Moralische Sozialisation


Seminararbeit, 2004
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ethisch-philosophische Grundlagen

3. Die Theorie der Moralentwicklung nach Lawrence Kohlberg

4. Moralisches Urteil und moralisches Handeln

5. Moralische Sozialisation

6. Ein Versuch der Analyse einer moralischen Sozialisation am Beispiel der Biographie Che Guevaras

1. Einleitung

Über Moral und moralische Sozialisation eine Arbeit zu verfassen, kann immer nur bedeuten ein bestimmtes Teilthema genauer zu untersuchen. Die Komplexität, die dem Terminus ‚Moral’ inhärent ist, kann, besonders im Rahmen einer solchen Arbeit, nicht vollständig wiedergegeben werden.

Vor einigen Wochen erschien in der Wochenzeitung ‚Die Zeit’ ein Artikel von Helmut Schmidt, der einen Aufruf an die Manager Deutschlands darstellen sollte. Schmidt beklagte hierin die Selbst-Bereicherung von Managern. Diese Bereicherung nannte er unmoralisch und plädierte an die Moral eben dieser Manager. Der Terminus ‚Moral’ stellte in diesem Artikel einen zentralen Begriff dar.

An diesem Beispiel lässt sich bereits der immense Umfang und die damit verbundene Schwierigkeit einer Definition des Begriffs ausmachen. Moral ist ein abstrakter Begriff. Jede Zuschreibung einer Moral setzt bereits voraus, dass der Zuschreibende eine Vorstellung von Moral hat, die er wiederum auf andere überträgt. Moral ist nicht einfach messbar und schon gar nicht auf den ersten Blick erkennbar. Dennoch spielt Moral in wissenschaftlichen Untersuchen seit je her eine tragende Rolle.

Ursprung einer Diskussion über Moral ist natürlich die Philosophie. Wissenschaftlich auseinandergesetzt wird sich mit der Moral aber auch in der Soziologie, der Biologie und selbstverständlich, wie es Gegenstand dieser Arbeit ist, in der Psychologie.

Was den Begriff Sozialisation in psychologischer Hinsicht betrifft, so bezeichnet Zimbardo diese als „lebenslangen Prozess der Entstehung individueller Verhaltensmuster, Werte, Maßstäbe, Fähigkeiten und Motive in der Auseinandersetzung mit den entsprechenden Maßstäben einer bestimmten Gesellschaft.“ (Zimbardo1992:73) Wir sehen also, dass sowohl die Individualität wie auch der gesellschaftliche Rahmen eine zentrale Berücksichtigung erfahren. Inwiefern Moral mit dieser Definition eine Verknüpfung erfährt, wird sich noch im Verlauf dieser Arbeit zeigen. Auf den oben erwähnten Zeitungsartikel eingehend, müsste man nach der moralischen Sozialisation eben dieser Manager fragen; also ihre soziale Entwicklung im Hinblick auf die Moral untersuchen. Dies wäre sicherlich nur im jeweils konkreten Einzelfall denkbar.

Zunächst möchte ich auf philosophische Grundlagen zum Thema der Moral eingehen, in denen auch Lawrence Kohlberg geschult war, auf den ich hieran folgend eingehen werde. Seine Theorie der Stufenentwicklung eines moralischen Urteils hat in der Moralpsychologie einen großen und grundlegenden Platz eingenommen - so auch zwangsläufig in dieser Arbeit. Anschließend sollen kritische Auseinandersetzungen mit dessen Theorie aufgezeigt werden, um dann zu einer Erläuterung von moralischer Sozialisation zu gelangen. Als letzen Punkt möchte ich anhand eines konkreten Beispiels genauer und veranschaulichender auf Aspekte einer moralischen Sozialisation eingehen. Hierfür habe ich die Biographie Che Guevaras ausgewählt. Inwiefern Guevaras Leben von dem Grundsatz der Moral geprägt war und ob sein Verhalten ein durchweg moralisches war, kann an dieser Stelle nicht bearbeitet werden. Ausgewählt habe ich ihn vielmehr, weil er seine späteren theoretischen Schriften auf die Basis der Moral stellte und Jean Paul Sartre ihn als den „wohl vollkommensten Menschen unserer Zeit“ bezeichnete. Aus diesem Grund werde ich mich grob mit dessen Kindheits- und Jugendjahren auseinandersetzen. Dieser Teil sollte aufgrund seiner zwangsläufigen Unvollständigkeit jedoch lediglich als Illustration und Anregung zur Auseinandersetzung verstanden werden.

