Das Verhältnis von Identitätsverlust und Erinnerung in Marcel Prousts "Recherche" und Rainer Maria Rilkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge"

Ich erinnere mich, also bin ich?


Bachelorarbeit, 2013
38 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sich wiederfinden in der Bezugslosigkeit der Gegenwart: Der Identitätsverlust als existentielle Not der Moderne
2.1. Marcels Gefangensein im n é ant des Erwachens als Gefühl temporärer Existenzlosigkeit
2.2. Maltes Sehen-Lernen in der Pariser Großstadt als Ausgangspunkt der Ich- Krise
2.3. Der Ich-Verlust: Eine chaotische Bezugslosigkeit des Halbschlafs oder eine Überflutung des Inneren durch die Außenwelt?

3. Die Erinnerung als sinnstiftendes Element zur Rekonstitution des sich auflösenden Ichs
3.1. Die Magie des Zufalls: Marcels m é moire involontaire als hierarchisches Konstrukt der Zeitlosigkeit
3.1.1. M é moire du r ê ve und m é moire du corps
3.1.2. M é moire du c œ ur
3.1.3. M é moire involontaire
3.2. Maltes Konzept vom erneuten Leisten der Vergangenheit
3.3. Die Erinnerung zwischen Zufall und Vorhaben als rekonstituierende Instanz des Ichs

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seiner Theorie des Romans bezeichnet Georg Lukács die „Wanderung des problema- tischen Individuums zu sich selbst“1 als essentielles, die Gattung des Romans bestim- mendes Merkmal. Demzufolge stehe im Zentrum der Handlung der „Weg von der trü- ben Befangenheit in der einfach daseienden, in sich heterogenen, für das Individuum sinnlosen Wirklichkeit zur klaren Selbsterkenntnis“2, den der Protagonist beschreitet. Zwar ist die Kritik, die Lukács für diese Definition über Jahrzehnte erfuhr, nicht von der Hand zu weisen, jedoch erscheint sie insbesondere dem modernen Roman wie auf den Leib geschneidert, da sie den Protagonisten von seiner statischen Rolle des Handelnden befreit und ihn viel mehr als Träger eines individuellen inneren Prozess begreift.

Eben diese Dissonanz zwischen dem modernen, nach Selbsterkenntnis strebenden Pro- tagonisten und der „sinnlosen Wirklichkeit“ konstituiert den Ausgangspunkt dieser Ar- beit: Anhand zweier bekannter Protagonisten der Weltliteratur, nämlich Rainer Maria Rilkes Malte Laurids Brigge und Marcel Prousts Ich-Erzähler der Recherche, den wir im weiteren Verlauf der Arbeit Marcel nennen werden3, wollen wir diesen existentiellen Konflikt zunächst in seinem Ursprung und seinen Auswirkungen aufarbeiten und er- gründen.

Im Fokus dieser Arbeit wird jedoch die von Lukács beschriebene „Wanderung des prob- lematischen Individuums zu sich selbst“ stehen, d.h. das Vorgehen der Protagonisten gegen den Verlust ihrer Identität in einer zunehmend entfremdeten Welt. Hierbei soll insbesondere die Erinnerung als Schlüsselelement zur Rekonstitution des Ichs beleuch- tet werden, da sie trotz verschiedener Funktionsweisen die beiden Protagonisten mitei- nander verbindet und somit neben dem Identitätsverlust eine weitere Parallele der unter- suchten Romane darstellt. In diesem Zusammenhang stellt sich schließlich auch die Frage, ob das Vertrauen in die Kraft der zeitlosen Erinnerung eine erfolgreiche Methode zur Gegenwartsbewältigung darstellt oder ob die Protagonisten sich letztendlich wieder am Ausgangspunkt ihrer Krise befinden.

