Gott als Ursache von Erdbeben

Das Einwirken Gottes und die Veränderung des Gottesbildes, betrachtet anhand von Erdbebentheorien vor und nach dem Erdbeben von Lissabon 1755


Hausarbeit, 2012

18 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Erdbebentheorien vor dem Erdbeben von Lissabon
2.1 Aristoteles
2.2 Thomas von Aquin

3 Erdbebentheorien nach dem Erdbeben von Lissabon
3.1 Die Bedeutung des Erdbebens
3.2 Rousseau & Voltaire
3.3 Kant

4 Fazit

5 Quellen und Literatur
5.1 Quellen
5.2 Literatur
5.3 Internetlinks

1 Einleitung

"Vom HERRN der Heerscharen wird Strafe geübt werden mit Donner und Erdbeben und mit großem Krachen, Sturmwind und Ungewitter und mit verzehrenden Feuerflammen " 1

"Und siehe, der Vorhang im Tempel rißentzwei von oben bis unten, und die Erde erbebte, und die Felsen spalteten sich. (...) Als aber der Hauptmann und die, welche mit ihm Jesus bewachten, das Erdbeben sahen und was da geschah, fürchteten sie sich sehr und sprachen: Wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn!" 2

Wie bereits diese beiden Bibelzitate aufzeigen, sind Erdbeben ein wesentliches Instrument Gottes, welcher somit laut christlichem Glauben womöglich seinen Willen offenbart. Noch bis in heutige Zeit versuchen Menschen diesen Willen zu analysieren,3 um beispielsweise die Existenz Gottes zu beweisen oder den Katastrophen einen tieferen Sinn zuzusprechen. Eines der verheerendsten Erdbeben ereignete sich zu einem christlichen Hochtag: an Allerheiligen. Am 1. November 1755 zerstörte dieses Beben die portugiesische Hauptstadt Lissabon fast vollständig. Geistliche, Philosophen, Künstler und andere brachte diese Katastrophe zum Nachdenken über ebenjene göttliche Verbindung und dem damit verbunden Sinn des Erdbebens für die Menschen. Neben christlichen Rechtfertigungen wurden zunehmends auch Theorien zur Entstehung von Erdbeben entwickelt.

Theorien über die Entstehung von Erdbeben existierten bereits vor dem Erdbeben von Lissabon. An diesen Theorien könnte man jedoch Entwicklungen ausfindig machen, ob und wie Gott nach menschlicher Vorstellung für die Entstehung selbst verantwortlich ist. Diese Arbeit soll Theorien vor und nach dem Erdbeben von Lissabon vergleichen und dabei speziell auf das Eingreifen Gottes achten. War Gott nach dem Erdbeben von Lissabon naturwissenschaftlich widerlegt und zähmbar, gab es ihn überhaupt vorher in den Theorien und war Lissabon somit wirklich ein einschneidendes Ereignis für die Beweisbarkeit der göttlichen Existenz?

Ziel dieser Hausarbeit soll es nicht sein, unterschiedliche philosophische Strömungen zu verdeutlichen oder deren Veränderung beispielsweise durch das Erdbeben von Lissabon zu markieren. Es sollen lediglich die Theorien, welche einzelne Philosophen über die Entstehung von Erdbeben aufgestellt haben auf ihren göttlichen Gehalt geprüft werden. Hierbei soll (wenn soweit möglich und die Theorie somit nicht gestört wird) auch nicht auf die Religiösität der Autoren Rücksicht genommen werden, welche sie in anderen Werken darlegen.4

Um herauszufinden ob und wie innerhalb der Erdbebentheorien im Laufe der Zeit ein Wandel in Bezug auf die Fragestellung stattgefunden hat, sollen zuerst zwei Theorien vor und anschließend die Kant'sche Theorie direkt nach dem Erdbeben von Lissabon untersucht werden. Als Beispiele für die Zeit vor dem Erdbeben von Lissabon dienen hierbei Aristoteles Theorie, welche die erste nennenswerte Erdbebentheorie überhaupt ist, und Thomas von Aquin, welcher diese Theorie erweiterte und kommentierte. Um Kants Theorie nach dem Erdbeben von Lissabon untersuchen zu können, soll in einem Zwischenkapitel kurz das Erdbeben in seinem kulturhistorischen Rahmen dargestellt werden und zudem kurz Rousseaus und Voltaires Schlüsse daraus erläutert werden. Mittels diesen soll ein Übergang im religiösen Denken anhand der Erdbebentheorien deutlich werden, sollte dieser vorhanden sein.

Zur Darstellung der Theorien dienen hierbei die direkten Werke ebenjener Autoren, in denen sie ihre Theorien beschreiben,5 sowie ein Überblickswerk der geologischen Bundesanstalt.6 Außerdem dienen zum Erdbeben von Lissabon und dessen Folgen verschiedene Werke zur näheren Einordnung der Theorien.7 Eine direkte Untersuchung dieses Themas anhand der Erdbebentheorien fand bis jetzt noch nicht statt, jedoch wird es mitunter nebenbei in oben erwähnten Publikationen erläutert.

2 Erdbebentheorien vor dem Erdbeben von Lissabon

2.1 Aristoteles

In Aristoteles Werk "De Mundo"8 sind uns zu Beginn gleich mehrere Theorien der Erdbebenentstehung von anderen Autoren übermittelt. Diese wurden von Anaxagoras, Democtrius und Anaximenes aufgestellt. Aristoteles stellt sie jedoch im 7. Abschnitt des 2. Buches sogleich als unmöglich dar und beginnt seine eigene Hypothese aufzustellen.9 Grundsätzlich stützt sich seine Theorie auf die antiken vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft. Während seine Vorgänger jeweils nur eines der vier Elemente als Ursache zur Erdbebenentstehung ausmachen, nutzt Aristoteles alle vier und greift dabei auch auf die anderen Theorien zurück:

Zwar unterscheidet Aristoteles unterschiedliche Arten von Erdbeben, beispielsweise den "Rüttler" und den "Zerreißer", doch haben diese Varianten immer die gleiche Ursache. In die Erde kann zunächst Luft eindringen oder ausbrechen. Ursache hierfür ist, dass die Erde selbst (durch Feuer) im Inneren warm und trocken ist und auf der Oberfläche, (beispielsweise am Meer oder wenn es geregnet hat)10 feucht. Die warme Erde bringt das Wasser auf der Oberfläche nun zum verdunsten. Demzufolge strömt Luft von der Erdoberfläche auch in das Erdinnere.11 Wenn diese Fluktuation nun schockartig zustande kommt, sodass plötzlich viel Luft in das Erdinnere strömt, so führt dies laut Aristoteles zu einem Erdbeben.12

Eine Analogie sieht Aristoteles zudem zum Menschen. Bei Krankheiten wie Tetanus und Krämpfen kommt es nach ihm ebenfalls zu entweichenden Winden, welche ein Schütteln erst hervorrufen.13 Aristoteles selbst kommt bei seiner Theorie ohne ein Einwirken von Gott aus. Wie er in seiner Einleitung im ersten Buch erklärt, beruft er sich lediglich auf die vier Elemente. Mit ihnen kann er Theorien vom kochenden Wasser bis hin zu Wirbelstürmen und Gewittern erklären. Gott oder die Götter werden hierbei nicht einmal erwähnt.14

Aristoteles steht natürlich nicht in einer Linie mit den gläubigen Christen, die später untersucht werden sollen und er vertrat somit eine andere Weltanschauung, die bei diesen naturwissenschaftlichen Fragen ohne einen Gottesfaktor existieren konnte. Allerdings bildete die Lehre des Aristoteles für einen langen Zeitraum den maßgeblichen Anhaltspunkt. So wurde auch seine Erdbebentheorie lange beibehalten oder auf ihrer Grundlage aufgebaut.15

Nur kurz erwähnt sei hier zudem Seneca, welcher in seinem Werk Naturales Questiones (Buch 6 "Erdbeben") bekannte Theorien zusammenfasst,16 und erstmalig auch Bezug auf die Götterwelt nimmt "Illud quoque properit praesumere animo nihil horum deos facere nec ira numinum aut caelum converi aut terram; suas ista causas habent nec ex imperio saeviunt (...)" 17

[...]


1 Die Bibel, Jesaja 29,6, Übersetzung nach Schlachter, 1951, online unter: http://www.bibel- online.net/buch/schlachter_1951/jesaja/29/#6, letzter Zugriff: 2.9.2012, 15:15 Uhr

2 Die Bibel, Matthäus 27, 52 & 55, Übersetzung nach Schlachter, 1951, online unter: http://www.bibel- online.net/buch/schlachter_1951/jesaja/29/#6, letzter Zugriff: 2.9.2012, 15:21 Uhr

3 Vgl. bspw. die Christliche Seite "Auf Posten stehen", welche im Tohoku Erdbeben von 2011 Vorzeichen der Apokalypse erkennen möchte: http://wp.aufpostenstehen.de/2011/03/11/erdbeben-in- biblischer-prophezeiung/ letzter Zugriff, 10.9.2012, 14:15 Uhr

4 Das religiöse Bild der Autoren würde zum einen den Rahmen dieser Arbeit sprengen und zum anderen zu sehr vom Untersuchungspunkt ablenken. Ziel ist es schließlich ein einzelnes naturwissenschaftliches Phänomen zu untersuchen und bei deren Erforschung auf den göttlichen Gehalt zu achten. Daraus lassen sich allgemeine Zusammenhänge zwischen Wissen und Glauben ableiten.

5 Im speziellen: Aristoteles Metereologica, Thomas von Aquins Sententia super Meteora und Kants drei Publikationen aus dem Jahre 1756 über die Erdbebenentstehung. (siehe 5.1 Quellen)

6 Oeser, Erhard: Historische Erdbebentheorien von der Antike bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, in: Abhandlungen. Geologische Bundesanstalt, Bd. 58, Wien 2003.

7 Bordat, Josef: Kant und das Erdbeben von Lissabon, 2007; Dombois, Florian: Über Erdbeben. Ein Versuch zur Erweiterung seismologischer Darstellungsweisen (Dissertation), Berlin 1998.; Klarner, Helmut: Naturgewalten in Kunst und Literatur, 1979; Lauer, Gerhard/Unger, Thorsten (Hrsg.): Das Erdbeben von Lissabon und der Katastrophendiskurs im 18. Jahrhundert, (=Das achtzehnte Jahrhundert. Supplementa, Bd. 15) Göttingen 2008.; Neiman, Susan: Das Böse denken. Eine andere Geschichte der Philosophie, Frankfurt a. M. 2004, Walter, Francois: Katastrophen, eine Kulturgeschichte vom 16. bis 21. Jahrhundert, Stuttgart 2010.

8 Während führende Lexika zur Antike (wie beispielsweise der neue Pauly oder Paulys Realenzyklopädie) das Werk "de Mundo" weiterhin Aristoteles zuschreiben, sei hier auf den Forschungsbericht von Wim Raven von 2003 verwiesen, der das Werk als Pseude-Aristotelisch einordnet , jedoch nur bis auf den römischen Autor Apuleius (2. Jh. n. Chr.) zurückverfolgen kann. Allerdings wird die aristotelische Theorie auch in Senecas "Naturales Questiones" erwähnt. Somit kann sie im Rahmen dieser Hausarbeit trotzdem als Indikator für Gottesexistenzen bei Erdbebentheorien für die antike Zeit gelten. Ob die Theorie hierbei von Aristoteles selbst oder einem anderen antiken Autor stammt, spielt lediglich eine untergeordnete Rolle. Raven, Wim: De mundo, in: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Band Supplément, Paris 2003, S. 475- 483; Als Gegenthese siehe: Strohm, Hans: Einleitung, in: Aristoteles: Über die Welt, Berlin 1984, S. 128-130; sonstige: Der Neue Pauly, s.v.: Aristoteles, Sp. 1139; Seneca, Lucius Annaeus: naturales questiones VI, 13ff.

9 Aristoteles : Über die Welt, Bd. 1 Meterologie, Buch II, 7, Zum Verständnis der folgenden Theorie siehe: Strohm, Hans: Erleäuterungen, in: Aristoteles : Über die Welt, Berlin 1984, S. 192-199; oder: Oeser, Erhard: Historische Erdbebentheorien von der Antike bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, in: Abhandlungen. Geologische Bundesanstalt, Bd. 58, Wien 2003.

10 Daher treten in Meeresnähe, bei ihm beispielsweise in der Nähe von Sizilien oder Euböa, mehr Erdbeben auf. Vgl.: Ebd. Buch II, 7

11 Dies funktioniert natürlich nur, wenn die Sonne von Wolken verhangen ist, oder bei Nacht, da sonst das Regenwasser bald verdunsten würde. Als Jahreszeiten nennt er den Frühling und den Herbst, da die Erde zu dieser Zeit besonders feucht ist. Vgl.: Ebd. Buch, II, 7

12 Da Erdbeben nur bei einer schockartigen "Belüftung" entstehen, bebt die Erde auch nicht permanent in Meeresnähe, da dort die Erde durch das Wasser stets gekühlt ist. Seneca sah darin einen Widerspruch. Vgl.: Ebd. II,7; Seneca: Naturales Questiones VI, siehe ebenfalls zu Aristoteles Erdbebentheorie: Oeser, Erhard: Historische Erdbebentheorien von der Antike bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, 2003.

13 Vgl.: Aristoteles: Meteorologie, Buch II, 7

14 Vgl.: Aristoteles: Meteorologie, Buch I-IV.

15 u.a. bei Antiphon (5. Jh. n. Chr.), Straton von Lampsakos (340-268 v. Chr.), Poseidonos (135-50 v.Chr.) und andere, Vgl.: Oeser, Erhard: Historische Erdbebentheorien von der Antike bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, 2003, S. 15

16 Seneca, Lucius Annaeus: Naturales Questiones, Bd. 6 Abschnitt 6-8 zu Thales Wasser-Theorie, Abschnitt 9 Anaxagoras Feuer-Theorie, Abschnitt 10 Anaximenes Erde-Theorie, Abschnitt 12 Archelaus Wind-Theorie, Abschnitt 13ff Aristoteles u.a. Seneca selbst stand hierbei unter dem Einfluss des Erdbebens von Pompeji 62 n. Chr., welches heutzutage als Vorbote des Vesuvausbruchs 79 n.Chr. gesehen wird. Diesen konnte Seneca selbst nicht mehr erleben, da er 69 n.Chr. zum Selbstmord gezwungen wurde. Beschreiben wird er in den Briefen Plinius d.J., dessen Onkel (Plinius d. Ä.) ebenfalls eine Erdbebentheorie aufgestellt hat. Vgl.: Plinius Historia Naturalis II, 191-206. Senecas Hauptanligen in diesem Text war es nicht Erdbeben zu untersuchen, sondern eher ethische Betrachtungen: wie man sich verhalten solle, oder wie man Trost bei einem Unglück bekommen kann. Vgl. hierzu: Arend, Stefanie: Alte oder neue Katastrophendiskurse? Seneca, Plinius, Opitz, Voltaire, in: Lauer, Gerhard/Unger, Thorsten: das Erdbeben von Lissabon und der Katastrophendiskurs im 18. Jahrhundert (=Das achtzehnte Jahrhunder, Bd. 15), Göttingen 2008.

17 Seneca, Lucius Annaeus: Naturales Questiones, Bd. 6,3.1.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Gott als Ursache von Erdbeben
Untertitel
Das Einwirken Gottes und die Veränderung des Gottesbildes, betrachtet anhand von Erdbebentheorien vor und nach dem Erdbeben von Lissabon 1755
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Philosophie)
Veranstaltung
Gottesbeweise
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V265257
ISBN (eBook)
9783656550020
ISBN (Buch)
9783656547761
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gott, ursache, erdbeben, einwirken, gottes, veränderung, gottesbildes, erdbebentheorien, lissabon
Arbeit zitieren
Julius Schüler (Autor), 2012, Gott als Ursache von Erdbeben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265257

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