Das Recht über Leben und Tod. Überlegungen zu einem Dispositiv bei Michel Foucault


Hausarbeit, 2013

13 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Die Bedeutung von Macht bei Foucault

2 Recht über den Tod und Macht zum Leben

3 im Namen des Souveräns

4 Menschenakkumulation und Kapitalakkumulation

5 Literaturverzeichnis

1 Die Bedeutung von Macht bei Foucault

Der Staatstheoretiker Nicos Poulantzas untersucht die grundsätzlichen Unterschiede zwischen dem Marxismus und den Foucaultschen Analysen des Konstitutionsfeldes der Macht. In diesem Zusammenhang hält er fest: „Wenn das Konstitutionsfeld der Macht eine ungleiche Beziehung von Kräfteverhältnissen ist, so erschöpft sich ihre Materialität nicht in den Modalitäten ihrer Ausübung.“[1]

Grundlagen von Macht überhaupt sind - für Poulantzas - a) die Ausbeutung, b) die Stellung der Klassen sowie c) das Faktum, dass der Staatsapparat gegenüber denjenigen Apparaten und Dispositiven, die außerhalb seines eigenen Raumes angesiedelt sind, nicht abgeschottet bleibt. „Das relationale Machtfeld der Klassen verweist so auf ein materielles System der Aufteilung von Stellungen in der gesamten gesellschaftlichen Arbeitsteilung und ist grundsätzlich (wenn auch nicht ausschließlich) durch die Ausbeutung determiniert.“[2]

Ausgehend von diesen Prämissen formuliert er die folgende Kritik: „Für Foucault jedoch hat die Machtbeziehung immer nur sich selbst zur Grundlage, sie wird zur bloßen ‚Situation‘, der die Macht schon immer immanent ist. Die Frage welche Macht und wozu diese Macht scheint bei ihm völlig ihre Gültigkeit verloren zu haben. Dies führt bei Foucaults Analysen zu einer unausweichlichen Grundaporie: Die berühmten Widerstände, die notwendiges Element jeder Machtsituation sind, bleiben bei ihm, da ihnen jede Grundlage fehlt, willkürliche Beteuerung: Sie sind bloß prinzipielle Behauptungen.“[3]

Zweifellos hat diese Kritik ihre Berechtigung, doch worum geht es Foucault eigentlich in seinen Analysen? Einen Hinweis in diese Richtung finden wir in einem Gespräch Foucaults mit Lucette Finas. Man habe das Problem der Macht allzu oft und nach dem Modell, das durch das juridisch-philosophische Denken des 16. und 17. Jahrhunderts bestimmt ist, auf das Problem der Souveränität beschränkt: “Was ist der Souverän? Wie kann das Souveräne sich konstituieren? Was bindet die Individuen an den Souverän? […] es ist dieses Problem, das uns nach wie vor keine Ruhe läßt und meines Erachtens eine ganze Reihe von Analysebereichen disqualifiziert; ich weiß, sie können sehr empirisch und zweitrangig erscheinen, aber schließlich betreffen sie unseren Körper, unsere Existenzen, unser Alltagsleben. Gegen dieses Privileg der souveränen Macht wollte ich versuchen, eine Analyse zur Geltung zu bringen, die in eine andere Richtung geht. Zwischen jedem Punkt eines gesellschaftlichen Körpers, zwischen einem Mann und einer Frau, in einer Familie, zwischen einem Lehrer und seinem Schüler, zwischen dem, der weiß, und dem, der nicht weiß, verlaufen Machtbeziehungen, die nicht die schlichte und einfache Projektion der großen souveränen Macht auf die Individuen sind; sie sind eher der bewegliche und konkrete Boden, in dem die Macht sich verankert hat, die Bedingungen der Möglichkeit, damit sie funktionieren kann. […] Die Macht bildet sich und funktioniert ausgehend von Mächten, sie errichtet sich auf Vielfältigkeiten von Machtfragen und -wirkungen. Diesen komplexen Bereich muß man studieren. Was nicht heißen will, daß er unabhängig ist und man ihn außerhalb des ökonomischen Prozesses und der Produktionsbeziehungen entschlüsseln könnte.“[4]

Besonders viele und wertvolle Hinweise auf die Wurzeln dieses - nach Foucault - falschen Verständnisses von Macht finden wir in dem an der philosophischen Fakultät der Universität Bahia in Brasilien gehaltenen Vortrag Die Maschen der Macht: „Bei Psychoanalytikern, Psychologen und Soziologen ist die Vorstellung verbreitet, wonach Macht in erster Linie Regel, Gesetz oder Verbot ist und die Grenze zwischen Erlaubtem und Verbotenem markiert. Ich glaube, dass dieses im Wesentlichen Ende des 19. Jahrhunderts ausformulierte Verständnis von Macht weitgehend von der Ethnologie entwickelt worden ist.“[5]

Etwas später: „Wie kommt es, dass unsere Gesellschaft und die westliche Gesellschaft schlechthin Macht so restriktiv, so arm, so negativ versteht? Warum denken wir bei Macht immer an Gesetz und Verbote? Warum diese Privilegierung? Offensichtlich geht das auf den Einfluss Kants zurück, auf den Gedanken, die Grundlage und Matrix jeder Lenkung menschlichen Verhaltens sei das ‚Sittengesetz‘, das ‚Du darfst nicht‘. Eine Erklärung, die auf Kants Einfluss verweist, ist aber offensichtlich vollkommen unzureichend.“[6]

Und ansatzweise eine Erklärung: „Die großen Systeme, die seit dem Mittelalter in Europa entstanden, entwickelten sich weitgehend über eine Zunahme der monarchischen Macht auf Kosten der feudalen Macht oder besser gesagt, der feudalen Mächte. Bei diesem Kampf zwischen den Feudalmächten und der monarchischen Macht diente das Recht stets als Instrument der monarchischen Macht gegen die Institutionen, Sitten, Regelungen, Bindungen und Zugehörigkeiten, die für die Feudalgesellschaft typisch waren. […] Auch das römische Recht, das im 8. und 9. Jahrhundert wieder in Europa auftauchte, war für die Monarchie ein großartiges Instrument, mit dem sie Formen und Mechanismen ihrer Macht auf Kosten der Feudalmächte definieren konnte. Mit anderen Worten, das Wachstum des Staates in Europa sicherte partiell die Entwicklung eines juristischen Denkens und benutzte es in jedem Fall als Werkzeug. Die Macht des Monarchen und des Staates ist ganz wesentlich im Recht repräsentiert.“[7]

2 Recht über den Tod und Macht zum Leben

Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen war das Kapitel V („Recht über den Tod und Macht zum Leben“) in Foucaults Werk „Der Wille zum Wissen“. Das Kapitel beginnt mit der Aussage: „Eines der charakteristischen Privilegien der souveränen Macht war lange Zeit das Recht über Leben und Tod. Es leitete sich von der alten patria potestas her, die dem römischen Familienvater das Recht einräumte, über das Leben seiner Kinder wie über das seiner Sklaven zu ‚verfügen‘: er hatte es ihnen ‚gegeben‘, er konnte es ihnen wieder entziehen“.[8]

Foucault rekurriert an dieser Stelle auf die in der römischen Gesellschaft - wie in allen oder fast allen antiken Gesellschaften - bestehende „fundamentale Unterscheidung zwischen Freien und Sklaven. […] Sie sind sowohl ‚Personen‘ als auch ‚Sachen‘: das Recht reduziert so also die wichtigste soziale Erscheinung der antiken Welt auf die ihm eigenen Kategorien. […] Bis in die Kaiserzeit genießen sie gegenüber dem Eigentümer keinerlei rechtlichen Schutz; dieser kann sie auspeitschen, töten oder verstoßen.“[9]

Sklaven konnten jedoch aus unterschiedlichen Gründen auf verschiedene Weise freigelassen werden: auch das stellt einen Hinweis auf das Recht über den Tod und die Macht zum Leben im antiken Rom dar. Eine dieser Weisen ist die manumissio testamento oder testamentarische Freilassung. Sie war in das Testament, also „in das Rechtsgeschäft, das die Erbeinsetzung enthält, eingefügt […]. Man erklärte den Sklaven für frei.“[10]

In der christlichen Antike wurde es als gutes Werk betrachtet, zu manumittieren. Jacob Burckhardt erläutert, dass Kaiser Konstantin durch Gesetze das Recht der Herren über Leben und Tod der Sklaven aufzuheben gesucht hatte, „obwohl die rechtliche Distinktion zwischen dem Tod des Sklaven ‚nach‘ Mißhandlungen und ‚infolge‘ von Mißhandlungen dem Herrn immer eine leichte Ausflucht gewährte. Wird doch selbst der Fall gesetzt, daß ein Sklave unter den Schlägen eines natürlichen Todes „durch Schicksalsnotwendigkeit“ sterben könne!“[11]

[...]


[1] Poulantzas, Staatstheorie, 179.

[2] Ebenda.

[3] Poulantzas, Staatstheorie, 179f.

[4] Foucault, Machtverhältnisse, 427f.

[5] Foucault, Maschen, 221.

[6] Foucault, Maschen, 222.

[7] Foucault, Maschen, 222f.

[8] Foucault, Wille, 161.

[9] Bretone, Geschichte, 197f.

[10] Bretone, Geschichte, 198.

[11] Burckhardt, Zeit, 410.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Das Recht über Leben und Tod. Überlegungen zu einem Dispositiv bei Michel Foucault
Hochschule
Universität Wien  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Lektürekurs
Note
1
Autor
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V266161
ISBN (eBook)
9783656559290
ISBN (Buch)
9783656559276
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
recht, leben, überlegungen, dispositiv, michel, foucault
Arbeit zitieren
Mag. Siegfried Höfinger (Autor), 2013, Das Recht über Leben und Tod. Überlegungen zu einem Dispositiv bei Michel Foucault, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266161

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