Das Kelchglas-Motiv in den "Wahlverwandtschaften" (1809) und im "König von Thule" (1774) von Johann Wolfgang von Goethe


Hausarbeit, 2013

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Beschreibung der Kelchglas-Szenen in den Wahlverwandtschaften

3. Beschreibung der Becher-Problematik im König von Thule

4. Diverse Bedeutungsebenen des Kelchglases
4.1 Omen des Todes
4.2 Liebessymbol
4.3 religiöse Assoziationen

5. Einordnung in die Goetheschen Schaffensperioden

6. Abschließende Beurteilung

1. Einleitung

Diese Arbeit untersucht die Selbstreferentialität Goethes in seinem Werk Die Wahlverwandtschaften in Bezug auf sein 1774 entstandenes Gedicht Der König in Thule. Entsprechende Textstellen, an denen ein Zusammenhang herzustellen ist, und Parallelen zwischen den Stoffen werden auf ihre werkinternen und werkexternen Effekte untersucht.

Das zentrale Motiv des Der König in Thule ist der Becher, der als Symbol der Liebenden, hier des „Königs“ und seiner „Buhle“, dient. Er ist auch ein Motiv, das sich als roter Faden durch die Wahlverwandtschaften zieht: In den Wahlverwandtschaften steht er vor allen Dingen für Eduard als Symbol der ewigen Liebe und der Schicksalhaftigkeit der Verbindung zwischen ihm und Ottilie. Der Leser hinterfragt dieses Motiv wegen logischer Widersprüche allerdings bald wieder.

Auch andere Bedeutungsebenen, wie etwa die, dass der Verlust des Bechers, freiwillig oder unfreiwillig, den baldigen Tod des männlichen Protagonisten nach sich zieht oder dass der Becher nach dem Tod der Frau Trost spendet, werden in beiden Werken aufgedeckt und ent- schlüsselt. Jedoch sollen analog zu betrachtende Gegenstände, die in den Wahlverwandtschaf- ten den Bedeutungsgehalt des Symbols noch ausweiten - etwa Charlottes Schuh, der als Trinkgefäß fungiert oder der gläserne Sarg, in dem Ottilie begraben wird, im Rahmen dieser Arbeit nur am Rande erwähnt werden, da sie zwar die Symbolik innerhalb der Wahlverwandt- schaften noch weiter verästeln, aber für einen Vergleich mit dem Der König in Thule kaum neue Erkenntnisse bringen. Durch diesen Umgang Goethes mit der Symbolik werden sowohl Bedeutungsebenen des Handlungsverlaufes erschlossen als auch Einblicke in werkexterne Ansichten Goethes gegeben.

Neben den augenfälligen Parallelen werden aber auch Unterschiede im Stoff und in der Ver- arbeitung desselben auf ihre Funktion untersucht. Ausgehend von dieser Stoffverarbeitung sollen zudem Rückschlüsse darauf gezogen werden, welche Unterschiede zwischen Goethe, dem Stürmer und Dränger des späten 18. Jahrhunderts, und dem klassischen Goethe des frü- hen 19. Jahrhunderts bestehen und wie er sich mit Symbolen und Allegorien auseinandersetzt.

2. Beschreibung der Kelchglas-Szenen in den Wahlverwandtschaften

Um Goethes Zugang zur Symbolik zu begreifen, ist zu beachten, dass Die Wahlverwandt- schaften aus dem Jahr 1809 gemeinhin als das Werk Goethes gilt, das den Übergang zu sei- nem Alterswerk kennzeichnet. Dies ist insofern von Bedeutung, als symbolische Verweise gegebenenfalls als Kritik an Romantik und christlichem Glauben zu hinterfragen sind, obwohl sie vordergründig wie Anspielungen in romantischem oder christlichem Sinne wirken. Ob dies bedeutet, dass jegliche Symbolik in den Wahlverwandtschaften als Parodie auf das Be- zeichnete zu verstehen ist, ist eine andere Frage, die im Rahmen dieser Arbeit nicht zu beant- worten ist.

