Der Tugendbegriff von Machiavelli


Hausarbeit, 2005

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Problemstellung

2. Der Realismus und die pessimistische Anthropologie

3. Die Umwertung des Tugendbegriffs - Die „Machiavellistische Revolution“

4. Der „Tugendkatalog“ Machiavellis

5. „Virtù“ - Die Tüchtigkeit als Schlüssel zur Macht

6. Ist Machiavelli ein „Lehrmeister des Bösen“?

7. Literaturverzeichnis

„ Daher muss er eine Gesinnung haben,

aufgrund deren er bereit ist, [ … ]

vom Guten so lange nicht abzulassen, wie es möglich ist, aber sich zum Bösen zu wenden, sobald es nötig ist . “ 1

(Niccolò Machiavelli, „Il Principe“)

Autor: Nico Pointner

Studiengang: Politik/VWL/FKN (M.A.)

Semester: 3

1. Problemstellung

Die Geschichte der politischen Philosophie wurde stets begleitet durch den Begriff der Tugend. Das Bestreben, sein eigenes Handeln auf das Sittlich-Gute auszurichten, ist bei vielen großen Philosophen wie Aristoteles und Cicero unabdingbares Element der politischen Philosophie. Der Italienier Niccolò Machiavelli aber trennte die Politik von der Ethik. Das Hauptinteresse in seinem umstrittenen Werk „Il Principe“ gilt der Frage, wie ein Fürst Macht erlangen, steigern und sichern kann. Dadurch bricht er mit der antiken und christlichen Tradition und dreht den politischen Tugendbegriff um. Tugend ist bei Machiavelli nicht länger Inbegriff des Guten, sondern politische Effektivität und Erfolg. Jedes noch so grausame Mittel erscheint rechtmäßig, wenn es seinen politischen Zweck erfüllt. Noch heute haftet dem Philosophen der Vorwurf an, mit seinem „Principe“ eine gewissenlose Philosophie des Machterwerbs geschaffen zu haben. „Machiavellismus“ bezeichnet eine rücksichtlose, sich über alle Gesetze der Moral und der Religion hinwegsetzende Staatskunst. In dieser politischen „moralfreien“ Führungsdoktrin sind Politik und Ethik unvereinbar. Aber wie definiert Machiavelli dann politische Tugend? Und ist er auch bei näherer Betrachtung der „Lehrmeister des Bösen“, wie ihn Leo Strauss einst bezeichnete? Diesen Fragen versucht sich die folgende Arbeit anzunähern.

2. Der Realismus und die pessimistische Anthropologie

Bevor die „Tugenden“ Machiavellis fokussiert werden können, sollte man auf die Grundprämissen seiner Philosophie eingehen. Er war ein äußerst pragmatisch denkender Philosoph. Sein „ Interesse gilt der Aufklärung der Miß erfolgsursachen und Gelingensbedingungen politischen Handelns, insbesondere soweit es auf Herrschaftseroberung, Machtbehauptung und Ordnungserrichtung zielt. “ 2 Statt weiterhin an die Moral der Herrscher zu appellieren, brach er mit der mittelalterlichen Fürstenspiegelliteratur, die das Bild eines vollkommenen Herrschers entwirft und die Fürsten auffordert, diesem Ideal nachzueifern. Machiavelli entwickelte hingegen einen voraussetzungslosen und radikalen Realismus: „ Da es aber meine Absicht ist, etwas Nützliches für den zu schreiben, der es versteht, schien es mir angemessener, der Wirklichkeit der Dinge nachzugehen als den bloß en Vorstellungenüber sie [ … ]; denn es liegt eine so groß e Entfernung zwischen dem Leben, wie es ist, und dem Leben, wie es sein sollte. “ 3

Idealistische Illusionen führen Machiavellis Meinung nach eher zum Untergang als zum Erhalt der Macht. Er wollte mit seinem „Principe“ etwas bewirken und durch die Analyse historischer Fallbeispiele realistische Herrschaftsanweisungen geben.

Machiavellis kompromisslosem Realismus liegt eine zutiefst pessimistische, düstere Anthropologie zugrunde: Die Menschen bezeichnet er als „ undankbar, wankelmütig, unaufrichtig, heuchlerisch, furchtsam und habgierig “ 4 , als von Bedürfnissen und Trieben gesteuerte Konfliktwesen, die „ stets ihren bösen Neigungen folgen, sobald sie Gelegenheit dazu haben. “ 5 In einer Welt voller schlechter Menschen kann ein Guter nur scheitern. „ Wären alle Menschen gut, dann wäre diese Regel schlecht; da sie aber schlecht sind und ihr Wort dir gegenüber nicht halten würden, brauchst auch du dein Wort ihnen gegenüber nicht zu halten “ 6, rät er im „Principe“. Die Natur des Menschen zwingt den Herrscher, sich von moralischen und ethischen Bedenken zu lösen, um Ruhm und Größe zu erlangen. Der Fürst muss seine Interessen in einer schlechten Welt behaupten, sich gegen „nicht gute“ Menschen durchsetzen. Gewalt ist daher ein konstitutives Element des Staates. „ Daher muß ein Fürst, wenn er sich behaupten will, die Fähigkeit erlernen, nicht gut zu sein, und diese anwenden oder nicht anwenden, je nach dem Gebot der Notwendigkeit. “ 7 Zwar soll er Laster vermeiden, wo es möglich ist. Keinesfalls darf er aber vor ihnen zurückschrecken, falls seine Macht gefährdet ist. „ Man muß nämlich einsehen, daß ein Fürst, zumal ein neu zur Macht gekommener, nicht all das befolgen kann, dessentwegen die Menschen für gut gehalten werden, da er oft gezwungen ist - um seine Herrschaft zu behaupten - gegen die Treue, die Barmherzigkeit, die Menschlichkeit und die Religion zu verstoß en. “ 8 Diese Gedanken bilden den Grundstein für die Entkopplung von Politik und Moral.

3. Die Umwertung des Tugendbegriffes - Die „Machiavellistische Revolution“

Durch die Befreiung politischer Handlungen vom moralischen und religiösen Wertegefüge findet in Machiavellis Regelwerk „Il Principe“ eine Umwertung des politischen Tugendbegriffs statt. Um Macht und Herrschaft zu erwerben, zu sichern oder zu erweitern darf sich ein Fürst aller Methoden bedienen und sich nicht religiöse oder moralische Werte beeinträchtigen lassen. Er muss erkennen, dass „ manche Eigenschaft, die den Anschein der Tugend hat, bei ihrer Verwirklichung seinen Untergang herbeiführt, und dass manch andere, die den Anschein des Lasters hat, ihm bei ihrer Verwirklichung zu Sicherheit und

Wohlbefinden hilft. “ 9 Bei Machiavellis moralischen Erwägungen zählt also lediglich das Gebot der Notwendigkeit. Der Schlüssel einer erfolgreichen Staatskunst ist es, „ die Macht der Umstände anzuerkennen, zu akzeptieren, was die Notwendigkeit diktiert, und das eigene Verhalten mit den Zeiten inübereinstimmung zu bringen. “ 10 In dieser Hinsicht ist Grausamkeit genauso wie alle anderen Laster im politischen Diskurs lediglich ein Mittel, das auf seine Zweckdienlichkeit hin zu prüfen ist. Und der Zweck heiligt die Mittel. Den absoluten Tugendgehorsam - und damit den Kern der humanistischen Fürstenspiegel - sieht Machiavelli als verhängnisvollen Fehler in der Staatskunst an. Das moralisch Gebotene ist dem politisch Erforderlichen stets unterzuordnen. Und die Religion, traditionell Gralshüterin der Moral, wird zu einem Herrschaftsinstrument degradiert und steht im Dienste der Politik. Die christliche Ethik mit Werten wie Barmherzigkeit, Frömmigkeit und Nächstenliebe ist dem Fürsten und seiner Machtpolitik hinderlich. Machiavelli erhebt das Wohl des Staates über das Seelenwohl des einzelnen und emanzipiert die Politik vollständig von der Religion.

Was zählt, ist der Nutzen, den der Herrscher durch die Anwendung von Grausamkeit davon trägt, also die „ situationsbezogene kausale Eignung von Handlungen. “ 11 Wirkliche Tugendhaftigkeit nimmt dem Fürsten die politische Beweglichkeit und schränkt seinen Handlungsspielraum ein. Der erfolgreiche Fürst muss in der Lage sein, „ sich nach dem Wind des Glücks und dem Wechsel der Umstände zu drehen. “ 12 Wenn Grausamkeit politisch erforderlich ist, ist ein tugendhafter Herrscher in seiner Handlungsmächtigkeit eingeschränkt und gefährdet damit seine Macht. Um sein Handlungsrepertoire zu maximieren, braucht der Fürst eine pragmatische Offenheit zum Guten wie zum Bösen hin. „ So muß t du milde, treu, menschlich, aufrichtig sowie fromm scheinen und es auch sein; aber du muß t geistig darauf vorbereitet sein, dies alles, sobald man es nicht mehr sein darf, in sein Gegenteil verkehren zu können. “ 13 Wolfgang Kersting bezeichnet diese Bedingung Machiavellis gar als „ herrschaftstechnische Korrektur des ethischen Erziehungsprogramm der Fürstenspiegelautoren. “ 14

4. Der „Tugendkatalog“ Machiavellis

In dem besonders in der Tradition der Fürstenspiegel stehenden Teil des „Principe“ diskutiert Machiavelli den durch die Zwänge der Politik diktierten „Tugendkatalog“ des Fürsten. Hierzu schildert Machiavelli antithetische Paare von Eigenschaften wie Freigebigkeit - Knausrigkeit, Milde - Grausamkeit und Treue - Untreue. Das Denkschema bleibt bei der Erörterung seines Tugendkatalogs gleich: Durch politische Zwänge verlieren Tugenden und Laster ihre ethischen Implikationen und werden wertfreie Mittel zur Herrschaftsausübung. Zwar ist es für den Fürsten wünschenswert, die jeweiligen Tugenden zu üben oder wenigstens den Anschein zu erwecken. Sofern es die politische Notwendigkeit gebietet, darf er jedoch vor den Lastern nicht zurückschrecken. Er prüft die Tugenden weniger unter moralischen Gesichtspunkten, sondern primär unter dem Aspekt des Nutzens für Machterwerb, -erhalt und -zuwachs und schenkt dem Schein dabei besondere Aufmerksamkeit.15 „ Ich wage gar zu behaupten, dass sie [die Tugenden] schädlich sind, wenn man sie besitzt und ihnen stets treu bleibt; dass sie aber nützlich sind, wenn man sie nur zu besitzen scheint. “ 16 Der traditionelle Kanon der Kardinaltugenden wird jedoch in weiten Teilen übergangen. Besonders die Gerechtigkeit, die von Platon, Aristoteles und Cicero gar als die höchste Tugend eingeschätzt wurde, spielt im „Principe“ keine Rolle. Stattdessen interpretiert Machiavelli alte Tugenden neu, so erfährt die Klugheit bei ihm beispielsweise eher die Bedeutung einer cleveren Gerissenheit.

Grundsätzlich gilt, dass ein Fürst bei allen Lastern, durch die er seine Herrschaft stützt und erweitert, dennoch vermeiden muss, gehasst oder verachtet zu werden. Hass zieht er auf sich, wenn er Besitz und Frauen der Untertanen begehrt, Verachtung, wenn er sich „ wankelmütig, leichtsinnig, weibisch, furchtsam und unentschlossen “ 17 verhält. Hingegen müssen die Untertanen in den Taten ihres Fürsten Entschlossenheit, Stärke, Kühnheit und Großmut sehen. Dadurch verschafft sich der Prinz Achtung, was ihn vor Verschwörungen und innerstaatlichen Gefahren schützt und seine Herrschaft sichert, da er das Volk auf seiner Seite hat. Ferner kann ein Herrscher sich auch durch edle Taten Hass zuziehen: „ Wenn nämlich diejenige Partei - sei es das Volk, seien es die Soldaten oder die Groß en -, die du deiner Ansicht nach benötigst, um dich zu behaupten, sittlich verdorben ist, so musst du dich ihren Launen fügen, um sie zufriedenzustellen; und dann wären dir gute Taten schädlich “ 18 , beschreibt Machiavelli. Auch in diesem Zitat lässt sich wieder das Diktat der Notwendigkeit erkennen.

Die Erörterung des Katalogs beginnt mit der Tugend Freigebigkeit. Eigentlich ist diese Eigenschaft lobenswert, schreibt er, „ doch die Freigebigkeit auf solche Weise geübt, dass du auch in ihrem Ruf stehst, schadet dir “ 19. Will ein Fürst als freigebig angesehen werden, muss er so viel in diesen Ruf investieren, dass er seine Mittel schnell aufbraucht. Hierdurch muss er seine Untertanen finanziell stärker belasten und zieht Unehre, Verachtung und Hass auf sich, wodurch er seine Herrschaft gefährdet . Daher Machiavellis Rat: Einen Fürsten darf der Ruf der Knauserigkeit nicht kümmern, da er nur so sinnvoll wirtschaften kann, mit seinem Budget auskommt und das Volk nicht belasten muss. „ Knauserigkeit gehört nämlich zu jenen Untugenden, die seine [des Prinzen] Herrschaft ermöglichen. “ 20 So erlangt der Herrscher zwar den Ruf der Unehre, wird von den Untertanen aber nicht gehasst und verachtet.