Im ersten Kapitel wird dementsprechend zunächst der Identitätsverlust der beiden Protagonisten unabhängig voneinander untersucht, bevor die jeweils gewonnenen Erkenntnisse mit dem Ende des Kapitels in ihrer Essenz miteinander verglichen werden. Hierbei wird es uns primär darum zu tun sein, den Ursprung der Ich-Krise festzustellen, beziehungsweise die Entwicklung dorthin zu skizzieren, da der Zustand der Existenzlosigkeit nicht zwingend mit Beginn des ersten Satzes gegeben sein muss, sondern auch durchaus erst im Verlauf der Handlung zum Vorschein kommen kann, wie sich mitunter anhand von Maltes Situation feststellen lässt. Im Kontext dieser Arbeit fungiert das Motiv des Identitätsverlustes als bis dato unbekannte, beklemmende Notsituation, in der sich die Protagonisten wiederfinden und somit auch als Auslöser der Erinnerung, deren Kräfte im weiteren Verlauf der Arbeit en détail betrachtet werden.

Im Rahmen des zweiten Kapitels werden wir uns schließlich der Erinnerung als Reakti- on der Protagonisten auf die Disharmonie der Realität fokussieren. Im Zentrum dieses zu untersuchenden Aspekts werden mitunter die verschiedenen Funktionsweisen der Erinnerung zu finden sein, die insbesondere in Prousts Recherche aufgrund ihrer kom- plexen hierarchischen Ordnung einer detaillierten Erläuterung bedürfen. Des Weiteren stellt sich die Frage nach dem Effekt der Erinnerung auf den Prozess der Rekonstitution des Ichs: Ist allein die Qualität der Erinnerung ausreichend, um das zunehmende Gefühl der Existenzlosigkeit aufzuhalten, respektive das Ich wieder mit neuer Sinnhaftigkeit zu füllen? Oder stellt die Erinnerung lediglich einen von mehreren Schritten dar, die es zu bewältigen gilt? Neben der tatsächlichen Wirkungsweise der Erinnerung in den beiden vorliegenden Romanen soll sozusagen auch gleichzeitig kritisch hinterfragt werden, inwiefern diese Methode eventuelle Defizite aufweist.

2. Sich wiederfinden in der Bezugslosigkeit der Gegenwart: Der Identitätsverlust als existentielle Not der Moderne

In diesem Kapitel soll der Identitätsverlust der beiden Protagonisten Malte und Marcel zunächst unabhängig voneinander untersucht werden, bevor am Ende des Kapitels ein Vergleich zwischen den individuellen Erfahrungen gezogen wird. Hierbei stellt sich zum einen die Frage nach den jeweiligen Ursachen dieses bedrohlichen Zustandes und zum anderen, welche Auswirkungen dieser Status quo auf das Wesen der Protagonisten hat.

2.1. Marcels Gefangensein im n é ant des Erwachens als Gefühl temporärer Existenzlosigkeit

Bereits mit der Eingangsszene der Recherche, in der Marcel den Moment des Erwachens als einen Moment enormer innerer Leere beschreibt, offenbart sich das Bedürfnis „über den situationsgebundenen Augenblick hinaus die Beziehung zu einem beständigen, der zeitlichen Vergänglichkeit nicht preisgegebenen Ich“4 zu erforschen:

Mais il suffisait que, dans mon lit même, mon sommeil fût profond et détendît entière- ment mon esprit ; alors celui-ci lâchait le plan du lieu où je m’étais endormi et, quand je m’éveillais au milieu de la nuit, comme j’ignorais où je me trouvais, je ne savais même pas au premier instant qui j’étais ; j’avais seulement dans sa simplicité première le sen- timent de l’existence comme il peut frémir au fond d’un animal ; j’étais plus dénué que l’homme des cavernes ;5

