Globalisierungsprozess im Bereich der Nahrungsmittel

Das Beispiel Schokolade


Hausarbeit, 2013

23 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Globalisierungsprozesse
2.1 Definition
2.2 Die Geschichte der Schokolade als Globalisierungsprozess

3 Schokolade bei den Maya und Azteken

4 Kolonisation und Schokolade – Ablehnung und Aneignung durch die Kolonialmacht

5 Schokolade als Getränk der europäischen Elite

6 Schokoladenerzeugung und -konsum im Wandel
6.1 Kakao als Massenprodukt
6.2 Die Etablierung der Essschokolade

7 Schlussbemerkungen

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Schokolade gilt als die beliebteste Süßigkeit der Deutschen und erfreut sich auch in Gesamteuropa sowie in den USA großer Popularität, weshalb sie „als Paradebeispiel für die Einführung eines neuen Konsumgutes in den Alltagskonsum gelten“[1] kann.[2] Der erste Kontakt zwischen Europäern und dem Genussmittel liegt bereits 500 Jahre zurück. Die Entwicklung, die die Kakao-bohne seitdem zurückgelegt hat, ist ein geeignetes Beispiel dafür, wie Kulturen Fremdes transferieren und es schließlich derart tief in Lebensvollzüge und Gewohnheiten der Menschen eingebunden ist, dass es sich zu einem festen Bestandteil der eigenen Kultur entwickelt. Den meisten Europäern ist heute sicherlich nicht mehr bewusst, dass sie beim Verzehr von Schokolade ein vormals fremdes Nahrungsmittel konsumieren, das erst durch einen langwierigen Prozess und den globalen Austausch von Waren heimisch geworden ist.

„Weltweit hat sich Fremdes in die Ernährungsgewohnheiten der verschiedensten sozialen Schichten eingeschlichen.“[3] Doch verläuft diese Entwicklung grund-sätzlich nicht problemlos. So löst die Beschäftigung mit etwas Fremdartigem nicht nur Interesse und Faszination, sondern häufig auch Distanzierung und Ablehnung aus. Kann dieser Widerstand durch die Anpassung des Transferierten an regionale oder nationale Geschmacksvorlieben überwunden werden, findet eine Transformation bzw. Hybridisierung des neuen Gutes statt, was schließlich zur Aneignung des Fremden führen kann.

Schokolade ist zugleich Nahrungs- und Genussmittel, Süßigkeit und Getränk, wobei sich die feste Form gegenüber der flüssigen Variante durchgesetzt hat, letz-tere aber eine weitaus längere, jahrtausendealte Tradition besitzt.[4] Im Laufe der Zeit hat das Produkt zahlreiche Transformationen durchlaufen, so bezüglich der Form und Konsistenz (Heißgetränk/Essschokolade), des Geschmacks (bitter, ge-würzt/süß), des Preises (teuer/billig) und der Konsumentengruppe (Elite/Masse).

Zur Abgrenzung der Begriffe „Schokolade“ und „Kakao“ liefert Michael D. Coe folgende Definition: Kakaopflanze und -früchte werden generell als „Kakao“ bezeichnet, die weiterverarbeiteten Bohnen dagegen als „Schokolade“, wobei es keine Rolle spielt, ob diese in flüssiger oder fester Form vorliegen.[5] Laut Albert Pfiffner gelten das entfettete Pulver zur Herstellung eines Getränks sowie dieses Getränk selber jedoch als „Kakao“.[6] Die Kontroversen zeigen bereits, dass die Grenzen zwischen beiden Begriffen mitunter fließend verlaufen und weniger deutlich sind als hier suggeriert. Daher habe auch ich mich entschlossen, die begrifflichen Grenzen weiter zu ziehen und die flüssige Form der Schokolade wie zahlreiche Forscher mitunter als „Kakao“[7] zu bezeichnen.

