„Wir fahren auf einer geraden Autobahn durch die finstere, unbewohnte Gegend. Die mit roten Lichtern markierte Silhouette eines sonderbaren Pyramiden-Turmes, einem Feenpalast oder einem gewaltigen indischen Tempel vergleichbar, weist uns den Weg: es ist der gewaltige neue Universitätsbau. Unvermittelt kommen wir aus dem offenen Land zwischen die zehnstöckigen Häuserblocks einer neuen Vorstadt – von den Dächern halbfertiger Bauten ragen die Krane nach allen Richtungen in den Nachthimmel. Auf breiten Avenuen rollen wir weiter durch die große Stadt, bis uns leuchtende rote Sterne auf den Spitzen zweier Festungstürme die märchenhafte Gegenwart der alten Zarenburg, des Kreml, anzeigen.“
Mit diesen Worten beschreibt der Autor Martin Hürlimann in dem 1958 erschienenen Reiseführer Moskau Leningrad seine Ankunft in der Hauptstadt der damaligen Sowjetunion. Darin fallen ihm die Bauwerke ins Auge, die für die Macht Moskaus im Allgemeinen, sowie der des letzten und des aktuellen ersten Mannes im Staat stehen: der Kreml, Stalins Lomonossov-Universität und die Wohnbauten der Chruschtschow-Ära, die gerade im vollen Gange ist.
Ähnlich ergeht es dem Comichelden Tim, der in der Folge Im Lande der Soviets als erstes die einmaligen Zwiebeltürme der Basilius-Kathedrale erblickt.
Die vorliegende Bachelor-Arbeit behandelt die Stadtentwicklung Moskaus, insbesondere die Entwicklung des Wohnsektors. Da eine ganzheitliche Betrachtung, von der Gründung der Stadt an, den Rahmen sprengen würde, wurde der Beginn auf das Jahr 1954, genauer gesagt, den 7. Dezember diesen Jahres gelegt. An eben jenem Tag hielt der damalige Parteichef der KPdSU und Regierungschef der UdSSR, Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, auf einem nationalen Baukongress vor Vertretern der gesamten planenden und organisierenden Industrie des Bauwesens eine Rede, in der er die Abkehr vom bisherigen stalinistischen Stil, hin zu einer auf das Volk und auf Wohnbauten ausgerichteten Art der Konstruktion forderte.
Begonnen wird die Arbeit zunächst mit einen kurzen Ausflug in die Geschichte Moskaus, um danach zu besagtem Baukongress zu kommen. Betrachtet wird die Rede Chruschtschows und deren Folgen, insbesondere unter den Aspekten der Wohnpolitik – keine andere Stadt ist im 2o. Jahrhundert so sehr durch die offizielle Architekturpolitik ihrer Regierung geprägt worden wie Moskau - und des Wohnbaus. Bei letzterem wird zudem auf die Details, deren Umsetzung und die entstandenen Probleme eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Exkurs Statistik
3. Geschichte Moskaus
4. Rede Chruschtschows auf dem Baukongress 1954 und Folgen
5. Wohnpolitik
6. Wohnbau
6.1 Mikrorayon
6.2 Satellitenstädte
6.3 Новый Арбат
6.4 Späte 6oer Jahre
7. Probleme
7.1 Material
7.2 Fachkräftemangel
8. GenPlan
8.1 1935
8.2 1971
8.3 „1993“
8.4 „1999“
9. 7oer-8oer Jahre
9.1 Beginn Ära Breschnew
9.1.1 Ironie des Schicksals
9.2 Ausgehende Breschnew-Ära und Perestroika
10. 9oer Jahre
10.1 Staatlicher Wohnbau
10.2 Privatisierung und Boom
10.3 Rechtsgrundlage
11. Das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends
11.1 Москва-Сити
11.2 Verkehr
11.3 Bausektor
12. Das Zentrum
12.1 Dekaden des Desinteresses
12.2 Umschwung
12.3 Neues Jahrtausend
13. Boutique Hotel
14. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Stadtentwicklung von Moskau mit einem besonderen Fokus auf der Evolution des Wohnsektors ab dem Jahr 1954, dem Wendepunkt hin zur Abkehr vom stalinistischen Baustil. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie sich politische Vorgaben in architektonische Realität übersetzten und welche sozio-ökonomischen Auswirkungen diese Prozesse auf die Lebensbedingungen der Moskauer Bevölkerung und das Stadtbild hatten.
- Historische Analyse der städtebaulichen Planung und Entwicklung Moskaus ab 1954.
- Untersuchung der Wohnungsbaupolitik unter Chruschtschow und deren langfristige Folgen.
- Analyse des Transformationsprozesses von der sowjetischen Planwirtschaft zum postsowjetischen Immobilienmarkt.
- Betrachtung spezifischer architektonischer Konzepte wie Mikrorayons, Satellitenstädte und der Umgestaltung des Zentrums.