2. Ethisch-philosophische Grundlagen

Eine der ältesten Fragen in der Philosophie ist die Frage nach ‚gut’ und ‚böse’ und nach ‚richtig’ und ‚falsch’. Hieraus ergibt sich die Kernfrage der Moral. Die historische Diskussion, die verschiedenen Strömungen sowie bestimmte Ausdifferenzierungen können an dieser Stelle nicht hinreichend berücksichtigt werden. Vielmehr soll dieser Teil einen einführenden und einleitenden Charakter darstellen, der zu dem eigentlichen psychologischen Teil hinleitet.

Moral ist ursprünglich eine soziale Erscheinung. Sie bildet ein System, welches die Beziehungen der Individuen zueinander regelt. Darüber hinaus stellt sie Forderungen an den Einzelnen. Moral hat also durchaus etwas mit Regeln, Normen und Pflichten zu tun. Die Legitimität solcher Normen hängt von ihrer ethischen Begründung ab, dies bedeutet natürlich, dass gesellschaftliche Normen durchaus schlecht, falsch oder eben nicht moralisch sein können. Wie diese Normen zustande kommen und wer diese Normen bestimmt, muss unter einer ethischen Legitimitätsfrage geprüft werden, um von moralischen Regeln sprechen zu können. (vgl. Lenk 1997: 6)

Drei historisch-ethische Grundpositionen können aufgeführt werden: die christliche Ethik, der Utilitarismus und eine Pflicht-Ethik. Das Christentum basiert auf den drei Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung. Gott ist der Schöpfer der Welt. Die Erfahrung der Liebe steht hier im Vordergrund. Daher steht die Maxime Jesu’ ‚Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst’ als symbolischer Grundsatz für Handlungsanweisungen. Die zwölf Gebote stellen die Grundnormen dar. Die Handlung erfolgt aufgrund einer späteren kosmischen Erlösungsvorstellung. (vgl. Brehmer, Goedeke, Richter 1994: 57)

Als Grundposition wurde der Utilitarismus von Jeremy Bentham 1789 begründet. Der Utilitarismus basiert auf Nützlichkeitserwägungen. Das Prinzip der Nützlichkeit ist hier als richtungsanweisende Maxime zu berücksichtigen. Ein empirisches Kriterium liegt dem zugrunde, denn die ethische Handlung ist diejenige, die die Maximierung des Gesamtwohls berücksichtigt bzw. zur Folge hat. Dabei geht es allerdings auch um die Bedürfnisbefriedigung des Einzelnen. Derjenige, der handelt ist sich bewusst, dass er auf andere Menschen angewiesen ist. Deren allgemeine Bedürfnisbefriedigung löst somit bei ihm selbst ein Gefühl der Lust aus. Die Befolgung moralischer Grundsätze verursacht hiernach die Erwartung eines glücklichen Lebens. Erfahrung und Klugheit sind die wesentlichen Bedingungen eines angemessenen Verhaltens. (vgl. ebd.)

Die Pflicht-Ethik geht nun auf Immanuel Kants Moralphilosophie zurück. Besonders wichtig ist diese auch, weil sich in ihr das anerkannteste Moralkriterium finden lässt – die Universalisierbarkeit einer Norm. Die individuelle Glücksorientierung oder der Trieb nach einer Lustbefriedigung sind für Kant keine moralischen Grundsätze. Jeder Mensch, als vernunftfähige Person, ist nach Kant zu einem moralischen Handeln in der Lage und zwar gerade nicht aus einem persönlichen Bedürfnis nach Glück, sondern aus einem reinen Pflichtbewusstsein heraus, unabhängig von einer Bedürfnisbefriedigung. Die moralische Freiheit ist der Wille, sich ein vernunftgeleitetes Gesetz zu geben, dem der Einzelne einzig und unbedingt verpflichtet ist. Ethisches Handeln entsteht hierbei aus der Wertsetzung des Menschen. Der Mensch besitzt die Freiheit zu einer Selbstbestimmung und ist daher eine autonome Person. Somit ist eine Person für das Ergebnis ihres Handelns verantwortlich. Die Personen erkennen sich gegenseitig intersubjektiv als Personen an. Hieraus entseht der Kategorische Imperativ Kants: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde!“ Dies ist eine Universalisierungsregel, die in jedem vernünftigen Wesen selbst angetroffen werden muss und aus seinem Willen entspringt. Der Kategorische Imperativ setzt also keine bestimmte Norm, sondern er erhebt den Anspruch, in verallgemeinbarer Art und Weise zu handeln. Der Andere darf niemals als bloßes Mittel angesehen werden, sondern immer schon als Zweck. Humanität ist daher das absolute Ziel. Der Handelnde handelt aus dem autonomen Grund der Selbstachtung und der Entfaltung seiner Persönlichkeit. (vgl.ebd.; Singer 1994: 17)

