Ethnografischer Dokumentarfilm und Spielfilm im Vergleich

Schwerpunkt Religion und ihr Einfluss auf Identität und zwischenmenschliche Beziehungen in Dörfern Bosnien-Herzegowinas 1993 und 1997/98.


Hausarbeit, 2012
15 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Gliederung:

Einleitung
(„Being muslim the bosnian way“, Religion in der Ethnologie)

Hauptteil
( ethnografischer Film als Forschungsmethode, Vergleich ethnogr. Film und Spielfilm. )

Schlusswort

Quellennachweis

Einleitung

Im Folgenden möchte ich einen ethnografischen Dokumentarfilm in seiner Perspektive und

Herangehensweise mit einem Spielfilm vergleichen. Besonderes Augenmerk will ich hierbei auf die Darstellung von Religion im Alltag der handelnden Personen legen. Es handelt sich um die filmische Ethnographie von Tone Bringa aus dem Jahr 1993 „We are all neighbours“ und den Spielfilm „Snow-Snjieg“ von Aida Begić. Beide Filme behandeln das Erleben des Krieges, bzw. seine Nachwirkungen innerhalb kleiner bosnischer Dörfer. Die Namen der Dörfer bleiben in beiden Filmen unbekannt, es handelt sich jedoch im ethnographischen Film um ein Dorf in Zentral Bosnien-Herzegowina und im Spielfilm um ein Dorf in Ost-Bosnien nahe der serbischen Grenze. Durch diesen geografischen Unterschied bedingt unterscheiden sich auch die Konflikt-Parteien in beiden Filmen, in ersterem geht es um die Beziehung von Muslimen und Katholiken in einem Dorf und wie deren Beziehung zueinander sich während des Kriegs ändert. Im Spielfilm konzentriert sich die Geschichte auf ein rein muslimisches Dorf zwei Jahre nach dem Krieg und das Verhältnis der Dorfbewohner zueinander, zu ihrer Vergangenheit und zu den Serben. Eine weitere Differenz ist also die Zeit der Handlung, 1993 und 1997.

Durch einen ethnographischen Text Tone Bringas zu dem selben Dorf, stieß ich auf ihre Filme. Im Text „Being muslim the bosnian way“ schildert sie die Besonderheiten des Islam in Bosnien- Herzegowina. Ihre zentralen Themen sind Identität und Gemeinschaft. Genau diese Punkte möchte ich im Hinblick auf Religion in den beiden verglichenen Filmen untersuchen. Wie stehen Glaube und Identität in Verbindung. Gemeint ist hierbei die Identität als einzelne Person oder die als Gruppe. Wie beeinflusst Religion eine Gemeinschaft? Sowohl im Text als auch im Film untersucht Bringa die Beziehungen von Katholiken und Muslimen, die seit langer Zeit gemeinsam im Dorf leben und gut miteinander aus kommen, bis es zum Krieg kommt und sich alte Freundschaften lösen. Im genannten Text der Ethnologin spielt der Krieg, im Gegensatz zum Film, jedoch keine große Rolle. Sie beschreibt Alltagsleben und nachbarschaftliche Beziehungen in den verschiedenen Haushalten. Die grundlegenden Lebensbedingungen sind für beide Gruppen die selben, doch unterscheiden sie sich religionsbedingt in Verwandtschaftssystemen, Ritualen, Bräuchen und Haushaltsführung. Sie geht genauer auf den geografischen Aufbau des Dorfes ein, was sich in Ober- und Unterdorf teilt. Der obere Teil ist traditioneller und ärmer, der untere dagegen moderner und reicher. Die Bauweise der Häuser ist unterschiedlich.Muslime bauen eher quadratische Häuser und Katholiken rechteckig. Doch gleichen sich beide Gruppen seit den 80er Jahren an zentraleuropäische Bauweisen an. Rings um die Moschee im oberen Ortsteil stehen vermehrt muslimische Häuser, genauso gibt es mehr katholische Häuser in der Nähe der etwas außerhalb gelegenen Kirche. Zu Beginn der 90er Jahre sind ca. zwei Drittel muslimisch und ein Drittel katholisch, da viele Katholiken nach dem zweiten Weltkrieg umsiedelten. Während des Krieges 1993 verlassen viele Muslime den Ort. Vor 1993 beschreibt Bringa die nachbarschaftlichen Beziehungen als gut, auch die zwischen Muslimen und Katholiken. Sie untersucht deren Besuchsverhalten und stellt fest, dass besonders Trauer- oder Freudenfeste gemeinsam zelebriert werden, spezielle religiöse Feiertage jedoch eher nicht. Auf sprachlicher Ebene bemerkt man Religionszugehörigkeit durch spezifische Grußformeln. Innerhalb einer Religion grüßt man sich entweder mit den arabischen Grußformeln unter Muslimen, oder mit dem katholischen Gruß „Bog!“, was Gott bedeutet. Muslime und Katholiken grüßen sich eher formal mit „Dobar dan!“, das Guten Tag heißt. Bringa fügt hier hinzu, dass die religionsspezifischen Termini bewusst zur Abgrenzung eingesetzt werden und bis 1990 nicht öffentlich verwendet wurden. Zu dem spricht Bringa von einer Differenzierung in kultiviert und unkultiviert im Ober- und Unterdorf. Diese spielt auch zwischen Dorf- und Stadtbewohnern eine Rolle, da in den Dörfern religiöse Traditionen meist strenger gelebt werden, was den Städtern rückständig vorkommt. Andersherum sehen die Dorfbewohner die Städter als zu modern an und somit abgekommen von religiösen Werten und Traditionen. Auch an Hand von Kleidung und Erziehung unterscheiden sich Muslime, vor allem Frauen. Sie tragen außerhalb des Hauses oft lange Sachen und Kopftücher und besuchen seltener die Schule. Außerhalb des Dorfes gelten Regeln nicht so stark, die Mädchen machen sich hübsch und werden von muslimischen zu bosnischen Mädchen. Laut Bringa identifizieren sich Muslime stärker mit dem Land Bosnien-Herzegowina, da sie ihren Ursprung dort vermuten, Katholiken glauben dagegen früher aus Dalmatien in Kroatien gekommen zu sein. Diese verschiedenen Ursprungsmythen sind wichtig für ihre Identitätsbildung. Abschließend fügt Bringa hinzu, dass Bosnier im kulturellen Pluralismus aufwachsen und der Prozess der Bildung individueller Identität ein wichtiges Element für sie darstellt und auch durch Religion geprägt sein kann. ( Bringa:1995 ) In der Ethnologie ist Religion eines der zentralen Themen, neben Geschichte, Politik und Verwandtschaft. Wie so häufig beginnt das untersuchen von Religion mit der Frage nach einer Definition und wie es gerade in der Ethnologie oft der Fall ist, ist diese nicht klar zu formulieren. Nach Tylor heißt Religion „ Der Glaube an ein spirituelles Sein“ und für Durkheim teilt Religion die Welt in profan und heilig. Rudolf Otto fügt zum Heiligen, das Göttliche und Irrationale hinzu, was rationale, profane Erfahrungsbereiche übersteigt. Wallace spricht zu dem von übernatürlichen Mächten, dem Mythos und dabei auch von dem für religiöse Praxis instrumentalisierten Ritual. Dies kann ein Fest, ein Lied, ein Gebet oder anderes sein. Es wird im Allgemeinen unterschieden zwischen so genannten „indigenen Religionen“ und „Weltreligionen“. Erstere haben eine diesseitige Orientierung, sind meist auf eine Ethnie beschränkt und oral tradiert. Letztere beinhalten einen Erlösungsgedanken, haben einen universalen Geltungsanspruch und basieren auf schriftlichen Überlieferungen. Beim Betrachten von Religionen im Raum Südosteuropas handelt es sich ausschließlich um so genannte Weltreligionen. Untersucht man die Karte der Völker und Religionen Südosteuropas stellt man eine starke Durchmischung fest, ethnisch, wie religiös. Während im Norden und Westen, wo Slowenen, Kroaten und Ungarn leben die Mehrheit römisch katholisch ist, sind Serben, Rumänen, Montenegriner, Bulgaren und Mazedonier vor allem orthodox. Hinzu kommt, dass viele Bosnier, Albaner, Bulgaren und Mazedonier muslimisch sind. Man kann diese Durchmischung geschichtlich begründen. So wurde durch Byzanz und Ostkirche der Orthodoxe Glauben verbreitet und durch das römische Reich der römisch katholische Glauben. Seid dem 14. Jahrhundert waren Großteile des Balkanraums unter osmanischer Herrschaft. In dieser Zeit konvertierten viele zum Islam, auch weil dieser Steuervergünstigungen mit sich brachte. Im 19. Jahrhundert standen sich zwei Weltmächte und gleichzeitig zwei Weltreligionen gegenüber, Osmanisches Reich und Habsburger Monarchie. Das Osmanische Reich brach zusammen. Gegen Ende des ersten Weltkriegs zerfiel der österreich-ungarische Vielvölkerstaat und es wurde neue Grenzen gezogen und Einzelstaaten entstanden. Diese politische Neugliederung mündete unter anderem in der Entstehung Jugoslawiens. Durch die politische Zerrissenheit Südosteuropas etablierte sich zunächst eine teils nationalsozialistische, dann eine sowjetische Hegemonie. Professor Dr. Bremer, Professor für Ökumenik und Friedensforschung an der Uni Münster schrieb über das Phänomen von Religionen im Postsozialismus. Nach vier Jahrzehnten der Marginalisierung von Religion in Jugoslawien kam es seiner Meinung nach zu einer Säkularisierung von Religionen. Sie erlangten neue gesellschaftliche Bedeutung. So zum Beispiel im orthodoxen Serbien, wo Bremer in byzantinischer Tradition eine Affinität zum jeweiligen Staat und deren Machthabern beobachtet und somit einen verstärkten Bezug zu Nation. Diesen nationalen Bezug schildert er auch beim katholischen Kroatien. Des weiteren beschreibt er den hohen Stellenwert von konfessioneller Identität und eine Herausbildung nationaler Identitäten durch einen Rückgriff auf diese.( Bremer:2006 )

Auch Ethnologen setzen sich immer wieder mit dem Thema Religion im Postsozialismus auseinander, so auch auf der sechsten Konferenz der European association of Social Anthropologists im Juli 2000 in Krakau. Hier spielen nicht mehr nur quantitative Daten anderer Sozialwissenschaftler eine Rolle, sondern vor allem qualitative aus der ethnologischen Feldforschung. Fokusgruppen forschten am Max Planck Institut für Ethnologie 2003 bis 2006 zum Thema „Religion und Zivile Gesellschaft“ und 2006 bis 2009 über „Religion und Moral“ in Zentralasien und Zentral-Osteuropa. Chris Hann schrieb 2010 dazu einen Abschlussbericht. In seiner Einleitung erklärt er ähnlich wie Bremer, dass Religion, nach dem sie im Sozialismus eher im Privatem statt fand nach 1990 an öffentlicher Prominenz gewann. Er fragt was bedeutet Religion in einer Gesellschaft und wie ändert sich diese unter modernen Umständen? (Hann:2010) Diese Umstände wären in diesem Fall aufkeimender Nationalismus nach dem Zusammenbruch eines Vielvölkerstaats und aufkommender Krieg. Religion war hier nicht nur ein Glaubenssystem, sondern auch kulturelle Tradition. Diese Tradition wurde gemeinsam mit anderen, in Jugoslawien nicht stark praktizierten Traditionen, nach dessen Zusammenbruch wiederbelebt und aufgewertet. Während zu jugoslawischen Zeiten nur in Religionen unterschieden wurde, kam es in den 90er Jahren zu einem Wertewandel und der Frage nach Nationalität. Beide Begriffe waren plötzlich eng verbunden, wer sich vorher nur als katholisch sah war plötzlich vor allem Kroate und so auch Serbe oder Bosniake. Im Vergleich zu anderen islamisch geprägten Staaten redet man in Bosnien- Herzegowina oft vom „Nachmittagsislam“. Gemeint ist eine nicht so strenge gelebte Form muslimischen Glaubens bezüglich Ehe, Sexualität, Alkohol etc.. Beide letztgenannten Punkte werden sich im durch die nun vorgestellten Filme bestätigen.

Hauptteil

Im Folgenden möchte ich auf die Darstellung von Religion im Alltag und ihren Einfluss auf

Gemeinschaft und Identität am Beispiel zweier Filme kommen. Zu erst zum ethnografischen Film als Forschungsmedium am Beispiel von Tone Bringas „We are all neighbours“. Feldforschung an Hand oder mit Hilfe filmischer Dokumentation dient der zentralen Aufgabe der Ethnologie fremde Kulturen zu erforschen, sich mit ihr vertraut zu machen und seine Erfahrungen der eigenen Kultur zu vermitteln. Diese sogenannte transkulturelle Informationsvermittlung bildet die Basis der interkulturellen Verständigung. Das Filmen und somit festhalten eines Prozesses, Phänomens, Ereignisses dient der ethnologischen Forschung. Wichtig ist hierbei die Analyse des Filmmaterials. Im Gegensatz zum Spielfilm dreht sich diese Analyse nicht um Gestaltung und Inszenierung, sondern um bloßen Inhalt. Der ethnografische bzw. kulturwissenschaftliche Film ist schwer definierbar, obwohl schon der Begriff selbst eine klare Abgrenzbarkeit suggeriert. Ethnografische Filmemacher bedienen sich ethnologischer Theorien und stellen auch neue Theorien auf und provozieren Fragestellungen. (Bresler, Engelbrecht:2008 )

Welche Frage stellt Tone Bringa in ihrem Film „We are all neighbours“ 1993 in Zentral Bosnienn? Wie setzt sie diese um? Wie in der ethnologischen Feldforschungsmethode, ist Tone Bringa hier teilnehmende Beobachterin. Nachdem sie mehrere Monate in dem erforschten Dorf lebte und sich mit verschiedenen Bewohnern bekannt machte beginnt sie mit der Filmemacherin Debbie Christie den Dreh der Dokumentation. Die Definierbarkeit von ethnografischem Film im Gegensatz zur herkömmlichen Fernseh-Dokumentation ist hier schwer vorzunehmen. Die Methoden der Genres verschwimmen. So sieht man mitunter die Ethnologin selbst im Bild, als Teilnehmerin, als Freundin oder Bekannte der Dorfbewohner. Auch werden zum Thema Krieg Hintergrundinformationen gegeben durch eingeblendete Landkarten und eine Stimme die die Bilder erklärt. Letztere Punkte sind eher untypisch für eine reine Ethnographie, aber dennoch werden sie oft verwendet.

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Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Ethnografischer Dokumentarfilm und Spielfilm im Vergleich
Untertitel
Schwerpunkt Religion und ihr Einfluss auf Identität und zwischenmenschliche Beziehungen in Dörfern Bosnien-Herzegowinas 1993 und 1997/98.
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Ethnologie)
Veranstaltung
Einführung in die Ethnographie Südosteuropas
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V265484
ISBN (eBook)
9783656551157
ISBN (Buch)
9783656551324
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ethnografischer, dokumentarfilm, spielfilm, vergleich, schwerpunkt, religion, einfluss, identität, beziehungen, dörfern, bosnien-herzegowinas
Arbeit zitieren
BA Hildegard Pank (Autor), 2012, Ethnografischer Dokumentarfilm und Spielfilm im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265484

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