Auszug aus dem Buch
4. Rede Chruschtschows auf dem Baukongress 1954 und Folgen
«Wir sind nicht gegen Schönheit, wir sind nur gegen sinnlose Dinge!»31 N.S. Chruschtschow
Mit diesen Worten kritisiert der neue Kremlherr und gleichfalls oberste Bauherr des Landes, N.S. Chruschtschow, in seiner mehrstündigen Rede unter dem Motto «Höhere Qualität mit weniger Kosten» vor der Nationalen Konferenz der Vertreter des gesamten planenden, organisierenden und ausführenden Bauwesens direkt den Moskauer Chefarchitekten Alexander Wlasow. Ganz und gar sarkastisch berichtet er vom Entwurf des Architekten Sacharow für ein Wohngebäude, an dessen oberen Geschossen Skulpturen angebracht werden sollen: «Das Wohnzimmer mit fünf Wänden und einem Fenster in der Ecke ist unpraktisch, ganz zu schweigen davon, daß die Bewohner dieses Zimmers ein ganzes Leben lang auf den Rücken einer Skulptur zu blicken haben... Gut, daß man solche Häuser nicht gebaut, daß man den Genossen Sacharow von derartigen Kunstwerken abgehalten hat.»32 Doch steckt hinter dieser persönlichen Kritik weitaus mehr, als es zunächst den Anschein hat.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Stadtentwicklung Moskaus ein und legt den Fokus auf die Auswirkungen der Baupolitik nach der Rede Chruschtschows 1954.
2. Exkurs Statistik: Dieser Abschnitt problematisiert die Zuverlässigkeit sowjetischer Statistiken, insbesondere Bevölkerungsdaten, als Quellengrundlage.
3. Geschichte Moskaus: Ein kurzer historischer Abriss von der Gründung Moskaus bis zum Beginn der Chruschtschow-Ära.
4. Rede Chruschtschows auf dem Baukongress 1954 und Folgen: Analyse der Baupolitik-Wende unter Chruschtschow und der Abkehr vom stalinistischen Dekor hin zum funktionalen Massenbau.
5. Wohnpolitik: Untersuchung der Wohnungsfrage als Mittel der politischen Herrschaftslegitimation und als ungeschriebener Gesellschaftsvertrag.
6. Wohnbau: Darstellung der industriellen Baumethoden, der Standardisierung und der Entstehung der Plattenbausiedlungen.
7. Probleme: Analyse technischer und personeller Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Massenwohnbaus.
8. GenPlan: Überblick über die städtebaulichen Generalpläne von 1935, 1971, 1993 und 1999.
9. 7oer-8oer Jahre: Beschreibung der Phase von Monotonie, Stagnation und dem Phänomen der Papierarchitektur.
10. 9oer Jahre: Betrachtung des wirtschaftlichen Umbruchs im Bausektor und der Auswirkungen von Privatisierung.
11. Das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends: Untersuchung der jüngsten Bauentwicklungen, insbesondere des Moskau-Siti-Projekts.
12. Das Zentrum: Analyse der Transformation des Moskauer Stadtzentrums zwischen historischen Erhaltungsansprüchen und exklusiver Kommerzialisierung.
13. Boutique Hotel: Fallstudie zur Renovierung eines historischen Gebäudes als Beispiel für moderne Umnutzung.
14. Resümee: Zusammenfassende Bilanz der städtebaulichen Entwicklung Moskaus über den untersuchten Zeitraum.
Schlüsselwörter
Moskau, Stadtentwicklung, Wohnsektor, Chruschtschow, Wohnungsbau, Plattenbau, Architekturpolitik, Sowjetunion, Perestroika, Privatisierung, Stadtplanung, Generalplan, Wohnungsnot, Mikrorayon, Zentrum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet die Stadtentwicklung Moskaus, mit speziellem Fokus auf die Entwicklung des Wohnsektors und der Architekturpolitik von 1954 bis in die Gegenwart.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die Wohnpolitik, industrielle Baumethoden, die Bedeutung von städtebaulichen Generalplänen sowie den Übergang von der Planwirtschaft zum kapitalistischen Immobilienmarkt.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie politische Umbrüche – beginnend bei Chruschtschow bis zur postsowjetischen Ära – das Stadtbild und die Wohnverhältnisse in Moskau prägten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Analyse von Stadtführern, Fachliteratur zur Architekturgeschichte und Stadtentwicklung, ergänzt durch persönliche Beobachtungen und Dokumentationen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Etappen der Moskauer Baugeschichte, inklusive der Auswirkungen von Machtwechseln, der Einführung des Mikrorayon-Konzepts und der kommerziellen Aufwertung des Stadtzentrums in den 90er Jahren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Moskau, Stadtentwicklung, Wohnungsbau, Chruschtschow, Plattenbau, Privatisierung und städtebauliche Transformation.
Warum spielte das Jahr 1954 eine so entscheidende Rolle für Moskau?
1954 markierte durch die Rede Chruschtschows auf dem nationalen Baukongress die Abkehr vom aufwendigen stalinistischen Baustil hin zu einem funktionalen, industriellen Massenwohnungsbau.
Was wird im Kapitel zur „Ironie des Schicksals“ thematisiert?
Das Kapitel nutzt den gleichnamigen sowjetischen Kultfilm von 1975 als Parodie, um die extreme Uniformität der sowjetischen Wohnsiedlungen und deren Folgen für den Alltag der Menschen darzustellen.
- Citar trabajo
- Hannes Blank (Autor), 2013, Stadtentwicklung Moskau, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265164