Zum ersten Mal begegnet der Leser dem Kelchglas bei der Grundsteinlegungsszene, die oh- nehin schon überaus symbolbefrachtet ist: Zuvor haben die Anwesenden einen ihrer Gegen- stände, die der Nachwelt erhalten bleiben sollten, dem Fundament des entstehenden Hauses beigefügt. So hat auch Ottilie die Kette, an der das ebenso symbolträchtige Kleinod mit dem Bild ihres verstorbenen Vaters bis zu Eduards Bitte, es abzunehmen, gehangen hatte, den Schätzen beigelegt. Daraufhin wird erstmalig das Kelchglas erwähnt, das im Verlauf der Handlung immer wieder auftreten wird, wobei dem Leser seine Funktion erst nach und nach bewusst wird:

„Und so leerte er ein wohlgeschliffenes Kelchglas auf einen Zug aus und warf es in die Luft; denn es bezeichnet das Übermaß einer Freude, das Gefäß zu zerstören, dessen man sich in der Fröhlichkeit be- dient. Aber diesmal ereignete es sich anders: das Glas kam nicht wieder auf den Boden […]. Dort hin- auf flog das Glas und wurde von einem aufgefangen, der diesen Zufall als ein glückliches Zeichen für sich ansah. Er wies es zuletzt herum, ohne es aus der Hand zu lassen, und man sah darauf die Buchsta- ben E und O in sehr zierlicher Verschlingung eingeschnitten: es war eins der Gläser, die für Eduarden in seiner Jugend verfertigt worden.“1

Bereits bei diesem ersten Auftreten des Kelchglases wird ihm übermäßig viel Bedeutung bei- gemessen: Erstens wird die Herkunft des Glases dargelegt, es stammt aus Eduards Jugend und ist für ihn angefertigt worden, was es zu einem Gegenstand mit Geschichte macht. Zum Zwei- ten wird mit symbolträchtigen Situationen gespielt: Eduard wirft das Kelchglas in die Luft, weil ein Zerbrechen des Glases in Scherben Glück bedeuten würde, aber es zerbricht nicht und wird von einem nicht weiter benannten Mann gefangen und so umgedeutet, dass die Ab- folge der Ereignisse wiederum Glück für ihn bedeuten. Dies macht zweierlei deutlich: Zum einen wird die Kritik an abergläubischen Traditionen geübt, dass Glücks- oder Unglückssym- bole nach Belieben umgedeutet werden können und auch werden, eine Kritik, die sich im Verlauf der Handlung noch deutlicher an Eduards Gesinnung zeigt. Zum anderen gilt es zu bemerken, dass das Kelchglas von Anfang an mit Schicksal beladen ist, es soll Glück bringen.

Mit dieser unfreiwilligen Übergabe des Kelchglases an einen einfachen Mann aus dem Volk hat der Gegenstand eigentlich den geschlossenen Kreis der Protagonisten verlassen - und zu- nächst bleibt er auch fern. Erst als Eduard bereits ausgezogen ist und seinen sehnsuchtsvollen Gedanken an Ottilie aus der Ferne nachgeht, erinnert er sich an den Vorfall mit dem Kelch- glas und kauft es von dem Mann, der es fing, zurück. In diesem Zusammenhang dient es ihm - wie er Mittler mitteilt - als Zeichen, dass er sich von Charlotte scheiden lassen müsse, denn:

„mein Schicksal und Ottiliens sind nicht zu trennen, und wir werden nicht zugrunde gehen. Sehen Sie dieses Glas! Unsere Namenszüge sind dareingeschnitten. Ein fröhlich Jubelnder warf es in die Luft; niemand sollte mehr daraus trinken, auf dem felsigen Boden sollte es zerschellen; aber es ward aufgefangen. […] ich trinke täglich daraus, um mich täglich zu überzeugen, dass alle Verhältnisse unzerstörlich sind, die das Schicksal beschlossen hat.“2

Als Leser dieser Argumentation Eduards fallen einem mehrere Ungereimtheiten auf: Ur- sprünglich war der Gedanke dieses Volksglaubens, dass ein Zerbrechen des Glases Glück gebracht hätte, weswegen die Vermutung, dass das Geschehene Unglück heraufbeschworen habe, wesentlich konsequenter gewesen wäre. Der zweite Aspekt, der dem Leser erzwungen erscheint, ist Eduards Idee, dass seine und Ottiliens Namenszüge in das Glas geschliffen wä- ren.

