Begabtenförderung in der Realschule Plus


Bachelorarbeit, 2012

60 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Definitionen
2.1) Hochbegabung/ Begabung
2.2) Intelligenz
2.3)Underachiever
2.4) Leistungsexzellenz

3) Begabung
3.1) Drei-Ringe-Modell von Joseph Renzulli (1979)
3.2) Triadisches Interdependenzmodell von Mönks (1990
3.3) Münchener Hochbegabungsmodell von Heller, Perleth & Hany (1994

4) Diagnostik

5) Probleme

6) Mögliche Maßnahmen zur Begabtenförderung
6.1) Akzeleration
6.2) Enrichment
6.3) Innere Differenzierung
6.4) Frühstudium

7) Förderung von begabten Schülern in der Realschule Plus

8) Empirischer Teil
8.1) Untersuchung
8.2) Ergebnisse und Diskussion

9) Literaturverzeichnis

10) Anhang
10.1) Fragebogen
10.2) Online-Umfrage

1) Einleitung

Die vorliegende Bachelorarbeit entstand im Zeitraum August 2012 bis Oktober 2012 an der Universität Koblenz-Landau, am Campus Koblenz im Fachbereich der Bildungswissenschaft. Die Formulierung des Themas sowie der strukturelle Aufbau dieser Arbeit haben sich aus einer Idee meinerseits und den Anregungen der betreuenden Dozentin, Prof. Dr. Martina Endepohls-Ulpe, ergeben.

Die folgenden Kapitel sind rund um das Thema „Begabtenförderung in der Realschule Plus“ aufgebaut und befassen sich hauptsächlich mit dem Phänomen Hochbegabung. Es soll herausgearbeitet werden, welche Schwierigkeiten und Probleme rund um das Thema Hochbegabung/ Begabung auftreten können und wie man diese zu lösen versucht.

Durch mein Studium konnte ich mich schon öfter mit Hochbegabung und den damit verbundenen Vor- und Nachteilen beschäftigen. Zudem hospitierte ich während meines Praktikums in der Grundschule in einer 3. Klasse, in der ein Junge war, bei dem eine Hochbegabung vermutet wurde. Bei Gesprächen mit der Klassenlehrerin erklärte sie mir, dass der Junge der leistungsstärkste Schüler in seiner Klasse ist und auch sehr schnell arbeitet. Da er mit den Aufgaben zumeist als Erster fertig wäre, müsse sie ihn sehr oft zurückhalten, damit auch alle anderen Kinder die Möglichkeit haben, diese ordnungsgemäß zu beenden. Nach ein paar Wochen arbeitete der erwähnte Schüler immer weniger mit, was zu einer erheblichen Verschlechterung seiner Leistungen führte.

Durch diese Erfahrung und den Seminaren an der Universität ist mir bewusst geworden, dass auch ich später mit hochbegabten Kindern zu tun haben könnte. Es stellt sich für mich die Frage, welche Möglichkeiten mir als Lehrkraft zur Verfügung stehen diese Kinder maximal zu fordern und zu fördern, damit ihr besonderes Potential nicht untergeht. Dies war der Grund, der mich zum Schreiben der vorliegenden Bachelorarbeit gebracht hat.

Zu Beginn dieser Arbeit werden in einem Theorieteil erst einmal einige Definitionen gegeben, die eine wichtige Rolle rund um Hochbegabung spielen. Danach wird genauer auf den Begriff der Hochbegabung/ Begabung eingegangen, verbunden mit einigen Erklärungsansätzen und Modellvorstellungen. Nach einer kurzen Beschreibung der Hochbegabungsdiagnostik, beschäftigt sich diese Arbeit mit möglichen Problemen, die auftreten können, wenn ein hochbegabtes Kind nicht richtig gefördert wird. Damit schließt sich direkt das Kapitel 6 an, in dem zuerst die Hochbegabtenförderung allgemein im Fokus steht und dann einige mögliche Förderungsmaßnahmen beschrieben werden. In Kapitel 7 wird dann genauer auf eine mögliche Förderung in der Realschule Plus eingegangen. In dem anschließenden empirischen Teil wird als erstes die von mir durchgeführte Untersuchung mit Thema und Methode vorgestellt, bevor es dann zu einer Darstellung der Ergebnisse kommt. Im Anschluss werden die Ergebnisse der Untersuchung diskutiert und mit einem kurzen Fazit zum Abschluss gebracht.

