Die Integration von Behinderten stellt in Deutschland ein kontroverses und oft diskutiertes Themenfeld dar. So findet bereits seit den 70’er Jahren in der Öffentlichkeit, sowie in wissenschaftlichen und bildungspolitischen Fachkreisen eine „kontroverse und emotional belastete Integrationsdiskussion statt“
(Scheid, 1995, S. 12).
Hauptgegenstand dieser Diskussion sind die „Möglichkeiten und Rahmenbedingungen sozialer Integration“ (ebd.). – Auf welche Art und Weise ist Integration realisierbar? Wird gesellschaftlich genug getan um Integrationsprozesse
anzuregen und voranzutreiben? – Auch das eigentliche Verständnis von Integration wird dabei immer wieder diskutiert und dem Prüfstand unterworfen.
Insbesondere der Zugang zu Bildung bietet Experten Raum für kontroverse Debatten und Diskussionen. Hier stellt vor allem der gemeinsame Unterricht von Schülerinnen und Schülern mit und ohne Behinderung einen großen
Streitpunkt dar. Kritiker des bestehenden Systems fordern unlängst ein längeres gemeinsames Lernen und die Abschaffung der Sonderschulen. Aber auch der Zugang zu wirtschaftlichen Gütern und zur sozialen Umwelt sind Punkte, mit denen sich Gremien der Politik und Gesellschaft auseinandersetzen.
Schon seit langem fordern Experten eine andere Herangehensweise und Aufarbeitung der Integrationsdiskussion. Erst 2009 flammte die Debatte, ausgelöst durch die Beschlüsse der Vereinten Nationen (UN) über die Rechte von Behinderten, neu auf.
Demnach können sich Menschen mit Behinderung seither auf in 50 Artikeln zusammengefasste Rechte berufen. Die Konventionen stellen dabei keinesfalls eine Empfehlung dar, sondern sind ein völkerrechtlicher Vertrag, zu deren Umsetzung die Mitgliedsstaaten verpflichtet sind. Auch das Recht auf inklusive Beschulung ist darin verankert, muss jedoch erst noch in Schulgesetzen konkretisiert werden. Das Thema Bildung sowie die Teilhabe an kulturellem eben, Erholung, Freizeit und Sport spielt in den Beschlüssen eine tragende Rolle. Demnach ist Deutschland verpflichtet, sein Schulsystem, aber auch die
öffentliche Wahrnehmung und den Umgang mit Behinderten gewissen Änderungen zu unterziehen und die Ratifikationen voranzutreiben.
So wird in den Konventionen eindeutig festgelegt, dass „die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen“ einrichten und Menschen nicht aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen
werden dürfen (BMAS, 2011a).
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Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 AKTUELLE SACHLAGE UND DARSTELLUNG DES PROBLEMFELDES
