„Liebe neue Freundin!
Str[aßburg], am 15. October [177o].
Ich zweifle nicht Sie so zu nennen; denn wenn ich mich anders nur ein klein wenig auf die Augen verstehe, so fand mein Aug, im ersten Blick, die Hoffnung zu dieser Freundschaft in Ihrem, und für unsere Herzen wollt ich schwören; Sie, zärtlich und gut wie ich Sie kenne, sollten Sie mir, da ich Sie so lieb habe, nicht wieder ein Bisschen günstig sein?“
Mit diesen Worten beginnt Johann Wolfgang von Goethe, zu dieser Zeit Student der Rechtswissenschaften in Straßburg, seinen ersten Brief an die 18jährige Friederike Elisabeth Brion, die dritte Tochter des Pfarrers Brion im elsässischen Sesenheim. Es ist der Beginn einer intensiven Liebschaft zwischen dem jungen Dichter und dem Mädchen, die im Spätsommer des Jahres 1771 ein jähes Ende findet, doch dazu später mehr.
In dieser Zeit entsteht Goethes Fassung eines altdeutschen Liedes „Heidenröslein“, mit welchem ich mich in der vorliegenden Hausarbeit beschäftigen möchte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entstehungsgeschichte
3. Goethes Version
4. Kurze Zusammenfassung
5. Personen
5.1 Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
5.2 Friederike Elisabeth Brion (1752-1813)
6. Interpretation
7. Resümee
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist die literaturwissenschaftliche Untersuchung von Goethes Ballade „Heidenröslein“. Dabei soll insbesondere der kontroversen Forschungsfrage nachgegangen werden, ob das Werk als Vergewaltigungsszene zu interpretieren ist oder ob es primär als metaphorische Verarbeitung der Trennung zwischen Goethe und Friederike Brion verstanden werden muss.
- Analyse der Entstehungsgeschichte des Gedichts und seiner literarischen Vorlagen.
- Untersuchung der strukturellen und metrischen Gestaltung der Ballade.
- Biografische Einordnung von Johann Wolfgang von Goethe und Friederike Brion in Bezug auf das Werk.
- Diskussion der gegensätzlichen Interpretationsansätze (Vergewaltigungsszene versus Liebesmetaphorik).
Auszug aus dem Buch
6. Interpretation
Hier kommen wir nun zu den Kontrovers diskutierten Teilen des Liedes. Wo einige in dem Wort „brechen“ insbesondere und dem gesamten Text einen „Abgrund an Gewalt und Terror“ sehen, möchte ich eine nicht allzu radikale Ansichtsweise vorziehen. Ich interpretiere dieses „breche“ zwar auch als dasjenige eines Widerstandes, jedoch nicht im Sinne einer Vergewaltigung, sondern im Hinblick auf das übliche Necken und die Spielereien zweier junger Menschen, die sich gerade näherkommen, getreu dem Motto „Was sich liebt, das neckt sich“.
Auf der einen Seite die Aktion des sich im Rausch seiner Gefühle befindlichen Goethe, blind vor Verliebtheit, auf der anderen Seite die zunächst noch beherrschte Reaktion Friederikes:
Röslein sprach: ich steche dich, Daß du ewig denkst an mich, und ich will’s nicht leiden.
Offensichtliche Abwehr im ersten Vers, sicherlich liegt im „stechen“ eine gewisse Gewalt, jedoch lässt die Frage der Intensität Raum für Spekulationen. Das ewige Denken ist der innere Wunsch Friederikes, die nur aus besagter Neckerei zunächst Widerstand leistet. Ich bin der Meinung, dass sie sich im klaren ist, dass eine Liaison mit Goethe, so sehnlich sie sie sich auch wünschen würde, keine Zukunft hat. Aufgrund der Tatsache, dass er lediglich auf Zeit als Student in Straßburg weilt und seinem von Herder so genannten „spatzenmäßigen“ Charakter, der ihr nicht verborgen geblieben sein dürfte, wehrt sie sich gegen Goethes Werben. Eine klassische Situation, in der Herz und Verstand miteinander konkurrieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Entstehung der Ballade ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Interpretation des „Heidenrösleins“ als Vergewaltigungsszene vs. Liebesgeschichte.
2. Entstehungsgeschichte: Dieses Kapitel rekonstruiert die Entstehung des Gedichts während Goethes Straßburger Zeit und beleuchtet die Einflüsse durch Volkslieder und Herders Arbeit.
3. Goethes Version: Der Abschnitt analysiert die spezifische literarische Form des Gedichts, seine Einordnung in die Sesenheimer Lieder und die Wirkung des volksliednahen Tons.
4. Kurze Zusammenfassung: Eine knappe Inhaltsangabe der Ballade, die das Zwiegespräch zwischen Knaben und Röslein kurz umreißt.
5. Personen: Dieses Kapitel widmet sich den biografischen Hintergründen von Goethe und seiner damaligen Geliebten Friederike Brion.
6. Interpretation: Der Hauptteil der Arbeit, in dem die Zeilen des Gedichts schrittweise analysiert werden, um die kontroversen Deutungsansätze gegenüberzustellen.
7. Resümee: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass das Gedicht primär die Trennung von Friederike thematisiert, ohne die Vergewaltigungsthese völlig auszuschließen.
Schlüsselwörter
Goethe, Heidenröslein, Friederike Brion, Ballade, Interpretation, Sturm und Drang, Vergewaltigung, Liebesmetaphorik, Sesenheimer Lieder, Volkslied, Straßburg, Literaturwissenschaft, Gedichtanalyse, Motiv, Trennung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Interpretation von Johann Wolfgang von Goethes bekannter Ballade „Heidenröslein“ im Kontext seiner Biografie und der Literaturgeschichte.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Entstehungsgeschichte, die biografische Verbindung zu Friederike Brion und die textnahe Interpretation der unterschiedlichen Deutungsebenen des Gedichts.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die kontroverse Forschungsfrage zu klären, ob das Gedicht eine Vergewaltigungsszene beschreibt oder als metaphorische Verarbeitung einer unerfüllten Liebesbeziehung zu verstehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text schrittweise betrachtet, mit biografischen Fakten verknüpft und existierende Literatur zum Thema einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Einordnung, die Vorstellung der beteiligten Personen und eine detaillierte, versbezogene Interpretation der Ballade.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Goethe, Heidenröslein, Friederike Brion, Sturm und Drang, Ballade, Interpretation und die Vergewaltigungs-Thematik.
Wie bewertet der Autor das Wort „brechen“ im Gedicht?
Der Autor interpretiert „brechen“ eher im Sinne von „Neckereien“ zwischen zwei jungen Menschen als im Sinne eines expliziten Gewaltdelikts.
Welche Rolle spielt „Willkommen und Abschied“ für die Schlussfolgerung?
Das Gedicht dient als Beleg, um die emotionalen Spannungen und die schmerzliche Enttäuschung der Trennung zwischen Goethe und Friederike zu verdeutlichen und die Interpretation des „Heidenrösleins“ zu stützen.
Konnte die Vergewaltigungs-Theorie vollständig widerlegt werden?
Der Autor hält sie für Goethes Version des Gedichts für nicht zutreffend, erkennt aber an, dass sie bei der ursprünglichen Volkslied-Vorlage, auf der das Werk basiert, nicht gänzlich von der Hand zu weisen ist.
- Citation du texte
- Hannes Blank (Auteur), 2013, Johann Wolfgang von Goethes Ballade "Heidenröslein". Ein Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265158