2) Definitionen

2.1) Hochbegabung/ Begabung

Der Begriff „Hochbegabung“ ist hauptsächlich in Deutschland gebräuchlich. International betitelt man hervorragende Leistungen meist schlicht als Begabung. In der vorliegenden Arbeit werden beide Begriffe synonym füreinander verwendet.

Versuche, den Begriff Hochbegabung oder auch Begabung zu erklären, gab es schon in der Antike. Die lange Geschichte führt neben einem uneinheitlichen Begriff, auch zu unterschiedlichen Bedeutungsfacetten.[1]

Nach Horney, Ruppert & Schulze (1970) sind Begabungen „ein „Gegebenes“ und als solches ein im genetischen Potential der Person „Angelegtes“, also schlichtweg angeboren.[2] Viele Definitionsversuche fügen hier noch die Intelligenz als entscheidenden Faktor für eine vorliegende Hochbegabung hinzu. Schon Lewis Madison Terman, ein bekannter Forscher rund um das Thema Hochbegabung sagte, dass „Hochbegabung allein mit außergewöhnlich hoher Intelligenz gleichzusetzen sei“.[3]

Die amerikanische Wissenschaftlerin Marland (1971) stellte eine gute und bis heute noch einflussreiche Definition von Hochbegabung auf.

Begabte und talentierte Kinder sind von berufsmäßig qualifizierten Personen identifizierte Kinder, die aufgrund außergewöhnlicher Fähigkeiten hohe Leistungen zu erbringen vermögen. […] Die Gruppe der Kinder, die zu hohen Leistungen fähig sind, schließt diejenigen Kinder ein, die Leistungsfähigkeit zeigen oder potenzielle Fähigkeiten in einem oder mehreren der folgenden Bereiche haben: allgemeine intellektuelle Fähigkeit, spezifische akademische (schulische) Eignung, Kreativität und produktives Denken, Führungsqualitäten, bildende und darstellende Kunst, psychomotorische Fähigkeiten“[4]

Hochbegabte Kinder sind demnach jene, die durch qualifizierte Fachleute als solche identifiziert werden und die aufgrund außergewöhnlicher Fähigkeiten in der Lage sind hohe Leistungen zu erbringen.

Allerdings gibt es neben Definitionen, bei denen die Intelligenz als Maß für Hochbegabung herangezogen wird, auch Erklärungen, bei denen auf die neben der Intelligenz vorkommenden Bereiche geachtet wird. Beispielweise besagt die spezifische Talentdefinition, dasseine spezifische Stärke schon ausreichend ist, damit eine Hochbegabung vorliegt. Sie kann in künstlerischen und akademischen Gebieten, wie der Musik, der Mathematik oder dem Sport liegen.[5] Um als hochbegabt zu gelten reicht demnach auch schon eine weit überdurchschnittliche Begabung. Allerdings ist Hochbegabung nicht gleichzustellen mit einem Talent, bei dem eine hohe Intelligenz keine Rolle spielt. Ein Kind kann in einem bestimmten Gebiet, zum Beispiel im Sport, talentiert sein. Erst wenn auch seine intellektuellen Fähigkeiten überragend sind spricht man von einer Hochbegabung.

Eine eindeutige Definition von Hochbegabung ist sehr schwer, da es „nicht direkt beobachtbar, sondern[…] nur als Konstrukt“ beschrieben werden kann und durch äußere Faktoren modifiziert werden kann (z.B. Prüfungsangst).[6]

2.2) Intelligenz

Kinder, die als hochbegabt identifiziert werden, stehen hauptsächlich wegen ihrer Intelligenz im Fokus und weisen einen Intelligenzquotienten von über 130 auf.

