„Is God Dead?“ titelte das US-amerikanische TIME-Magazin am 08. April 1966 in Anlehnung an Friedrich Nietzsches Sentenz „Gott ist tot!“ und beteiligte sich damit am seinerzeit hochaktuellen Säkularisierungs-Diskurs. Das Titelthema „Theology: Toward a Hidden God“ des Nachrichtenmagazins bezieht sich mit seiner Schlagzeile allerdings weniger auf Nietzsches existenzialistischen Ansatz aus dem Jahre 1882, der eine Revision von Wahrheit, Moral und Religion forderte, um neue, vom Menschen selbst geschaffene Werte zu entwickeln, die göttliche Gebote zu ersetzen vermochten. Im Artikel des TIME-Magazins werden vielmehr allgemeine gesellschaftliche Bedeutungsverluste, die Konkurrenz der Religion zur Wissenschaft und die Verschiebung religiösen Glaubens und Praktizierens in das Privatleben der Menschen fokussiert. Säkularisierungstheorien bilden hierfür die argumentative Grundlage. Sie besagen, grob vereinfacht, dass die Religion in der modernen Gesellschaft keine gesamtgesellschaftliche Funktion mehr einnehme und somit ihre Vorrangstellung in der Gesellschaft eingebüßt habe. Von Säkularisierungsthesen, die ein gänzliches Verschwinden der Religion aufgrund wissenschaftlicher Weltdeutungen (Comte) vorhersagen wollen, soll bereits an dieser Stelle, mit Blick auf die derzeitige Beschaffenheit von Kirche und Religion und die untenstehenden Ergebnisse, Abstand genommen werden.
Auch wenn die Religion durch Modernisierung, durch eine ausdifferenzierte, pluralistische Gesellschaft, Rationalisierung und Individualisierung nicht dem Untergang geweiht zu sein scheint, so sind die Modernisierungsprozesse doch nicht schadlos an ihr vorbeigezogen. Die Religion hat einige ihrer Betätigungsfelder auf Kosten autonom gewordener und neu entstandener Einrichtungen aufgeben müssen, Kranken- und Altenpflege beispielsweise obliegen schon geraume Zeit vornehmlich privaten, nicht religiös verankerten Institutionen und noch viel länger ist es her, dass Religion politische Herrschaft zu legitimieren vermochte. Der Rückgang (öffentlicher) religiöser Zugehörigkeit, Betätigung und Überzeugung (Kirchgang, Gottesglaube u. ä.) zeigt noch eindringlicher wie die Religion hinter anderen, nichtreligiösen Organisationen und Institutionen zurücktritt. Allerdings sind ebenfalls Tendenzen zu verzeichnen, dass sich religiöse Betätigungen zunehmend in den privaten Raum der Gesellschaft begeben und zu individueller, von der Kirche getrennter Religionspraxis führen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Religion in der Systemtheorie
2.1 Religion als Teilsystem der Gesellschaft
2.2 Säkularisierung nach Luhmann
3. Religion und Moderne
3.1 Religionssoziologische Modelle im Überblick
3.2 Religion heute – Zustandsbericht und Hypothesenprüfung
4. Funktion der Religion
5. Zusammenfassung & Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die veränderte Funktion von Religion in modernen westeuropäischen Gesellschaften, indem sie systemtheoretische Ansätze von Niklas Luhmann mit aktuellen religionssoziologischen Theorien und empirischen Daten verknüpft, um zu klären, ob sich Religion in einer Krise befindet oder eine neue Form der Beständigkeit zeigt.
- Systemtheoretische Verortung der Religion als gesellschaftliches Teilsystem
- Diskussion des Säkularisierungsbegriffs in modernen Gesellschaften
- Analyse religionssoziologischer Modelle (Säkularisierung, Marktmodell, Individualisierung)
- Empirische Bestandsaufnahme von Kirchlichkeit und Gottesglaube in Westeuropa
Auszug aus dem Buch
2.1 Religion als Teilsystem der Gesellschaft
Die grundlegende Beschreibung Luhmanns von der gesellschaftlichen Funktion der Religion, ist die „Transformation unbestimmbarer in bestimmbare Komplexität“. (Luhmann, 1977, S. 20) Das Bezugsproblem der Religion ist die Kontingenz. Kontingenz lässt sich grob mit der sinnsuchenden Frage „warum etwas so ist, wie es ist“ erklären.
