Theater als Flucht aus der Realität?

Eine Analyse des Theaterbegriffs von Max Reinhardt am Beispiel des Bühnenbildes seines Sommernachtstraums von 1905.


Hausarbeit, 2013
9 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

1. Einleitung

Was mir vorschwebt, ist ein Theater, das den Menschen wieder Freude gibt. Das sie aus der grauen Alltagsmisére [sic] über sich selbst hinausführt in eine heitere und reine Luft der Schönheit. Ich fühle es, wie es die Menschen satt haben, im Theater immer wieder das eigene Elend wiederzufinden und wie sie sich nach helleren Farben und einem erhöhten Leben sehnen.1

Diese Aussage Max Reinhardts stammt aus dem Jahr 1901, vier Jahre vor seiner le- gendären Sommernachtstraum-Inszenierung, die hauptsächlich wegen ihres Bühnen- bildes noch heute berühmt ist: Die Bühne, entworfen von Gustav Knina, bildete die täuschend echte Illusion eines wirklichen Waldes, die mit allen Sinnen zu erfassen war.

William Shakespeares Ein Sommernachtstraum (im Original: A Midsummer Night’s Dream), etwa um 1595/96 entstanden, „zählt zu Shakespeares populärsten Komödien“2. Das Lustspiel handelt von vier unglücklich Verliebten, die aus ihrer vertrackten Liebessituation heraus in einem Wald landen, in dem der Elfenkönig Oberon mittels Zauberkräften und seinem flinken Helfer Puck ihre Spielchen mit den Liebespaaren spielen. Am Ende erwachen die Verliebten aus dem, was sie für einen Traum halten, und kehren verändert zurück in die Stadt, in die Realität.

Während manche Kritiker Max Reinhardts Inszenierung des Sommernachtstraums „zu dem Schönsten, was die deutsche Bühne je gesehen hat“3 rechneten, wurde ihm von anderen reine Effekthascherei vorgeworfen. Welche Funktion das Bühnenbild für Max Reinhardt und seinen Theaterbegriff hatte, soll Gegenstand dieser Arbeit sein.

Im ersten Teil der Arbeit wird der Aufbau der Bühne genauer beschrieben und die theatertheoretische Relevanz der einzelnen Aspekte erläutert. Als Nächstes werden unterschiedliche Standpunkte der Kritiker vorgestellt und untersucht, wodurch wir Rückschlüsse auf die Wirkung der Inszenierung auf das Publikum erhalten. Im Anschluss werden einige relevante Ansätze von Max Reinhardts Theatertheorie vorgestellt und auf das Bühnenbild angewandt.

2. Die Bühne

Es war ein wirklicher, richtiger Wald, in den man beim Aufgehen des Vorhangs blickte. Ja, um die Täuschung perfekt zu machen, wurde auf der Bühne mit großen Spritzen Tannenduft erzeugt, der sich bald im ganzen Zuschauerraum verbreitete.4

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Der Reinhardt’sche Wald mit den Elfen

Diese Beschreibung der Reinhardtschen Bühne stammt von Eduard von Winterstein. Die Effekte, die eine derart vollkommene Illusion erschaffen konnten und dadurch in ihrer Gesamtheit eine so enorme Wirkung auf die Zuschauer hatten, sollen im Folgenden dargestellt werden.

Eines der wichtigsten technischen Mittel, die in dem Bühnenbau zum Einsatz kamen, war die Drehbühne, die als technische Innovation in dieser Zeit auf vielen Bühnen Einsatz fand. Aber während sie von anderen Regisseuren hauptsächlich „als Apparatur für schnellere Umbauten eingesetzt wurde“5, misst Peter Marx ihr bei Reinhardt eine „dramaturgische Funktion“6 bei. Das bedeutet, dass es sich bei ihrem Einsatz nicht nur um eine technische Erweiterung der theatralen Mittel handelt, sondern dass ihr Einsatz die Inszenierung des dramatischen Werkes durch den Regisseur unterstützte und somit auch eine werkimmanente Funktion hatte.

Auf die Inszenierung angewandt heißt das, dass Max Reinhardt „im Sommer- nachtstraum das Publikum selbst in Träumende [verwandelte], denen die Welt vor Augen tanzte“7. Durch die Drehbewegung wurde das Traumhafte vor den Augen der Zuschauer unterstützt: Das sanfte, permanente Drehen des Bühnenraumes führte den Zuschauer - genau wie die Figuren im Stück - auch weg von der Realität, hinein in eine Fantasiewelt. Nachdem die Illusion des Traums beendet war, waren die Zu- schauer „nicht weniger irritiert und verwundert als Shakespeares Figuren beim Er- wachen.“8 Der Effekt der Drehbühne war also nicht bloß Vorführung der technischen Möglichkeiten, sondern führte dazu, dass viele Zuschauer ohne jegliche Distanz gegenüber der theatralen Darbietung in das szenische Geschehen mit einbezogen waren. Das für Reinhardt wichtigste Motiv des Stückes, das Traumhafte, wurde also durch die technischen Möglichkeiten unterstützt.

Ein weiteres Mittel, das zur Optimierung der Illusion eingesetzt wurde, war die Einbeziehung aller Sinne bei der Erfahrung des wirklichen Waldes:

Reinhardt schuf einen dreidimensionalen Raum mit plastischen Bäumen […], er belebte diesen Raum durch allerlei Licht- und […] Dufteffekte. Diese bewirkten zum einen eine sinnliche Grenzüberschreitung zwischen Bühne und Zuschauerraum, zum anderen verstärkten sie die plastische Wirkung des Bühnenraumes.9

Auch die Mittel zur Erfahrung des Raumes mit allen Sinnen hatten also die Funktion, den Zuschauer ganz und gar in eine andere Welt zu ziehen, alle seine Sinne sollten auf das Bühnengeschehen gerichtet sein, so dass ihm dieses wie die Wirklichkeit vorkommen sollte.

Insgesamt betrachtet wurde für Reinhardt „der szenische Raum zu einem aktiven Mitspieler“10, der einen beträchtlichen Beitrag zur atmosphärischen Wirkung leistete. Angesichts der Tatsache, dass hundert Jahre später beinahe ausschließlich die Gestal- tung des Bühnenraums in der Sommernachtstraum-Inszenierung für die Theaterwis- senschaft noch relevant ist, kann man die Bühne sogar als heimlichen Star11 bezeich- nen.

3. Die Kritiken

Die Wirkung, die die Opulenz des Bühnenbildes auf das Publikum und die Kritiker hatte, war keineswegs homogen. Auf der einen Seite gab es jene Kritiker, die von der illusionistischen Wirkung geradezu schwärmten, wie etwa Ernst Heilborn:

Der Elfenzauber war erwacht. Es war wirklich der Traum einer Sommernacht, […] ein Traum, den man gläubigen Auges mit ansehen durfte, da Shakespeares ‚Sommernachtstraum‘ über die Bühne des Neuen Theaters ging.12

Heilborn begründet die Begeisterung des Publikums gesellschaftlich:

Shakespeares Bühnengedichte sind in den Jahrhunderten seit ihrem Entstehen dieselben geblieben, die Zuschauer aber sind andere, ganz andere geworden.

[...]


1 Reinhardt 1989, 73.

2 Siems 2009, 203.

3 http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/zeitwort/- /id=9039524/property=download/nid=660694/10fm4or/swr2-zeitwort-20120131.pdf

4 Marx 2007, 18.

5 Marx 2007, 19.

6 Marx 2007, 19.

7 Marx 2007, 19.

8 Marx 2007, 19.

9 Marx 2007, 19.

10 Marx 2007, 25.

11 vgl. Marx 2007, 18.

12 http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/zeitwort/- /id=9039524/property=download/nid=660694/10fm4or/swr2-zeitwort-20120131.pdf

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Details

Titel
Theater als Flucht aus der Realität?
Untertitel
Eine Analyse des Theaterbegriffs von Max Reinhardt am Beispiel des Bühnenbildes seines Sommernachtstraums von 1905.
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
9
Katalognummer
V265177
ISBN (eBook)
9783656550389
ISBN (Buch)
9783656547594
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Max Reinhardt, Werktreue, Sommernachtstraum, Shakespeare, Bühnenbild
Arbeit zitieren
Viktoria Freya Weigel (Autor), 2013, Theater als Flucht aus der Realität?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265177

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