Intelligenz ist die „angeborene Fähigkeit, durch Erkennen von Gesetzmäßigkeiten und Regeln geistige Leistungen zu erbringen, mit deren Hilfe neue Aufgaben und Anforderungen optimal gelöst werden können. D.h. also, sich in neuen Situationen und Aufgaben mit Hilfe des eigenen Denkvermögens zurechtzufinden […]“. Demnach ist die Intelligenz angeboren und für Menschen notwendig, um im Leben und vor allem in der Schule etwas zu erreichen. Die Gene sind aber für eine hohe Intelligenz nicht allein ausschlaggebend, denn sie wird durch bestimmte Eigenschaften modifiziert, „die zum größten Teil durch Umwelt, Erziehung und Erfahrung erworben werden“[7]

2.3)Underachiever

Underachiever ist eine Betitelung derjenigen Hochbegabten, deren „Leistungen unter den Möglichkeiten und Erwartungen liegen, die ihren intellektuellen Fähigkeiten entsprechen“ und das über einen längeren Zeitraum.[8] Dies bedeutet also, dass das Leistungspotential der Kinder von ihren schulischen Leistungen abweicht, was auf verschiedene intrinsische und extrinsische Ursachen zurückzuführen ist. Die genauen Ursachen und Auswirkungen werden in Punkt 5 genauer erläutert.

2.4) Leistungsexzellenz

Die in Punkt 2.3 beschriebenen Underachiever sind „Talente, deren Leistung aktuell beeinträchtigt ist, wodurch sich bei Nichtintervention ungünstige Prognosen für die Erreichbarkeit von Leistungsexzellenz ergeben.“[9]

Der Begriff Exzellenz kommt aus dem Lateinischen excellere und bedeutet „hervorragend“. Hat ein Schüler seine Leistungsexzellenz erreicht, liegt die größtmögliche Ausschöpfung seines Leistungspotentials vor.

Diese Ausschöpfung der intellektuellen Leistung ist auch für die Gesellschaft von großer Wichtigkeit, da diese versuchen muss auf einen „hohen wissenschaftlichen und technischen Stand“ zu kommen und diesen auch zu halten.[10] Begabte Menschen können dafür von Nutzen sein, wenn ihr Potential erkannt und richtig genutzt werden kann. Daher ist es nicht nur für das Kind selbst, sondern auch für die Gesellschaft wichtig, das Leistungspotential auszuschöpfen und seine Leistungsexzellenz so früh wie möglich zu erreichen. Die Gesellschaft hat also hochbegabten Kindern gegenüber eine Verpflichtung, sie ordentlich zu fördern und zu unterstützen.

3) Begabung

In Punkt 2.1 wird darauf hingewiesen, dass begabte Kinder in der Lage sind hohe Leistungen zu erbringen. Allerdings muss ein Kind, was über eine Begabung verfügt, nicht selbstverständlich auch gute Leistungen erbringen. Oftmals wird jedoch der Fehler gemacht und Hochbegabung in Zusammenhang mit starken Leistungen gebracht. Dies kann allerdings zu Problemen führen, da sich begabte Kinder häufig in der „Form, in der sie ihre Begabungen zum Ausdruck bringen, und darin, inwieweit es ihnen gelingt, ihre Begabungen in (schulische) Leistungen umzusetzen“ unterscheiden.[11]

Damit sich Hochbegabung überhaupt positiv entwickeln und sich auch gute Leistungen in Schule und im weiteren Leben zeigen können, muss das Zusammenwirken von zwei Bedingungen gegeben sein. Neben den schon erwähnten passenden Anlagen, die vorhanden sein müssen, sollte auch die Umwelt des Hochbegabten mit ihm und seiner Begabung im Einklang sein. Diese Voraussetzung erklärt auch die individuellen Unterschiede im Leistungsniveau von hochbegabten Kindern, da diese sich in vielen Punkten, wie Herkunft, Glaube, Unterstützung durch die Familie, Freizeitaktivitäten usw. unterscheiden. Nicht nur das Umfeld hat Einfluss auf die Ausprägung von Hochbegabung, sondern hochbegabte Kinder nehmen auch Einfluss auf ihre Umwelt. Auf diesen Punkt soll in dieser Arbeit jedoch nicht weiter eingegangen werden.

Um Hochbegabung zu definieren, besser zu verstehen und diagnostizieren zu können wurden im Laufe der Zeit verschiedene Modelle entwickelt, in dem die Einflussfaktoren und die daraus resultierende „Umsetzung von Begabung in Leistung“ beachtet werden.[12] Anfangs sah man alles aus eindimensionalen Sichtweisen und ging davon aus, dass Hochbegabung ausschließlich einer überdurchschnittlichen Intelligenz bedarf und diese als auschlaggebender Punkt für hervorragende Leistung gilt.

Als eine Langzeitstudie von Terman (1935) gezeigt hat, „dass auch soziale Faktoren und Persönlichkeitsmerkmale entscheidend zur Realisierung von Begabung beitragen“, kam es zur Entwicklung von multifaktoriellen Hochbegabungsmodellen, bei denen neben der Intelligenz auch die Umweltfaktoren berücksichtigt wurden.[13]

Im Folgenden sollen einige Modellvorstellungen beschrieben werden, die unter anderem die Basis für die Diagnostik von Hochbegabten und die darauffolgende Förderung bilden.

3.1) Drei-Ringe-Modell von Joseph Renzulli (1979)

Das bekannteste Modell zur Erklärung von Hochbegabung ist das Drei-Ringe-Modell von Joseph Renzulli. Um jemanden als hochbegabt zu identifizieren braucht es nach Renzulli nicht nur eine hohe Intelligenz, sondern es sollten „zusätzliche Informationsquellen verwendet werden“.[14] Hier wird das Vorhandensein von insgesamt drei Faktoren beschrieben, die überdurchschnittlich hoch entwickelt sein müssen, damit eine Hochbegabung überhaupt vorliegen kann (siehe Abbildung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Drei-Ringe-Modell von Renzulli (Stumpf 2012, S. 20)

Mit seiner Modellvorstellung übte Renzulli Kritik an der Definition von Terman, Hochbegabung sei hauptsächlich anhand der Intelligenz zu erkennen und sagte, dass hochbegabte Kinder „überdurchschnittliche intellektuelle Fähigkeiten, Aufgabenzuwendung und Kreativität“ aufweisen müssen. Neben der Intelligenz ist also auch das Interesse einer Person, in einem speziellen Leistungsbereich bestimmte Ziele zu erreichen und sich diesem Ziel dann für eine gewisse Zeit hinzugeben, Voraussetzung für eine Hochbegabung. Außerdem ist eine Interaktion zwischen allen drei Komponenten besonders wichtig.[15]

Mit diesem Modell gelingt es Renzulli zwar eine möglichst breite Gruppe von potentiell hochbegabten Kindern einzubeziehen, allerdings schenkt er dem Umfeld keinerlei Beachtung und demnach ignoriert er auch die sozialen Faktoren, die für die Entwicklung der Persönlichkeitseigenschaften eines Kindes eine große Rolle spielen. Des Weiteren kommt es in diesem Modell zu keiner Differenzierung zwischen Leistung und Begabung. Dies bedeutet, dass Leistung mit Begabung gleichgesetzt wird, wogegen spricht, dass viele Schüler, bei denen eine Hochbegabung nachgewiesen wurde, trotzdem nur schwache Schulleistungen erbringen. Wie schon in Punkt 2.3 erklärt werden diese Kinder Underachiever genannt. Renzulli ist der Meinung, dass solchen Schülern die äußerst wichtige Aufgabenverpflichtung fehlt und sie daher nicht als hochbegabt gelten.

Eine praktische Erfassung des Drei-Ringe-Modells ist sehr schwierig, da alle drei Bereiche erst einmal erfasst und dann miteinander verknüpft werden müssten, was im Modell selbst nicht beschrieben ist.

3.2) Triadisches Interdependenzmodell von Mönks (1990)

Das triadische Interdependenzmodell (Mehr-Faktoren-Modell) nach Mönks ist eine Erweiterung des Drei-Ringe-Modells von Renzulli durch das soziale Umfeld, worunter vor allem Schule, Familie und Freunde zählen (siehe Abbildung 2).

