Entwicklung der Großbanken im Dritten Reich: Die Dresdner Bank

Bankenwirtschaft im Dritten Reich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

31 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erster Teil
2.1. Trägerin zweier Traditionen - Geschichtsskizzierung der Dresdner Bank
2.2. Struktur der Dresdner Bank
2.3. Personalpolitik: Vorstand & Aufsichtsrat
2.4. Personalpolitik: Jüdische Angestellte der Dresdner Bank
2.5. Geschäftstätigkeit im Inland
2.6. Geschäftstätigkeit im Ausland
2.7. Das Inlandsgeschäft als besonderer Beitrag zur Kriegsfinanzierung

3. Zweiter Teil
3.1. Motive - Handlungen - Optionen: Allgemeiner Wirtschaftsrahmen
3.2. Motive - Handlungen - Optionen: Revirement des Vorstands
3.3. Motive - Handlungen - Optionen: Entjudung
3.4. Motive - Handlungen - Optionen: Rüstungsfinanzierung

4. Dritter Teil
4.1. Resümee: Entwicklung
4.2. Resümee: Engagement und Motive
4.3. Fazit: Die Konstruktion des Schuldbegriffs

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nur wenige Forschungsgegenstände des Dritten Reichs sind derart intransparent und umstritten, wie die Wirtschaft unter nationalsozialistischer Diktatur. Mangelnde oder komplett fehlende Beweise, ungenaue Quellen sowie teils noch ungeöffnete Archive sind nur einige der intervenierenden Störfaktoren, die Wissenschaftlern den Weg zur eindeutigen Erkenntnis von der Beziehung zwischen Naziregime und Wirtschaft erschweren. Nichts desto trotz zeichnete sich über die letzten Jahre, gerade in diesem Segment ein enormer Zuwachs an Forschungsengagement ab, wobei jüngste Publikationen sich insbesondere die Verflechtungen von Einzelunternehmen in der Nazizeit zum Fokus gemacht haben.

Unstreitig ist, dass das Naziregime die Wirtschaft des Dritten Reichs, mit seinem leistungsfähigen wirtschaftlich-industriellen Potenzial, schier mühelos für ihre grausame Politik instrumentalisierte; sie war der Treibstoff Hitlers Aggressions- und Vernichtungsmaschinerie. Disputabel hingegen bleiben weiterhin die Definition der Wirtschaftsordnung des Dritten Reichs, der Umfang in dem die Wirtschaft vom Naziregime profitierte sowie die Regimenähe ausgewählter Unternehmen. Besonders letzteres haben sich Wissenschaftler zum Untersuchungsschwerpunkt gemacht; nicht allein aus dem Grunde, dass Wirtschaft ohne unternehmerisches Handeln undenkbar ist, sondern weil führende Unternehmen aus der Nazizeit heute aufs Neue zu den Top Global Playern gehören. Das Beispiel par excellence ist die Dresdner Bank.

Vorliegende Arbeit widmet sich dieser Problematik im Bezug auf die geschichtliche Entwicklung der Dresdner Bank. Mit Berücksichtigung der Unternehmensentwicklung unter nationalsozialistischer Diktatur wird die Rolle der Großbank im Zuge wirtschaftlicher Vernichtung deutscher Juden skizziert. Dabei werden verschiedene Perspektiven beleuchtet, in etwa Akteursmotive, Unternehmensstrategie, Entscheidungs- und Handlungsspielräume sowie die daraus resultierte Regimenähe mit dem Einfluss der politischen Verbindungen auf das Geschäftsgebaren. Abschließend wird auf den Begriff der Schuld anhand diverser Kategorien Bezug genommen.

Untergliedert ist die Ausarbeitung in drei Teile. Der erste Teil ist allgemeiner Natur, legt das damals vorherrschende Wirtschaftssystem, die Geschichte der Dresdner Bank sowie die personelle Sparte dar. Im zweiten Teil werden ausgewählte Aspekte der Geschäfts- und Personalpolitik aufgegriffen um die Unternehmensstrategie an der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik "nach zu skizzieren". Der letzte Teil der Arbeit resümiert kurz vorangehende Abschnitte und schließt mit einem Fazit der Schuldfrage.

