Aspekte der dualen Karriereplanung von Spitzensportlern


Bachelorarbeit, 2012
91 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 DER SPITZENSPORT
2.1 Die biographische Besonderheit
2.2 Die Totalisierung
2.3 Die Motivation zum Leistungssport
2.4 Der Leistungssport und die Gesellschaft

3 DIE KARRIEREPLANUNG
3.1 Der theoretische Forschungsstand
3.1.1 Die sportliche Karriere
3.1.2 Die berufliche Karriere
3.1.3 Einfluss der Spitzensportkarriere auf die Berufskarriere
3.2 Der Empirische Forschungsstand
3.2.1 Die duale Karriereplanung
3.2.2 Die Nachsportliche Karriere

4 DIE EMPIRISCHE UNTERSUCHUNG
4.1 Forschungsfragen und Arbeitshypothesen
4.2 Die Untersuchung
4.2.1 Das Interviewinstrumentarium
4.2.2 Zur Personenstichprobe
4.2.3 Ablauf der Untersuchung
4.2.4 Untersuchungsauswertung

5 ERGEBNISSE
5.1 Abgleich mit dem Idealtypus
5.1.1 Der Masterstudent der Fernuniversität
5.1.2 Der Kommissaranwärter der Polizei (Sportfördergruppe)
5.1.3 Der Berufssportler
5.2 Individuelle Karriereplanung
5.2.1 Der Sichere/optimal
5.2.2 Der Realistische/zweigleisig
5.2.3 Der Optimist/eingleisig
5.2.4 Vergleichende Interpretation

6 DISKUSSION
6.1 Ergebnisdiskussion
6.2 Methodendiskussion
6.3 Implikation für die Praxis

7 AUSBLICK

LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Dimension der biographischen Fixierung (Bette & Schimank, 1995,S.14)

Abbildung 2: Modell des Totalisierungsprozesses im Spitzensport (Emrich, Papathanassiou & Pitsch, 1997, S. 17)

Abbildung 3: Characteristics of Talent Perfomrs and their Mentor and Parents at various Phases of their Career (Samela, 1994 in Bona, 2001, S. 75)

Abbildung 4: Etappen der Berufskarriere (Nagel, 2002, S. 42)

Abbildung 5: Konzeptioneller Umriss zur Analyse der Einflusses der Hochleis- tungssport-Karriere auf die Berufskarriere (vgl. Nagel, 2002, S. 56)

Abbildung 6: Differenzierung des psycho-physischen Doppelbeanspruchungs- lebens (vgl. Hackfort & Birkner, 2004, S. 95).

Abbildung 7: Frequenzanalyse des Interviews von Sportler 1

Abbildung 8: Kodierbogen für die Frequenzanalyse des Idealtypus

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Schulische-berufliche Unterstützungsmaßnahmen (Vergleich BRD - DDR) (vgl. Nagel, 2002, S. 52)

1 Einleitung

Die Karrieren von Spitzensportlern werden bis heute vermehrt retroperspektiv erforscht. Im Zentrum solcher Untersuchungen steht der Verlauf der sportlichen Karriere. Hierbei sind der Anfang und das Ende einer Karriere sowie die nachsportliche Situation wichtige Elemente vieler Untersuchungen. Einblicke in die Lebensläufe von Spitzensportlern können es somit ermöglichen, die Chancen und Risiken einer sportlichen Karriere aufzudecken (Conzelmann, Gabler, & Nagel, 2001). Eine frühzeitige duale Karriereplanung ist demzufolge sehr wichtig und äußert sich oft im Sinne eines gesicherten Lebens nach der der sportlichen Laufbahn.

Baur (1998) erwähnt in diesem Zusammenhang ein Koordinationsdilemma, in dem sich Nachwuchssportler wiederfinden können. Denn einerseits müssen sie der Schule und der Ausbildung, neben der Spitzensportkarriere, große Aufmerksamkeit schenken, damit im Anschluss zur zeitlich begrenzten Spitzensportkarriere die beruflichen Optionen und Lebenschancen nicht verspielt werden. Andererseits können Schule und Ausbildung nur dann zurückgeschraubt werden, wenn die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs im Spitzensport sehr hoch ist (Baur, 1998, S. 18).

Brettschneider (1998) postuliert darüber hinaus Folgendes über die duale Karriere von Nachwuchsportlern: „Einerseits begegnet uns das zum Topos geronnene Argument, wonach leistungssportliches Engagement die Entwicklung der Persönlichkeit in vielen ihrer Dimensionen nachhaltig fördere, somit ein Gewinn fürs Leben darstelle.“ (Brettschneider, 1998, S. 100).

Die Sportpädagogen hingegen sehen die Heranwachsenden in einem Entwicklungstunnel gefangen: „Leistungssport- so ihre Argumentation- führe zu sozialer und emotionaler Verarmung, bedingend die Vernachlässigung intellektueller Interessen, kurz: impliziere den Verlust der Jugend“ (Brettschneider, 1998, S. 100).

Die Spitzensportkarriere wird darüber hinaus von vielen anderen Autoren als sehr problematisch dargestellt. Aus diesem Grund gewinnt die duale Karriereplanung immer mehr an Bedeutung, denn die Bewältigungsstrategien sind vielfältig. Dies soll in der folgenden Bachelorarbeit näher untersucht werden. Die Untersuchung der Bewältigungsstrategien steht hierbei im Fokus. Um diese deuten zu können, müssen jedoch zunächst andere Aspekte analysiert werden.