Mönks geht davon aus, dass ein korrektes Zusammenspiel von „individuellen Anlagen und Bedürfnissen mit einer verständnisvollen und förderlichen Umwelt“ für ein hochbegabtes Kind und dessen positive Entwicklung von großer Wichtigkeit ist.[16]

Alle sechs im Modell auftauchenden Faktoren „stehen in wechselseitiger Abhängigkeit (Interdependenz), beeinflussen einander gegenseitig und sind gleichzeitig voneinander abhängig“.[17] Es muss also ein Zusammenspiel der sechs Faktoren vorhanden sein, damit sich Hochbegabung positiv entfalten kann und sich in herausragenden Leistungen wiederspiegelt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Triadisches Interdependenzmodell von Mönks (Reinitzhuber 2000, S. 27)

Da sich Hochbegabung nach Mönks entwickelt und Entwicklung bei jedem Kind ein dynamischer und lebenslanger Prozess ist, zeigt dies, dass Hochbegabung kein statisches Phänomen, sondern veränderlich und beeinflussbar ist.

Ähnlich wie beim Drei-Ringe-Modell von Renzulli kommt es beim triadischen Interdependenzmodell zu einer unklaren Trennung von Hochleistung und Hochbegabung und damit auch zu der Frage, ob Underachiever als hochbegabt bezeichnet werden oder nicht. Auch der Zeitpunkt, wann die Umwelt eine entscheidende Rolle spielt, wird in diesem Modell nicht klar deutlich.

3.3) Münchener Hochbegabungsmodell von Heller, Perleth & Hany (1994)

Im Gegensatz zu den in Punkt 3.1 und 3.2 vorgestellten Modellvorstellungen ist das Münchener Hochbegabungsmodell etwas komplexer. Es steht im Kontrast zu den eindimensionalen, nur auf die Intelligenz schauenden, Definitionen von Hochbegabung, die dazu noch „bestimmte Begabungsbereiche ausschließen“.[18] Hier kommt es zur Unterscheidung der einzelnen möglichen Leistungsbereiche, in denen Hochleistungen erbracht werden können und zu einer Untergliederung der Begabungsfaktoren (siehe Abbildung 3). Die genetischen Begabungsfaktoren werden im Münchener Hochbegabungsmodell in Verbindung mit günstigen nicht-kognitiven Persönlichkeitsmerkmalen und einem guten sozialen Umfeld gebracht. Hochbegabung ist demnach ein „Ergebnis des Zusammenspiels zwischen kognitiven und nichtkognitiven Persönlichkeitsmerkmalen sowie Umweltfaktoren“.[19]

Es kommt erstmals zu einer Berücksichtigung von allen Faktoren, die einen Menschen beeinflussen und seine Leistung demnach auch modifizieren können. Außerdem versucht dieses Modell zu verdeutlichen, dass Begabung nicht gleich gute Leistung entspricht, da diese verfälscht werden könnte und noch andere „nichtintellektuelle Bereiche“ besonders ausgeprägt sein könnten.[20]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Münchener Hochbegabungsmodell von Heller, Perleth & Hany (Stumpf 2012, S. 22)

Als Kritik kann man anmerken, dass die unterschiedlichen Bereiche allesamt unter dem Begriff Begabung zusammengefasst werden, was es in der Praxis schwer macht Hochbegabung zu erkennen. Dazu kommt der Punkt, dass bestimmte Faktoren, wie zum Beispiel Kreativität oder Aufgabenmotivation, nicht messbar sind. Da das Modell zu komplex ist gibt es keine deutliche Erklärung, was unter Hochbegabung konkret zu verstehen ist.

Neben diesen drei beschriebenen Modellvorstellungen gibt es noch weitere Modelle, wie das Komponentenmodell der Talententwicklung von Wieczerkowski und Wagner (1985), das mehrdimensionale Begabungskonzept von Urban (1990) oder das differenzierte Begabungs- und Talentmodell von Gagné (1993), welche hier nicht genauer beschrieben werden sollen. Es ist festzuhalten, dass alle Modellvorstellungen in einer allgemeinen Entwicklungslinie stehen und aufeinander aufbauen.

Alle entwickelten Modellvorstellungen dienen dazu, mögliche Definitionen von Hochbegabung zu geben und diese zu erklären. Wie schon erwähnt stellen die Modellvorstellungen eine Basis für die Diagnostik von Hochbegabten dar, über die im nächsten Abschnitt ein kurzer Einblick gegeben wird.

4) Diagnostik

Nachdem die unterschiedlichen Modellvorstellungen eine mögliche Antwort auf die Frage „Was versteht man unter Hochbegabung?“, geben, ist immer noch nicht klar geworden, wann Hochbegabung überhaupt anfängt, warum es bestimmten Hochbegabten nicht gelingt, ihr Leistungspotential auszuschöpfen und welche Möglichkeit für diese Individuen besteht, Hochleistung bzw. Leistungsexzellenz zu erreichen.[21]

Zur Klärung dieser Fragen gibt es die psychologische Diagnostik mit dafür ausgebildeten Psychologen, die eine evtl. Hochbegabung mittels klarer, messbarer Kriterien erkennen können (siehe Abbildung 4).

Bei einer Betrachtung des validen Prozentsatzes, ohne die fehlenden und unklaren Aussagen, die das Ergebnis verfälschen könnten, lässt sich erkennen, dass die Leistungskriterien (Intelligenz und Leistung) mit über 50% stark im Vordergrund stehen. Den Leistungen der Kinder in der Schule und/oder einem Eignungstest wird dabei am meisten Gewicht zugesprochen. Einen Hochbegabten zu identifizieren ist allerdings weitaus schwieriger, da viele Faktoren berücksichtigt werden müssen. Der Fokus liegt jedoch meist nur auf einer Variablen. Da es nicht nur den Intelligenzquotient als entscheidenden Indikator für eine mögliche Hochbegabung gibt, sondern auch überdurchschnittliche Leistungen in Musik, Sport oder Kunst als Kennzeichen für besonderes Talent oder Hochbegabung gelten, ist es schwer eine auftretende Hochbegabung zu erkennen und eine geeignete Diagnostik zu finden. Zu Beginn müssen bestimmte Symptome (z.B. Langeweile im Unterricht) auftreten, die erst einmal erkennen lassen, dass eventuell eine Begabung vorliegen könnte. Den ausgebildeten Fachkräften steht dann eine „breite Palette an Messinstrumenten, die neben Intelligenztests auch Leistungstests und Beurteilungsbögen für Dritte beinhalten“ zur Verfügung. Diese beschränken sich nicht nur auf die intellektuellen Fähigkeiten.[22] Einige mögliche Diagnoseverfahren werden im Folgenden kurz beschrieben.

Die Münchener Hochbegabungstheorie ist für die Primar- und Sekundarstufe geeignet und erfasst „vorwiegend die Intelligenzdimension der Verarbeitungskapazität“ vom verbalen, quantitativ-mathematischen und nonverbal-technischen Denken der Kinder. Der Berliner Intelligenzstrukturtest für Jugendliche erfasst„neben der Verarbeitungskapazität auch die Verarbeitungsgeschwindigkeit, den Einfallsreichtum und die Merkfähigkeit“. Die Advanced Progressive Matrices (APM) ist ein„Sprachfreier Matrizentest, der zur Messung der allgemeinen Intelligenz unter ausschließlicher Verwendung figuraler Testaufgaben in ansteigender Schwierigkeit dient“.[23] Jedes anerkannte Diagnostikverfahren hat seine Vor- und Nachteile. Es sollte vorher immer geklärt werden, welches dieser Diagnoseverfahren sinnvoll ist, um dann zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt zu werden.