Marcel befindet sich in einer gegenwärtigen Situation, die es ihm unmöglich macht, die Welt als eine vollkommene Einheit zu erfassen. Diese „sinnlose Wirklichkeit“, wie es Lukács formuliert, manifestiert sich in einer tiefgreifenden Dissonanz, die sich zum einen auf Marcels Relation zur „Ich-transeunten“6 Welt auswirkt, zum anderen aber auch auf das eigene Ich überspringt und somit die innere Einheit seines Wesens aus dem Gleichgewicht bringt. Infolgedessen erscheint das Ich der permanenten Gefahr einer Fragmentierung ausgesetzt zu sein, wodurch es auf eine stetige Rekonstitution angewiesen ist, die seinen Erhalt garantiert. In diesem Zusammenhang spricht Karl Hölz auch von einem regelmäßigen „Neuerwerb“ des Ichs.7 Vereinfacht könnte man sagen, dass Marcel jegliche Beziehung zu seiner eigenen Person und zu seinem aktuellen Aufenthaltsort verloren hat, sodass sein gegenwärtiges Dasein nur noch „auf ein bloß kreatürliches Existenzgefühl“ zusammengeschrumpft zu sein scheint.8

Das existentielle Angstgefühl des Identitätsverlusts bildet im Fall von Marcel wie be- reits angemerkt den unmittelbaren Ausgangszustand der Recherche, was insofern frap- pierend erscheint, als dass es für den außenstehenden Betrachter keine wirklich nach- vollziehbare Entwicklung zu konstatieren gibt, die den Weg zu diesem Status quo näher beleuchtet. Als Rezipient findet man sich unmittelbar in der Situation des Erwachens wieder; ein „Nullpunkt“9, der für das schlafende Subjekt absolut frei von jeglicher Ver- bindung zur Vergangenheit ist, gleichzeitig aber auch im gegenwärtigen Hier und Jetzt keinerlei Relation zum Ich herstellen lässt. Marcel spricht in diesem Zusammenhang selbst davon, in einem destruktiven „néant“10 gefangen zu sein, also in einem bezugslo- sen Nichts ohne Form und außerhalb jeglicher Kausalität. Raum und Zeit erscheinen nur noch als leere Anschauungsformen, getrennt von Inhalt und Verbindung. Für Marcel scheint die Existenzlosigkeit des menschlichen Erwachens sogar dem Gefühl des Todes gewissermaßen nahezukommen, wenn er behauptet: „On a trop dormi, on n’est plus.“11 Abgesehen von seiner eigenen inneren Problematik, der fragilen Einheit des Ichs, scheint jedoch auch eine Disharmonie zwischen Marcel und den Menschen, die ihn um- geben, zu herrschen, deren Leben ebenfalls „durch Wandelbarkeit und Unbeständigkeit“ bestimmt ist.12 Nachdem Marcel kaum noch in der Lage ist, sein eigenes Wesen zu er- fassen, erweist sich nun auch das Erkennen des Anderen als ein hoffnungsloses Unter- fangen:

Ainsi, ce n’est qu’après avoir reconnu, non sans tâtonnements, les erreurs d’optique du début qu’on pourrait arriver à la connaissance exacte d’un être si cette connaissance était possible. Mais elle n’est pas ; car tandis que se rectifie la vision que nous avons de lui, lui-même, qui n’est pas un objectif inerte, change pour son compte, nous pensons le rattraper, il se déplace, et, croyant le voir enfin plus clairement, ce n’est que les images anciennes que nous en avions prises que nous avons réussi à éclaircir, mais qui ne le re- présentent plus.13

Für Marcel ist der Mitmensch nur noch eine „Folge von Augenblicken“ und verweigert sich somit der „gegenseitigen Durchdringung der Seelen“14, sodass ein Verständnis vom Inneren des Anderen unmöglich erscheint:

Si la figure d’une femme est difficilement saisissable aux yeux qui ne peuvent s’appliquer à toute cette surface mouvante […], quel rideau plus épais encore est tiré entre les actions d’elle que nous voyons, et ses mobiles ! Les mobiles sont dans un plan plus profond, que nous n’apercevons pas […]15

Diese Unfähigkeit den Anderen zu erkennen ist Ausdruck eines essentiellen Phänomens der Moderne, nämlich der bewussten Abgrenzung des Subjekts vom Konsens der Masse hin zur selbstreflexiven Isolation. Das stetig größer werdende Interesse am eigenen Ich, wie es sich auch anhand von Marcels Verhalten konstatieren lässt, ist mitunter das Re- sultat einer Dissonanz zwischen dem Subjekt und seiner sozialen Umgebung. Diese Tendenz spiegelt sich auch konkret in der Art des Schreibens wider, da die Literatur der Moderne häufig mit der Tradition des Romans als bloßes lineares Dokument einer akti- onsgeladenen Handlung bricht und den Fokus auf die Beschreibung innerer Prozesse und Empfindungen verlagert. Insbesondere die zunehmende Abkehr vom Briefroman verdeutlicht in diesem Kontext, dass das Vertrauen in die dialogische Form des Schrei- bens nicht mehr vorhanden zu sein scheint und bestätigt somit gewissermaßen das Miss- trauen gegenüber dem Anderen als Adressat.