Ein Aspekt, der generell wissenschaftlich noch relativ wenig erforscht wurde, ist die Motivation junger Menschen sich für eine hochleistungssportliche Karriere zu entscheiden. Die Motive und Ziele eines Spitzensportlers können die Entscheidung und somit die gewählten Strategien allerdings erklären. Die dazu getätigte empirische Untersuchung wurde anhand einer Stichprobe von drei Spitzenathleten durchgeführt, wobei auf formale Unterschiede geachtet wurde. Untersucht wurde im Bereich des Studiums, der Polizei und des Berufssports. Ziel dieser Arbeit ist es somit die unterschiedlichen Aspekte der dualen Karriereplanung von Spitzensportlern hervorzuheben, um daraus eine mögliche Strategie zur individuellen Karriereplanung ableiten zu können. Im folgenden Abschnitt wird nun auf den Leistungs- und Spitzensport eingegangen, wobei zunächst die Begrifflichkeit geklärt werden muss.

2 Der Spitzensport

„Der Sport ist ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Gesellschaft und bereichert in zahlreichen Erscheinungsformen unseren Alltag. In seiner spitzensportlichen Ausrichtung trägt er zu einer beispielslosen Wertevermittlung von Leistung und Leistungsstreben bei.“ (Thiel, 2012, S. 1). Beim Spitzensport handelt es sich demzufolge um ein soziales System, welches durch Leistungssteigerung und Erfolgsverlangen auf internationalem Niveau geprägt ist (Emrich, 2003, S. 491). Dieses Streben nach hohen und höchsten Leistungen bestimmt auch den Spitzensport als einen gegenwärtig öffentlichkeitswirksamen Bereich sozialen Lebens (Gabler, 1981, S 11).

Der Spitzensportler bzw. der Hochleistungssportler wird innerhalb dieses großen Sys- tems vorrangig in ein Kadersystem eingeordnet, wodurch sein Leistungsniveau klassi- fiziert werden kann. Das Ziel besteht darin, die Leistung, die an Weltrekorden ausge- richtet ist, zu steigern und international zu dominieren (Emrich, 2003, S. 491). Der Hochleistungssport unterscheidet sich hinsichtlich der Durchführung von Wettkämpfen bzw. Wettbewerben vom Breitensport und vom Freizeitsport (Emrich, 1998, S. 343). Denn sobald sich das Leben eines Spitzensportlers vollkommen am Spitzensport aus- richtet und damit verbunden unterschiedliche Akteure am Erfolg des Spitzensportlers beteiligt sind, besteht die Tendenz, dass vermehrt über eine Professionalisierung ge- sprochen wird (Fischer, 1988, S. 13). In diesem Sinne spricht Heinemann von Profes- sionalisierung:

- wenn Sportler oder Funktionäre für ihre Tätigkeit Geld erhalten;
- wenn sie ihre Tätigkeit als (Ganztags)-Beruf ausüben;
- wenn sie mit dieser Tätigkeit ihren Lebensunterhalt bestreiten;
- wenn für die Ausübung einer Tätigkeit eine Kompetenz und ein Zeitaufwand benötigt wird, die der Einzelne in der Freizeit nicht erwerben bzw. aufbringen kann;
- wenn sich eine fest etablierte Berufsgruppe herausbildet.

(Heinemann, 2003, S 431)

Problematisch ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass die Sportlerrolle nicht voll- ständig als Professionalisierung beschrieben werden kann, da der konstruktive Aspekt der Kontinuität der Erwerbschance fehlt (Hackfort, Emrich & Papathanassiou, 1997, S. 14 zitiert nach Weber, 1980). Aus diesem Grund führt Heinemann (2003) außerdem den Begriff der Verberuflichung ein. Heinemann (2003) spricht von einer Verberufli- chung, wenn eine Tätigkeit hauptberuflich, kontinuierlich und mit entsprechender fachlicher Kompetenz zur Sicherung des Lebensunterhalts ausgeübt wird (Heinemann, 2003, S. 431). Demzufolge ist die Verberuflichung meist von der Sportart abhängig, davon inwiefern diese in den Medien präsent ist, kommerzialisiert wird und wie hoch diese Sportart entlohnt wird (Nagel, 2002, S. 48-49). Der Hochleistungssportler, der im Fußball, Tennis, Motorsport, Reiten oder Radsport tätig ist, kann sich folglich die sportliche Dienstleistung als berufliche Tätigkeit (Verberuflichung) anerkennen lassen (Nagel, 2002, S. 48). Alle anderen Hochleistungssportler, die in ihrer Sportart nicht diese kontinuierliche Versorgungschance (vgl. Hackfort, 1997, S. 15) haben, müssten -normalerweise - eine normale berufliche Tätigkeit, Ausbildung oder Studium verfolgen (Nagel, 2002, S. 48).

Somit wird im weitesten Sinne deutlich, dass der Hochleistungssport mit seinen verschiedenen Aspekten im Interesse der sportinteressierten Gesellschaft steht, da das ganze System und der Sport selbst vom Erfolg des Sports in den Massenmedien und der Kommerzialisierung profitieren können (Schär, 1992, S. 76).

So zitiert Gabler (1981) in seinem Buch das besondere Verhältnis von Politik und Sport nach dem früheren Bundeskanzler Willy Brandt: „der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland Willy Brandt in seiner Regierungserklärung vom 28. 10. 1969, seine Regierung werde dem Sport große Aufmerksamkeit schenken, denn in München habe man „die Chance, der Weltöffentlichkeit das moderne Deutschland vorzustellen“.“ (Gabler, 1981, S. 12).

Der Spitzensport repräsentiert, je nach Kaderzugehörigkeit, den Staat und das Land auf internationalem Niveau, wodurch der Erfolgsdruck auf den Spitzensportler, den Umfeldakteur und das ganze System gesteigert wird (Gebauer, 1992, S. 13-15). Soge- nannte biographische Risiken können durch die „Totalisierung“ (vgl. Hackfort, 1997, S. 13-17) entstehen und den Spitzensportler in eine Falle locken, die gesellschaftliche Schwierigkeiten mit sich führen kann.

In welcher Weise die daraus resultierende biographische und gesellschaftliche Problematik und die dabei vorhandenen Motive, die diese Problematik meist verdrängen, postuliert werden, wird in den folgenden Abschnitten beschrieben.

2.1 Die biographische Besonderheit

Schlagen wir in einem Wörterbuch den Begriff „Biographie“ nach, so wird dieser als „Lebensbeschreibung von einem Individuum“ definiert (Der Brockhaus, 2002, S. 37). Infolgedessen beschreiben Bette und Schimank (1995), dass sich die Biographie einer Person aus einem Wechselspiel von sowohl vergangenheitsbasierten als auch zu- kunftsorientierten Identitätsentwürfen, inkrementellem alltäglichem Taktieren, dem Erleiden teils vorhergesehener, teils unverhoffter Möglichkeitsbeschränkungen sowie sich eröffnenden neuen Gelegenheiten der kurz- oder langfristigen Lebensgestaltung ergibt (Bette & Schimank, 1995, S.108). Dadurch wird sofort klar, dass die Biographie eines Leistungssportlers problematisch sein kann. Bette und Schimank (2002) bezeich- nen dies als „Biographische Falle“. Die Falle liegt in diesem Fall in der Pfadabhängig- keit des Spitzensportlers, „(...) je nachdem, wie leicht oder wie schwer man einen ein- mal eingeschlagenen Pfad wieder zu verlassen vermag und wie gut und wie weit sich der zukünftige Verlauf eines Pfades, an dessen Anfang man steht, voraussehen lässt.“ (Bette, Schimank, Wahlig & Weber, 2002, S. 16). Der Spitzensportler kann demnach umso schneller in einer solchen biographischen Falle landen, je irreversibler die Wahl eines bestimmten Pfades und je ungewisser dessen Verlauf ist (Bette et al., 2002, S16). Weiter wird die „Biographische Fixierung“ thematisiert. Diese biographische Fixie- rung geht über die biographische Falle hinaus, wobei von einer Engführung der Sport- lerkarriere gesprochen wird, die den Ausschluss anderer Möglichkeiten mit sich bringt (Bette et al., 2002, S. 16) und das Ergebnis eines Syndroms ineinandergreifender zeit- licher, sachlicher und sozialer Wirkungsgrößen darstellt (vgl. Bette & Schimank, 1995, S. 109-111).

In der folgenden Abbildung (Abb. 1) nach Bette und Schimank (1995) kann die sozia- le, sachliche und zeitliche Wirkungsgröße deutlich gemacht werden. Denn je mehr Zeit in das Sporttreiben investiert wird, desto weniger Zeit bleibt dem Sportler für andere Dinge. Der Sportler tendiert also dazu sich mehr an seinem sportlichen Umfeld, also an den Menschen, die ihn unterstützen, zu orientieren. Das soziale Umfeld, welches ihn in seiner Entscheidung bestätigt und unterstützt, wird bevorzugt und andere Kon- taktkreise werden vernachlässigt (Bette & Schimank, 1995, S. 109-114).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 : Dimension der biographischen Fixierung (Bette & Schimank, 1995, S. 114)

Eine Besonderheit der sportlichen Karriere liegt darin, dass die biographische Fixie- rung eines Spitzenathleten auch stark von den Umfeldakteuren abhängig ist. Bette et al. (2002) beschreiben diese Umfeldakteure als Promotoren, die den Athleten beim sportlichen Erfolg unterstützen. (Bette et al., 2002, S. 19). Hierdurch wird deutlich, dass der Athlet und die Umfeldakteure meist voneinander abhängig sind. Der Athlet braucht Erfolg, den er nur durch die Unterstützung der Umfeldakteure, z.B. Trainer, Manager usw., erreichen kann. Im Gegenzug sind die Akteure stark vom Sportler ab- hängig. Diese haben aus verschiedenen Beweggründen den Wunsch, dass der Sportler möglichst erfolgreich ist (Bette et al., 2002, S. 19). So wirken die genannten Akteure auf den Leistungssportler ein, in der Absicht diesen nach Möglichkeit zu kontrollieren, um schlechte Einflüsse, die seine Leistung sinken könnten, zu vermeiden. Dadurch wird verständlich, dass die beeinflussenden Akteure nicht das Bestreben haben ihren Athleten hinsichtlich einer vernünftigen beruflichen Laufbahn zu beraten. Der Sportler befindet sich in einer biographischen Falle, die auch indirekt durch die Promotoren und den damit resultierenden Erfolgsdruck entstehen kann (Bette et al., 2002, S. 20). In Bette et al. (2002) ist weiterhin die Rede von den biographischen Risiken, durch die ein Sportler während und nach seiner sportlichen aber auch beruflichen und nachsport- lichen Karriere negativ beeinflusst werden kann.

Risikofaktoren während der Sportkarriere:

- Sportliche Niederlagen
- Konkurrenzintensität einer Sportart
- Körperabhängigkeit und Verletzungsanfälligkeit
- Motivationsprobleme
- Leistungsbewertung und sportinterne Kontextveränderungen
- Knappheit und Instabilität von Förderbedingungen
- Tatsächliche oder vermutete Dopingdurchsetztheit der Karrieresportart
- Kumulation und sportartspezifische Varianz der Risiken

(Bette et al., 2002, S. 354).

Risikofaktoren nach der Sportkarriere:

- Identitätsgefährdung und kognitive Schließung
- „social death“
- Ökonomische Risiken
- Langfristig Körperschäden

(Bette et al., 2002, S. 356-360).