2. Erster Teil

2.1. Trägerin zweier Traditionen - Geschichtsskizzierung der Dresdner Bank

Im Jahre 1853 wurde in Darmstadt die erste deutsche Aktienbank mit breit gefächerter Aufgabenstellung gegründet, die Bank für Handel und Industrie ("Darmstädter Bank"). Hauptimpuls zur Errichtungen gaben die vorhandenen Privatbankhäuser, welche den ständig wachsenden privaten sowie öffentlichen Finanzierungsbedarf für den Industrie- und Eisenbahnbau nicht mehr bedienen konnten. Nach anfänglichen Schwierigkeiten die entsprechende Regierungskonzession zu erhalten, war das Projekt aufgrund guter Beziehungen zur Großherzoglich hessischen Regierung dennoch erfolgreich und die Bank konnte ihren Tätigkeiten im Wechseldiskont-, Depositen- und Depotgeschäft, Inkasso- und Zahlstellengeschäft, Effektenkommissions- und eigengeschäft sowie Kreditgeschäft in laufender Rechnung nachgehen.1 In den folgenden Jahrzehnten gehörte auch die Beteiligung an in- und ausländischen Bankgründungen zum Ressort der Darmstädter Bank, doch blieben diese Neugründungen nur zum kleinen Teil dauerhaft in ihrem Interessenkreis.2 Vielmehr rückten Expansionsbestreben in den Fokus, welche sie in der Errichtung von Kommanditen bzw. kommanditarischen Beteiligungen realisierte, aus denen später, zum Großteil, Filialen wurden. In der Zeit nach der Jahrhundertwende florierte das Geschäft, Jahresumsätze von über 20.000 Mio. Reichsmark wurden realisiert,3 wodurch neue Filialen und Depositenkassen entstanden, in extenso durch Übernahmen bestehender Banken.

Die Inflation sowie der unglückliche Ausgang des Ersten Weltkriegs brachte dann eine erhöhte Arbeitsbelastung für die Banken mit sich. So gehörte auch die Darmstädter Bank infolge der Währungsumstellung zu den Verlierern der Krise und wurde auf den Geschäftsstand von Mitter-der- Neunziger Jahre zurückversetzt. Die Zahl der Dresdner-Bank-Angestellten erreichte 23.000; realisierte man 1918 noch Umsätze von circa 195.000 Mio. Mark, blähten sich 1922 die Umsätze in Papiermark zu einem kaum bewältigbaren Umfang von mehr als 13.000.000 Mio. Mark auf.4

Als Krisenausweg schrieb im Jahre 1922 die bis dahin größte Fusion im deutschen Bankwesen Geschichte: die Darmstädter Bank fusionierte mit der Nationalbank für Deutschland zur Darmstädter und Nationalbank KG.a.A. (die "DaNat Bank"). Anschließende Rationalisierungsmaßnahmen trafen vor allem die Personalpolitik, wonach man sich stärker auf die Auslandsgeschäfte konzentrierte, die bis dahin durchaus positiv verliefen. Mit Vertretungen an über 120 Standorten überschritt die Filialnetzausdehnung 1929 den Höhepunkt. Dieser Aufwärtstrend sollte jedoch durch die unmittelbar folgende

Weltwirtschaftskrise sowie die Reichstagswahlen am 14. September 1930, bei denen die Nationalsozialisten zur wählerstärksten Partei avancierten und ins Parlament einzogen, zunächst unterbrochen werden. Das Geschäft musste mit Anleihen im Ausland sowie kurzfristigen Auslandsgeldern finanziert werden, welche sich allerdings rasch „in der ganzen Welt als einer der schlimmsten Unsicherheitsfaktoren für die innen- und außenwirtschaftliche Stabilität“ (Hunscha) herausstellten.5 In Europa setzten umfangreiche Abzüge ein, erste Kreditinstitute kamen zum Erliegen oder mussten staatlich gestützt werden; der Goldstandard wurde in Großbritannien aufgegeben, so dass auch im Reich die vorgeschriebene Mindestdeckung des Notenumlaufs unter ihre 40%-Grenze zu sinken drohte. Die Reichsbank reagierte prompt mit weiteren Verschärfungen des Wechselrediskonts und versagte den Berliner Großbanken ihre Liquiditätshilfe, was letztlich die Krise begründete. Der Run ausländischer sowie inländischer Gläubiger zwang die DaNat Bank unmittelbar ihre Schalter zu schließen, wobei die Regierung Bankfeiertage proklamierte, um der offenen Zahlungseinstellung weiterer Kreditanstalten zuvorzukommen.6 In der Situation unabdingbarer Reorganisation der Bankenwirtschaft wurde die DaNat Bank am 01.01.1931, rückwirkend mit der Dresdner Bank verschmolzen, wodurch sich die älteste deutsche Aktienbank als selbständiges Institut aus dem Wirtschaftsleben, wenn auch nicht aus der Geschichte des deutschen Bankwesens, absentierte.