„Noch bevor Eduard anfängt, die Buchstaben E und O auf dem Glas mit der Schicksalhaftigkeit seines Liebesglücks mit Ottilie gleichzusetzen, sind die Leser darauf aufmerksam gemacht worden, daß das Kelchglas in seiner Jugendzeit für ihn geschliffen wurde. Da allem Anschein nach nichts anderes als das Monogramm seines Doppelnamens Eduard-Otto darauf eingraviert war, ist die Identität mit Ottilies Ini- tiale eine bloße Koinzidenz.“3

Für Eduard, der letztlich am besten über die Bedeutung des Monogramms Bescheid wissen sollte, bleibt die Wahrheit in diesem Fall unwesentlich. Wahrheit und Wirklichkeit spielen für den Glauben an schicksalhafte Zusammenhänge keine Rolle.

Dasselbe Symbol und Eduards Glaube an dessen Bedeutung haben ihn, wie er nach seinem Feldzug zum Major sagt, überhaupt dazu bewegt, in den Krieg zu ziehen:

„mich selbst will ich an die Stelle des Glases zum Zeichen machen, ob unsre Verbindung möglich sei oder nicht. Ich gehe hin und suche den Tod, nicht als ein Rasender, sondern als einer, der zu leben hofft“4.

Somit hat sich Eduard erneut ein Zeichen kreiert, das für ihn ein Beweis der Schicksalhaftigkeit seiner Verbindung zu Ottilie ist: Die Tatsache, dass er überlebt hat, ist für ihn ein Zeichen, dass ihre Liebe von Bestand ist.

Dieses Zeichen, das auf den Leser schon seit seinem ersten Auftreten einen Eindruck gemacht hat, der Ungereimtheiten aufdeckt, wenn man nicht mit Eduards Augen sieht, wandelt seine Funktion, nachdem die Handlung sich zum Tragischen verkehrt hat: Das Kind Otto ist ertrun- ken und Ottilie hat den Hungertod gefunden. Danach ist es Eduard zwar nicht mehr möglich, das Kelchglas als Zeichen ihrer schicksalhaften Verbindung in dem Sinne, dass sie ein ge- meinsames Leben vor sich haben, zu sehen, aber nichtsdestotrotz hält er symbolisch und ma- teriell an dem Glas fest:

„Nur noch einige Erquickung scheint er aus dem Glase zu schlürfen, das ihm freilich kein wahrer Prophet gewesen. Er betrachtet noch immer gern die verschlungenen Namenszüge, und sein ernstheiterer Blick scheint anzudeuten, daß er auch jetzt noch auf eine Vereinigung hoffe. […] [E]ines Tages, als Eduard das geliebte Glas zum Munde brachte, entfernte er es mit Entsetzen wieder; es war dasselbe und nicht dasselbe; [Der Kammerdiener] muß gestehen, das echte Glas sei unlängst zerbrochen […]. Eduard kann nicht zürnen, sein Schicksal ist ausgesprochen durch die Tat“.5

Bis zu diesem Zeitpunkt konnte das Glas Eduard noch als Trost in seiner Trauer um Ottilie dienen, danach betrachtet er sein Schicksal als besiegelt und dem Leser ist bewusst, dass Edu- ards Tod bevorsteht, der dann tatsächlich auch auf dem Fuße folgt. Somit erscheint das Kelchglas als Motiv kontinuierlich in der Handlung, macht aber zugleich auch eine Verwand- lung durch: Als das Kelchglas zum ersten Mal erwähnt wird, ist Eduard bereit, das Gefäß zu zerstören und misst ihm keine tiefere Bedeutung bei. Je tragischer und verstrickter die Lie- besbeziehungen der Protagonisten werden, desto mehr wird das Kelchglas von Eduard mit Bedeutung beladen. Nachdem er von Ottilie getrennt ist, erkennt er darin zum ersten Mal ein Symbol ihrer Liebe. Nachdem seine Lage unausweichlich scheint, sieht er darin sogar ein Zeichen, dass er sein Leben im Krieg riskieren muss und letztlich, nachdem ihm jede Mög- lichkeit eines irdischen Zusammenseins mit Ottilie verwehrt bleibt, sieht er im Glas eine Hoffnung auf ein Wiedersehen im Jenseits. Schließlich beendet die Zerstörung des Kelchgla- ses auch Eduards Leben und er folgt Ottilie in den Tod.

3. Beschreibung der Becher-Problematik im König von Thule

Die Rahmenhandlung im Der König in Thule unterscheidet sich zwar in vielen Punkten von der Geschichte der Wahlverwandtschaften, allerdings sind, gerade wenn man das Augenmerk nur auf das Kelchglas und seine Funktion für die Handlung und die Protagonisten legt, auch einige Gemeinsamkeiten erkennbar. Dabei ist jedoch zu beachten, dass das 1774 entstandene Gedicht zu Goethes Sturm-und-Drang-Phase zählt und somit 35 Jahre vor den Wahlverwandt- schaften entstand. Zudem ist es interessant, dass dem Gedicht eine gewisse Volksliedhaftig- keit innewohnt, was sich sowohl am „scheinbar schlichten, »volksliedhaften« Ton“6 zeigt als auch an formalen Kriterien.7 Interessant ist auch, dass sich in der Symbolik und im Schauplatz eine gewisse Nähe zum Mystischen findet: Thule gilt als eine sagenumwobene Insel voller keltischer und germanischer Mythen.8 Anhand dieses volksliedhaften und mystischen Charak- ters lässt sich eine gewisse Nähe zur Romantik, deren Vertreter etwa auch Interesse an kelti- schen und germanischen Sagen hegten sowie das Volksliedhafte und Muttersprachliche ver- traten9, nicht verleugnen.

Die Ausgangssituation in dem Gedicht ist, dass die „Buhle“10, also die Geliebte oder Ehefrau des Königs, gestorben ist. Bereits hier lässt sich eine Parallele zu den Wahlverwandtschaften ziehen: Betrachtet man den König als Eduard und die Buhle als Ottilie, so entspricht die Aus- gangslage des Gedichts der Situation in den Wahlverwandtschaften, nachdem Ottilie verstor- ben ist. Dass auch im „König von Thule“ dem Becher ein besonderer symbolischer Wert bei- gemessen wird, dass auch hier der Becher als Zeichen der Liebe steht, wird daran deutlich, dass er ein Geschenk seiner Geliebten war: „Es war ein König in Thule/ gar treu bis an das Grab/ dem sterbend seine Buhle/ einen goldenen Becher gab.“11 Dies macht die Bedeutsam- keit des symbolisch aufgeladenen Gegenstandes augenfälliger, da die Verbindung durch das Geschenk direkt gegeben ist, während sie in den Wahlverwandtschaften von Eduard lediglich anhand einer Neudeutung des Monogramms konstruiert wird. Im Der König in Thule hinge- gen gibt es kein derartiges Moment, das den Leser stutzig werden lässt angesichts des Sym- bolgehalts des Bechers.

Der weitere Verlauf der Handlung weist weitere Parallelen mit den Wahlverwandtschaften auf: So findet der König im Becher den Trost, den ihm nichts anderes geben kann, er trinkt so exzessiv aus diesem Gefäß, dass er letztlich vom Erzähler als „Zecher“12, also als Trinker, bezeichnet wird. Auch Eduard fand in den Wahlverwandtschaften seinen einzigen Trost darin, aus dem Kelchglas zu trinken. Eine Parallele der Werke ist somit, dass der Becher bzw. das Kelchglas als Mittel zur Trauerverarbeitung des liebenden Mannes dient.

In der dritten Strophe heißt es: „Und als er kam zu sterben,/ Zählt er sein Städt‘ im Reich,/ Gönnt‘ alles seinen Erben,/ Den Becher nicht zugleich.“13 Dies macht eine Abgrenzung der Liebe von materiellen Gütern deutlich und stellt den Wert der Liebe deutlich heraus. Dem König fällt es nicht schwer, sich von Macht und Besitz zu trennen, aber der Becher, der zu- nächst ja auch zum Besitz zählt, ist anders zu beurteilen, da er für einen immateriellen Wert steht. In der Konsequenz heißt es in der fünften und sechsten Strophe des Der König in Thule: „Dort stand der alte Zecher,/ Trank letzte Lebensgluth,/ Und warf den heiligen Becher/ Hin- unter in die Fluth.// Er sah ihn stürzen, trinken/ Und sinken tief ins Meer,/ Die Augen thäten ihm sinken,/ Trank nie einen Tropfen mehr.“14 So endet das Gedicht und zeigt eine weitere Gemeinsamkeit mit den Wahlverwandtschaften: Nachdem der Becher, im „König in Thule“ vorsätzlich, in den Wahlverwandtschaften versehentlich, zerstört wurde, geht das Leben des männlichen Protagonisten zu Ende - passenderweise äußert Eduard zuvor im Gespräch mit

Mittler in Bezug auf das Kelchglas: „niemand sollte mehr daraus trinken, auf dem felsigen Boden sollte es zerschellen“15. Mit dem Becher, dem Symbol der Verbindung zur Geliebten, stirbt auch der Protagonist. Dabei zeigen sich zwei verschiedene Kausalketten: Im Der König in Thule merkt der König, dass sein Leben zu Ende geht und er wirft deswegen den Becher in die Fluten. Eduard hingegen versucht in den Wahlverwandtschaften, wie es Ottilies letzter Wunsch war16, weiterzuleben und er stirbt erst, nachdem das Kelchglas versehentlich zerbro- chen wurde. Dies bewirkt auf Seiten des Rezipienten, dass man hinterfragt, ob Goethe das Zerbrechen eines Kelchglases als Ursache für den Tod parodistisch oder ernsthaft aufführt. Diese Frage stellt sich dem Leser beim Der König in Thule nicht, da diese mystische Funktion gar nicht erst aufgebaut wird. Stattdessen erfolgt eine Emotionalisierung und eine starke Ein- fühlung in die Figur des Königs: Die Liebe an sich und die mystische, sagenumwobene Sze- nerie sind das Zentrum des Gedichts und nicht die Hinterfragung von Symbolik.

Nebenbei erwähnt sind die Wahlverwandtschaften von 1809 nicht das erste Werk, in dem Goethe sein eigenes Gedicht Der König in Thule (1774) erneut aufgreift: Bereits im Urfaust und ebenfalls in Faust I (1808) ein Jahr vor den Wahlverwandtschaften ist der Der König in Thule wahrscheinlich zu seinem höchsten Bekanntheitsgrad gelangt, als ihn Gretchen als Lied singt. Bemerkenswert ist hierbei, dass auch hier eine Parallele zu den Wahlverwandtschaften entsteht: Im Faust wird das Lied in der Szene gesungen, in der Gretchen das Schmuckkäst- chen, das Geschenk von Faust, entdeckt17. Auch in den Wahlverwandtschaften schenkt der verliebte Eduard dem Mädchen Ottilie ein Schmuckkästchen und in beiden Werken fürchten sich Gretchen und Ottilie vor der Gabe: Im Faust kann Gretchen nicht glauben, der Schmuck sei ihr zugedacht, danach berichtet Mephisto Faust, der „Pfaffe“ habe das Geschmeide „hin- weggerafft“18. In den Wahlverwandtschaften heißt es ebenfalls mehrfach, dass sich Ottilie nicht traut, den Schmuck zu tragen oder als ihr Eigen anzusehen.19 Dass also in beiden Wer- ken die Parallelen bzw. im Faust I sogar das ganze Gedicht des Der König in Thule in Ver- bindung mit dem Motiv des Schmuckkästchens bzw. Koffers auftreten, ist ein Anzeichen da- für, dass diese Übereinstimmung mehr sind als eine bloße Koinzidenz - der Zusammenhang wird umso deutlicher, wenn man bedenkt, dass Goethes Urfaust etwa zur gleichen Zeit wie Der König in Thule entstand20.

4. Diverse Bedeutungsebenen des Kelchglases

4.1 Omen des Todes

Sowohl im Der König in Thule von 1774 als auch in den 35 Jahre später entstandenen Wahl- verwandtschaften von 1809 ist der Becher bzw. das Kelchglas eng mit dem Tod des männli- chen Protagonisten verknüpft. Die Titelfigur des König in Thule entscheidet sich, als er spürt, dass sein Tod naht, bewusst dafür, sich vor seinem Ableben von dem „heiligen Becher“21 zu trennen, während die Ereigniskette in den Wahlverwandtschaften mystisch-mythologischer behaftet ist: Eduard erfährt, dass das Kelchglas zerbrochen ist und stirbt daraufhin, wobei zu erwähnen ist, dass er seinen Tod nicht vorsätzlich herbeigeführt hat.22

[...]


1 Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften. Köln 2008. S.81f.

2 Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften. Köln 2008. S.149

3 Gabrielle Bersier: Goethes Rätselparodie der Romantik. Eine neue Lesart der Wahlverwandtschaften. Tübingen 1997 (= Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte, Bd. 90). S. 118.

4 Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften. Köln 2008. S.262

5 Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften. Köln 2008. S.315 3

6 Per Øhrgaard: Der König in Thule. In: Goethe-Handbuch in vier Bänden. Hrsg. von Bernd Witte, Peter Schmidt. Bd. 1. Sonderausgabe Stuttgart [u.a.] 2004. S.132

7 vgl. ebd.

8 Andreas Kleinberg [u.a.]: Germania und die Insel Thule. Die Entschlüsselung von Ptomaios‘ „Atlas der Oikumene“. Darmstadt 2010, S. 104-114.

9 Claudio Mende: Romantik. 1798-1835. In: http://www.literaturwelt.com/epochen/romantik.html# (13.08.2013)

10 Johann Wolfgang von Goethe: Es war ein König in Thule. In: Deutsche Volkslieder. Eine Sammlung zum Singen und Musizieren. Hrsg. von Heinrich Zelton. Augsburg 1997. S. 369.

11 vgl. ebd.

12 vgl. ebd.

13 vgl. ebd.

14 vgl. ebd.

15 Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften. Köln 2008. S.149.

16 vgl. Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften. Köln 2008. S. 309.

17 vgl. Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie Erster Teil. Stuttgart 2000. S. 79ff.

18 vgl. Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie Erster Teil. Stuttgart 2000. S. 80ff.

19 vgl. Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften. Köln 2008. S. 128, 142, 309 [u.a.].

20 vgl. Dieter Borchmeyer: »Der späte Goethe: Faust - Theater über das Theater und Goethes Arbeit am Faust- Mythos« In: http://www.goethezeitportal.de/wissen/enzyklopaedie/goethe/goethe-faust.html (12.08.2013)

21 Johann Wolfgang von Goethe: Es war ein König in Thule. In: Deutsche Volkslieder. Eine Sammlung zum Singen und Musizieren. Hrsg. von Heinrich Zelton. Augsburg 1997. S. 369.

22 vgl. Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften. Köln 2008. S. 316. 5

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Das Kelchglas-Motiv in den "Wahlverwandtschaften" (1809) und im "König von Thule" (1774) von Johann Wolfgang von Goethe
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Veranstaltung
Goethes Wahlverwandtschaften
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
12
Katalognummer
V265887
ISBN (eBook)
9783656555902
ISBN (Buch)
9783656556077
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Thule, Der König in Thule, Wahlverwandschaften, Kelchmotiv, Romantik, Weimarer Klassik, Selbstreferentialität
Arbeit zitieren
Viktoria Freya Weigel (Autor), 2013, Das Kelchglas-Motiv in den "Wahlverwandtschaften" (1809) und im "König von Thule" (1774) von Johann Wolfgang von Goethe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265887

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