Somit manifestiert sich Marcels Identitätsverlust zum einen in der Isolation des Ichs, welches nicht in der Lage zu sein scheint „aus der Umgrenzung seines zeitgebundenen Augenblicks zu treten“16 und zum anderen in der Konfrontation mit dem Anderen, der ihm keinerlei Zugang zu seinem Inneren ermöglicht und somit keine Milderung der Kri- se gewährleisten kann. Die Etablierung einer sinnvollen Relation zur Jetzt-Zeit erscheint aufgrund von Marcels eingegrenztem Erfahrungsbereich nicht realisierbar, sodass er sich gefangen in einem „univers particulier“ wiederfindet, welches eine Kommunikation mit der Welt kaum zulässt und sie lediglich „auf den Kontakt mit äußeren Berührungspunkten“ begrenzt.17

2.2. Maltes Sehen-Lernen in der Pariser Großstadt als Ausgangs- punkt der Ich-Krise

Bereits mit dem ersten Satz der Aufzeichnungen scheint sich Maltes spätere Misere in seinem neuen Umfeld der Pariser Metropole anzudeuten, da er zum einen den starken Kontrast zwischen seinem persönlichen Empfinden und dem Konsens der Masse her- vorhebt, zum anderen aber auch seine aktuelle Situation als eine Art Produkt Heidegge- rscher Geworfenheit „in ein Zentrum der Geschehnisse, mit denen er wenig vertraut ist“18 verdeutlicht: „So, also hierher kommen die Leute, um zu leben; ich würde eher sagen, es stürbe sich hier.“19 Mit dieser Aussage stellt Malte die Großstadt Paris als ei- nen für ihn diffusen Raum dar, der sich seinen Wahrnehmungsgewohnheiten entzieht und somit die Etablierung eines umgreifenden Zusammenhangs unmöglich macht.

Im Verlauf des ersten Teils der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge erfährt der Leser schließlich von Maltes Vorhaben des „Sehen-Lernens“, welches er durch die Wiedergabe diverser Gegenwartserlebnisse aus der Metropole Paris zelebriert und von dem er sich einen sinnstiftenden Effekt auf den zu zerbrechen drohenden Raum der Stadt verspricht. Bernhard Kruse spricht in diesem Zusammenhang davon, dass die ers- ten 22 Aufzeichnungen „sich auf einer prävalent absteigenden Linie“ bewegen. Es han- delt sich hierbei um einen dekonstruktiven Akt, in dem „der Aufbau der Welt und des Subjekts“ offengelegt werden.20 Insgesamt lassen sich die Aufzeichnungen in drei stoff- lich unterscheidbare Segmente aufteilen: Die Pariser Gegenwart, die Kindheitserinne- rungen und die Reminiszenzen.

Maltes Sehen-Lernen als neuartiger Modus des Sehens „jenseits aller konventionellen Aufnahmeweisen und Denkmuster“ konstituiert den einschneidenden Ausgangspunkt „eines langen Prozesses der Wirklichkeitsbewältigung“, da es aufgrund seiner bis dato ungeahnten Intensität die Welt als eine unbekannte Dimension ohne jeglichen Bezug erscheinen lässt.21 Die dadurch entfachte Auseinandersetzung mit der Pariser Außen- welt, die retrospektiv betrachtet den Beginn eines sich etablierenden neuen Umgangs mit der Wirklichkeit manifestiert, reißt Malte jedoch zunächst in eine tiefe Sinnkrise, die ihm den Zugang zu der erhofften neuen Welt „voll neuer Bedeutungen“22 zu ver- weigern scheint. Es erscheint ihm unmöglich, die Welt „als ein Ganzes zu erfassen“23, da es den einzelnen Gegenwarterlebnissen des neuen Sehens an einem ordnenden Rah- men fehlt, einem „gemeinsamen räumlichen Nenner“.24 Jeglicher Versuch Maltes, die gegenwärtigen Eindrücke dem für ihn diffusen Raum zu entziehen und somit zu relati- vieren, scheitert an der drückenden Dominanz des Raumes, die mitunter in der Erinne- rung an den Speisesaal des Urneklosters deutlich wird:

Dieser hohe, wie ich vermute, gewölbte Raum war stärker als alles; er saugte mit seiner dunkelnden Höhe, mit seinen niemals ganz aufgeklärten Ecken alle Bilder aus einem heraus, ohne einem einen bestimmten Ersatz dafür zu geben.25

Die Dissonanz, die sich zunehmend zwischen Malte und seiner Umwelt aufzubauen droht, drängt ihn in einen bedrückenden Zustand permanenter Vereinsamung und mündet letztendlich in eine von Angst geprägter Existenz, wenn Malte konstatiert: „Man saß da wie aufgelöst, völlig ohne Wille, ohne Besinnung, ohne Lust, ohne Abwehr. Man war wie eine leere Stelle.“26

Zwar versucht Malte diverse vermeintlich durchsichtige Räume herzustellen, um in ihnen Sicherheit zu finden, jedoch muss er mit der Zeit feststellen, dass es sich bei die- sen Szenarien lediglich um temporäre Illusionen handelt, da diese partikulären Räume keine Verbindung zueinander zulassen und sich letztlich als Erscheinungen der Unbe- ständigkeit herausstellen:

Nur eine geringste Wendung, und schon wieder steht der Blick über Bekanntes und Freundliches hinaus, und der eben noch so tröstliche Kontur wird deutlicher als ein Rand von Grauen. Hüte dich vor dem Licht, das den Raum hohler macht; sieh dich nicht um, ob nicht vielleicht ein Schatten hinter deinem Aufsitzen aufsteht wie dein Herr.27

Frustriert von der eigenen Unfähigkeit einen allumfassenden Zusammenhang zwischen den einzelnen Eindrücken herzustellen, distanziert Malte sich zunehmend von seinem ursprünglichen Streben nach Ganzheit und fokussiert sich nun auf die Gegenstände in ihrer Partikularität, worunter Beobachtungen wie eine Gruppe von Gauklern, das HotelDieu oder auch das Gesicht einer Frau zu finden sind.

Dabei stellt sich die angestrebte Herstellung von Zusammenhängen bereits im Rahmen der eingangs dargelegten Distanzierung vom Konsens der Masse als ein hoffnungsloses Unterfangen heraus, da diese Abgrenzung „ein bewusster Verzicht auf die gängigen Kategorien“ zu sein scheint, „mit deren Hilfe die Dinge in bestimmte Zusammenhänge gebrachte werden können.“28 Insofern ist es gewissermaßen absehbar, dass sich die vie- len Eindrücke nicht in einem sinnvollen Konstrukt zusammenzuführen lassen, da die gesammelten Impressionen der Pariser Gegenwart für Malte strikt voneinander getrenn- te Teilbeobachtungen bleiben, „die sich nicht additiv zu einem Ganzen zusammen- schließen.“29

Malte führt das Dasein eines Außenseiters, der sich also zum einen bewusst von den allgemeingültigen Normen und Meinungen distanziert, zum anderen aber auch den Kontakt zu den anderen Menschen vollständig meidet. Dieses Verhalten findet auch in der monologischen Form der Aufzeichnungen Bestätigung: Zwar scheint Malte gele- gentlich das Bedürfnis zu entwickeln, seine Eindrücke in Form eines Briefes mit jeman- dem zu teilen, verwirft sein Vorhaben in der Regel jedoch wieder recht schnell, da er nach eigenem Ermessen keine „Bekannten“ hat.30 Der Entfremdungsprozess, der zu Beginn noch ein äußerer war, ist mittlerweile so stark in Maltes Wesen eingedrungen, dass er allen Bekannten wie ein Fremder vorkommen muss. Somit geht sein Schreiben niemals über die Form des Monologs hinaus.31