In nunmehr 90-prozentigem Reichs- und Golddiskontbank-Besitz folgten aufs Neue schwere Zeiten für die Dresdner Bank, doch gelang es ihr bereits 1937 nicht nur aufgrund ihrer abermalig wachsenden Leistungskraft, doch auch hinsichtlich ihres neuen kompetenten Managements, große Anteile zum Zwecke der Reprivatisierung zurückzukaufen. Erstmals wieder frei von staatlichen Einflüssen und Bindungen galt jenes Jahr zugleich als eines der letzten "normalen" Geschäftsjahre. Für die Zukunft sollte die deutsche Wirtschaft vollkommen „im Zeichen des absoluten Primats der staatlichen Leistungs- und Finanzierungsansprüche, […] sowie der Finanzierung des Kriegs“ (Hunscha) stehen.7 Je länger die Dauer des Krieges, desto vehementer schlug sich dessen Finanzierung auch in den Bilanzen der Dresdner Bank nieder, die in immer höherem Maße staatlich garantierte Wechsel sowie kurzfristige Schatzwechsel verzeichneten. Da die Bank vordergründig aus Transaktionen als Kriegsfinancier Hitlers profitierte, verschwand das bisherige Ressort der privaten Kundenkredite in den Hintergrund. Attraktivität gewannen abermals die Auslandsaktivitäten, wo Eröffnungen neuer Filialen und Übernahmen bestehender Banken in annektierten Gebieten lockten, sodass unter anderem die Dresdner Bank zum Hauptaktionär der Böhmischen Escompte Bank in Prag wurde. Bis zum Zusammenbruch des Deutschen Reiches führte die Großbank ihre Tätigkeiten im In- und Ausland, unter der "Schirmherrschaft" nationalsozialistischer Polykratie fort. Erst indem die Besatzungsmächte die Geschäftstätigkeit „in die Knie“ zwangen, kam sie vollkommen zum Erliegen. So wurden in der sowjetischen Besatzungszone alle Filialen der Dresdner Bank geschlossen und der Betrieb eingestellt. Ausschließlich den Filialen in Westdeutschland war eine Geschäftsfortführung möglich, was jedoch aufgrund des dezimierten und zerstreuten Mitarbeiterstabs eine große Herausforderung darstellte. Mit dem Willen sich dieser Schwierigkeit unbesehen zu stellen, stand das Kreditinstitut zum zweiten Mal innerhalb einer Generation vor dem Geschäftsneuaufbau, welchen sie zunächst unter insgesamt elf neuen Firmenbezeichnungen mit Bravur meisterte und sich bis heute wieder als Dresdner Bank AG, dem zweitgrößten Kreditinstitut Deutschlands, konsolidierte.

2.2. Struktur der Dresdner Bank

Als damals zweitgrößtes Kreditinstitut Deutschlands gehörte die Dresdner Bank zur Gruppe der "alten Berliner" Großbanken und zählte mit Unternehmen wie der Allianz, Krupp und Siemens, zu den international bekannten Größen deutscher Unternehmenslandschaft.8 Über Werbung wie auch das dichte Netz von Niederlassungen in allen Reichsteilen, nahm die deutsche Gesellschaft die Bank in breitem Maße wahr und ließ bis 1945 Kundenzahlen von über einer Million schreiben.9

Dresden wurde bis 1950 als juristischer Hauptsitz des Instituts gewählt, wohingegen die Hauptbank, als Sitz des Vorstands und der zentralen Abteilungen, im überaus repräsentativen Gebäude in der Berliner Behrenstraße untergebracht war.10