Essen und Trinken sind nicht nur elementare Grundbedürfnisse des Menschen, die den weltweit bedeutendsten Wirtschaftszweig darstellen, sondern sorgen als Teil sozialer Verhaltensweisen zudem für Identitätsbildung und Kommunikation, andererseits aber auch für gesellschaftliche, religiöse und ethnische Abgrenzung. Dennoch konzentrierte sich die historische Forschung bis vor wenigen Jahr-zehnten fast ausschließlich auf politische Geschichte und somit auf Machthaber und Eliten. Erst seit Etablierung der Alltagsgeschichte in den 1980er Jahren widmet sie sich zunehmend „gewöhnlichen“ Themen wie beispielsweise der Nahrungsforschung.[8]

Trotz dieses Fortschritts im Bereich der Geschichtswissenschaft sollte man stets bedenken, dass die Vergangenheit niemals vollständig rekonstruiert werden kann, sondern aufgrund des geringen Verschriftungsgrades sowie der Zufälligkeit und Unvollständigkeit an Überlieferungen immerzu fragmentarisch und schemenhaft bleiben wird. So stößt man auch, wenn man sich mit der Geschichte der Schoko-lade befasst, immer wieder auf unbewiesene Vermutungen und Ungewissheiten.[9]

2 Globalisierungsprozesse

2.1 Definition

Bei der Globalisierung handelt es sich um einen Entwicklungsprozess, in dessen Verlauf sich Handlungsradien erweitern, großräumige Vernetzungen entstehen und sich voneinander entfernte Weltregionen gegenseitig beeinflussen.[10] Diese interkontinentalen Wechselbeziehungen führen zum „Austausch von Gütern, Kapitalien, Menschen und Meinungen“[11]. Der Transfer von Nutztieren und -pflanzen zwischen Alter und Neuer Welt wird als Columbian Exchange bezeichnet.[12]

Während sich die moderne Ausprägung der Globalisierung erst einhergehend mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert entwickelte, ist der Zeitraum zwischen 1500 und 1840 eher als Protoglobalisierung zu betrachten, da die Interaktions-radien und Netzwerke zu dieser Zeit noch vergleichsweise gering ausgebildet waren und der weltweite Warentransport fast ausschließlich auf Luxusartikel beschränkt blieb, während die breite Masse erst Mitte des 19. Jahrhunderts Zugriff auf exotische Produkte erhielt.[13] Die Geschichte des Schokoladen-konsums bestätigt diese allgemein gehaltene Feststellung, nach der zunächst nur die Eliten fremdartige und damit seltene und teure Artikel erwerben konnten, wie später zu zeigen sein wird.

2.2 Die Geschichte der Schokolade als Globalisierungsprozess

Als globales Nahrungs- und Genussmittel hat auch die Schokolade einen stufen-weisen Wandlungsprozess durchlaufen: vom Getränk der Maya, Azteken und spanischen Kolonialherren über das Luxusgut der europäischen Elite hin zum Massenartikel der Moderne. Ablehnung und Aneignung beeinflussten diesen Transformationsprozess ein ums andere Mal, kulturelle Grenzen wurden erreicht, aber auch kulturelle Räume weiter ausgebaut. Wie dies vonstatten ging und sich die Schokolade zu einem bedeutenden Teil der europäischen Esskultur entwickeln konnte, soll im Folgenden näher behandelt und analysiert werden.

Neben Kartoffeln, Tomaten oder Mais ist auch die Kakaobohne im Laufe des Kulturaustausches im 16. Jahrhundert auf den europäischen Kontinent gelangt. Die indigene iberoamerikanische Bevölkerung wurde im Gegenzug an europäische Waren wie Zucker, Weizen oder Wein herangeführt.[14] Das gesamte Jahrhundert war von einem regen Austausch zwischen Spanien und seinen transatlantischen Besitzungen geprägt.[15] Dabei scheint die Assimilation auf beiden Kontinenten ähnlich umfangreich gewesen zu sein, wobei der Adaptionsprozess in der Alten Welt jedoch deutlich länger dauerte, da der Anpassungsdruck fehlte.[16]

Doch wurde während der kolonialen Aktivitäten der Spanier im Lateinamerika des 16. Jahrhunderts nicht nur das Kriterium der gegenseitigen Beeinflussung und Begegnung erfüllt, sondern erweiterten sich aufgrund der Expansions-bemühungen der Iberer zugleich die Handlungsradien, was dazu führte, dass sich auch die sozialen Netze langsam verdichteten. In den darauffolgenden Jahrhunderten intensivierten sich die Beziehungen weiter.

