„Die Sixtinische Madonna“: Historische Umstände und künstlerische Wirkung


Essay, 2013

19 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Der ursprüngliche Aufstellungsort

Das Gemälde als Altarbild

Das Gemälde auf dem Weg nach Dresden – Ankauf und Ankunft

Weibliches Schönheitsideal der Hochrenaissance

Das Vorhangmotiv

Der Stifter: Papst JuliusII

Vorbilder:
Francesco Botticinis „Madonna mit Heiligen"
Giovanni Santi „Jungfrau mit Kind"

Raffaels Madonna von Foligno

Der Kosmos – ein Gewebe

Die Komposition

Die Rezeptionsgeschichte des Bildes

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einführung

Das Thema beschäftigt sich mit der Geschichte des Gemäldes „Die Sixtinische Madonna“ von Raffael vom Altarbild zum Medienbild. Dabei geht es auch um die allgemeinen und besonderen Merkmale des Bildmediums, denn nicht jedes Marienbild ist so berühmt geworden.

Öl auf Leinwand und die Maße 269,5 x 201 cm kennzeichnen bereits eine Besonderheit. Andachtsbilder wurden gewöhnlich auf Holz gemalt. Heute befindet es sich in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden.

Die „Sixtinische Madonna“ war ursprünglich ein Auftragsgemälde. Auftraggeber war Papst Julius II. Der Künstler Raffael war damals schon ein anerkannter Maler und er lebte seit einigen Jahren in Rom. Seine Arbeitsweise fand ein großes öffentliches Interesse. Sogar der Papst wurde auf ihn aufmerksam. Raffael schöpfte aus dem Reichtum seiner künstlerischen Schaffenskraft und schuf ein atemberaubendes Bild mit einer neuartigen Komposition.

Raffael wurde 1483 in Urbino geboren und starb nach einer zweiwöchigen Krankheit am6. April 1520 in Rom. Sein Vater Giovanni Santi (1430/40 – 1494) war Hofmaler von Federico da Montefeltre und hatte sein Talent früh erkannt und ihn zu Perugino nach Perugia in die Lehre gebracht. 1504 siedelte er nach Florenz über, einem Zentrum für zeitgenössische Kunst. Raffael war 1508 durch die Vermittlung seines Verwandten Donato Bramante, der Baumeister der neuen Peterskirche war, nach Rom gerufen worden, im Alter von 25 Jahren. Er sollte die Stanza della Segatura von Papst Julius II. ausmalen.

Nachdem er 1511 das Gemälde „Madonna von Foligno“ für die Kirche S. Maria in Aracoeli auf dem römischen Kapitol gemalt hatte, bekam er 1512 auch den Auftrag ein Madonnenbild für die Klosterkirche im Benediktinerkloster San Sisto in Piacenza zu malen. Daher entlehnt sich auch der Name „die Sixtinische Madonna“.

1754 erwarb ein Kunstagent nach zweijährigen zähen Verhandlungen für August II. das Gemälde. Stolz präsentierte August II. das Gemälde in seiner Sammlung in Dresden. Friedrich August II. (1696 – 1763) wurde 1733 nach Tod seines Vaters August des Starken Kurfürst von Sachsen und als August III. auch König von Polen und Großherzog von Litauen.

Im 18. Jahrhundert setzte ein großes Interesse für das Bild ein und die Frage nach der Vorbildfunktion von anderen Bildern und die Quellen der Bildmotive wurden im Laufe der Jahrhunderte gestellt. Mariendarstellungen sind ein beliebtes Motiv der Renaissance, doch überragt die Qualität der „Sixtinischen Madonna“ die anderen Marienbilder.

Auf dem Hochalter der heutigen Pfarrkirche San Sisto befindet sich eine Kopie des Bildes. Anhand der Rezeptionsgeschichte des Bildes wird geklärt, warum dieses Gemälde so häufig kopiert worden ist. Es wäre möglich gewesen, einfach ein anderes Marienbild auf dem Hochaltar zu platzieren. Daher kommt der Analyse der technischen Komposition und der Umsetzung eine besondere Bedeutung zu, um nachzuvollziehen, aus welchen Gründen gerade dieses Gemälde so vielseitige Funktionen übernommen hat.