Jeder Fürst muss ferner im Ruf der Milde stehen, darf sie jedoch keinesfalls falsch gebrauchen. Grausamkeit kann ein notwendiges und legitimes Herrschaftsmittel darstellen, insbesondere für neu an die Macht gekommene Fürsten. Bevor man durch zu große Milde Missstände im Volk einreißen lässt, muss man Grausamkeiten anwenden und einzelne Exempel statuieren, was dem Gemeinwohl dienlicher ist. Einen Fürsten darf der Ruf der Grausamkeit nicht kümmern, wenn er dadurch Einigkeit und Ergebenheit im Volk schafft. Insbesondere ein Heer im Kriegszustand lässt sich nur durch die Anwendung von Grausamkeit zusammenhalten. Für die Anwendung von Grausamkeit stellt Machiavelli genaue Bedingungen auf: Der perfekte Fürst muss „ maß voll handeln, gezügelt durch Klugheit und Menschenfreundlichkeit, damit zu groß e Gutgläubigkeit ihn nicht unvorsichtig macht und zu groß es Miß trauen ihn nicht unerträglich werden lässt. “ 21 Grausamkeiten können gut oder schlecht angewandt werden. „ Gut angewandt kann man solche nennen - wenn es erlaubt ist, vom Schlechten etwas Gutes zu sagen -, die man auf einen Schlag ausführt aufgrund der Notwendigkeit, sich zu sichern, und bei denen man dann nicht verharrt, sondern sie - soweit wie möglich - in Wohltaten für die Untertanen verwandelt; schlecht angewandt sind solche, die zwar anfangs von geringer Zahl sind, mit der Zeit jedoch zunehmen statt zu schwinden. “ 22 Die zweite, schlechte Methode macht eine Aufrechterhaltung der Herrschaft unmöglich. Gewalttaten müssen rasch und unmerklich begangen werden, Wohltaten muss der Fürst dem Volk nach und nach erweisen, damit diese sich einprägen.

Im Zuge der Diskussion über die Grausamkeit erörtert Machiavelli die Frage, ob es besser sei, von den Untergebenen geliebt oder gefürchtet zu werden. „ Die Antwort ist, dass man das eine wie das andere sein sollte; da es aber schwer fällt, beides zu vereinigen, ist es viel sicherer, gefürchtet als geliebt zu werden “ 23.

[...]


1 Machiavelli, Niccolò: „Il Principe - Der Fürst“, Reclam, Stuttgart 1986, S. 139

2 Kersting, Wolfgang: „Niccolò Machiavelli“, Verlag C.H. Beck, München 1988, S. 87

3 Machiavelli, Niccolò: „Il Principe - Der Fürst“, Reclam Verlag, Stuttgart 1986, S. 119

4 s. Machiavelli: S. 131

5 s. Discorsi: S. 17

6 s. Machiavelli: S. 137

7 ebd: S. 119

8 ebd: S. 139

9 s. Machiavelli: S. 121

10 Skinner, Quentin: „Machiavelli zur Einführung“, Junius Verlag, Hamburg 1988, S. 68

11 s. Kersting: S. 101

12 s. Machiavelli: S. 139

13 ebd: S. 139

14 s. Kersting: S. 94

15 vgl. Riklin, Alois: „Die Führungslehre von Niccolò Machiavelli“, Verlag Stämpfli+Cie, Bern 1996, S. 115 ff.

16 s. Machiavelli, S. 139

17 ebd: S. 141

18 ebd: S. 153

19 ebd: S. 123

20 s. Machiavelli: S. 125

21 ebd: S. 129

22 ebd: S. 73

23 ebd: S. 129

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der Tugendbegriff von Machiavelli
Hochschule
Universität Regensburg  (Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte)
Veranstaltung
Einführung in die Politische Theorie: Aristoteles – Machiavelli – Carl Schmitt
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
14
Katalognummer
V265196
ISBN (eBook)
9783656550310
ISBN (Buch)
9783656547655
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tugendbegriff, machiavelli
Arbeit zitieren
Magister Artium Nico Pointner (Autor:in), 2005, Der Tugendbegriff von Machiavelli, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265196

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