Die Besonderheit im Schokoladensektor liegt darin, dass das Erzeugnis zwar in Europa konsumiert wird, Kakaopflanzen aber aufgrund ihrer Bedürfnisse (z. B. nach durchgängig hohen Temperaturen) nicht auf unserem Kontinent angebaut werden können.[17] Stattdessen werden die Kakaobohnen aus Amerika und Afrika importiert und meist erst anschließend in Europa zu Kakaomasse, Kakaobutter, Kakaopulver und Essschokolade verarbeitet, was einerseits dazu beiträgt, dass westeuropäische Großkonzerne den bedeutendsten Gewinnanteil für sich beanspruchen können, aber andererseits auch die Bedeutung der Schokolade als globales Gut unterstreicht.[18] Darüber hinaus handelt es sich auch deshalb um ein globales Lebensmittel, weil große Unternehmen über zahlreiche Außenhandels-abteilungen verfügen und ihre Produkte auf einem weltweiten Markt anbieten.[19]

3 Schokolade bei den Maya und Azteken

Bis heute sind weder Anbaubeginn noch exakte regionale Herkunft des Kakao-baums bekannt.[20] Dennoch gilt als wahrscheinlich, dass die aus Südamerika stammende Kakaobohne erstmals vor zirka 3.000-4.000 Jahren von den Vorfahren der in Mexiko lebenden Maya, den Olmeken, kultiviert wurde.[21] Ob die Kakao-pflanze auch von den Inka genutzt wurde, ist umstritten, aber wahrscheinlich.[22]

Sicher nachgewiesen werden konnte dagegen aufgrund entsprechender Funde wie Kodizes, Gefäßbemalungen und Hieroglyphen, dass die Hochkulturen der Maya und Azteken bereits eintausend Jahre vor den spanischen Kolonialherren Kakao konsumierten und dieser für sie eine kulinarische, wirtschaftliche, religiöse und symbolische Bedeutung hatte.[23] Beide Kulturen waren jedoch aufgrund ungeeigneter Witterungsverhältnisse nur in geringer Ausprägung in der Lage, das „Getränk der Götter“[24] in ihren Herrschaftsgebieten anzubauen, und daher meist gezwungen, Kakaobohnen durch Handel oder Tributleistungen zu importieren.[25]

Die Bohnen erfüllten bei den Ureinwohnern Altmittelamerikas eine doppelte Funktion: Sie dienten zugleich als Grundlage zur Bereitung eines Schokoladen-trunks und als Zahlungsmittel. So konnte man mit ihnen kleinere Anschaffungen tätigen oder mit großem zeitlichen und körperlichen Aufwand schäumende Schokolade herstellen, welche bei Feiern getrunken oder bei Ritualen den Göttern geopfert wurde, aber aller Wahrscheinlichkeit nach auch als Heilmittel und Aphrodisiakum Anwendung fand, obgleich Coe dieser weit verbreiteten These nicht zustimmt.[26] Dass Kakao bei Banketten und ähnlichen herausragenden Anlässen konsumiert wurde, stützt die weitverbreitete Vermutung, nach der es sich hierbei nicht um ein Alltagsgetränk, sondern um ein seltenes und besonderes Genussmittel handelte.[27] Annerose Menninger dagegen mutmaßt, dass Kakao ebenso zu den täglichen Mahlzeiten getrunken wurde.[28] Bezüglich der Konsumentengruppe ist festzuhalten, dass Schokolade aufgrund ihrer Herkunft, der verwendeten Zutaten und der aufwendigen Herstellung vermutlich nur den Eliten (wie Königen, Adligen, Fernhandelsleuten und Kriegern) vorbehalten war.[29] Nur gelegentlich wird diese gängige Auffassung in Zweifel gezogen.[30]

Das damalige Getränk ist aus mehreren Gründen nicht mit dem heutigen Kakao vergleichbar. So wurden die zu einer Paste verarbeiteten Kakaobohnen mit Wasser, Gewürzen (etwa Vanille, „Ohrenblume“, Gewürzpaprika oder Chili) und häufig auch Mais zu einem Trunk verrührt. Nur selten wurde diese Mischung mit Bienenhonig gesüßt, weshalb sie meist einen bitteren und eher würzigen Geschmack hatte.[31] Von großer Bedeutung war der enthaltene Schaum, der dadurch erzeugt wurde, dass die Schokolade mehrmals von einem Behältnis in ein weiteres gegossen wurde.[32] Ein Unterschied zwischen beiden Hochkulturen bestand darin, dass die Maya ihr Kakaogetränk heiß zu sich nahmen, während die Azteken es bevorzugt kalt genossen. Daneben verwendeten die Maya Kakao-bohnen nicht nur wie die Azteken als Zutat für einen Trank unterschiedlicher Art, sondern auch als Bestandteil von Brei, Grütze, Pulver oder festen Substanzen.[33]

[...]