Folglich ist das Risiko einer sportlichen Karriere nicht nur auf den Sport begrenzt, sondern auch die nachsportliche Biographie kann maßgeblich darunter leiden. Wenn demzufolge nicht früh genug die nachsportliche Karriere geplant wurde, können dann, wenn ein Ende der sportlichen Karriere in Sicht ist, Zukunftsunsicherheiten entstehen, die den Sportler vor dem Nichts stehen lassen können. Aus diesem Grund ist eine dua- le bzw. nachsportliche Karriereplanung für den Spitzensportler unverzichtbar, worauf in Punkt 3 näher eingegangen wird. In diesem Zusammenhang ist ferner der Begriff der Totalisierung zu nennen, welcher im nächsten Abschnitt dargestellt wird.

2.2 Die Totalisierung

Ausgehend von der biographischen Fixierung von Spitzensportlern stellen Bette und Schimank (2006) in diesem Zusammenhang den Begriff der Totalisierung vor. Im Zu- sammenhang mit der „ greedy Institution “ (Coser, 1974 in Bette und Schimank, 2006) sprechen die Autoren von einer Totalisierung der Sportlerrolle (Bette & Schimank, 2006, S. 48ff.). Die „ greedy Institution “ beschreibt zunächst ein pausenloses Verlan- gen der Protagonisten an ihre Mitglieder. Dabei werden die Akteure, die in eine solche Institution geraten, zeitlich, sachlich und sozial vereinnahmt (Bette & Schimank, 2006, S 49). Dieser Sachverhalt lässt sich weiterhin in Bette und Schimank (2006) sowie in Riedel (200) mit dem Terminus Inklusion beschreiben. „Inklusion bezeichnet den Mo- dus, durch den ein Handelnder als Rollenträger in ein gesellschaftliches Teilsystem einbezogen wird und dabei bestimmte Teilhaberechte und Teilnahmepflichten hat - z.B. als Schüler oder Lehrer ins Erziehungssystem.“ (Bette & Schimank, 2006, S 49). Bezogen auf den Spitzensportler bedeutet dies Folgendes: sobald dieser die Rolle des Spitzensportlers einnimmt, wird er automatisch dazu verpflichtet andere Rollenzu- sammenhänge wie Familie, Freizeit, Schule usw. zu opfern (Bette & Schimank, 2006, S 49) und sich auf das erfolgbringende System zu konzentrieren. In der folgende Ab- bildung (Abb.2) wird dieser Prozess von Hackfort et al. (1997) in Form eines überge- ordneten Totalisierungsprozesses dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Modell des Totalisierungsprozesses im Spitzensport (Emrich, Papathanassiou & Pitsch, 1997, S. 17)

Die Totalisierung lässt sich demnach folgendermaßen beschreiben: „Immer höhere Leistungen führen zur Notwendigkeit eines immer umfangreicheren Trainings nebst trainingsbegleitenden Maßnahmen und erzeugen für Athleten und Trainer Zeitknapp- heit und damit das subjektive Gefühl der Reduzierung nicht nur der „Verhaltensbelie- bigen“ Zeit.“ (Hackfort et al., 1997, S. 13, zitiert nach Heinilä, 1982, 235ff). Die Rolle des Spitzensportlers wird somit als „totale Rolle“ angesehen und beeinträchtigt in gewissem Maße das Durchlaufen einer anderen Karriere.

Innerhalb des Totalisierungsprozesses wird zwischen zwei Netzwerkkonstruktionen unterschieden:

- Das „ Netzwerk Sportsystem“
- Das „persönliche Netzwerk“ eines Spitzensportlers

(Wippert, 2002, S. 52)

Das „Netzwerk Sportsystem“ korrespondiert mit einem strukturellen Netzwerk mit formalen Routinen, tradierten Problemlösungsmuster und normativer Integration. Das „persönliche Netzwerk“ ist wiederum innerhalb eines äußeren und eines inneren Netz- werks konstruiert. Das Äußere ist meist das Verbandsystem, mit dem bei Erfolg koope- riert werden muss und das nicht ausgewählt werden kann. Das Innere ist ein persönlich ausgesuchtes und akzeptiertes Netzwerk (Wippert, 2002, S. 52-53). Darunter fallen die Familie, Freunde, Schule, Studium, Arbeit, die Öffentlichkeit sowie Sponsoren. Da meist eine Spannung zwischen beiden Feldern entsteht, da diese sich gegenseitig aus- schließen, wird der Sport getrennt davon betrachtet (Wippert, 2002, S. 53, zitiert nach Holz, 1987). Somit steht der Sportler in einem Prozess, in dem Erwartungsenttäu- schungen vermieden werden müssen. Die Verbesserung künftiger sportlicher Leistung steht im Vordergrund dieser rigiden Institution, die den Totalisierungsprozess fördert (Hackfort et al., 1997, S. 17). In diesem Bezug stellt sich die Frage, welche konkreten Motive Spitzensportler haben, um diesen Prozess zu akzeptieren. Dies wird im folgen- den Abschnitt näher dargestellt.

2.3 Die Motivation zum Leistungssport

Aufgrund der dargelegten Problematik stellt sich die Frage, ob sich ein Spitzensportler dieses Prozesses bewusst ist und welche Motive ihn dazu bringen, dies zu akzeptieren oder zu verdrängen. Auf diesen Sachverhalt wird in der empirischen Untersuchung dieser Arbeit weiter eingegangen.

In Gabler (1981) werden empirische Untersuchungen zur Motivation des Hochleistungssportlers offengelegt. Ein russischer Sportpsychologe A. Z. Puni (1961) kommt im Anschluss an seine Motivationsuntersuchung zu einer Einteilung der sportlichen Laufbahn in drei Entwicklungsbereiche (Gabler, 1981, S. 36-37):

1. Sportliche Betätigung steht im Anfangsstadium. Das Bedürfnis nach Bewe- gung, Pflichtbewusstsein und die Freude an einer spezifischen Tätigkeit ste- hen im Vordergrund.