3. Die Theorie der Moralentwicklung nach Lawrence Kohlberg

In diese philosophischen Grundlagen war auch Lawrence Kohlberg geschult, denn unter anderem studierte er Philosophie und setzte sich mit eben jener Frage nach der Moral auseinander. So bildete die Moral in Kohlbergs entwicklungspsychologischen Forschungen den zentralen Punkt.

Dennoch stand Kohlberg mit seinen Forschungen ganz in der Tradition Jean Piagets. Kohlberg führte dessen Arbeit im moralischen Bereich fort. Seine Theorie der moralischen Entwicklung fußt daher in der Erkenntnistheorie Piagets. Auch Kohlberg geht daher von operationalen Stufen aus.

Jean Piagets Untersuchung zu dem ‚Moralischen Urteil beim Kinde’ erschien 1932. Hierin untersucht Piaget anhand eines Murmelspiels sowie anhand von Interviews die moralischen Urteile von Kindern im Alter zwischen 5 und 13 Jahren. Die Regeln des Murmelspiels, das Regelbewusstsein sowie die sich hieran anschließende Spielpraxis standen hierbei im Vordergrund der Untersuchung. Das Murmelspiel hielt Piaget für ein gutes Studienobjekt, weil der Einfluss der Erwachsenen auf das Regelsystem denkbar gering ist. Die Kinder wurden während des Murmelspiels beobachtet und ihnen wurden Fragen gestellt über Ursprung, Gültigkeit und Änderbarkeit der Regeln. Des weiteren führte Piaget Interviews mit Kindern über alltägliche Geschichten, zu denen sie ihre Meinung sagen sollten. Hier sollte besonders das Pflicht- sowie Gerechtigkeitsbewusstsein untersucht werden. Aus seinen Untersuchungen folgert Piaget im wesentlichen, dass es zwei Stadien der Moralentwicklung gebe: die heteronome und die autonome Moral. (vgl. Heidbrink 1996: 41)

Die heteronome Moral beruht auf dem Zwang der Erwachsenen. Pflichten und Werte sind in diesem Stadium objektiv gegebene. Regeln sind daher nicht veränderbar oder hinterfragungswürdig, denn sie werden durch Autoritäten gesetzt, die ‚berechtigterweise’ Regelüberschreitungen bestrafen dürfen. Die Handlung, die im Einklang mit den Regeln der Autoritäten, Erwachsenen, stehen, wird als ‚gut’ Bezeichnet. Die Handlung, die gegen eine solche Regel verstößt, als ‚schlecht’. Die heteronome Moral bewirkt beim Kind den moralischen Realismus – dies bedeutet, dass nur die tatsächliche also objektive Konsequenz des Handelns zählt, nicht die Intention des Handelnden. (Bsp.: Gläserzerbrechen der Kinder) Hieran wird auch gemessen, ob die Strafe eine ‚gerechte’ ist. (vgl. ebd.)

Zwischen 11 und 13 Jahren stellte Piaget eine Entwicklung der autonomen Moral fest. Diese beruht auf Zusammenarbeit und Kooperation der Kinder untereinander. Unter Bezugnahme auf Gerechtigkeit entscheiden die Heranwachsenden nun aktiv mit, was als gut und schlecht verstanden werden kann. Gebote und Regeln werden nun untereinander vereinbart. Hierbei ist die gegenseitige Achtung der Kinder von entscheidender Bedeutung. Die Achtung der elterlichen Autorität wird durch die gegenseitige Achtung abgelöst. Die Autorität als Begründung der Regel im heteronomen Stadium wird durch Selbstverpflichtung in einem sozialen Vertrag in dem autonomen Stadium abgelöst. (vgl. ebd.)