[1] Pfiffner, 2001, S. 143.

[2] Vgl. ebd., S. 143-144; vgl. Graf, 2006, S. 165; vgl. Schulte Beerbühl, 2008, S. 415.

[3] Wendt, 2004, S. 225.

[4] Vgl. Menninger, 2004, S. 13, S. 61; vgl. Coe, 1997, S. 14-15; vgl. Graf, S. 17.

[5] Vgl. Coe, S. 20.

[6] Vgl. Pfiffner, S. 133.

[7] Essen und kulturelle Identität, 1997, S. 390.

[8] Vgl. Schulte Beerbühl, S. 411-412; vgl. Coe, S 13; vgl. Essen und kulturelle Identität, S. 13-14, S. 18, S. 115-116; vgl. Hirschfelder, 2001, S. 20.

[9] Vgl. Coe, S. 150.

[10] Vgl. Fäßler, 2007, S. 219.

[11] Menninger, S. 5.

[12] Vgl. Fäßler, S. 70.

[13] Vgl. ebd., S. 32, S. 72-73, S. 219.

[14] Vgl. Standage, 2010, S. 130; vgl. Fäßler, S. 70.

[15] Vgl. Coe, S. 157-158.

[16] Vgl. Die Geschichte des europäischen Welthandels, 2001, S. 46.

[17] Vgl. Menninger, S. 54.

[18] Vgl. Schulte Beerbühl, S. 429; vgl. Pfiffner, S. 146; vgl. Paczensky, Dünnebier, 1994, S. 486.

[19] Vgl. Schulte Beerbühl, ebd.; vgl. Essen und kulturelle Identität, S. 400.

[20] Vgl. Essen und kulturelle Identität, S. 390.

[21] Vgl. Coe, S. 15, S. 80-81; vgl. Menninger, S. 72; vgl. Graf, S. 17; vgl. Hamann, 1999, S. 118.

[22] Vgl. Hamann, S. 117; vgl. Schulte Beerbühl, S. 410; vgl. Standage, S. 70; vgl. Coe, S. 21-22.

[23] Vgl. Coe, S. 52-69; vgl. Graf, S. 19.

[24] Schulte Beerbühl, S. 416.

[25] Vgl. Coe, S. 72-73, S. 99; vgl. Menninger, S. 74.

[26] Vgl. Coe, S. 73-78, S. 118-120, S. 124-125, S. 151; vgl. Schulte Beerbühl, ebd.; vgl. Menninger, S. 77.

[27] Vgl. Schulte Beerbühl, ebd.

[28] Vgl. Menninger, ebd.

[29] Vgl. Coe, S. 74-76, S. 114; vgl. Menninger, S. 76-77.

[30] Vgl. Graf, S. 19.

[31] Vgl. Coe, S. 77, S. 108-109; vgl. Menninger, S. 76, S. 243.

[32] Vgl. Coe, S. 61, S. 106-107.

[33] Vgl. ebd., S. 61, S. 105.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Globalisierungsprozess im Bereich der Nahrungsmittel
Untertitel
Das Beispiel Schokolade
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Historisches Institut)
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
23
Katalognummer
V265672
ISBN (eBook)
9783656552765
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Sie haben eine sehr detailreiche, vielschichtige, farbige Hausarbeit verfasst. Die Ausführungen beeindrucken durch eine breite Sachkenntnis und auch durch die verschiedenen Blickwinkel, aus denen am Beispiel der Schokolade Globalisierungsprozesse im Bereich der Nahrungsmittel betrachtet werden."
Schlagworte
globalisierungsprozess, bereich, nahrungsmittel, beispiel, schokolade
Arbeit zitieren
Stefanie Bonk (Autor), 2013, Globalisierungsprozess im Bereich der Nahrungsmittel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265672

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