2. Die Spezialisierung auf eine bestimmt Sportart steht im nächsten Stadium im Vordergrund. Das Interesse liegt darin, das Bestreben und die Fähigkeit ha- ben zu wollen, sich weiter zu entwickeln um das Verlangen nach Erfolg zu befriedigen.

3. Im Stadium der Meisterschaft sollen die bestehenden Höchstleistungen, in Form von Rekorden, überboten werden. Das Training wird als Vervoll- kommnung angesehen und sportliche Erfahrung soll übermittelt werden.

Eine weitere, nach Gabler (1981) sehr genaue Untersuchung, wurde von M. Vanek und V. Hosek (1970) in Hinblick auf die Motivationsstrukturen von 600 Leistungssportlern getätigt. Dabei kamen die Autoren zu einer Einteilung in primäre, sekundäre und sozi- ale Motive. Im Zentrum der Motive steht primär, abhängig von den Individuen, das Bedürfnis nach Bewegung und Leistung. Dies ist sekundär abhängig von in der frühe- ren Kindheit entwickelten Motivpaaren, wie nachgeben und ängstlich zu sein, sich zu behaupten und zu dominieren oder dem Bedürfnis nach Variabilität und Neuigkeit ge- genüber dem Bedürfnis nach Stabilität und Vorhersehbarkeit (vgl. Gabler, 1981, S. 37ff.). Beim sozialen Motiv ist die Rede von Bedürfnis und Identifikation und Nach- ahmung, Projektion und Einfühlung sowie von dem Bedürfnis nach Suggestibilität (Gabler, 1981, S. 37ff). In Anlehnung an Gabler (1981) wird deutlich, dass alle Ergeb- nisse der Untersuchungen der Motivation von Spitzensportlern schwer zu vergleichen sind. Sie lassen aber einen Ansatz und eine Vermutung deutlich werden, worauf in der später dargestellten Untersuchung noch näher eingegangen wird.

Betrachten wir die in dem vorherigen Abschnitt dargelegte Innenperspektive des Spit- zensportlers, so erwähnt Wippert (2002) in diesem Zusammenhang, dass es im Hoch- leistungssport Motive sowie eine Sucht geben muss, die trotz aller Rollenkollisionen, - überbelastungen, strukturellen Einschränkungen, gesundheitlichen Einbußen und be- ruflichen Nachteilen, den Athleten dazu zwingen müssen aktiv zu bleiben. Die Tatsa- che, dass der finanzielle Vorteil und der Spaß die Ursache für den Beginn der sportli- chen Aktivität sein sollen, scheint nach Wippert zu schwach (Wippert, 2002, S. 54). Er bezieht sich in seinem Kapitel auf eine beeindruckende Zielklarheit und klare Wunschvorstellungen von Kindern, die den Wunsch haben etwas Besonderes sein zu wollen. Dieses Ziel ist meist auf der „Sportspielplatz-Ebene“ einfacher zu erreichen als auf der „Kinderspielplatz-Ebenen“ (Wippert, 2002, S. 54 nach Gruner, 1988). Da- durch wird deutlich, weshalb Kinder in ihrer Freizeit vermehrt in Sportarten aktiv sind, statt auf Kinderspielplätzen. Das Kind wächst in diesem Spiel bzw. in dieser Sportart auf in der es, betont durch intensive Trainingsphasen im frühen Alter, erfolgreich wer- den will oder wurde, wodurch die entwickelten Motive vor allem sehr ich-bezogen sind. Die Möglichkeit zur Aufhebung von Ich-Schranken (vgl. Wippert, 2002, S. 56) und das Erleben existenzsteigernder Momente wird hier möglich (Wippert, 2002, S. 56). Dementsprechend lässt sich nach Wippert Folgendes zitieren: „Spaß und Freude sind zu schwache Begriffe, die allenfalls auf die Beschreibung von Rummelplatzer- gebnissen zutreffen. All die „Fun- oder Extremsportarten“ zielen auf existenzsteigern- de Erlebnismomente ab. Das Erarbeiten solcher Momente kann nur durch Überwin- dung eigener Körpergrenzen im Hochleistungssport auf höchstem Niveau erreicht wer- den und setzt suchterzeugende Gefühle frei.“ (Wippert, 2002, S. 54).

Insgesamt betrachtet fällt es einem Leistungssportler, trotz der bewussten Problematik, sehr schwer mit dem Sport aufzuhören. Abgesehen von den äußeren Netzwerken, die ihn zum Erfolg zwingen, ist die Innenperspektive, die mit Motiven wie Sucht besetzt ist, die Perspektive, die einen Ausstieg unmöglich macht. Erfolge sowie Niederlagen steigern diese Sucht. Niederlagen werden von dem Bedürfnis wieder erfolgreich zu sein, bzw. sein zu müssen, begleitet. Denn dieses basiert auf dem Wiederholungsprin- zip nach Wippert (2002, S. 60ff.). Der Innenaspekt scheint allerdings schwer greifbar. Dieser Punkt wird in der Ergebnisdiskussion dieser Arbeit wieder aufgegriffen. In den folgenden Abschnitten wird nun übergreifend auf den Leistungssport und die Gesell- schaft eingegangen.