Eine weitere essentielle Begleiterscheinung des „neuen Sehens“ ist das zunehmende Verschwimmen der Grenzen zwischen Innen und Außen, deren Wechselwirkung prä- gend für Maltes Krise ist. Subjekt und Objekt erscheinen kaum noch definierbar, da „weder die innere noch die äußere Welt einen Fixierpunkt hat“.32 Hierbei erscheint es bezeichnend, dass Malte zum einen feststellt, ein Inneres zu haben, „von dem ich nicht wusste“ und zum anderen sagt: „Alles geht jetzt dorthin. Ich weiß nicht, was dort geschieht.“33 Inneres und Äußeres sind für ihn gleichermaßen ungreifbar, jedoch scheint Malte zu wissen, dass alles Äußere unaufhaltsam in das Innere übergeht. Liu sieht in dieser Erkenntnis einen Hinweis darauf, dass „außer dem, was in das Innere geht, keine andere Wirklichkeit mehr zugänglich ist.“34 Das unbekannte Innere muss demnach erst mit Hilfe der Eindrücke des Äußeren sichtbar gemacht werden.

Zu Beginn der Aufzeichnungen scheint Maltes Wahrnehmung zum einen primär von seinem Sehsinn, „dem distanziertesten und objektivsten unter den Sinnen“35, geprägt zu sein, zum anderen erweist sich jedoch auch sein olfaktorischer Sinn als essentielle Quel- le seiner Eindrücke, wenn er den Geruch von „Jodoform, pommes frites, Angst“36 wahrnimmt. Der Geruch scheint hierbei bereits von einer bloßen äußeren Wahrnehmung in ein inneres Befinden überzugehen und zeigt somit gewissermaßen auf, welche Aus- wirkung die im weiteren Verlauf des Romans auftretenden Eindrücke auf Maltes Wesen haben werden.

In der zweiten Aufzeichnung verschiebt sich der Fokus von Maltes Wahrnehmung schließlich auf den Hörsinn, mit dem die Außenwelt „aggressiv und zerstörend“ in seine Innenwelt eindringt.37 Der Nachtlärm, den Malte durch das offene Zimmerfenster wahrnimmt und dem er sich schutzlos ausgeliefert sieht, stört nicht nur seinen Schlaf, sondern scheint auch sein Ich zu attackieren:

Elektrische Bahnen rasen läutend durch meine Stube. Automobile gehen über mich hin. Eine Tür fällt zu. Irgendwo klirrt eine Scheibe herunter, ich höre ihre großen Scherben lachen, die kleinen Splitter kichern. Dann plötzlich dumpfer, eingeschlossener Lärm von der anderen Seite, innen im Hause. Jemand steigt die Treppe. Kommt, kommt un- aufhörlich. Ist da, ist lange da, geht vorbei. Und wieder die Straße. Ein Mädchen kreischt: Ah tais-toi, je ne veux plus. Die Elektrische rennt ganz erregt heran, darüber fort, fort über alles.38

Die unzähligen Geräusche scheinen Malte in ihrem unmittelbaren Aufeinandertreffen beinahe zu erschlagen, wobei sich die unaufhaltsame Beschleunigung der Dinge in der Metropole Paris auch sichtbar auf Maltes Art zu Schreiben auswirkt, wie das Stakkato dieser Passage zeigt.

2.3. Der Ich-Verlust: Eine chaotische Bezugslosigkeit des Halb- schlafs oder eine Überflutung des Inneren durch die Außen- welt?

Untersucht man das Phänomen des Identitätsverlusts in Prousts Recherche und in Rilkes Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, so lässt sich feststellen, dass das Wirken der Krise zwar einige frappierende Parallelen aufweist, ihrer Entstehung jedoch differente Ausgangspunkte zugrunde liegen.