Mit Abdeckung aller Segmente des Bankgeschäfts war das Institut, wie für deutsche Kreditbanken typisch, dem System der Universalbank zugeordnet und betrieb sowohl Kredit- als auch Wertpapier-, Investmentund Girogeschäfte. Überdies war das Gebiet des Auslandsgeschäfts besonders ausgeprägt, welches sie zusammen mit der Deutschen Bank anführte.11

Sowohl 1931 in öffentlicher Hand als auch nach der Reprivatisierung 1937 führte die Bank ihre Geschäfte weitgehend autonom. Das 90 %-ige Aktienkapital des Reichs wurde 1937 schließlich in Streubesitz umgewandelt. Durch gezielte Platzierung unter eigener Kundschaft wurden neue Großaktionäre sowie eine damit einhergehende Einflussnahme auf die Bank verhindert. Aktionäre waren vorwiegend Unternehmen, die bereits signifikante Geschäftspartner der Bank gewesen sind (die Vereinigten Stahlwerke, der Flick-Konzern und die Allianz).12 Spätestens mit der Aktienrechtsreform von 1937 sollten diese jegliche Möglichkeit der Einflussnahme verlieren; über Fragen der Geschäftsführung wurde nur auf Wunsch des Vorstands entschieden. Schließlich „erwarb“ die Bank mithilfe des Depotstimmrechts selbst die generelle Stimmenmehrheit auf ihrer Hauptversammlung.13

Auch der Aufsichtsrat verlor durch die Aktienrechtsreform an Einfluss und fungierte lediglich als überwachendes Organ. Leitungsaufgaben waren alleinig Sache des Vorstands. Dieser hatte durch eine Sondergenehmigung des Reichswirtschaftsministeriums bis zu 30 Mitglieder und bestand weitgehend aus prominenten Unternehmern, etwa Friedrich Flick, Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, Karl Lindemann (Norddeutscher Lloyd), Wilhelm Kißkalt (Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft). Schaltstelle dieses großen aber heterogenen Rats war der Arbeitsausschuss, welcher zunächst aus fünf, dann zehn Mitgliedern bestand und dessen Macht sich besonders in der Bewilligung von Krediten über 2 Mio. RM manifestierte.

Der Vorstand hingegen führte seine Geschäfte "gemeinschaftlich", verfügte anfangs weder über einen berufenen Sprecher noch einen Vorsitzenden und traf sich mehrmals wöchentlich um hauptsächlich Kreditangelegenheiten zu behandeln, da Kredite über 600.000 RM ausschließlich mit Zustimmung des Gesamtvorstandes realisiert werden konnten. Weiterhin hatte jedes Vorstandsmitglied ein bestimmtes Ressort, so wurden beispielsweise politisch brisante Zuständigkeiten von nationalsozialistischen Parteimitgliedern gebündelt, wohingegen Personen ohne NS-Parteibuch eher für Auslandsangelegenheiten, die Börsen- und Konsortialabteilung eingesetzt wurden.14

Die typische Struktur der Universalbank spiegelt sich vor allem in den zehn zentralen Abteilungen wieder. Für die Geschäfte der Zentrale waren vier Abteilungen verantwortlich: Die Konsortialabteilung, die Hauptabteilung Berlin, das B ö rsenb ü ro sowie das Auslandssekretariat. Kernbereiche ersterer waren das Kredit- und Emissionsgeschäft, wobei sich die Hauptaufgabe auf den Bereich der Großkredite, Anleihen- und Aktienemissionen erstreckten.15 Später vielen weitere Geschäftstätigkeiten wie Kapitaltransaktionen, die Effektenbestandsverwaltung und der Beteiligungsbesitz in ihren Verantwortungsbereich; auch das „Arisierungs-“Geschäft gehörte später zur zentralen Bearbeitung. Die Hauptabteilung Berlin fungierte als eingegliederte Depotbank und führte Großkundenkonten sowie Einlagen anderer Filialen. Überdies gehörten ihr die Berliner Stadtzentrale und die Direktion der Berliner Depositenkassen an, sodass über diese Abteilung ein Großteil des Zahlungsverkehrs abgewickelt wurde. Die B ö rsenabteilung, welche sich unter anderem mit Effektengeschäften in angeschlossenen und besetzten Gebieten beschäftigte, verlor durch die Reduktion des Börsengeschäfts kontinuierlich an Bedeutung. Auch verlor die Auslandsabteilung an Gewicht, welche für das Devisengeschäft - inklusive Edelmetallhandel - verantwortlich war und sich nach Ländergruppen gliederte. Weitere wesentliche Koordinationsaufgaben übernahm das Filial-B ü ro, welches nicht nur im „Altreich“, sondern auch für Niederlassungen in annektierten Gebieten zuständig war. Nebstdem befasste sich das Vorstands-Sekretariat mit dergleichen und agierte als Expansionsschaltstelle für Satellitenstaaten des Reichs sowie besetzte Länder. Mitunter stellte es die Kontroll- bzw. Koordinationsinstanz der wachsenden Zahl von Tochterbanken dar.16