2.4 Der Leistungssport und die Gesellschaft

Unsere heutige Gesellschaft ist immer mehr vom sozialen Status des Einzelnen abhän- gig. Sie wird als „Leistungsgesellschaft“, als „Erfolgsgesellschaft“ oder als „Konkur- renzgesellschaft“ bezeichnet (Gabler, 1981, S. 9). Der Leistungssport ist dementspre- chend aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken (Weber, 2003, S. 90). Sein Stellenwert in der medialen Welt ist äußerst hoch und trägt in großem Maße zur Event-Tauglichkeit bei (Bette & Schimank, 2000 in Weber, 2003, S. 90). Die Medien, die Wirtschaft und die Politik haben am Sport ein sehr großes Interesse, wodurch des- sen Entwicklung enorm geprägt worden ist. Denn kein anderer gesellschaftlicher Handlungsbereich bekommt so viel Aufmerksamkeit wie der Leistungssport (Weber, 2003, S. 90). Die Industrie und Wirtschaft unterstützen den einzelnen Leistungssport- ler oder die ihn fördernden Organisationen in finanzieller Hinsicht, um auf diesem Weg zu Werbung in den Medien zu gelangen und dadurch den Verkauf von Sportarti- keln und Konsumgütern zu erhöhen (Gabler, 1981, S. 13). In diesem Fall spricht man von Sponsoring.

Hackforth (1993) erwähnt in Strähl und Anders (1993), dass zwischen den Leistungs- sportlern und den sportinteressierten Gesellschaften die modernen Massenmedien als milliardenfache Multiplikatoren auftreten (Hackforth in Strähl & Anders, 1993, S. 81). Somit steht vermehrt das sportliche Geschehen unter dem Druck der politischen In- stanz, der ökonomischen Interessen sowie der Gesetzmäßigkeit der Massenkommuni- kation. Der Spitzensportler muss aus diesem Grund als Endglied der gesellschaftlichen Vermarktungskette sein individuelles Handeln einem komplexen System unterordnen (Wipper, 2002, S. 38). Hierdurch wird klar, dass ein Leistungssportler den Druck die- ses Gesellschaftssystems spürt, sobald er in seiner Sportart national und international Erfolge erzielt hat. Andererseits wird der Sport als alleiniger Beruf von unserer heuti- gen Gesellschaft nicht gut angesehen, da der Berufssportler unter keine sozioprofessi- onelle Kategorie fällt und immer unter dem Gesichtspunkt der bürgerlichen Tüchtig- keit gesehen wird (Gebauer et al., 1999, S. 28). Somit erscheint eine sportliche Karrie- re nur dann sinnvoll und vorbildlich zu sein, wenn diese von einer parallel verlaufen- den Berufskarriere begleitet wird.

Demzufolge ist es für einen Spitzensportler sehr schwer, die vorbildliche duale Karriere zu verfolgen. Die vollkommene Fokussierung auf den Sport, die meist von sportbezogenen Umfeldakteuren verlangt wird, kann den Spitzensportler in die biographische Falle führen. Die biographische Fixierung und Totalisierung macht einen Ausstieg fast unmöglich. Andererseits ist die vorbildliche Lösung auch nicht als optimal zu bewerten: Die Doppelbelastung, Beruf und Sport, führt zu einer Unmöglichkeit in beiden Karrieren das maximal Mögliche zu erreichen (Borggrefe, Cachay & Riedel, 2009, S. 169). Die Strategie, die ausgewählt wird, ist oft durch alternierende Schwerpunktsetzungen geprägt (Borggrefe, Cachay & Riedel, 2009, S. 169).

In diesem Zusammenhang wird im nächsten Punkt auf die Karriereplanung von Spitzensportlern eingegangen.

3 Die Karriereplanung

Der Begriff Karriere wird von Emrich (2003) als eine Abfolge von Situationen, die eine Person in einem sozialen Feld während eines längeren Zeitraumes eingenommen bzw. erreicht hat oder an denen sie beteiligt war, beschrieben. (Emrich, 2003, S. 288). Situationen sind demzufolge Positionen, Leistungsstufen, Ereignisse etc., die durch eine Verbesserung bzw. durch eine kontinuierliche Entwicklung gekennzeichnet sind und gewöhnlich mit dem Wunsch eines sozialen Aufstiegs einhergehen (Emrich, 2003, S. 288). Personen haben in dieser Hinsicht bestimmte Lebensziele, die sie verwirklichen wollen. Betrachtet man die Vergleichsstudie von Conzelmann, Gabler und Nagel, (2001) hinsichtlich Hochleistungssportlern und Nichtsportlern, so wurden die folgenden Lebensziele analysiert:

- Intimität
- Leistung
- Altruismus
- Affiliation
- Abwechslung
- Macht

(Conzelmann et al., 2001, S. 201)

Die Untersuchung ergab jedoch keinen signifikanten Unterschied zwischen den Hoch- leistungssportlern und den Nichtsportlern (vgl. Conzelmann et al., 2001, S 201). Le- diglich die biographischen Risiken, die in Bette und Schimank (2002) dargestellt wer- den, können für den Hochleistungssportler erhebliche Probleme mit sich bringen. Aus diesem Grund ist für einen Hochleistungssportler eine vernünftige (duale) Karrierepla- nung von großer Bedeutung.

Baur (1998) unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen zwei Karrieremustern, die die Koordinationsprobleme in Lebensführung und Lebensverlauf von Nachwuchs- athleten unterscheiden. Die erste Karriere beschreibt, dass der Nachwuchssportler un- geplant und eher zufällig bereits im Jugendalter in den Leitungssport hineingerutscht ist und sich erst spät für die hochleistungssportliche Konsequenz, gemeint ist damit das Hochleistungstraining, entschieden hat. Die zweite Karriere beschreibt im Gegen- teil dazu kompositorische Sportarten wie Kunstturnen, Rhythmische Sportgymnastik, Eiskunstlauf, Schwimmen und Tennis etc., die schon früh, im Kindesalter, mit dem zielgerichteten Training beginnen, da diese Sportarten meist in Form von Frühspeziali- sierung auf hohem Niveau betrieben werden können (Baur, 1998, S. 11-12). Eine Karriere kann dementsprechend in Abhängigkeit der Sportarten und der Frühspe- zialisierung schon sehr früh geplant werden, wodurch die bekannte Problematik recht- zeitig verhindert bzw. ihr entgegengewirkt werden kann. Andererseits sind eine Auf- klärung und die damit verbundene duale Karriereplanung von größerer Bedeutung. Demzufolge wird in den kommenden Punkten auf die sportliche und berufliche Karrie- re und deren Einfluss untereinander eingegangen, sowie auf die duale Karriereplanung und die nach dem Sport folgenden Karriereanschlussmöglichkeiten.