Anhand des binären Kommunikationscodes Immanenz/Transzendenz und der Kontingenzformel „Gott“ unterscheide sich das Funktionssystem von seiner Umwelt und ermögliche durch sie, das Kontingenzproblem zu lösen, indem durch „Gott“ Bestimmtheit erreicht werde. Kontingenzerfahrungen werden häufig durch eine Konfrontation mit unerwarteten, oft einschneidenden Ereignissen – positiven wie negativen – ausgelöst und erlebt. Ein Kontingenzerlebnis sei insofern mit extremen Gefühlsäußerungen verknüpft und trete besonders häufig in Situationen auf, in denen Ohnmacht und Unsicherheit erfahren und daher Sicherheit und Hilfe ersehnt werden.
Für das Gesamtsystem hat die Religion demnach zunächst einmal die Aufgabe, die Ungewissheit der Welt zu deuten, also unbestimmbares zu bestimmen und eine Beziehung zwischen dem Religionssystem und seiner Umwelt dadurch zu ermöglichen. Dies geschieht durch die Unterscheidung (= binärer Code) von Beobachtbarem zu Unbeobachtbarem bzw. Immanenz zu Transzendenz und der Einführung, das heißt Thematisierung dieser Differenz selbst, in das Beobachtbare bzw. die Immanenz.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in den Säkularisierungsdiskurs ein und skizziert die Fragestellung nach der Funktion der Religion in einer modernen, ausdifferenzierten Gesellschaft.
2. Religion in der Systemtheorie: Dieses Kapitel erläutert Luhmanns Verständnis von Religion als selbstreferenzielles Funktionssystem, das Kontingenzprobleme durch die Transformation von Immanenz und Transzendenz bearbeitet.
3. Religion und Moderne: Es werden verschiedene soziologische Modelle (Säkularisierung, Marktmodell, Individualisierung) gegenübergestellt und mit empirischen Zustandsberichten zur aktuellen religiösen Lage verknüpft.
4. Funktion der Religion: Das Kapitel vertieft die Rolle der Religion als Anbieterin von Antworten auf existenzielle Fragen und untersucht, wie sie ihre Funktion in der modernen Gesellschaft behauptet.
5. Zusammenfassung & Schlussbetrachtung: Hier werden die theoretischen und empirischen Ergebnisse resümiert, wobei die anhaltende Relevanz der Religion trotz gesellschaftlicher Marginalisierung betont wird.
Schlüsselwörter
Religion, Säkularisierung, Systemtheorie, Niklas Luhmann, Moderne, Kontingenz, Individualisierung, Kirchensoziologie, gesellschaftliche Funktion, Westeuropa, Kirchgang, Gottesglaube, Transzendenz, Immanenz, funktionaler Pluralismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die verbliebene gesellschaftliche Funktion von Religion in modernen westeuropäischen Gesellschaften unter Berücksichtigung von Modernisierungsprozessen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die systemtheoretische Beschreibung von Religion, Säkularisierungsthesen und der empirische Wandel religiöser Praxis.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, welche Funktion Religion noch erfüllt und ob wir uns in einer fortschreitenden Säkularisierung oder einer postsäkularen Phase befinden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf der Luhmannschen Systemtheorie basiert und diese mit empirischen religionssoziologischen Studien kontrastiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die systemtheoretische Basis, die Darstellung soziologischer Modelle zur Moderne sowie die Prüfung dieser Theorien anhand statistischer Indikatoren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Säkularisierung, Kontingenzbewältigung, funktionale Differenzierung und die Transformation der Religion vom universellen Deutungssystem zum Teilsystem.
Wie unterscheidet sich die religiöse Situation in den USA von der in Europa laut der Arbeit?
Die Arbeit führt an, dass in den USA ein höheres Religiositätsniveau besteht, was auf geringere soziale Absicherung und eine striktere Trennung von Kirche und Staat zurückgeführt wird.
Was bedeutet die "Dispersion des Religiösen" in diesem Kontext?
Dieser Begriff beschreibt die Tendenz, dass religiöse Konzeptionen und Interpretationen zunehmend in anderen gesellschaftlichen Bereichen wie Wirtschaft, Medien oder Sport genutzt werden.
- Citation du texte
- M. A. Matthias Hellmich (Auteur), 2010, Was bleibt der Religion im modernen Westeuropa?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265653