Neben der Berliner Zentrale besaß die Bank ein Netz von Filialen und „Affiliationen“, welche nur in limitiertem Maße über Spielräume gegenüber der Zentrale verfügten. Grundsätzlich unterlagen sie den Weisungen des Filialbüros und wurden direkt vom Aufsichtsrat, den zuständigen Zentralabteilungen sowie dem Vorstandssekretariat kontrolliert und gesteuert. Depositenkassen waren neben Filialen bzw. Affiliationen auch der Hauptabteilung Berlin und den Niederlassungen in Großstädten angegliedert. Diese waren im Bereich der Vermögensverwaltung im Privatkundensegment spezialisiert und boten nicht den „vollen Service“ der Bank an. Grundsätzlich war die Dresdner Bank filialtechnisch ein besonders großstädtisch orientiertes Institut mit circa ein Drittel der Niederlassung in Städten größer 100.000 Einwohner.

Abschließender strukturimmanenter Aspekt der Dresdner Bank sind ihre wichtigen in- und ausländischen Beteiligungen. Das deutsche Kreditgewerbe betreffend war sie an insgesamt elf anderen Instituten beteiligt. Hinzu kommt der Beteiligungsbesitz an Grundstücksgesellschaften und Industrieunternehmen. Anzuführen ist jedoch, dass der Einfluss innerhalb der deutschen Wirtschaft nicht auf Kapitalbeteiligungen, sondern vielmehr „Kreditbeziehungen, Aufsichtsratsmandaten und dem Instrument des sogenannten Depotstimmrechts“ (Bähr) fußt.17 Diese Instrumentarien sicherten ihr, wichtige Informationen über betreffende Unternehmen sowie eine periodisch exklusive Stellung als „Hausbank“. Sie hatte 1938 insgesamt 525 Aufsichtsratsmandate, die üblicherweise von Vorstandsmitgliedern bzw. dem Aufsichtsratsvorsitzenden vornehmlich in Unternehmen der metallverarbeitenden Industrie, des Bank- und Finanzgewerbes sowie der Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie wahrgenommen wurden.18

2.3. Personalpolitik: Vorstand & Aufsichtsrat

Die Personalpolitik, insbesondere die Revirements des Vorstands und Aufsichtsrats von 1931 bis 1945 können in drei größere Abschnitte unterteilt werden. Für die ersten personellen Konsequenzen 1931- 1932 war die DaNat Fusion wie wohl die Bankenkrise ausschlaggebend. Die zweite Etappe von 1933 bis 1937 war von „Entjudung“ und Nazifizierung gekennzeichnet, wohingegen die letzten Veränderungen der Jahre 1938-1945 unter dem Vorzeichen interner Machtkämpfe sowie dem Ausbau politischer Vernetzungen stand.