2.1 Die vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung
2.1.1 Die wichtigsten Weisungen und Aussagen der UN-BRK als Wegweiser in eine inklusive Gesellschaft
2.2 Aktueller Stand: Inklusion in der BRD
2.3 Der gesellschaftliche Umgang mit Behinderung
2.3.1 Zum Terminus Behinderung
2.3.2 Der Behinderungsbegriff aus sonderpädagogischer Sicht
2.3.3 Soziale Konstruktion von Behinderung
2.4 Inklusion – Meilenstein oder Etikettenschwindel?
2.4.1 Allgemeines zum Begriff Inklusion
2.4.2 Inklusion als optimierte Integration
2.5 Zusammenfassung Kapitel 2
3 INKLUSION IN SCHULE UND VEREIN – ZWEI PRAXISBEISPIELE
3.1 Inklusion im (Sport)unterricht am Beispiel einer saarländischen Grundschule
3.1.1 Die Grundschule „im Vogelsang“
3.1.2 Interview mit der Schulleitung
3.1.3 Eine inklusive Sportstunde
3.2 Inklusion im Vereinssport am Beispiel eines saarländischen Leichtathletikvereins
3.2.1 Die LG Reimsbach-Oppen
3.2.2 Inklusion in der LG Reimsbach-Oppen
3.2.3 Interview mit den Verantwortlichen der LG
3.2.4 Eine inklusive Trainingseinheit
3.3 Zusammenfassung Kapitel 3
4 SPORTPÄDAGOGISCHE ASPEKTE VON INKLUSION IM SCHUL- UND VEREINSSPORT
4.1 Zur Sinnhaftigkeit inklusiven Sporttreibens und der Nutzen für Nicht-Behinderte
4.1.1 Über die Vereinbarkeit von Lernzielen und Inklusion – Der Doppelauftrag des Sportunterrichts
4.2 Anforderungsprofil der Lehrkraft
4.3 Kriterien inklusiven Unterrichts
4.4 Methoden inklusiver Unterrichtsgestaltung im Sport
4.4.1 Differenzierung im inklusiven Sportunterricht
4.4.2 Psychomotorik im inklusiven Sportunterricht
4.5 Inklusion in Sportvereinen
4.6 Strukturelle Voraussetzungen
4.7 Zusammenfassung Kapitel 4
5 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung der UN-Behindertenrechtskonvention für die schulpädagogische Arbeit und den Sport in Deutschland. Zentrales Ziel ist es, den aktuellen Stand inklusiver Sportangebote in Schulen und Sportvereinen zu beleuchten sowie aufzuzeigen, mit welchen Methoden und Maßnahmen eine erfolgreiche Inklusion in heterogenen Gruppen gelingen kann.
- Bedeutung der UN-Behindertenrechtskonvention für den Sport.
- Theoretische Grundlagen und Abgrenzung der Begriffe Behinderung, Integration und Inklusion.
- Analyse von Praxisbeispielen in Schule und Verein.
- Sportpädagogische Methoden wie Differenzierung und Psychomotorik im inklusiven Unterricht.
- Herausforderungen und notwendige strukturelle Voraussetzungen für eine inklusive Gesellschaft.
Auszug aus dem Buch
4.4.1.1 Differenzierung unter dem Aspekt der logischen Entwicklung
Das Ziel dieses Ansatzes ist es, nicht an den Defekten des Schülers anzusetzen, sondern an seinem aktuell bestehenden Leistungsvermögen und ihn dort so zu fördern, dass möglichst die „Zone der nächsten Entwicklung“ (Fediuk & Holter, 2003, S. 24) erreicht wird. Eine wichtige sportdidaktische Überlegung besteht laut Fediuk & Holter (2003) dabei darin, „die Vielfalt in den perzeptiven und motorischen Leistungen unter dem Gesichtspunkt des Werts und nicht des Defekts zu betrachten“. Diese Überlegungen orientieren sich an einer „entwicklungslogischen Didaktik“ (Feuser, 2002), die nicht etwa die (sportliche) Leistung, sondern die optimale Entwicklung des Schülers in den Mittelpunkt stellt. Hierbei gelingt die zu realisierende „innere Differenzierung“ durch eine entwicklungslogische, biografieorientierte Individualisierung der Schüler (Feuser, 2002, S. 289). Die innere Differenzierung erfolgt dabei im Idealfall jahrgangs- und klassenübergreifend, interkulturell und integrativ; einzig die individuelle Persönlichkeitsentwicklung rückt in den Mittelpunkt und ist maßgeblich für die Differenzierung.
Damit aber die kooperative Arbeit an einem Gemeinsamen Gegenstand, im Sinne eines inklusiven Unterrichts, gesichert ist, darf laut Feuser (1998) jedoch nicht hinsichtlich der Unterrichtsinhalte differenziert werden. Nur dann kann, überspitzt formuliert, von Inklusion gesprochen werden. Bei der Auswahl des gemeinsamen Gegenstandes, also des Unterrichtsgegenstandes, nimmt sich Feuser der Auffassung von Klafki (1991) an. Demnach muss der Gegenstand so gewählt werden, dass sich die Schüler damit identifizieren können, d. h. dass er für sie einen Sinn und eine Bedeutung hat. Denn „ „Sinn“ und „Bedeutung“ sind für den Menschen die führenden, motivbildenden Ebenen, hinter denen seine Bedürfnisse und seine Emotionen stehen“ (Feuser, 1999, S. 40).
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in das Thema der Integrationsdiskussion und Zielsetzung der Arbeit unter Berücksichtigung der UN-Behindertenrechtskonvention.
2 AKTUELLE SACHLAGE UND DARSTELLUNG DES PROBLEMFELDES: Analyse der rechtlichen Rahmenbedingungen durch die UN-BRK und theoretische Klärung der Begriffe Behinderung, Integration und Inklusion.
3 INKLUSION IN SCHULE UND VEREIN – ZWEI PRAXISBEISPIELE: Untersuchung der Umsetzung von Inklusion anhand einer Grundschule und eines Leichtathletikvereins mittels qualitativer Experteninterviews und Beobachtungen.
4 SPORTPÄDAGOGISCHE ASPEKTE VON INKLUSION IM SCHUL- UND VEREINSSPORT: Detaillierte Darstellung der Sinnhaftigkeit, methodischen Ansätze wie Differenzierung und Psychomotorik sowie struktureller Anforderungen für den inklusiven Sport.
5 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK: Rekapitulation der wichtigsten Erkenntnisse und Aufruf zur weiteren gesellschaftlichen sowie strukturellen Transformation hin zu einer gelebten Inklusion.
Schlüsselwörter
Inklusion, Integration, Behinderung, UN-Behindertenrechtskonvention, Sportpädagogik, Schulsport, Vereinssport, Heterogenität, Differenzierung, Psychomotorik, Soziales Lernen, Sportunterricht, Förderbedarf, Bewegungserfahrung, Inklusive Didaktik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung der UN-Behindertenrechtskonvention für die pädagogische Arbeit im Schul- und Freizeitsport und wie ein inklusiver Ansatz in die Praxis umgesetzt werden kann.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten zählen die rechtlichen Grundlagen der Inklusion, die sportpädagogische Praxis in Schulen und Vereinen sowie methodische Ansätze für den Umgang mit heterogenen Gruppen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den Leser theoretisch in das Thema Integration und Inklusion einzuführen und aufzuzeigen, wie Inklusion im Sport durch spezifische pädagogische Maßnahmen erfolgreich gestaltet werden kann.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit basiert auf einer umfangreichen Literaturanalyse sowie qualitativen Befragungen und Beobachtungen in einer inklusiven Grundschule und einem Leichtathletikverein.
Was umfasst der inhaltliche Hauptteil?
Im Hauptteil werden theoretische Konzepte zur Inklusion im Sport, wie die Differenzierung und die Psychomotorik, detailliert erörtert und auf ihre praktische Anwendbarkeit in heterogenen Gruppen geprüft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Inklusion, Integration, UN-Behindertenrechtskonvention, Sportpädagogik, Heterogenität, Differenzierung und Psychomotorik.
Inwiefern spielt die Psychomotorik eine Rolle für Inklusion im Sport?
Die Psychomotorik wird als ganzheitlicher Ansatz verstanden, der den Schüler in den Mittelpunkt stellt und durch individualisierte Lernangebote zur Persönlichkeitsentwicklung in inklusiven Gruppen beitragen kann.
Was ist das Ergebnis der Fallbeispiele zur Inklusion in Vereinen?
Die Beispiele zeigen, dass Inklusion im Breitensport möglich ist, jedoch ein hohes Maß an Engagement, Vorbereitungszeit und oft die Zusammenarbeit mit Fachkräften erfordert, um erfolgreich zu sein.
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- Alexander Blum (Author), 2013, Sportpädagogische Aspekte des Behindertensports in Schule und Verein, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265317