Die Frauenlohn-Debatte 2012 im Kontext des Entgeltgleichheitsgesetzes, und 2013 im Bundestagswahlkampf

Eine Analyse politischer Semantik


Hausarbeit, 2013

28 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Theorie
1.1 Termini
1.2 Typologie

2. Analyse der Wahlprogramme und der ersten Beratung zum Entgeltgleichheitsgesetzt
2.1 Die SPD als semantische Erbauer und Erlöser von Problemen
2.2 BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN als die Angreifer
2.3 Die LINKE als die die mehr wollen
2.4 Die FDP als die die mehr nichts wollen
2.5 Die Union (CDU/CSU) als die Opportunisten

Fazit

Literatur und Quellen

Einleitung

Ein Jahr in dem eine Bundestagswahl bevor steht eignet sich besonders gut, um sich mit poli-tischer Semantik zu beschäftigen. Die politische Landschaft der Parteien ist in einem solchen Zeitraum in besonderer Art und Weise gezwungen sich politisch und semantisch zu positionieren. Einerseits wird genauer zugehört, sei es von den Medien oder von andersartigen Institutionen, was die Parteien sagen bzw. ankündigen oder versprechen, was die politischen Parteien zwingt sich semantisch günstig zu platzieren. Andererseits erstellt sich gerade hierdurch, in Form von Wahlprogrammen, eine besondere Dichte von politischer Semantik, die es sich zu analysieren lohnt.

Da die Themen der Parteien zahlreich sind, ist es sinnvoll sich einem Themenkomplex zu widmen, um diesen in der Differenz zwischen den verschiedenen Parteien zu betrachten. Dies soll zum Thema der Frauenlohn-Debatte in dieser Arbeit geschehen. Welche Parteien bedienen sich gleichartiger oder ähnlicher Semantik um ihre Ideen zu fördern? Wie werden unterschiedliche Meinungen in den semantischen Kampf geführt? Um diesen und anderen Fragestellungen gerecht zu werden, besteht der Korpus in erster Line aus den Wahl-programmen der verschiedenen Parteien. Weiter wird zu betrachten sein, wie die politische Landschaft sich beim Thema Frauenlohn vor etwa einem Jahr aufgestellt hat. Hierzu wird das Plenarprotokoll des Deutschen Bundestages vom 14. Juni 2012 zu analysieren sein.1 Hier ging es um eine erste Beratung zu einem Entgeltgleichheitsgesetz. Durch eine mit-Betrachtung der Beratung von vor etwa einem Jahr erschließen sich eventuelle Unterschiede der Positionier-ungen und somit auch der Semantik derer sich eine Partei bzw. ein Sprecher bedient (hat).

Um eine angemessene Analyse durchführen zu können gilt es jedoch zunächst wichtige Termini zu erläutern, die für eine Untersuchung politischer Semantik unverzichtbar sind.2 Weiter werden dann die Topoi bzw. Schlussregeln von Martin Wengeler vorzustellen sein, da ich während der Analyse auf viele von ihnen treffen werde.3

1.1 Termini

Die Einleitung des Zeitgeschichtlichen Wörterbuchs4 stellt Termini bereit, die für die Analyse von politischer Semantik sehr gut geeignet sind. Im Folgenden sollen diese zunächst kurz vorgestellt und erläutert werden, da diese Fachbegriffe im weiteren Verlauf der Analyse auftauchen.

Zunächst sei der Terminus „realistische Diktion“ genannt. Er funktioniert nach folgendem Schema: „x ist y“. Ein Beispiel hierfür wäre die Aussage: Abtreibung ist Mord. „Dabei „verdeckt“ die Formulierungsweise „x ist y“, dass jemand mit bestimmter Zwecksetzung einen Ausdruck wählt.“ Das Wort ist verdeckt das Behauptungsverhältnis, dass eigentlich x als y gelten soll.5

Weiter ist der konkurrierende Sprachgebrauch von Bedeutung. Hierbei handelt es sich um den Streit über die richtige bzw. wahre Bedeutung oder Darstellung eines Ausdrucks.6 Ein Beispiel hierfür wäre das Wort Sozialismus. Der Begriff hätte für eine Partei wie Die Linke etwa eine positive Bedeutung wie z.B. Gleichheit. Für eine Partei wie die CDU wäre der Begriff eher mit Wörtern wie z.B. Gleichmacherei verbunden.

Ferner ist die Thematisierung von Sprache als Terminus wichtig. Sowohl implizites wie auch explizites Streiten über Sprache ist hier gemeint. Es handelt sich um einen Indikator dafür, dass ein mit öffentlichem Sprachgebrauch zusammenhängendes Problem vorliegt.7

Wichtig sind auch die Bezeichnungen Fahnenwort und Stigmawort. Das Fahnenwort ist positiv konnotiert. Es soll als parteisprachliches Wort auffallen. Ein Beispiel hierfür war der Begriff Chancengerechtigkeit von 1972. Das Stigmawort hingegen soll gegnerische Konzepte, Werte und Handlungsweisen als negativ bewerten. Der Begriff Chancengleichheit wurde 1972 von der CDU als ein solches gebraucht, indem sie den Wortteil gleich als Gleichmacherei interpretierte.8

Der Ausdruck Begriff bezeichnet Fälle, „ in denen die gleichen Ausdrücke umgangs-sprachlich etwas anderes bedeuten als in der Fachsprache oder auch solche Fälle, in denen sprachbezogene Ausdrücke in der Umgangssprache mehrdeutig sind“9.

1.2 Typologie

Wengeler geht, in Anlehnung an Kienpointner, davon aus, dass „nicht Argumente oder Konklusionen typologisiert werden können, sondern nur Schlußregeln bzw. Topoi“.10 Schlussregeln sind nach ihm in kontextabstrakter Form formuliert und werden daher in verschiedenen Argumentationen rekonstruiert. Wengeler unterteilt die Topoi in „Oberkategorien, die angeben, auf welchen Aspekt von Sprache der Argumentierende sich beruft.“11 Im Folgenden werden die Topoi, eingeordnet in ihre Oberkategorien, vorgestellt.

Erstens sei der Bereich der Berufung auf Wortverwendungs-Konventionen genannt.

Der erste dieser Oberkategorie zugehörigen Topoi ist der Remotivierungs-Topos . „Weil ein bestandteil eines Wortes eine bestimmte Bedeutung hat, muß das Wort in einer dadurch bestimmten Art und Weise gebraucht werden. Aus der so „remotivierten“ Bedeutung werden unterschiedliche Schlüsse abgeleitet.“ 12 Ein Beispiel hierfür war der Begriff Gastarbeiter in den sechziger Jahren, weil einem Gast nicht zugemutet werden könne Arbeit zu verrichten.13

Der zweite Topos ist der Etymologie-Topos . „Aus der Ursprünglichen Bedeutung eines Wortes in seiner Ausgangssprache/ in früheren sprachgeschichtlichen Epochen werden Folgen für seine angemessene heutige Verwendung abgeleitet.“ 14 Aus dem Wort Zigeuner beispielsweise kann auf Grund seiner Geschichte nicht geschlussfolgert werden, dass es ein Schmähwort ist.15

Der dritte ist der Wörterbuch-Topos . „Aus der in Wörterbuch nachgeschlagenen Bedeutung eines Wortes werden Folgen für seine angemessene Verwendung abgeleitet .“16 Hierbei geht es explizit darum, sich auf einen Wörterbucheintrag zu beziehen.

Der vierte ist der Sprachästhetik-Topos . „Aus dem eigenen Sprachempfinden wird die Benutzung von Wörtern generell oder in einer bestimmten Bedeutung/ in einem bestimmten Zusammenhang kritisiert und ihre Vermeidung empfohlen.“ 17 Durch die Kategorie unschön

werden Wörter abgelehnt. Ein Beispiel hierfür war die Formulierung Gemeinschaft im Bezug auf die Europäische Union, da diese Bezeichnung ein wärmeres Wort sei.18

Der fünfte ist der Dynamisierungs-Topos . „Ein Begriff wird nicht – wie es ursprünglich der fall war oder wie es richtigerweise sein muß – zur Bezeichnung der Wirklichkeit verwendet, sondern enthält darüber hinaus Bedeutungen, die auf Zukünftiges, Nicht-Reales verweisen. Das muß bekämpft werden, um eine gesellschaftliche Revolution zu vermeiden.“ 19 Hierbei handelt es sich um einen Spezialfall des Remotivierungs- oder des Etymologie-Topos . Wegen seines historisch interessanten Stellenwertes wird er jedoch gesondert aufgeführt, weil er auf Grund seiner Zugehörigkeit zur konservativen Sprachkritik wichtig ist.20

Der sechste ist der Geschichts-Topos . „Ein Wort ist in seiner geschichtlichen Phase – vor allem in der Nazi-Zeit – in bestimmter Weise verwendet worden und soll daher heute vermieden werden. Eine Variante des Topos hebt lediglich darauf ab, daß ein ehemals benutztes Wort heute veraltet ist und daher nicht benutzt werden soll.“ 21 Beispielsweise hat die SPD darauf hingewiesen das Wort Fremdarbeit zu vermeiden, da früher viele zur Arbeit zwangsverpflichtet waren und der Begriff damals hierfür benutzt wurde.22

Die nächste große Oberkategorie ist die der Berufung auf die referntielle Funktion von Ausdrücken .

Zunächst sei der Richtigkeits-Topos erläutert. „Ein Wort entspricht (nicht) der mit ihm bezeichneten Realität und soll deshalb benutzt/ vermieden werden.“ 23 Die Bezeichnung einer Realität wird für nicht angemessen erachtet und man stellt diese richtig. Ein Beispiel hierfür wäre Industriestaaten auf Grund ihrer großen Veränderungen und Fortschritte als Entwick-lungsländer bezeichnen zu wollen.24

Weiter ist der Phantom-Topos wichtig. „Ein Ausdruck ist deshalb unangemessen oder falsch, weil es das Bezeichnete in der Realität gar nicht gibt.“ 25 Dinge die beschrieben und kritisiert werden, sollen, nach Aussage des Sprechers oder Schreibers, in der Wirklichkeit nicht vor-

handen sein.

Ferner ist der Worthülsen-Topos aufzuzeigen. „Ein Wort ist so vage und vieldeutig, daß mit ihm kein Sachverhalt mehr oder viele verschiedene Sachverhalte bezeichnet werden können. Er sollte deshalb vermieden werden.26 Wengeler gibt hier das Beispiel des Begriffs Integration, der von der Eingliederung bis hin zu der Aussage: Seit nett zueinander, alles bedeuten kann.27

Ebenfalls zu erläutern ist der Euphemismus-Topos . „Ein Wort verschleiert den Sachverhalt. Seine Benutzer wollen mit ihm täuschen/ manipulieren. Deshalb sollte man das Wort vermeiden oder seinen Euphemismus-Charakter aufdecken. Manchmal werden zudem „realistische“ Ersatzwörter genannt.28 Als Beispiel hierfür dient das Wort Gastarbeiter, dass durch seinen Wortteil Gast verschleiern soll, dass die Arbeiter kontinuierlich bleiben.29

Der letzte Topos dieser Oberkategorie ist der Topos der einseitigen Perspektive . „Ein Ausdruck bezeichnet einen Sachverhalt aus einer einseitigen Perspektive. Er wird damit der vom Kritiker anders gesehenen oder komplexeren Wirklichkeit nicht gerecht und soll durch einen anderen Ausdruck ersetzt werden.“30 Im Beispiel hierzu wird der Begriff Einwanderungsland kritisiert um den Begriff Einwanderungssituation zu befürworten, weil dieser beispielsweise von der Situation der Betroffenen ausgeht.31

Die dritte Oberkategorie ist die der Berufung auf den Bewusstsein und Handlungen mit-bestimmenden Charakter von Sprache .

Wengeler nennt hier zunächst den Biedermann und die Brandstifter-Topos . „Wer Wörter benutzt, die Personengruppen, ihre Handlungen oder die Folgen ihrer Handlungen abwerten, ist der geistige Wegbereiter für Gewalt gegen diese Gruppen. Zur Verhinderung dieser Gewalt ist u. a. die Vermeidung solcher Wörter nötig.32 Ein Beispiel hierfür ist die Bezeichnung Asylant für die in Deutschland Asylsuchenden, weil sie hierdurch geistig abgeschoben werden.33

Weiter erwähnt er den Bewußtseinskonstitutions-Topos . „Wer bestimmte Ausdrücke benutzt, trägt zur Konstruktion/ Konstitution eines bestimmten Bewusstseins und damit auch der sozialen Wirklichkeit bei. Daher soll der entsprechende Ausdruck vermieden oder bewusst verwendet werden.34 Wengeler nennt hier ein Beispiel in dem Flüchtlinge Asylanten genannt werden und daraus resultiert, dass es deswegen mehr werden.35 Somit wird ein entsprechendes Bewusstsein konstituiert.

[...]


1 Vgl. Plenarprotokoll des deutschen Bundestages vom 17. Juni 2012, Tagesordnungspunkt 4: Erste Beratung des von den Abgeordneten Gabriele Hiller-Ohm, Anette Kramme, Josip Juratovic, weiteren Abgeordneten und der Fraktion der SPD eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Durchsetzung des Entgeltgleichheitsgebotes für Frauen und Männer (Entgeltgleichheitsgesetz) S. 21884 - 21904.

2 Die Termini entnehme ich aus: Stötzel, Georg u.a. (Hrsg.): Zeitgeschichtliches Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache, Hildesheim u.a. 2002, S. 3-11.

3 Vgl. Wengeler, Martin: Sprachthematisierung in argumentativer Funktion. Eine Typologie, in: Öffentlicher Sprachgebrauch. Praktische, theoretische und historische Perspektiven, hg. v. Karin Böke, Matthias Jung, Martin Wengeler, Opladen 1996, S. 413 - 430.

4 Vgl. Stötzel, Georg u.a. (Hrsg.): Zeitgeschichtliches Wörterbuch, 2002, S. 3-11. (so im Folgenden abgekürzt).

5 Vgl. ebd. S. 5.

6 Vgl. ebd. S. 6.

7 Vgl. ebd. S. 7.

8 Vgl. ebd. S. 7-8.

9 Ebd. S. 8.

10 Wengeler: Eine Typologie, 1996, S. 417. Im Folgenden werde ich für den Aufsatz von Martin Wengeler diese Abkürzung nutzen.

11 Ebd.

12 Ebd. S. 418.

13 Vgl. ebd. Beispiel aus Kölnische Rundschau vom 26.4.1966.

14 Ebd. S. 419.

15 Vgl. ebd. Wengeler bezieht sich hier auf das Beispiel des Wissenschaftsjournalist Dieter E. Zimmer.

16 Ebd.

17 Ebd.

18 Vgl. Wengeler: Eine Typologie, 1996, S. 419 – 420.

19 Ebd.

20 Vgl. ebd.

21 Ebd.

22 Vgl. ebd. Wengeler bezieht sich hier auf den SPD-Pressedienst von 1961.

23 Ebd. S. 421.

24 Ebd. Wengeler bezieht sich mit dem Bespiel auf Wendorff 1984.

25 Ebd.

26 Wengeler: Eine Typologie, 1996, S. 421.

27 Vgl. ebd. S.422, Wengelers Beispiel stammt aus der FAZ vom 23.2.1982.

28 Ebd.

29 Vgl. ebd. Das Beispiel entstammt der PUBLIK – ECHO DER ZEIT vom 6.2.1970.

30 Ebd.

31 Vgl. ebd. Das Beispiel stammt aus Bade 1990.

32 Ebd. S. 423.

33 Vgl. ebd. Wengeler bezieht sich mit diesem Beispiel auf Strauß, Haß und Harras 1989.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Frauenlohn-Debatte 2012 im Kontext des Entgeltgleichheitsgesetzes, und 2013 im Bundestagswahlkampf
Untertitel
Eine Analyse politischer Semantik
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Veranstaltung
Sprache und Politik
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
28
Katalognummer
V265894
ISBN (eBook)
9783656556923
ISBN (Buch)
9783656557043
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Semantik, Politik, Sprache, Partei
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Markus Stettner (Autor), 2013, Die Frauenlohn-Debatte 2012 im Kontext des Entgeltgleichheitsgesetzes, und 2013 im Bundestagswahlkampf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265894

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