Den Grundstein für die erste personelle Umstrukturierung legte die Bankenkrise, wodurch das Reich, damals einziger Großaktionär, maßgeblich auf die Besetzung des Vorstands und Aufsichtsrats Einfluss nehmen konnte. So saß Mitte der 30-er kein Vorstandsmitglied der Bank aus dem Frühjahr 1931 und kein Geschäftsinhaber der DaNat Bank mehr im Vorstand des fusionierten Instituts. Nachdem das Reich 300 Mio. RM zur Verfügung gestellt hatte, forderte es gegenüber den Vorstandsmitgliedern das Amt jederzeit auf ihr Verlangen niederzulegen. Da der „Vorstandstausch“ von heute auf morgen schier unmöglich war, ließ die Regierung in einer außerordentlichen Generalversammlung erstmals den Aufsichtsrat neu wählen, was ihn von anfänglich 44 auf 35 Mitglieder schrumpfen ließ.19 Als ein immer noch übergroßes Gremium bildeten einige Aufsichtsratsmitglieder einen Kredit-Personalausschuss, der bis zur „DaNat-Fusion“ das eigentliche Machtzentrum der Dresdner Bank repräsentierte; allem voran dominierten ihn Vertrauensleute der Regierung, in etwa Dernburg und Pferdmenges, die zu Brünings Sachverständigenkomittee gehörten und eine Aktienrechtsnovelle vorbereiten sollten. Wichtigste Aufgabe des Ausschusses war die Neubesetzung des Vorstands, zumal die Regierung darauf drängte, vier von sechs Mitgliedern, die als Verursacher der Krise tituliert wurden, sofort zu entlassen. Nichts desto trotz wurde ein radikaler „Rausschmiss“ nicht forciert, solange deren Schuld nicht bewiesen war. Schließlich erlangte man die Neubesetzung durch einen Vergleich, indem man diese vier Mitglieder mit einer Abfindung entließ. Nicht von langer Dauer, stellte sich die Personalfrage erneut. Im Zuge der „DaNat- Fusion“ gelang es der Bank eine Maximalposition zu erwirken, wonach alle vier Mitglieder der Dresdner Bank in den neuen Vorstand übernommen wurden.20 Von der DaNat Bank verblieb lediglich ein Mitglied. Zusätzlich schickte das Reich zwei Vertrauenspersonen aus der Reichs-Kreditgesellschaft sowie einen Treuhänder des Reichs in den Vorstand, sodass insgesamt sieben „Regierungstreue“ darin saßen.

Zu guter Letzt setzte sich die Dresdner Bank, durch ihren bereits damals guten Kontakt zur Regierung, auch bei der Neubesetzung des Aufsichtsrats durch, welcher ausnahmslos mit Beamten besetzt war, ohne deren Zustimmung keine wichtige unternehmenspolitische Entscheidung gefällt werden konnte. Zwar schlossen sich weiterhin Verhandlungen an, große Veränderungen des grundlegenden Ungleichgewichts zwischen der DaNat und der Dresdner Bank ergaben sich allerdings nicht. Anstoß zur Entlassung derart vieler DaNat Bank-Angehörigen war offensichtlich die große Anzahl derjenigen die im Zuge der Krise besonders in die öffentliche Kritik geraten sind, obwohl eine Untersuchung individueller Schuld niemals stattfand.21

Aufgrund des traditionell hohen Mitgliederanteils jüdischer Abstammung22 im Vorstand und Aufsichtsrat vollzog sich die zweite Etappe des Revirements über mehrere Jahre hinweg. Selbst zum Zeitpunkt der Machtergreifung waren neun von dreizehn Geschäftsleitungsmitgliedern jüdischer Herkunft, wonach die „Entjudung“ in der Anfangsphase nicht ansatzweise begonnen hatte. Dies änderte sich allerdings grundlegend im zweiten Quartal 1933. Mit Erlass des Berufsbeamtengesetzes im April 1933 konstituierte sich die allgemeine Grundlage systematischer „Entjudung“; ein regelrechtes „Kesseltreiben“ gegen Führungspersönlichkeiten jüdischer Herkunft begann durch die NS-Betriebszellen der Hauptbank sowie mehrerer Filialen.23 Indem das Gesetz zunächst einfache Angestellte betraf, Mitglieder der Geschäftsleitung wurden außer Acht gelassen, offerierte es aktiven Nationalsozialisten neue berufliche Erfolgsperspektiven.24 Durch die rasant zunehmende Zahl von Parteigenossen in den Angestelltenreihen, den wachsenden Druck seitens der Betriebszelle sowie der großen Unterstützung Kepplers wurde eine Vielzahl von auslaufenden Verträgen jüdischer Angestellten nicht verlängert, wodurch sich die Dresdner Bank ihres „Nichtarier-Problems“ direkt entledigte. Ferner wuchs die Zahl derjenigen, die "freiwillig" ihren Platz räumten und sich für eine dürftige Abfindung "entschlossen". So schied im Jahre 1936 auch der letzte jüdische Angestellte aus seiner Führungsposition aus, womit nun eine sinnvolle Besetzung der vakanten Stellen, vorzugsweise in der Geschäftsleitung, auf der Tagesordnung stand. Schließlich sei der Aufsichtsrat erwähnt, dessen Neubesetzung ebenso im Zeichen der Machtergreifung stand. Im Gegensatz zur Geschäftsleitung sympathisierten hier bereits frühzeitig mehrere Mitglieder mit den Nationalsozialisten, wodurch es schrankenlos zum Ausscheiden von Repräsentanten Weimarer Ordnung gleichermaßen wie jüdischen Mitglieder kam.25 Trotz eklatantem nationalsozialistischen Einfluss kann der Aufsichtsrat - ebenso wenig wie die Geschäftsleitung - als nationalsozialistisch dominiert angesehen werden; Klarheit verschafft hierbei der Aspekt individueller Parteibindungen und Verflechtungen, wie später evident wird.