3.1 Der theoretische Forschungsstand

Im Folgenden wird der theoretische Forschungsstand einer sportlichen, aber auch beruflichen Karriere dargestellt.

3.1.1 Die sportliche Karriere

Die sportliche Karriere als System betrachtet wird durch den Totalisierungsprozess nach Emrich (1997) und durch die biographische Fixierung nach Bette und Schimank (2002) geprägt (vgl. u.a. Kap. 2). In Bona (2001) werden zwei Modelle zum sportli- chen Karriereverlauf von Hochleistungssportlern postuliert, die in diesem Abschnitt dargestellt werden.

Salmela (1994) in Bona (2001) betrachten die Leistungssportkarriere als eine Entwick- lung von Hochbegabten, die durch das „Initiationsmodell“ dargestellt wird. Dabei werden einzelne Karriereübergänge in den Mittelpunkt gestellt und in ein Phasenmo- dell (Abb. 3) integriert. Die Übergänge stellen Entscheidungsstationen dar, die dem Ende einer Phase und dem Anfang einer darauf folgenden Phase entsprechen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Characteristics of Talent Perfomrs and their Mentor and Parents at various Phases of their Career (Samela, 1994 in Bona, 2001, S. 75)

Diese zusammenfassende Abbildung (Abb. 3) stellt die drei Karrierephasen deutlich dar. Die erste Phase ist durch eine positive emotionale Bindung zum Sport geprägt, in der kein Leistungsstreben erkenntlich ist. In der zweiten Phase kommt es zu einer Ein- bindung in das leistungssportliche Training, wobei das Gefühl einer Begabung zum Vorschein kommt und Erfolge an Bedeutung gewinnen. Die dritte Phase ist die Phase der Meisterschaften, in der die Spitzenleistungen erbracht und Prioritäten gesetzt wer- den. (Bona, 2001, S. 74-75).

Das zweite Modell, das in Bona (2001) postuliert wird, ist das „Commitmen-Modell“ nach Scanlan und Carpenter (1993). Dieses Modell thematisiert die leistungssportliche Karriere im Vergleich zum „Initiationsmodell“ aus einem anderen Blickwinkel. An- hand einer Kosten-Nutzen-Analyse wird zwischen Eintritt, Bindung und Ausstieg un- terschieden. „Denn ob die Sportkarriere fortgeführt oder abgebrochen wird, bestimmt im Wesentlichen die Bilanz über Einsatz und Belohnung.“ (Bona, 2001, S. 75 zitiert nach Mayer, 1995). In diesem Model wird klar, dass die Fortsetzung einer sportlichen Karriere von den positiven Begleiterscheinungen und Belohnungen, die wahrgenom- men werden, sowie von der Investition abhängig ist (Bona, 2001, S. 75). In Gabler (1981) werden ebenfalls Stationen in Abhängigkeit der Motive beschrieben, die in Kap. 2.3 bereits dargestellt worden sind und auf demselben Ansatz basieren.

Betrachten wir den theoretischen Forschungszustand, so wird deutlich, dass das Han- deln der (Hoch-) Leistungssportler durch den binären Code „Sieg/Niederlage“, die Er- folgsrationalität und das Leistungsprinzip bestimmt wird (Nagel, 2002, S. 47). Die ho- he zeitliche Belastung durch den großen Trainingsumfang und die häufige Abwesen heit, bedingt durch internationale Wettkämpfe und Trainingslager, machen den Hochleistungssport zum „Full-Time-Job“ (Nagel, 2002, S. 49). Dadurch wird es für den Spitzensportler unter Umständen schwierig, parallel eine berufliche Karriere aufzubauen. Die reinen Aspekte einer beruflichen Karriere werden im folgenden Abschnitt dargestellt, bevor im Unterabschnitt 3.1.3 auf den Einfluss der Spitzensportkarriere auf den Beruf eingegangen wird.

3.1.2 Die berufliche Karriere

In unserer heutigen modernen Gesellschaft ist der Lebenslauf um das Erwerbssystem organisiert (Nagel, 2002, S. 41 zitiert nach Kohli, 1985), das sich in der zeitlichen Gliederung des beruflichen Werdegangs in die Vorbereitungs-, Aktivitäts- und Ruhe- phase äußert (Nagel, 2002, S. 41). In Anlehnung an Nagel (2002) wird die berufliche Karriere in drei Etappen bzw. Abschnitte gegliedert (Abb. 4), wobei diese Darstellung nur die Vorbereitungs- und Aktivitätsphase thematisiert. Die Schullaufbahn, die Aus- bildung und der Berufsverlauf bilden die drei Etappen, die mit den Statusübergängen Berufswahl und Berufsstart spezifiziert werden (Nagel, 2001, S. 42).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Etappen der Berufskarriere (Nagel, 2002, S. 42)

