Bänkelsang. Kulturanthropologische Aspekte


Hausarbeit, 2013
29 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsklärungen
2.1 Anthropologie
2.2 Kulturanthropologie

3 Der Bänkelsang
3.1 Was ist ein Bänkelsänger?
3.2 Die Entwicklung des Bänkelsangs
3.3 Die soziale Stellung des Bänkelsängers
3.4 Die Themen und die Sprache des Bänkelsangs

4 Bänkelsang und Literatur
4.1 Der Bänkelsang in der Literatur und die Literatur im Bänkelsang
4.2 Die Balladendichtung und ihre Beziehung zum Bänkelsang
4.3 Das Kindsmord-Motiv aus kulturanthropologischer Sicht
4.4 Bürgers Ballade „Die Pfarrerstochter zu Taubenhain“ und ihre Verwendung im Bänkelsang – Ein Textvergleich
4.5 Die parodistische Adaption des Bänkelsangs in der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts

5 Kritik der volkskundlichen Wertung des Bänkelsangs bei Riedel

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang

Anhang

Anhang 1 – Auszug Verzeichnis der verbotenen Druckschriften

Anhang 2 – Marktordung der Stadt Ratingen von 1832

Anhang 3 – Notenbeispiel

1 Einleitung

Diese Hausarbeit unternimmt den Versuch, die kulturanthropologischen Aspekte des Bänkelsangs darzustellen, mit besonderem Blick auf seine Beziehung zur Balladendichtung der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Das Scheitern des Versuchs, Bänkelsang für die Hochliteratur zu adaptieren, wird aus der damaligen Anthropologie und ihre Kritik in Kants pragmatischer Anthropologie begründet.

Zunächst sollen die Begriffe „Anthropologie“ im 18. Jahrhundert und „Kulturanthropologie“ erläutert werden.

Im dritten Kapitel wird das historisch-kulturelle Phänomen Bänkelsang als eigener kulturanthropologischer Gegenstand dargestellt. Nach einer kurzen Beschreibung des bänkelsängerischen Vortrags wird die historische Entwicklung des Bänkelsangs von seiner Entstehung aus dem Zeitungslied bis zu seinem Untergang im 20. Jahrhundert nachgezeichnet. Anschließend wird die soziale Stellung des Bänkelsängers erörtert.

Im Hinblick auf den folgenden Vergleich von Literatur und Bänkelsang werden die thematischen und sprachlichen Besonderheiten des Bänkelsangs analysiert.

Im Hauptkapitel vier der Arbeit wird zunächst die Darstellung des Bänkelsangs in der Literatur von Grimmelshausen über Goethe bis Tieck aufgezeigt und es werden Beispiele für die umgekehrte Rezeption der Hochliteratur im Bänkelsang vorgestellt.

Anschließend konzentriert sich die Untersuchung auf die Entstehung der Balladendichtung im 18. Jahrhundert. Zunächst wird der Begriff „Ballade“ erläutert und die thematische Affinität der Ballade zum Bänkelsang. Um das Thema weiter einzuschränken, wird speziell auf das Motiv des Kindsmords eingegangen. Die Beziehung von Bänkelsang und Ballade wird am Beispiel von Bürgers „Die Pfarrerstochter zu Taubenhain“ aufgezeigt. Diese Ballade bietet sich für die Untersuchung an, weil dazu eine bänkelsängerische Fassung erhalten ist und die Texte sich direkt vergleichen lassen. Bei diesem Textvergleich wird dargestellt, wie die anthropologische Fragestellung der Literatur im Bänkelsang durch eine fatalistische Lösung trivialisiert wird. Danach erfolgt ein kurzer Ausblick auf die parodistische Adaption des Bänkelsangs in der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts.

In Kapitel fünf wird im Anschluss an Karl Veit Riedels volkskundlicher Wertung des Bänkelsangs eine kulturanthropologische Kritik dieser Bewertung aus emischer und etischer Sicht versucht.

2 Begriffsklärungen

2.1 Anthropologie

Der Begriff „Anthropologie“ geht zurück auf den Leipziger Philosophen, Arzt und Theologen Magnus Hundt (1449–1519). Mit Otto Casmann gilt er als Begründer der modernen Anthropologie. In Hundts Hauptwerk „Antropologium de hominis dignitate, natura et proprietatibus“ (1501) taucht erstmals der Terminus „Anthropologie“ auf.[1] Anthropologie, aus dem griechischen „ánthropos“ ‚Mensch‘ und „lógos“ ‚Rede‘ ist eine neuzeitliche Schöpfung. In Aristoteles‘ „Nikomachischer Ethik“ meint „Anthropológos“ sinngemäß „Klatsch“, „über andere Menschen redend“. Anthropologie, die „Wissenschaft vom Menschen“[2], erforscht den prähistorischen als auch den heutigen Menschen in seiner komplexen Lebensweise.

Im 16. Jahrhundert beschreibt ‚anthropologia‘ die somatisch-physiologische Erkundung des Menschen. ‚Psychologia‘ hingegen befasst sich mit der Menschenseele. Johann Heinrich Zedler führt 1732 aus:

„Anthropologia, […] ist das Special-Theil der Physic, in welchem die natürliche Beschaffenheit und der gesunde Zustand des Menschen, sonderlich was seine physicalischen und natürlichen Eigenschaften betrifft, abgehandelt und erklähret wird. […]“[3]

Demgegenüber schreibt Johann Georg Walch 1726 zur Lehre vom Menschen:

„Es besteht derselbige aus einer gedoppelten Natur, einer physischen und moralischen. Jene beruhet in dem natürlich belebten Leibe, und dessen Verknüpfung mit der körperlichen Natur in Ansehung seiner Erhaltung. Diese aber in dem Gemüthe, welches theils sich selbsten, theils auch den natürlich belebten Leib durch willkürliche Bewegung regieret, […]“[4]

Ebenso die Deutsche Encyclopaedie von 1778 zum Thema Anthropologie:

„[…]. Man theilet sie in die physische und in die moralische ein. Die moralische Anthropologie ist theils die allgemeine, geht auf die menschliche Gattung, […] – oder sie ist die besondere, geht auf die einzelnen Menschen und handelt vom Bewusstsein, thierischen Gefühl und sinnlichen Vorstellungen, […]“[5]

Ernst Platner teilt 1772 in „Anthropologie für Aerzte und Weltweise“, die Lehre vom Menschen in drei Teile:

„Man kann erstlich die Theile und Geschäffte der Maschine allein betrachten, […] das ist Anatomie und Physiologie. Zweytens kann man auf eben diese Art die Kräfte und Eigenschaften der Seele untersuchen, […] das wäre Psychologie, oder welches einerley ist, Logik, Aesthetik und ein großer Theil der Moralphilosophie. […] Endlich kann man Körper und Seele in ihren gegenseitigen Verhältnissen betrachten, und das ist es, was ich Anthropologie nenne.“[6]

Kant unterscheidet entgegen Platner in „Anthropologie in pragmatischer Absicht“ streng zwischen physiologischer Anthropologie - was die Natur aus dem Menschen macht - und pragmatischer Anthropologie - was der Mensch als freies Wesen aus sich selbst macht. Damit verschiebt sich am Ende des 18. Jahrhunderts der Blickwinkel von der im cartesischen Dualismus begründeten doppelten Natur zum in der praktischen Vernunft begründeten Freiheitsbegriff.[7]

Anthropologie unterscheidet sich von anderen Humanwissenschaften durch ihren weltweiten Geltungsbereich und die vergleichende Perspektive. Aufgrund ihrer global vergleichenden Arbeitsmethoden auf biologischer, linguistischer, archäologischer und kultureller Ebene kann Anthropologie grundsätzliche Fragen beantworten und trägt zur Klärung des biologischen Erbes der Menschheit und somit zur Definition des spezifisch Menschlichen der menschlichen Natur bei.[8] Entscheidende Beiträge zur kulturellen Entwicklung des Menschen liefert die seit den 1970er Jahren neuere Richtung der Ethnologie, die Kulturanthropologie.

2.2 Kulturanthropologie

Kulturanthropologie stellt die Beschreibung und Deutung von Kultur als menschliches Symbolsystem in den Mittelpunkt. Theorie und Methodik prägte C. Geertz. Er erklärt Kultur nach

„M. Webers “als selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe“ (S.9), das vom Ethnologen mittels der hermeneutischen Methode der dichten Beschreibung (thick description) mit mikroskopischer Genauigkeit interpretiert werden müsse.“[9]

Auf einer Arbeitstagung der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde 1970 standen sich zwei Positionen gegenüber, die einen plädierten für Soziologie als Leitdisziplin, die anderen betonten die inhaltliche Nähe zur Ethnologie. Die erste Position setzte sich durch: Kultur wurde nun als Regulationsmodell des Alltags verstanden. 1974 erfolgt die Namensänderung des Fachs von Volkskunde zu Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie.[10]

Ein Problem, eine adäquate Beschreibung einer Kultur als Ganzes auszumachen, ergibt sich daraus, dass die Vorstellungen und auch das Verhalten der Menschen aus verschiedenen Blickwinkeln beobachtet werden können: aus dem Blickwinkel des Agierenden (Innenansicht) und aus der des Beobachters (Außenansicht). Beide Blickwinkel ermöglichen wissenschaftliche und objektive Darstellungen des Ordnungs- und des Verhaltenssystems. Der emische Ansatz erforscht Kultur aus der Perspektive des Betroffenen. Der etische Ansatz benutzt Konzepte und Differenzierungen, die für den Beobachter zweckmäßig und angebracht erscheinen. (Emik ist hergeleitet von Phonemik. Die Phonemik untersucht die Zeicheneigenschaften der Laute; Etik ist hergeleitet von Phonetik, welche die physikalischen Eigenschaften der Laute und ihrer Entstehung untersucht).[11]

Um nun die kulturanthropologischen Aspekte des Bänkelsangs untersuchen zu können, ist zunächst zu klären, was unter Bänkelsang zu verstehen ist.

3 Der Bänkelsang

3.1 Was ist ein Bänkelsänger?

Der Bänkelsang ist eine populäre, moralisierende Kunstform des 17. bis frühen 20. Jahrhunderts.[12] Multimedial verbindet diese Kunstform Wort, Bild und Musik im lebendigen Vortrag. Zur Gruppe des Fahrenden Gewerbes zählend, stellten die Bänkelsänger auf Jahrmärkten, Messen, Rummelplätzen und auch bei anderen Gelegenheiten in Wort und Bild Geschichten von besonders trauriger Liebe, von Mord und Kindsmord, von Räubern, Wilderern, kriegerischen Ereignissen, Katastrophen und Unglücksfällen dar. Der Vortrag war immer von Musik begleitet. Eine Bank gehörte neben der Bildtafel (Schild) und dem Stab zu den Utensilien. Ein Instrument - Fidel, Geige, später Leierkasten oder Drehorgel - begleitete den Bänkelsänger bei seinem gesanglichen Vortrag, der unterbrochen wurde durch die Erzählung der Moritaten. Texthefte, welche die Geschichte in Prosa und Liedform enthielten, wurden dem Publikum zum Kauf angeboten und stellten in der Regel den einzigen Verdienst des Bänkelsängers dar.[13] Schilder wurden bei Malern bestellt, die sich auf Schaubudenmalerei spezialisiert hatten. Die Texte wurden von den Bänkelsängern oder Verlegern in Auftrag gegeben. Der Verfasser blieb meist anonym. Der Bänkelsänger ist nur der Vortragende, der mit seinem Auftritt das Produkt verkauft. Dem Bänkelsang wird auch die Moritat zugerechnet, die in Verbindung mit Bildmotiven gesanglich vorgetragenen wurde.[14]

1709 erscheint die Bezeichnung „Bänkleinsänger“ bei Benjamin Neukirch in der „Neukirchschen Sammlung“ und zeigt, wie negativ dieser Berufsstand beurteilt wurde: „Die gelehrten bäncklein-sänger / Sind die ärgsten müßig-gänger“[15]. 1730 taucht das Wort in Gottscheds „Critischer Dichtkunst“ als „Bänckelsänger“ auf und wird für einen schlechten Dichter verwandt.[16] Johann Christoph Adelung führt in seinem Werk „Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart“, erschienen 1793, aus:

[...]


[1] Vgl. Magnus Hundt: Antropologium de hominis dignitate, natura et Proprietatibus. In: BSB Bayerische Staatsbibliothek. URL: http://daten.digitale-sammlungen.de/0000/bsb00005108/images/index.html?fip=193.174.98.30&id=00005108&seite=1

(17.08.2013).

[2] Marvin Harris: Kulturanthropologie. Ein Lehrbuch. Aus dem Amerikanischen von Sylvia M. Schomburg-Scherff. Frankfurt/New York: Campus Verlag, 1989, S. 15.

[3] Johann Heinrich Zedler: Art. Anthropologia. In: Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste. Hg. v. Johann Heinrich Zedler. 64 Bde. 4. Suppl. Halle, Leipzig 1732-1754. Band 11 (1732), S. 522.

[4] Johann Georg Walch: Artikel Anthropologie. In: Philosophisches Lexikon, Leipzig 1726, S. 106.

[5] Deutsche Encyclopaedie, Bd.1, Frankfurt am Main 1778, S. 547.

[6] Ernst Platner: Anthropologie für Ärzte und Weltweise. Vorrede. Leipzig 1772, S. XV-XVII.

[7] Vgl. Helmut Pfotenhauer: Literarische Anthropologie. Zur Geschichte der Selbstbiographie: In: Studienbrief der FernUniversität Hagen. Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften. Hagen 2013, S. 17.

[8] Vgl. Marvin Harris: Kulturanthropologie, a.a.O., S. 18f.

[9] Metzler Lexikon Literatur, 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Hg. von Dieter Burdorf, Christoph Fasbender und Burkhard Moennighoff, Stuttgart, Weimar: Verlag B. Metzler 2007, Art. Kulturanthropologie, S.408.

[10] Vgl. Wikipedia: Artikel Kulturanthropologie In: Wikipedia. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Kulturanthropologie&printable=yes#Kulturanthropologie_als_Volkskunde (27.7.2013).

[11] Marvin Harris: Kulturanthropologie, a.a.O., S. 27.

[12] Vgl. Reallexikon der Deutschen Literaturwissenschaft, Band 1, a.a.O., Artikel Bänkelsang, S. 190.

[13] Vgl. Leander Petzoldt: Bänkelsang. Vom historischen Bänkelsang zum literarischen Chanson. Stuttgart: J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung 1974, S. VII.

[14] Vgl. Karl Veit Riedel: Der Bänkelsang. Wesen und Funktion einer volkstümlichen Kunst. Band 1. Hg. von Walter Hävernick und Herbert Freudenthal. Hamburg: Hamburger Museumsverein 1963, S. 7.

[15] Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, a.a.O., Artikel Bänkelsang, Band 1, S. 190.

[16] Vgl. Leander Petzoldt, Bänkelsang, a.a.O., S. 1ff.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Bänkelsang. Kulturanthropologische Aspekte
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für neuere deutsche und europäische Literatur)
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
29
Katalognummer
V265464
ISBN (eBook)
9783656550914
ISBN (Buch)
9783656550945
Dateigröße
23922 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die wohldurchdachte Struktur der Untersuchung findet ihren Widerhall in einer exzellenten begriffsdefinitorischen und begriffsgeschichtlichen Präzision, die die Autorin durchgehend und gleichsam systematisch an den Tag legt. Die inhaltlich-argumentativ ganz überwiegend überzeugende Leistung spiegelt sich auf formalsprachlicher Ebene nahezu ungetrübt wider. Überzeugend wird die Forschungsliteratur konsultiert. Lobend herauszustellen ist des Weiteren der Versuch, das "multimediale Spektakel" des Bänkelsangs durch eine analoge 'muldimediale' Aufbereitung des Themas nachvollziehbar zu machen. Prof. Dr. Uwe Steiner
Schlagworte
Kulturanthropologie, Balladen, Kindsmord, Riedel, Bänkelsang, Petzoldt, Braungart, Riha, Kayser, Tieck, Frenzel, Motive der Weltliteratur, Bürger, Schenda, Anthropologie
Arbeit zitieren
Gabriele Bänsch (Autor), 2013, Bänkelsang. Kulturanthropologische Aspekte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265464

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Bänkelsang. Kulturanthropologische Aspekte


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden