„Tolle lege!“ – Diese Worte aus den Bekenntnissen des Kirchenlehrers, Bischofs und Philosophen Augustinus (354 – 430 n. Chr.) beschreiben eine zugespitzte biographische Umbruchsituation. Sein autobiographisches Werk „Confessiones“ schildert, sicherlich in manchen Teilen glättend, seine lebensgeschichtliche Entwicklung. Sie beginnt mit dem Aufwachsen in Nordafrika als ungetauftes Kind christlicher Eltern. Dann folgen Jahre jugendlicher Selbsterprobung und Ausschweifung, aber auch der ihn faszinierenden Beschäftigung mit dem römischen Philosophen Cicero. Als Rhetoriklehrer in Karthago, Rom und Mailand tätig, wiederentdeckt er in Form der platonisierenden Bibelauslegung das Alte und Neue Testament, insbesondere die paulinischen Briefe. Im Jahre 386 widerfährt ihm ein religiöses Bekehrungserlebnis. Er schildert es wie folgt: Seine Mutter erkennt seine existenzielle und religiöse Ungesichertheit („Was stehst du auf dich fußend, und stehst nicht fest? Wirf dich auf ihn, fürchte dich nicht, er wird dich nicht verlassen, so daß du fielest; wirf dich auf ihn ohne Sorgen, er wird dich aufnehmen und dich heilen.“) Augustinus, so seine Selbstbeschreibung, errötet daraufhin, zweifelt, und wird, von einem inneren „Gewittersturm“ getrieben, bis ein kindlicher Singsang ihm beruhigend einflüstert: „Nimm und lies! Nimm und lies!“ Er begreift diesen Appell in folgender Weise: Nämlich „daß ein göttlicher Befehl mir die heilige Schrift zu öffnen heiße und daß ich das erste Kapitel, auf welches mein Auge fallen würde, lesen sollte.“ So stieß er auf folgende biblische Textstelle: „Nicht in Fressen und Saufen, nicht in Kammern und Unzucht, nicht in Hader und Neid, sondern ziehet an den Herrn Jesum Christum und wartet des Leibes, doch also, daß er nicht geil werde. Ich las nicht weiter, es war wahrlich nicht nötig, denn alsbald am Ende dieser Worte kam das Licht des Friedens über mein Herz und die Nacht des Zweifels entfloh.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Bemerkungen
2. Diagnostische Verfahren im Vorfeld und während einer Schwangerschaft
2.1 Anmerkungen zur Pränataldiagnostik
2.2 Anmerkungen zur Präimplantationsdiagnostik
3. „In dubio pro embryone?“ – Zur Diskussion um die PID anhand der Frage nach der Wertigkeit der dabei anfallenden Embryonen
3.1 Frühe Positionen innerhalb der Evangelischen Kirche Deutschlands
3.2 Robert Spaemann als Kantianer und Katholik
3.3 Die Position der deutschen Bischofskonferenz: In dubio pro vita
3.4 „Und sie bewegt sich nicht“ – Das katholische Verständnis des Embryonenschutzes als monolithische Größe
3.5 Naturwissenschaftliche Überlegungen gegen katholische Verlautbarungen ( 1. Säkulare Gegenposition)
3.6 „Und sie bewegt sich doch“ – Meinungsvielfalt und Kurskorrekturen in der Evangelischen Kirche
4. Säkulare Positionen innerhalb der Debatte um die rechtliche Zulassung der PID
4.1 Zum Begriff der Säkularisierung
4.2 Der Deutsche Ethikrat: Die reproduktive Selbstbestimmung als umstrittene Größe
4.3 Alice Schwarzer und Eva Menasse: Die reproduktive Selbstbestimmung als kategorische Größe
4.4 Die Humanistische Union: Die Verteidigung der Mutter- und Elternrechte als Kernanliegen innerhalb der PID-Debatte
4.5 Die Giordano Bruno Stiftung: Vom Schlagwort zur rationalen Argumentation im Rahmen der PID-Debatte
4.5.1 Zum Selbstverständnis der Giordano Bruno Stiftung
4.5.2 Abgrenzung der Giordano Bruno Stiftung zu religiösen Positionen und zum Deutschen Ethikrat
5. Schlussbetrachtungen oder „Der Mensch entdeckt sich, wenn er sich an Widerständen misst.“
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die ethische Debatte über die Präimplantationsdiagnostik (PID) in Deutschland, indem sie religiös geprägte Positionen (insbesondere der christlichen Großkirchen) den säkularen und humanistischen Argumentationslinien gegenüberstellt. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, wie die unterschiedlichen Auffassungen vom Status des Embryos und vom Recht auf reproduktive Selbstbestimmung begründet werden und ob eine Annäherung dieser Positionen möglich ist.
- Ethik der Präimplantationsdiagnostik (PID) im interkonfessionellen und säkularen Vergleich
- Status des Embryos: Schutzwürdigkeit versus Verfügungsgewalt
- Reproduktive Selbstbestimmung im Spannungsfeld zwischen staatlicher Regulierung und individueller Lebensplanung
- Rolle von Religion und Wissenschaft in der modernen bioethischen Debatte
- Kritische Analyse von Argumentationsmustern in Kirche, Ethikrat und humanistischen Organisationen
Auszug aus dem Buch
Die Vielschichtigkeit und Komplexität menschlicher Reaktionsmuster
Die Vielschichtigkeit und Komplexität menschlicher Reaktionsmuster während der Durchführung pränataler diagnostischer Maßnahmen wird durch beide Erfahrungsberichte ansatzweise verdeutlicht. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung betont nach der Auswertung von drei Modellprojekten „die Notwendigkeit psychosozialer Beratung“ als „ein Muss bei pathologem fetalen Befund“ und stellt fest, dass „Niedergeschlagenheit, ausgeprägtes Grübeln, innere Unruhe, Verzweiflung, aber auch das Gefühl hin und her gerissen zu sein, Unwirklichkeitsgefühle oder innere Gefühllosigkeit“ zu den auffälligsten Symptomen während dieser belastenden Zeit gehören. Die Belastungsvielfalt ist hoch, ebenso wie die Belastungsstärke für die Ratsuchenden, was in gleicher Weise für Frauen und Paare gilt, die die Möglichkeit, aber auch die Anforderungen der PID für sich in Anspruch nehmen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitende Bemerkungen: Einführung in das Thema anhand einer kulturgeschichtlichen Lektüre sowie Darlegung des Spannungsfeldes zwischen religiöser Tradition und moderner bioethischer Forschung.
2. Diagnostische Verfahren im Vorfeld und während einer Schwangerschaft: Erläuterung der gängigen medizinischen Methoden wie Pränataldiagnostik und PID sowie Analyse der damit verbundenen psychosozialen Belastungen für Eltern.
3. „In dubio pro embryone?“ – Zur Diskussion um die PID anhand der Frage nach der Wertigkeit der dabei anfallenden Embryonen: Untersuchung kirchlicher Positionen und theologischer Argumente zum Schutz des Embryos sowie deren teils kritische Auseinandersetzung mit der PID.
4. Säkulare Positionen innerhalb der Debatte um die rechtliche Zulassung der PID: Darstellung nicht-religiöser Ansätze, darunter die Perspektiven des Deutschen Ethikrates, feministischer Stimmen und der Giordano Bruno Stiftung zur ethischen Rechtfertigung der PID.
5. Schlussbetrachtungen oder „Der Mensch entdeckt sich, wenn er sich an Widerständen misst.“: Fazit zur Notwendigkeit des interdisziplinären Dialogs und Einordnung der bioethischen Debatte in den Kontext einer säkularen, multioptionalen Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Präimplantationsdiagnostik, PID, Pränataldiagnostik, Embryonenschutz, Medizinethik, Säkularisierung, reproduktive Selbstbestimmung, christliches Menschenbild, Giordano Bruno Stiftung, Menschenwürde, Bioethik, Stammzellenforschung, Familienplanung, Ethikrat, Embryoselektion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der ethischen Kontroverse um die Zulassung und Anwendung der Präimplantationsdiagnostik (PID) in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind der Schutzstatus menschlicher Embryonen, das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung und das Spannungsverhältnis zwischen religiösen Überzeugungen und säkularer Wissenschaftsethik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Argumentationslinien von kirchlichen Vertretern und säkularen Interessensgruppen gegenüberzustellen, um die moralischen Grundannahmen hinter den jeweiligen Forderungen zur PID-Zulassung offenzulegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine deskriptive und vergleichende Analyse von Stellungnahmen, publizistischen Debattenbeiträgen und offiziellen Positionspapieren der beteiligten Akteure.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse religiös-theologischer Sichtweisen zum Lebensschutz einerseits und verschiedener säkularer, humanistischer sowie medizinethischer Positionen andererseits.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie PID, Embryonenschutz, reproduktive Selbstbestimmung, Menschenwürde und Bioethik geprägt.
Wie unterscheidet sich die Argumentation der Giordano Bruno Stiftung von jener der Kirchen?
Während die Kirchen den Embryo als schutzwürdiges menschliches Leben von Anfang an betrachten, argumentiert die Giordano Bruno Stiftung rational-utilitaristisch und sieht den Embryo in einem frühen Stadium nicht als Person mit eigenem Lebensinteresse.
Welche Bedeutung kommt der Elternperspektive in der Debatte zu?
Die Autorin betont, dass die tatsächliche Lebenswirklichkeit und das Leiden der Betroffenen – etwa bei genetischen Vorbelastungen – in der theologischen und politischen Debatte lange Zeit zu kurz gekommen sind und erst durch das Aufkommen der PID stärker in den Fokus gerückt wurden.
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- Malte Wilke (Autor), 2011, Religiöse und säkulare Positionen innerhalb der aktuellen Debatte über die Präimplantationsdiagnostik, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265248