Der ursprüngliche Aufstellungsort

Das Bild ist für einen ganz bestimmten Ort, nämlich für die Mitte der Chor Wand von S. Sisto in Piacenza gemalt worden. Nur an dem Ort in der Kirche ist es eine Vision und es ist kein Madonnenbild im üblichen Sinn, sondern eine Epiphanie Christi. „Was ist zunächst an der Sixtina himmlisch, was irdisch?“[1]

Piacenza liegt 70 Kilometer südöstlich von Mailand. Das Kloster gehörte den Benediktinern und zwar der Reformkongregation Santa Giustina von Padua.

Der Auftrag ist nicht dokumentiert aber anhand von Indizien lässt sich nachweisen, dass Papst Julius II. für sein Pontifikat (1503-1513) dem Kloster das Bild stiftete. Sein Onkel Francesco della Rovere nahm mit der Wahl zum Papst 1471 den Namen Sixtus IV. an, weshalb der in Piacenza verehrte heilige Sixtus in der Familientradition der Rovere eine wichtige Rolle erhielt. Insgesamt ehrte er somit nicht nur den Begräbnisort des heiligen Sixtus, sondern auch seinen mittlerweile verstorbenen Onkel Papst Sixtus IV.

Die Äbtissin Kaiserin Engelberga gründete 874 die Abtei San Sisto, die dem Papst Sixtus I. geweiht ist. Die heutige Kirche ist ein Renaissancebau und wurde 1499 – 1511 errichtet. Zur Weihe der Kirche im Jahr 1514 hat das Gemälde den Hochaltar geschmückt.

Papst Julius II. stiftete das Gemälde der Kirche, nachdem er die Franzosen aus Italien vertrieben hatte und Piacenza ab 1512 zum Kirchenstaat gehörte.

Als das Kloster San Sisto Mitte des 9. Jahrhunderts von der Kaiserin Angilberta (Engelberga) gegründet worden ist übergab sie die Reliquien der heiligen Barbara, während ihr Gemahl, der fränkisch Kaiser Ludwig II., die Gebeine des heiligen Sixtus stiftete. Der Heilige Sixtus war von 257 bis 257 Bischof von Rom, ehe er während eines Gottesdienstes in der Begräbnisstätte des Papstes Calixtus I. überfallen und getötet wurde. Barbara war von ihrem Vater Dioscuros in einen Turm gesperrt worden und zum Martyrium durch Enthauptung verurteilt worden.

Raffael verweist in dem Gemälde auf den Auftraggeber. Manche erkennen in den Gesichtszügen Papst Julius II. Die Heraldik zeigt, dass der goldenen Papstmantel mit Eichenlaub verziert ist und auf der Spitze der Tiara ist eine Eichel zu sehen – die Eiche steht im Zentrum des Wappens der Rovere, aus deren Familie Papst Julius II. stammte. Der positive Kriegsverlauf mit Hilfe der Schweizer Truppen führte zur Vertreibung der Franzosen aus Italien und zur Bildung des Kirchenstaates mit Piacenza.[2]

1514 wurde die Sixtinische Madonna zur Weihe des Neubaus auf dem Hauptaltar der Klosterkirche platziert. Dieses außergewöhnliche Werk blieb die folgenden 240 Jahre, von der Öffentlichkeit relativ unbeachtet, an diesem Platz stehen. Als August II. es erwarb, war das Gemälde ohne Ruhm, weil man nur die Gemälde von Raffael in Rom kannte und nicht das Altarbild von Piacenza. Deshalb war das Motiv vorerst zweitrangig und es war vor allem auch nicht wichtig, in welchem Kontext dieses Bild gestanden hatte.

Die heutige Kopie in San Sisto malte Antonio Avanzini um 1730.

Das Gemälde als Altarbild

Das Gemälde hatte ursprünglich die klassische Funktion einen Andachtsbildes. Ungewöhnlich ist es für ein Andachtsbild, dass es auf Leinwand gemalt ist und nicht auf Holz, wie vergleichbare Andachtsbilder. Für die Mönche und Kirchenbesucher in Piacenza war es ein besonderes herausragendes Gemälde der Kirche. Ein Verkauf des Gemäldes war eigentlich nicht vorgesehen.

Ein grüner geöffneter Vorhang in der oberen Bildhälfte, gibt den Blick frei für das geöffnete Himmelsfenster. Unten begrenzt eine gemalte Brüstung das Ereignis.

Das Hauptmotiv ist Maria, die ihren Sohn in den Armen trägt. Sie zeigt dem Betrachter den Knaben und kommt ihm schrittweise auf einer Wolke näher.

