Johann Wolfgang von Goethes Ballade "Heidenröslein". Ein Vergleich

Betrachtet unter dem Aspekt: Szene einer Vergewaltigung?


Hausarbeit, 2013
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Entstehungsgeschichte

3. Goethes Version

4. Kurze Zusammenfassung

5. Personen
5.1 Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
5.2 Friederike Elisabeth Brion (1752-1813)

6. Interpretation

7. Resümee

8. Literaturverzeichnis

Heidenröslein - Johann Wolfgang von Goethe

1. Einleitung

„Liebe neue Freundin!

Str[aßburg], am 15. October [177o].

Ich zweifle nicht Sie so zu nennen; denn wenn ich mich anders nur ein klein wenig auf die Augen verstehe, so fand mein Aug, im ersten Blick, die Hoffnung zu dieser Freundschaft in Ihrem, und für unsere Herzen wollt ich schworen; Sie, zärtlich und gut wie ich Sie kenne, sollten Sie mir, da ich Sie so lieb habe, nicht wieder ein Bischen günstig sein?“[1]

Mit diesen Worten beginnt Johann Wolfgang von Goethe, zu dieser Zeit Student der Rechtswissenschaften in Straßburg, seinen ersten Brief an die 18-jährige Friederike Elisabeth Brion, die dritte Tochter des Pfarrers Brion im elsässischen Sesenheim. Es ist der Beginn einer intensiven Liebschaft zwischen dem jungen Dichter und dem Mädchen, die im Spätsommer des Jahres 1771 ein jähes Ende findet, doch dazu später mehr.

In dieser Zeit entsteht Goethes Fassung eines altdeutschen Liedes „Heidenröslein“, mit welchem ich mich in der vorliegenden Hausarbeit beschäftigen möchte.

In der 5./6. Klasse hörte ich das erste Mal von Goethes Gedicht, anlässlich einer Themenwoche hatte ich es auswendig zu lernen und vorzutragen. Damals noch ohne Hintergrundwissen, wurde ich auf die kontroverse Diskussion um dieses Werk erst wieder zu Beginn meines Studiums aufmerksam, als ein Dozent, beiläufig in einer Randnotiz, die Interpretation des Gedichts als einer Vergewaltigungsszene erwähnte. Diese unterschiedlichen Betrachtungsweisen faszinierten mich seit jeher und daher möchte ich diese Hausarbeit zum Anlass nehmen, eine dieser als Thema aufzugreifen. Gerade in der jüngeren Literatur, die sich mit dem „Heidenröslein“ beschäftigt, wird überwiegend der Aspekt des Vergehens an einem jungen Mädchen gegen deren Willen behandelt, aber ist das auch wirklich der Fall? Dieser Thematik möchte ich nachgehen und insbesondere die dem Vergewaltigungsthema gegenüberstehende Seite betrachten, da erstere zum einen bereits zigfach untersucht wurde und dies zum anderen den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

2. Entstehungsgeschichte

„Die einzige von G[oethe] autorisierte Fassung dieses Gedichts erschien an der zweiten Stelle der Vermischten Gedichte nach Der neue Amadis im achten Band der Schriften von 1789.“[2] Genaue Details zur Entstehungsgeschichte sind nicht bekannt, doch lässt sie sich in etwa Rekonstruieren. Die ersten Fassungen entstanden während Goethes Straßburger Studentenzeiten, in denen er für die bereits erwähnte Friederike Brion diverse Volkslieder umschrieb „Ich legte für Friederiken manche Lieder bekannten Melodien unter. Sie hätten einartiges Bändchen gegeben“[3]. Es ist anzunehmen, dass Goethe durch die Arbeiten seines Straßburger Bekannten, dem Schriftsteller und Denker Johann Gottfried Herder [4], auf das Gedicht aufmerksam wurde. Dieser arbeitete an einer Sammlung von Volksliedern, worunter sich ein neunstrophiges Werk aus dem Konglomerat des Paul van der Aelst aus dem 16. Jhd. befand, welches keinen eigenen Titel trägt. Nach einer zweistrophigen Einleitung wird das Mädchen mit einer Rose verglichen, im Folgenden die dritte Strophe:

„Sie gleicht wohl einem Rosenstock/

drumb geliebt sie mir im hertzen/

sie tregt auch einen rothen Rock/

kann züchtig/

freundlich schertzen/

sie blüet wie ein Röselein/

die Bäcklein wie das Mündelein/

Liebstu mich/

so lieb ich dich/

Rößlein auf der Heyden.“[5]

Hieraus entlehnt Herder die Motive für seine Version des „Röslein auf der Heide“, welche im Jahre 1773 in dem „Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter Völker“ in den „Blättern von deutsche Art und Kunst“ als Fabelliedchen erschien.[6] Er gibt an, „daß es „ein älteres deutsches Lied für Kinder“ sei, „nur aus dem Gedächtnis“ aufgezeichnet.“[7]

Es sah’ ein Knab ein Rößlein stehn

Ein Rößlein auf der Heiden.

Er sah, es war so frisch und schön

Und blieb stehn, es anzusehen

Und stand in süssen Freuden.

[...]

Rößlein, Rößlein, Rößlein roth,

Rößlein auf der Heiden!

Der Knabe sprach: ich breche dich!

Rößlein auf der Heiden

Das Rößlein sprach: ich steche dich,

Daß du ewig denkst an mich

Daß ichs nicht will leiden!

Rößlein, Rößlein, Rößlein roth,

Rößlein auf der Heiden!

Jedoch der wilde Knabe brach,

Das Rößlein auf der Heiden.

Das Rößlein wehrte sich und stach,

Aber er vergaß darnach

Bejm Genuß das Leiden!

Rößlein, Rößlein, Rößlein roth,

Rößlein auf der Heiden![8]

Goethes Version entstand ungefähr zu derselben Zeit – etwa Frühjahr 1771 – sodass die Möglichkeit eines gemeinsamen Entstehungsprozesses, gar einem freundschaftlichem Wettbewerb besteht.[9] „G[oethe]s offenbar sorgloser Umgang mit seiner Umdichtung der van der Aelstschen Vorlage und Herders Aufnahme des Gedichts in seine Volkslieder-Sammlung hat zu der Frage geführt, ob G. dem Freunde nicht ein von ihm aufgezeichnetes Volkslied „mündlich“ mitgeteilt habe. Ein vergleichbares Volkslied ist jedoch nicht bekannt geworden, und Herder trug keine Bedenken, in sein Sammlung auch „Kunstlieder zu integrieren, wenn sie nur wie Volkslieder klangen.“[10]

[...]


[1] Baier, Adalbert. Das Heidenröslein oder Goethe’s Sessenheimer Lieder in ihrer Veranlassung und Stimmung. Heidelberg, 1877. S. 7.

[2] Otto, Regine & Witte, Bernd (Hrsg.). Goethe Handbuch, Bd. 1, Gedichte. Stuttgart, Weimar, 1996. S. 127.

[3] Das Heidenröslein oder Goethe’s Sessenheimer Lieder in ihrer Veranlassung und Stimmung. Aus: Dichtung und Wahrheit. S. 13o.

[4] Damals noch ohne das „von“, geadelt wurde er im Jahre 18o2.

[5] Goethe Handbuch Band 1, S. 128.

[6] Vgl. Das Heidenröslein oder Goethe’s Sessenheimer Lieder in ihrer Veranlassung und Stimmung. Aus: Dichtung und Wahrheit. S. 124.

[7] Zeitler, Julius. Goethe Handbuch, Bd. II. Stuttgart, 1917. S. 141.

[8] Herder, Johann Gottfried. Von Deutscher Art und Kunst. Hamburg 1773, S. 57.

[9] Vgl. Goethe Handbuch, Band 1, S. 13o.

[10] Goethe Handbuch, Band 1, S. 13o.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Johann Wolfgang von Goethes Ballade "Heidenröslein". Ein Vergleich
Untertitel
Betrachtet unter dem Aspekt: Szene einer Vergewaltigung?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Deutsch als Fremdsprache)
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V265158
ISBN (eBook)
9783656550488
ISBN (Buch)
9783656547679
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
johann, wolfgang, goethes, ballade, heidenröslein, vergleich, betrachtet, aspekt, szene, vergewaltigung
Arbeit zitieren
Hannes Blank (Autor), 2013, Johann Wolfgang von Goethes Ballade "Heidenröslein". Ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265158

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