Die Hochbegabtendiagnostik beschäftigt sich neben einer Feststellung der Intelligenz auch mit den Stärken und Schwächen des Kindes, mit den Schwierigkeiten, die bei der Entfaltung des individuellen Leistungspotentials auftreten können und versucht bei auftretenden Problemen eine Lösung zu finden. Zusätzlich beinhaltet sie Beobachtungen in Bezug auf die biografische Entwicklung eines Kindes, auf sein Verhalten im Unterricht und auf das soziale Miteinander. Diese Beobachtungen legen ihren Fokus auf Eigenschaften, die einen hochbegabten Schüler als solchen identifizieren könnten oder auf Verhaltensweisen, die von ihm erwartet werden. Hier ist nun das Problem, dass es Schüler gibt, die dieses Muster nicht erfüllen und dadurch nicht erkannt werden. Es gehört zu einer schwierigen und komplexen Aufgabe ein hochbegabtes Kind als solches zu identifizieren, da Randgruppen eine Diagnose sehr schwer machen. Zu den Randgruppen gehören neben den Underachiever (siehe Punkt 2.3) auch die sogenannten Overachiever. Hier handelt es sich um Kinder, deren erzielten Leistungen besser sind, als aufgrund ihrer intellektuellen Fähigkeiten von ihnen zu erwarten sind. Dieses Phänomen lässt sich anhand des Einflusses der sozialen Umwelt erklären, da die Ausprägung und Entwicklung der Intelligenz sehr von „sozialer Privilegien“ abhängig ist. Kinder werden im Verhalten, in ihren Aktivitäten und in ihrer Ausbildung häufig von ihren Eltern beeinflusst. Aus diesem Grund ist gerade im Kindergarten- und Grundschulalter eine Fehldiagnose von Hochbegabung nicht selten. Viele Kinder weisen in dieser Zeit, bedingt durch die gute Förderung der Eltern, eine höhere intellektuelle Fähigkeiten auf, trotzdem ist nicht zwangsläufig von einer Hochbegabung auszugehen. Da im „Kindesalter noch nicht von einer stabilen Entwicklung der Intelligenz“ ausgegangen werden kann, ist es möglich, dass der Entwicklungsvorsprung, den die Kinder anfangs noch besitzen, schnell wieder verschwindet.[24] Durch eine mögliche Fehldiagnose kann es dann in der Folgezeit zu psychischen Störungen beim Kind kommen, da es die, an seine angebliche Begabung gestellten Erwartungen nicht mehr erfüllen kann. Neben einer möglichen Fehldiagnose als hochbegabt, kommt es sehr häufig vor, dass hochbegabte Kinder nicht als solche identifiziert werden. Auch wenn die überwiegende Mehrheit der hochbegabten Kinder Erfolg in der Schule und im späteren Leben hat, ist die Diagnose Hochbegabung nicht unbedingt immer positiv für ein Kind. Die dadurch auftretenden Probleme werden im folgenden Abschnitt beschrieben.

[...]


[1] Ziegler 2008, S. 9

[2] Reinitzhuber 2000, S. 17

[3] rohrmann/ Rohrmann 2010, S. 47

[4] rohrmann/ Rohrmann 2010, S. 46

[5] Ziegler 2008, S. 15

[6] Stumpf 2012, S. 18

[7] Simchen 2005, S. 12

[8] Simchen 2005, S. 32

[9] Ziegler 2008, S. 18

[10] Holling/ Kanning 1999, S. 67

[11] rohrmann/ Rohrmann 2010, S. 29

[12] rohrmann/ Rohrmann 2010, S. 47

[13]Holling/ Kanning 1999, S. 7

[14] Reinitzhuber 2000, S. 23

[15] Reinitzhuber 2000, S. 18

[16] Holling/ Kanning 1999, S. 11

[17] Reinitzhuber 2000, S. 27

[18] Holling/ Kanning 1999, S. 18

[19] rohrmann/ Rohrmann 2010, S. 50

[20] Stumpf 2012, S. 21

[21] Ziegler 2008, S. 62f

[22] Stumpf 2012, S. 34

[23] Stumpf 2012, S. 35

[24] rohrmann/ Rohrmann 2010, S. 72

Ende der Leseprobe aus 60 Seiten

Details

Titel
Begabtenförderung in der Realschule Plus
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
60
Katalognummer
V265799
ISBN (eBook)
9783656604181
ISBN (Buch)
9783656604129
Dateigröße
1919 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hochbegabung, Förderung, Definition
Arbeit zitieren
Antonia Bruhn (Autor), 2012, Begabtenförderung in der Realschule Plus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265799

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