Die Entwicklung des Gerechtigkeitsbegriffs unterschied Piaget allerdings noch etwas differenzierter – nämlich in drei Perioden. Die erste Periode dauert etwa bis zum 7./8. Lebensjahr. Die Autorität der Erwachsenen ist unantastbar. Was gerecht ist, wird von ihnen bestimmt. Die zweite Periode setzt Piaget zwischen dem 8. und 11. Lebensjahr an. In dieser wird der Primat der Gleichheit über die elterliche Autorität gestellt. Ab dem 11./12. Lebensjahr findet die dritte Periode statt. Die Kinder beginnen mit einer Relativierung des Gleichheitsgedankens. Es geschieht eine Einbeziehung der besonderen Lebensumstände des Einzelnen. (vgl ebd.)

In dieser Tradition der Moralforschung im Hinblick auf die Gerechtigkeitsbeurteilung bewegen sich die Forschungen Lawrence Kohlbergs (1927-1987). Kohlbergs Interesse galt der Entwicklung von Begründungen normativer Urteile und den Orientierungen, die diese Urteile leiten. Dabei steht nicht die letztliche Entscheidung selbst im Vordergrund, sondern die Prinzipien und Begründungen dieser Entscheidungen.

Im Sinne Piagets entwirft Kohlberg ein Stufenmodell der Entwicklung moralischer Urteilsfähigkeit. Entwicklung findet dann statt, wenn die bisherigen Strategien des Denkens nicht mehr ausreichen, um ein Problem zu lösen, und nach besseren Strategien gesucht wird. Demnach beschreibt sein Modell eine kognitive Entwicklung, die nur durch Erfahrung in Auseinandersetzung mit der menschlichen Umwelt erfolgen kann. Interaktionismus ist die entwicklungstheoretische Position. Kohlbergs Ansatz ist ein strukturgenetischer – dies bedeutet eine sukzessive Abfolge moralisch-kognitiver Strukturen. Eine Stufe stellt eine abgegrenzte Phase der Entwicklung dar, die bestimmte Denkstrukturen enthält. Moralentwicklung wird als ein progressives Fortschreiten beschrieben. Jeder neue Veränderungsschritt ergibt sich aus dem vorhergehenden. Dies ist die Entwicklungslogik. (vgl. Oser, Althoff 1992: 56ff.)

Kohlbergs Untersuchungsinstrument war das ‚Moral Judgement Interview’, welches ein Tiefeninterview zu einem zuvor präsentierten hypothetischen moralischen Dilemma darstellte, zu welchem die VP ein Urteil fällen musste. (das bekannteste Dilemma ist das Heinz-Dilemma) Nicht die Entscheidung stand im Mittelpunkt des Auswahlverfahrens, sondern vielmehr die argumentative Begründung dieser Entscheidung, um letztlich aus dieser Begründung eine moralische Denkstruktur ableiten zu können. Damit geht es nicht um eine Beurteilung der moralischen Äußerung, sondern um das Verstehen des zugrundeliegenden Denkmusters. Kohlbergs Stufenmodell beschreibt demnach verschiedene Stufen des Urteilens über eine gegebene Situation. Mit jeder Stufe zeigt sich ein qualitativ höherer Grad an Differenzierung und Integration des Denkens, werden die eingesetzten kognitiven Operationen reversibler und äquilibrierter und verfügt über eine unfassendere Perspektive der umgebenden Umwelt. Das Stufenmodell besteht aus drei Niveaus mit je zwei unterschiedlichen Ebenen. (vgl. ebd.)

Das erste Niveau ist die Präkonventionelle Ebene.

Die Stufe 1 ist die Stufe der Orientierung an Strafe und Gehorsam. Die Sichtweise der Erwachsenen ist im Konfliktfall die richtige. Der Führungsanspruch der Eltern wird für rechtmäßig erklärt. Diese entscheiden daher, was ‚richtig’ und ‚falsch’ ist. Der Kern der Moralvorstellung ist das gegebene Machtverhältnis: Wer die Macht hat, hat das Sagen. Die Autorität der Erwachsenen wird als Quelle der Normen verstanden. So entscheiden die Konsequenzen darüber, ob ein Verhalten richtig war oder nicht. Um die Strafe zu vermeiden, gilt der Gehorsam als verpflichtend. Die Kinder besitzen eine egozentrische Perspektive und können daher keine zwei Perspektiven verbinden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Moralische Sozialisation
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V26576
ISBN (eBook)
9783638288675
ISBN (Buch)
9783638771900
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moralische, Sozialisation
Arbeit zitieren
Christoph Kohlhöfer (Autor), 2004, Moralische Sozialisation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26576

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