im Nibelungenlied
6. Der Fluch der Andersartigen – ein Fazit
7. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept der Andersartigkeit im Nibelungenlied unter Anwendung historischer Intersektionalitätsforschung, um zu analysieren, wie durch die Verknüpfung spezifischer Kategorien wie Klasse, Geschlecht, Spezies und Behinderung andersartige Figuren konstruiert, markiert und im höfischen Kontext bewertet werden.
- Anwendung intersektionaler Konzepte auf hochmittelalterliche Literatur
- Analyse der Konstruktion von Andersartigkeit bei menschlichen und mythischen Figuren
- Untersuchung der Kategorien Klasse, Geschlecht, Spezies, Sexualität, Behinderung und Alter
- Differenzierung zwischen Fremdartigkeit und Andersartigkeit im Nibelungenlied
- Rolle von Raum und Körper bei der Identitätsbildung und sozialen Ausgrenzung
Auszug aus dem Buch
Andersartigkeiten im Nibelungenlied
Teuflische Frauen, bärtige Zwerge, starke Riesen, weise und schöne Meerfrauen, unverwundbare, übermütige Helden und mythische Drachen: Sie alle haben ihren Platz im Nibelungenlied gefunden. Besondere Zuschreibungen brandmarken und kennzeichnen sie als ‚andersartige‘ Wesen. Andersartigkeit wird im Nibelungenlied zur Moralisierung und Wertung des höfischen und nicht höfischen Verhaltens verwandt. Mythische Wesen sowie aus Menschen und Tieren zusammengefügte Geschöpfe dienten dazu, Laster und Tugenden begreifbar und inhaltlich vorstellbar zu machen. In der höfischen Literatur kennzeichnen Fremdheitserfahrungen mit mythisch-animalischen Kreaturen diese als sozial untergeordnete Wesen. Die Kluft zwischen höfischer und mythischer Welt wird in den andersartigen Figuren im Nibelungenlied spürbar, wobei der höfischen Welt zweifellos ein höherer Stellenwert zugemessen wird.
Die Andersartigen stellen keine homogene Gruppe dar. Sie setzen sich zusammen aus mythischen Wesen und solchen, die als ‚Mischwesen‘ aus einem menschlichen und einem nicht-menschlichen Teil bezeichnet werden können. Aber was macht die Andersartigkeit dieser Figuren aus? Die vorliegende Arbeit konzentriert sich bewusst auf das ‚Wie‘ und nicht auf das ‚Warum‘ der Zuordnung dieser Andersartigkeit. Zur Klärung des ‚Wie‘ ziehe ich Konzepte und Theorien der Intersektionalitätsforschung heran. Das Modell von Nina Degele und Gabriele Winker wird dabei von maßgeblicher Bedeutung sein. Zur besseren Verständlichkeit der nachfolgenden Untersuchung folgt eine kurze Erläuterung des Intersektionalitätsansatzes. Die Einbettung der untersuchten Figuren in bestimmte vordefinierte Kategorien ist ein wichtiger Bestandteil der Intersektionalitätsforschung. Die Herausforderung dieser Arbeit liegt in der Historisierung der Kategorien und der Einordnung in den Kontext der höfischen Welt des 12. und 13. Jahrhunderts. Es handelt sich demnach um historische Intersektionalitätsforschung und um den Versuch, intersektionale Konzepte auf hochmittelalterliche Texte anzuwenden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Inhaltliche und methodische Überlegungen: Einführung in die Thematik der Andersartigkeit im Nibelungenlied und Darlegung der methodischen Vorgehensweise mithilfe intersektionaler Ansätze.
2. Theorien der Intersektionalität: Darstellung der theoretischen Grundlagen von Intersektionalität, inklusive des Mehr-Ebenen-Modells und der Bedeutung symbolischer Repräsentationen.
3. Definition und Historisierung der Kategorien: Definition der relevanten Kategorien (Klasse, Geschlecht, Sexualität, Behinderung, Alter, Spezies) im historischen Kontext des Hochmittelalters.
4. Fremdartigkeit vs. Andersartigkeit: Differenzierung zwischen den Begriffen Fremdheit und Andersartigkeit sowie Erläuterung, warum das Nibelungenlied primär Andersartigkeiten thematisiert.
5. Andersartigkeiten im Nibelungenlied: Analyse einzelner Figuren wie Siegfried, Brünhild, Kriemhild sowie mythischer Wesen hinsichtlich ihrer kategorialen Zuordnungen.
6. Der Fluch der Andersartigen – ein Fazit: Zusammenfassende Betrachtung, wie Andersartige als Bedrohung für die höfische Welt konstruiert und durch Tod oder Unterwerfung kontrolliert werden.
7. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur zur Forschungsarbeit.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, Intersektionalitätsforschung, Andersartigkeit, Klasse, Geschlecht, Spezies, Siegfried, Brünhild, Kriemhild, Mittelalter, Höfische Kultur, Machtverhältnisse, Intersectional Invisibility, Behinderung, Körperkonstruktion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Darstellung und Konstruktion von "andersartigen" Figuren im Nibelungenlied durch die Linse der historischen Intersektionalitätsforschung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Kategorien der Identitätsbildung wie Klasse, Geschlecht, Spezies und deren Verschränkung, die Andersartigkeit als moralisches oder soziales Stigma im Nibelungenlied konstituieren.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu analysieren, wie intersektionale Kategorien genutzt werden, um das "Wie" der Zuordnung von Andersartigkeit zu beschreiben und die Figuren als höfisch oder andersartig zu markieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine historische Intersektionalitätsforschung angewendet, die moderne Konzepte (z.B. nach Degele und Winker) auf literarische Texte des 12. und 13. Jahrhunderts überträgt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Figuren Siegfried, Brünhild und Kriemhild sowie mythische Wesen wie Zwerge und Wasserfrauen im Kontext ihrer kategorialen Zuordnungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind unter anderem Nibelungenlied, Intersektionalität, Andersartigkeit, Klasse, Geschlecht, Spezies sowie das Prinzip der Intersectional Invisibility.
Welche Rolle spielt der Begriff "übermuot" für die untersuchten Figuren?
"Übermuot" fungiert als textliches Stigma der Mischwesen und kennzeichnet ein unnatürliches, aggressives Verhalten, das im höfischen Kontext als bedrohlich wahrgenommen wird.
Warum wird Siegfried als "Mischwesen" klassifiziert?
Siegfried besitzt durch seine Verbindung zu mythischen Elementen (z.B. Drachenblut) unmenschliche, magische Kräfte, die ihn von der normativen höfischen Welt abheben und als "andersartig" markieren.
Wie unterscheidet sich die Andersartigkeit von Brünhild und Kriemhild?
Brünhilds Andersartigkeit ist primär durch körperliche Überstärke und die Verletzung von Geschlechternormen geprägt, während Kriemhild eine "mentale Wandlung" zur rachsüchtigen Teufelin durchläuft, die keine körperliche Komponente besitzt.
- Citation du texte
- Lara Schmidt (Auteur), 2012, Andersartigkeiten im Nibelungenlied. Von Helden, Amazonen, Teufelinnen und magischmythischen Wesen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265095