Wie wir zuvor feststellen konnten, konstituiert die Identitätskrise den unmittelbaren Ausgangspunkt der Recherche: Der Moment des Erwachens stellt sich hierbei als ein zeitlicher Nullpunkt heraus, der keinerlei Verbindung zu Gegenwart oder Vergangenheit zulässt und Marcel somit in einem dem Nichts ähnlichen Gebilde gefangen hält. Inso- fern lassen sich keine Entwicklung, respektive eine einschneidende Veränderung fest- stellen, die diesen Zustand der Identitätskrise evoziert. Es handelt sich vielmehr um eine alltägliche Situation, die in Marcel das Gefühl der Existenzlosigkeit hervorruft, was darauf schließen lässt, dass dieser schwerwiegende Effekt des Erwachens eng an das ohnehin fragile Wesen des Protagonisten gebunden ist. In Anbetracht der Tatsache, dass Marcel krankheitsbedingt enorm viel Zeit seines Lebens im Bett verbringt, scheint der Moment des Erwachens als Geburtsstunde des Ich-Verlusts ein sehr individueller, wie auf Marcels Leben zugeschnittener Auslöser zu sein. Die Krise erscheint somit nicht als Produkt einer signifikanten Veränderung, sondern ganz im Gegenteil als Konsequenz eines statischen, lange andauernden Status quo, der Marcel zu einem begrenzten Dasein in seinem Bett verdammt.

Maltes Identitätsverlust hingegen scheint das Produkt einer drastischen Veränderung in seinem Leben zu sein: Nachdem es in seiner Heimat, dem ländlichen Dänemark, nichts mehr gibt, das ihn zu einem dortigen Verbleib verpflichtet, zieht es den jungen Malte in

[...]


1 Lukács, S. 70.

2 Ebd.

3 Zwar hat Marcel Proust stets verneint, dass es sich bei der Recherche um ein autobiographisches Werk handelt, dennoch wird der Protagonist in der vorliegenden Forschungsliteratur häufig Marcel genannt, da zweifelsohne frappierende Parallelen zwischen Proust und seinem Ich-Erzähler bestehen.

4 Hölz, S. 17.

5 Proust, S. 14 - 15.

6 Hölz, S. 17.

7 Ebd.

8 Ebd., S. 18.

9 Ebd.

10 Proust, S. 15.

11 Ebd., S. 1694.

12 Hölz, S. 19.

13 Proust, S. 685.

14 Hölz, S. 20.

15 Proust, S. 2069.

16 Hölz, S. 20.

17 Ebd.

18 Liu, S. 59.

19 Rilke, S. 9.

20 Kruse, S. 44.

21 Liu, S. 58.

22 Rilke, S. 67.

23 Liu, S. 58.

24 Ebd., S. 61.

25 Rilke, S. 27 - 28.

26 Ebd.

27 Ebd., S. 68.

28 Liu, S. 70.

29 Ebd., S. 77.

30 Rilke, S. 11.

31 Maltes Versuch einen Brief zu schreiben (vgl. S. 11) sowie sein Briefentwurf (vgl. S. 66) unterliegen letztendlich seiner Natur des Einzelgängers und können den Status des Monologs somit niemals über- schreiten.

32 Liu, S. 87.

33 Rilke, S. 10.

34 Liu, S. 88.

35 Kruse, S. 47.

36 Rilke, S. 9.

37 Kruse, S. 48.

38 Rilke, S. 10.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis von Identitätsverlust und Erinnerung in Marcel Prousts "Recherche" und Rainer Maria Rilkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge"
Untertitel
Ich erinnere mich, also bin ich?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
38
Katalognummer
V266029
ISBN (eBook)
9783656557975
ISBN (Buch)
9783656557944
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verhältnis, identitätsverlust, erinnerung, marcel, prousts, recherche, rainer, maria, rilkes, aufzeichnungen, malte, laurids, brigge
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts David Schumann (Autor), 2013, Das Verhältnis von Identitätsverlust und Erinnerung in Marcel Prousts "Recherche" und Rainer Maria Rilkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266029

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