In der Komposition Raffaels ist die Madonna in der Mitte des Bildes senkrecht angeordnet. Symmetrisch entfalten sich die Bildelemente. Der oberste Bildrand wird von einer Vorhangstange eingenommen. Auf der Stange hängen zwei grüne Vorhänge, die herabfallen. Die Vorhänge sind durch Vorhangringe mit der Stange verbunden. Die Vorhänge sind aufgezogen und seitlich befestigt. Das hellbraune Kopftuch Mariens fällt leicht gewölbt nach unten. Das blaue Gewand über dem roten Kleid korrespondiert mit dem Blau des Hintergrundes hinter den Vorhängen. Dort ist eine Schar von Engelköpfen in zarten, kaum sichtbaren blauen Pastelltönen gemalt.

Die Gottesmutter erstrahlt wie ein Stern am Horizont. Ihr Gang auf den Wolken führt zur kosmischen Umlaufbahn bis in die Finsternis des Todes hinein. Ihre Gesichtszüge spiegeln die Kenntnis der Vorsehung. Durch diesen Schritt, wird sie zu einer Frau, die durch die Zeiten der Jahrhunderte schreitet.

Raffael hat sich in die örtlichen Begebenheiten der Klosterkirche einfühlen können und aus diesem Grund können wir auch Elemente des Ursprungsortes in dem Gemälde entdecken. Auf der linken Seite sehen wir eine Figur dargestellt, die gleich zwei Ebenen in sich vereint. Zum einen stellt der greise Mann, dem Aufstellungsort entsprechend, den Heiligen Sixtus dar, aber darüber hinaus lassen sich in der Darstellung des Heiligen Elemente des Papstes Julius II. Gemeinsamkeiten feststellen. Nicht nur das der Heilige Papst Sixtus I. und Papst Julius II. beides Päpste sind und aus diesem Grund die Tiara auf der Brüstung liegt. Der verstorbene Heilige erhält durch den Stifter eine Formgebung in der Zeitepoche der Renaissance, welche bis in unsere Gegenwart strahlt.

Der Heilige Papst Sixtus I. wird in der christlichen Ikonographie als bärtiger Greis dargestellt.[3]

Die Frauenfigur rechts verkörpert die Heilige Barbara. Ihr Attribut, der Turm, ist im Hintergrund hinter dem grünen Vorhang ausschnitthaft zu erkennen. Ihr heidnischer Vater

Dioscorus ließ Barbara in einen Turm sperren, als er erfuhr, dass sie Christin war.[4]Die Kirche bewahrte Reliquien von beiden Heiligen auf.

Der Patron der Kirche, der heilige Sixtus, kniet mit einer auf den Betrachter verweisenden Geste rechts von Maria. Gegenüber befindet sich die heilige Barbara.

Die Figurengruppe umschließt ein unsichtbares Dreieck. Die aufrechte Stellung der Madonna charakterisiert ihre Erhabenheit.

Der unterste Bildrand wird durch eine Brüstung markiert, die auch als Altar gedeutet wurde, aber in dieser Deutung auf widersprüchliche Ansichten stoß. Auf der Brüstung sind zwei Engelputten in einer abwartenden Haltung mit dem Blick nach oben gerichtet.

Marielene Putscher weist auf die besondere Eigentümlichkeit des Bildes hin, welches unter allen Gestalten Raffaels in ausgezeichneter Weise denen der griechischen Antike vergleichbar ist. Die „organische Symmetrie des menschlichen Körpers“ fügt sich in die herrschende Proportion der „Sectio aurea“, dem berühmten „goldenen Schnitt“ ein.[5]

Das Gemälde auf dem Weg nach Dresden – Ankauf und Ankunft

Die Bildersammlung der sächsischen Kurfürsten, die aus der wohl 1560 begründeten Kunstkammer hervorging, war Teil der höfischen Repräsentation.

1754 hielt das Gemälde Einzug in die Gemäldegalerie von August III. Er war Kurfürst von Sachsen und König von Polen. Seine Ankaufwünsche konzentrierten sich auf Gemälde, Zeichnungen und Druckgraphik. Jährlich kaufte er mehrere hundert Bilder. Er hatte ein europaweites Netz von Kunstagenten.