Somit wird verständlich, dass die einzelnen Statuspassagen der beruflichen Karriere in die entsprechenden gesellschaftlichen Teilsysteme eingebettet sind und von diesen in hohem Maße strukturiert werden (Nagel, 2002, S. 42). Das bundesdeutsche Bildungs- wesen wird in Elementar-. Primar-, Sekundar- und Tertiäre Bildungsstufen unterglie- dert. Die Schulpflicht wird von der Elementar- bis zur Sekundarstufe angesiedelt. Die Tertiäre Stufe beschreibt die Hochschulausbildung sowie die berufliche Weiterbildung (Nagel, 2002, S. 42). Diese Bildungsstufen sind voneinander äußerst abhängig, da der Schulabschluss die Weichen für eine berufliche Ausbildung stellt (Nagel, 2002, S. 43 nach Alex, 1998). Somit postuliert Nagel (2002) nach Heinz (1990), dass Jugendliche ohne allgemeinbildenden Schulabschluss teilweise große Probleme aufweisen und ei- nen Aufstieg in die nächsthöhere Bildungsstufe nicht erreichen können. Betrachtet man in diesem Sinne die Tertiäre Stufe, so sind in Bezug auf die weitere berufliche Karriere nach dem Beschäftigungsbeginn, nach Nagel (2002) drei Besonderheiten zu berück- sichtigen:

- Die berufliche Erstplatzierung hat entscheidende Bedeutung für den weiteren Erwerbsverlauf. Mögliche Nachteile bei einem Berufsstart können nur sehr schwer ausgeglichen werden (Blossfel, 1989 in Nagel, 2002, S. 44)
- Neben der Bildung stellt die arbeitsplatzspezifische Berufserfahrung einen zentralen Parameter für den Anfangsverdienst und Einkommensverlauf dar (Blossfeld, Hanan & Schömann, 1993 in Nagel, 2002, S. 44)
- Die berufliche Weiterbildung trägt oftmals zur Einkommensverbesserung bei (Becker & Schömann, 1996 in Nagel, 2002, S. 44).

Beziehen wir die oben dargestellten Besonderheiten einer beruflichen Karriere auf einen Hochleistungssportler, so wird klar, dass erhebliche Probleme entstehen können, wenn dieser sich im Totalisierungsprozess befindet, welche den beruflichen Werdegang negativ beeinflussen. In diesem Zusammenhang wird im nächsten Punkt auf den Einfluss der Spitzensportkarriere auf die berufliche Karriere eingegangen.

3.1.3 Einfluss der Spitzensportkarriere auf die Berufskarriere

Die sportliche Karriere ist wie bereits beschrieben (vgl. Kap. 3.1.1) sehr zeitintensiv daher wird von Neidhardt (1978, 1982) in diesem Kontext auf den Zeitaspekt „(...) als eines der folgenreichsten Probleme des Spitzensports hingewiesen.“ (Neidhardt in Na- gel, 2002, S. 49). Die Sportkarriere ist sowohl mit Risiken und Anforderungen als auch mit Ressourcen und Chancen in Bezug auf die Berufslaufbahn verbunden (Heinemann, 1998, 178). Heinemann (1998) beschreibt den Sport als „Instrument sozialer Mobili- tät“ (Heinemann, 1998, S. 176) und postuliert weiterhin in diesem Zusammenhang ei- nerseits, dass die beruflichen Karrierechancen durch den Sport behindert werden kön- nen, wenn:

- „Der Sportler während der aktiven Zeit seine berufliche Aus- und Weiterbildung vernachlässigt,
- Die Altersgenossen in der Karriere weiter vorangeschritten sind und über größere berufliche Erfahrung verfügen und
- Sportler eine Identität und einen Lebensstil entwickelt, die die Anpassung an neue Lebensbedingungen eher erschweren als erleichtern können.“ (Heinemann, 1998, S. 178)

Andererseits untersucht Nagel (2002) diesen Sachverhalt hinsichtlich der Anforderungen und Ressourcen:

„Anforderung: Durch die hohen zeitlichen Belastungen, verbunden mit der lebenszeitlich parallelen Platzierung der Hochleistungssportkarriere, dürfte der berufliche Werdegang beeinträchtigt werden.

Ressourcen: Dagegen wirken sich Faktoren schulisch-berufliche Unterstüt- zungsmaßnahmen und Bekanntheit fördernd auf die Berufskarriere aus. Schließ- lich eröffnet eine Karriere als Spitzensportler die Möglichkeit, im Berufsfeld Hochleistungssport tätig zu werden.“ (Nagel, 2002, S. 53, vgl. auch S. 54-55).

Diese Ressourcen, die bei Heinemann (1998) als ein Mittel zur Steigerung der Mobili- tät oder der Mobilitätschancen beschrieben werden, werden in drei Mechanismen wirk- sam:

- „Ausnutzen der Popularität
- Ausschöpfen erlernter Kompetenzen
- Nutzen von Beziehungen“ (vgl. Heinemann, 1998, S 178).

Diese drei Mechanismen werden durch den Grad der Professionalisierung, durch die Organisation des Sports und die damit verbunden Verpflichtungen des Spielers durch den Sport, durch die Beliebtheit der Sportart, durch die sozio-ökonomischen Bedin- gungen, durch die Offenheit einer Gesellschaft und die Mobilitätschancen, die im Gan- zen in einer Gesellschaft zur Verfügung stehen, bestimmt (vgl. Heinemann, 1998, S. 178- 179).

[...]

Ende der Leseprobe aus 91 Seiten

Details

Titel
Aspekte der dualen Karriereplanung von Spitzensportlern
Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
91
Katalognummer
V265432
ISBN (eBook)
9783656549123
Dateigröße
1503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Duale Karriere, Sportsoziologie, soziologie, qualitative Interviews, Sportkarriere, Polizei sportfördergruppe, Spitzensportler, Leitfrageninterviews
Arbeit zitieren
Marc Chapoutier (Autor), 2012, Aspekte der dualen Karriereplanung von Spitzensportlern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265432

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