[...]


1 Vgl. Hunscha, Kurt Dr./Müller, Gerhard Dr. in Enzyklopädisches Lexikon für das Geld-, Bank- und Börsenwesen, 3. Auflage, Fritz Knapp Verlag Frankfurt/Main 1967/1968, S. 13

2 Ebd. S. 16

3 Ebd. S. 26

4 Vgl. Hunscha, Kurt Dr./Müller, Gerhard Dr. in Enzyklopädisches Lexikon für das Geld-, Bank- und Börsenwesen, 3. Auflage, Fritz Knapp Verlag Frankfurt/Main 1967/1968, S. 36

5 Ebd. S. 20

6 Ebd. S. 21

7 Vgl. Hunscha, Kurt Dr./Müller, Gerhard Dr. in Enzyklopädisches Lexikon für das Geld-, Bank- und Börsenwesen, 3. Auflage, Fritz Knapp Verlag Frankfurt/Main 1967/1968, S. 32

8 Vgl.; Die Dresdner Bank im Dritten Reich, Band 1, R. Oldenburg Verlag München 2006, S.13

9 Dresdner Bank, Geschäftsbericht für das Jahr 1943, o.S., HADrB in: Bähr Johannes, Die Dresdner Bank im Dritten Reich, Band 1, R. Oldenburg Verlag München 2006, S.13

10 Vgl. Bähr, Johannes; S.13

11 Vgl. Ebd. S. 14

12 Jeweils in der Größenordnung von 1-3 Mio. RM. Vgl.: Bähr Johannes, Die Dresdner Bank im Dritten Reich, Band 1, R. Oldenburg Verlag München 2006, S.16

13 Vgl. Bähr, Johannes; S. 17

14 Vgl.; Die Dresdner Bank im Dritten Reich, Band 1, R. Oldenburg Verlag München 2006, S.22

15 Ebd. S.24

16 Vgl. Bähr, Johannes; Die Dresdner Bank im Dritten Reich, Band 1, R. Oldenburg Verlag München 2006, S. 26

17 Ebd. S. 31

18 Vgl.; Die Dresdner Bank im Dritten Reich, Band 1, R. Oldenburg Verlag München 2006, S. 32

19 Die Wahl fand im August 1931 statt: Vgl. Ebd. S. 76

20 Vgl. Bähr, Johannes; Die Dresdner Bank im Dritten Reich, Band 1, R. Oldenburg Verlag München 2006, S.82

21 Ebd. S. 84

22 Zu nennen sind hier seit Bankgründung etwa Michael Kaskel, Eugen Gutmann, Henry Nathan, Felix Freiherr von Kaskel, Eduard Arnhold, Gustav von Klemperer, Fritz Andreae, vgl. Ebd. S. 85

23 Vgl. Bähr, Johannes; S. 87

24 Ebd. S. 88

25 Vgl.; Die Dresdner Bank im Dritten Reich, Band 1, R. Oldenburg Verlag München 2006, S. 97

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Entwicklung der Großbanken im Dritten Reich: Die Dresdner Bank
Untertitel
Bankenwirtschaft im Dritten Reich
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Bankenwirtschaft im Dritten Reich
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
31
Katalognummer
V265133
ISBN (eBook)
9783656546146
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entwicklung, großbanken, dritten, reich, dresdner, bank, bankenwirtschaft
Arbeit zitieren
Alen Bosankic (Autor:in), 2008, Entwicklung der Großbanken im Dritten Reich: Die Dresdner Bank, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265133

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