1746 wurde im ehemaligen kurfürstlichen Stallgebäude eine eigenständige Bildergalerie eingerichtet. Grundsätzlich galten Raffaels Werke als unverzichtbar in einer Galerie. Der Kunstagent Francesco Algarotti wurde schon 1743 mit einer Liste der Künstlernamen Raffaello da Urbino, Correggio, Tizian und anderen Künstlern auf den Weg nach Italien geschickt. Allerdings gelang es ihm nicht, ein Werk Raffaels zu kaufen.

Ein weiterer Kunstagent des Hofes war Giovanni Battista Biancioni, Professor für Griechisch an der Universität in Bologna. 1752 begann er mit den Mönchen von San Sisto um die Sixtinische Madonna zu verhandeln. Er verhandelte fast ein Jahr allein um den Preis des Gemäldes, bis am 9. März 1753 der Kaufvertrag über 25 000 Scudi romani (ungefähr 18.000 Dukaten) abgeschlossen wurde. Doch auch nach der Festlegung des Preises blieben die weiteren Verhandlungen mühsam. Der Papst stimmte zwar dem Verkauf zu, doch der Landesherr Herzog Philipp von Parma fürchtete um den Kulturverlust und musste durch zähe diplomatische Verhandlungen umgestimmt werden. Das nächste Hindernis das Gemälde auszufahren lauerte am Zoll und bis die Schwierigkeiten am Zoll geregelt waren, vergingen wieder Wochen. Am 21. Januar 1754 verließ das Gemälde Italien. Über Cremona und Brescia ging es nach Trento und Innsbruck und über Augsburg nach Dresden. Es kam in Dresden am 1. März 1754 an.

Im Audienzsaal des Residenzschlosses Augusts III. wurde es präsentiert. August III. soll gesagt haben: „Platz für den großem Raffael!“ Raffaels Werke gehörten zu den Höhepunkten einer herrschaftlichen Sammlung und man vermutet, dass August III. eher den Namen als das Gemälde kaufte.

Das berühmteste Gemälde der damaligen Sammlung war von Correggios „Heilige Nacht“, welches 1745 erworben worden war. Die Wertschätzung Correggios war in Dresden sehr hoch. Antonio da Correggio malte das Gemälde zwischen 1522 und 1530. Die Technik ist Öl auf Pappelholz und das Format. 256,5 x 188 cm. Alberto Pratoneri war der Auftraggeber des Bildes. Es war für die Kapelle der Familie Pratonieri in der Kirche San Prospero gedacht. Er wollte ein Bild gemalt haben, auf welchem die Geburt unseres Herrn mit allen dazu gehörigen Figuren zu sehen ist. Dieses Gemälde war der Auslöser dieses Motiv zu verbreiten. Nach der Fertigstellung kam es in die Basilika San Prospero in Reggio nell‘ Emilia und wurde dort von Francesco I. d’Este für seine Galerie in Modena gestohlen. Erst 1686 bekam die Gemeinde, die diesen Verlust sehr bedauerte, eine Kopie auf Anordnung des Kardinals Rinaldo D’Este, dem Sohn Francesco’s. Der Herzog Francesco III. d’Este musste viele Gemälde aus der Sammlung aus Geldmangel verkaufen und August II. kaufte ihm 100 Bilder ab. Dabei waren auch Bilder Correggios, Tizian, Caravaggio und viele andere.

[...]


[1]Vgl. Sigel, Brigitt Andrea, Der Vorhang der Sixtinischen Madonna, Zürich, 1977, S. 22.

[2]Vgl. Henning, Andreas, Die Sixtinische Madonna, Raffaels Kultbild wird 500, München, 2012, S. 159.

[3]Vgl. Lexikon der christlichen Ikonographie, Band 8, S.378.

[4]Vgl. Lexikon der christlichen Ikonographie, Band 5, S. 303.

[5]Vgl., Marielene, Putscher, Raphaels Sixtinische Madonna, Tübingen, 1955, S. 88 ff.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
„Die Sixtinische Madonna“: Historische Umstände und künstlerische Wirkung
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V265836
ISBN (eBook)
9783656555544
ISBN (Buch)
9783656555575
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sixtinische, madonna, historische, umstände, wirkung
Arbeit zitieren
M. A. Karoline Becker (Autor), 2013, „Die Sixtinische Madonna“: Historische Umstände und künstlerische Wirkung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265836

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: „Die Sixtinische Madonna“: Historische Umstände und künstlerische Wirkung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden