Die Sprache jugendlicher Migranten und ihre Wirkung auf die Gesellschaft

Intentionen und Auswirkungen der Kanak-Sprak


Hausarbeit, 2012
16 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die deutsche Sprache im ethnischen Kontext
2.1 Sprachliche Besonderheiten der „Kanak-Sprak“
2.1.1 Ebene der Lexik
2.1.2 Ebene der Syntax
2.1.3 Pragmatische Ebene

3. Funktion der Sprache jugendlicher Migranten

4. „Kanak-Sprak“ im öffentlichen Diskurs

5. Empirie
5.1 Die Studie von Keim und Cindark
5.2 „´Kanak` ist Ausdruck einer mittelgroßen Katastrophe“

6. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

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1. Einleitung

Schon seit der Antike beschäftigen sich Gelehrte, z.B. Plato (ca. 427-347 v. Chr.) mit der menschlichen Sprache. Sie unterliegt einem steten Wandel. Ausdrücke wie „Oheim“ (früher für „Onkel“) oder „Barbier“ (früher für „Friseur“) kommen im deutschen Sprachschatz nicht mehr vor. Der Gebrauch von Anglizismen, insbesondere in Industrie und Wirtschaft, ist in der deutschen Gesellschaft aufgrund der Globalisierung der Märkte und dem großen Medienangebot mittlerweile größtenteils von der Gesellschaft akzeptiert. Ausdrücke wie z.B. „download“, „cool“, „meeting“ oder „sale“, gehören mittlerweile zum Alltagsvokabular vieler Deutscher. Ja, es gilt häufig sogar als „out“ (unmodern), wenn man die jeweiligen deutschen Ausdrücke verwendet. Auch die Werbebranche hat durch ihre mit Anglizismen durchtränkte Sprache einen großen Anteil an dieser Entwicklung. In Forschung und Wissenschaft ist es mittlerweile sogar auch in Deutschland Standard, englischsprachig zu kommunizieren und zu publizieren.

In Anbetracht dieser Entwicklung liegt die Vermutung nahe, dass ein Großteil der deutschen Bürgerinnen und Bürger offen für Weiterentwicklungen der deutschen Sprache ist.

In der Bundesrepublik Deutschland lebten, gemäß den Erhebungen des Statistischen Bundesamtes, im Jahr 2010 ca. 81,8 Mio. Bürgerinnen und Bürger. Davon haben 15,7 Mio. (19,3 %), also jeder 5. Bundesbürger, einen Migrationshintergrund. Diese Kulturvielfalt hat dazu geführt, dass weitere Varietäten der deutschen Sprache zu den bereits bestehenden Dialekten hinzugekommen sind.

Unter dem Titel „Kanak Sprak. 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft“ hat Feridun Zaimoglu 1995 ein Buch veröffentlicht. Es handelt von einem jungen türkischstämmigen Rapper und dessen Sichtweise auf die deutsche Gesellschaft. Dieses Buch hat den Begriff „Kanak-Sprak“ als Synonym für die gemischte Sprache Jugendlicher mit Migrationshintergrund nachhaltig geprägt.[1]

Mit der vorliegenden Hausarbeit

Die Sprache Jugendlicher mit Migrationshintergrund und ihre Wirkung auf die Gesellschaft

soll die Sprachvarietäten jugendlicher Migrantinnen und Migranten sowie die Reaktion der Bevölkerung auf diese Varianten der deutschen Sprache untersucht werden.

Die Frage, die sich stellt, lautet:

Von wem und warum wird der Dialekt „Kanak-Sprak“ gesprochen und wie reagiert unsere Gesellschaft darauf?

Um diese Punkte klären zu können, werden in Absatz zwei die deutsche Sprache im ethnischen Kontext und die sogen. „Kanak-Sprak“ hinsichtlich ihrer Besonderheiten beleuchtet. Die Funktion der Sprache jugendlicher Migranten ist Thema des vierten Abschnitts. In Kapitel vier wird die „Kanak-Sprak“ im öffentlichen Diskurs betrachtet. Hierzu werden im Anschluss im Abschnitt fünf eine empirische Studie und verschiedene Standpunkte zu der vorliegenden Thematik vorgestellt. Der Absatz sechs schließt diese Hausarbeit mit einem Fazit und Ausblick ab.

2. Die deutsche Sprache im ethnischen Kontext

Die ersten Gastarbeiter: Als vor ca. 50 Jahren die ersten „Gastarbeiter“ in Deutschland einreisten, gab es noch keine Sprachkurse, wie wir sie heutzutage für Immigranten kennen. Der Spracherwerb geschah im alltäglichen Leben; auf der Straße oder während der Arbeit. Bekannte aus der ersten Migrantengeneration berichteten, wie sie z.B. im Lebensmittelgeschäft das Gackern eines Huhns imitierten, um Eier zu bekommen, oder wie ein Schaf blökten, wenn sie Schafsfleisch kaufen wollten. Diese Art der Kommunikation hätte zwar zum Ziel geführt, aber es wäre jedes Mal eine lächerliche, ja geradezu entwürdigende Situation für sie entstanden[2]. In diesem Rahmen ist das sogenannte „Gastarbeiterdeutsch (GAD)“ entstanden. Diese Menschen vermischten ein sehr einfaches Deutsch mit ihrer Herkunftssprache. Dieser Sprachstil hat nach Kallmeyer und Keim u.a. die Besonderheit, dass oft Artikel, Subjekt oder Verb fehlen, z.B. bei „ nix gut “ (Kallmeyer/Keim 2007: 50).

Diese Variante der deutschen Sprache hat sich bei den Kindern und Kindeskindern dieser Generation in Ballungsgebieten zum „Ghettodeutsch“ bzw. zur „Kanak-Sprak“ weiterentwickelt. Die jungen Menschen kennen diese Sprachform und beherrschen sie zum größten Teil auch. Aber sie gebrauchen sie nicht außerhalb der Familie (vgl. ebd. 51).

2.1 Sprachliche Besonderheiten der „Kanak-Sprak“

Bezeichnend für die „Kanak-Sprak“, die in der Literatur oder in Massenmedien auch oft als „Türkendeutsch“, „Kiez-Sprache“ oder „Ghettosprache“ bezeichnet wird, ist der schnelle Wechsel zwischen „[…] Sprachen oder Varietäten […]“ (Hinnenkamp 2003: 397 ff.) unter Verwendung von ausländischen Begriffen, auf die ich im Absatz 2.2.1 näher eingehen werde. Gesprochen wird sie fast ausschließlich unter Gleichaltrigen, wobei der Sprachstil in den einzelnen Gruppen differiert. Abgesehen von den Wörterbüchern zur Jugendsprache, die sich zu Verkaufsschlagern entwickelt haben, wie z.B. das „PONS Wörterbuch der Jugendsprache“, 2012 oder auch der „Duden - Das neue Wörterbuch der Szenesprachen“, welches online verfügbar ist, existiert die Kiezsprache größtenteils mündlich.[3].

Volker Hinnenkamp, der Untersuchungen zur deutsch-türkischen „Mischsprache“ durchgeführt hat, beschreibt in seinem Beitrag „Sprachalternieren – ein virtuoses Spiel“ [4] wie der Wechsel zwischen den Sprachen funktioniert:

„Alterniert wird zwischen zwei Äußerungen, innerhalb einer Äußerung und sogar innerhalb eines Wortes, wie […] „Beifahrerin yerindemi“. „Beifahrerin“ ist dabei keinesfalls die motivierte feminine Form. Sie ist Teil der deutsch-türkischen Auflösung eines Nominalkompositums in Form einer türkischen Genitivkonstruktion. […] Man kann auch schlicht sagen, es handelt sich dabei um ein […] integriertes Lehnwort innerhalb einer ansonsten türkischen Satzkonstituente. […] Die Mischsprache verwenden die Jugendlichen ausschließlich untereinander. Das allerdings keineswegs systematisch. Oft taucht das systematische Switchen in einem dominant türkischen oder dominant deutschen Redefluss auf, um nach einer Weile wieder der Einsprachigkeit nachzugehen, ohne dass die Teilnehmerkonstellation sich verändert hätte“ (ebd. 410).

Aber nicht nur in Deutschland existiert die gemischte Sprache von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Dieses Phänomen tritt auch in anderen Einwanderungsländern wie z.B. in Dänemark, den Niederlanden und Schweden auf. Und dort, genauso wie in Deutschland auch, besonders in Stadtteilen mit sehr großem Anteil von Migrantinnen und Migranten. Wiese, die diese Stadtteilsprachen als einen weiteren Dialekt der jeweiligen Sprachen sieht, nennt folgende europäische Beispiele:

[...]


[1] Während seiner Lesung 1996 in Hamm/NRW wurde ich Zeugin, wie Zaimoglu Ziel offener Anfeindungen und Bedrohungen durch türkischstämmige Jugendliche wurde. Diese fühlten sich durch Äußerungen wie „Kanaken“ oder „lieb-alilein“ in dessen Buch zutiefst beleidigt.

[2] Diese Aussagen beruhen auf Erzählungen meiner Eltern und deren ArbeitskollegInnen.

[3] Hinnenkamp 2003: 396.

[4] Hinnenkamp 2003: 410.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Sprache jugendlicher Migranten und ihre Wirkung auf die Gesellschaft
Untertitel
Intentionen und Auswirkungen der Kanak-Sprak
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar Pragmatik
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V266200
ISBN (eBook)
9783656559153
ISBN (Buch)
9783656559160
Dateigröße
703 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kanak-Sprak, Jugendsprache, Pragmatik, Sprachwandel, Sprachwissenschaft, Migrantensprache, Migrantendeutsch
Arbeit zitieren
Melinda Snitil (Autor), 2012, Die Sprache jugendlicher Migranten und ihre Wirkung auf die Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266200

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