Oswald von Wolkenstein, Es leucht durch graw (Kl.34). Marienpreis oder Liebeslyrik?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Biographie Oswalds von Wolkenstein

3. Das Tagelied

4. Marienlyrik im Mittelalter
4.1 Marienlyrik bei Oswald von Wolkenstein

5. Lied Analyse Es leucht durch graw (Kl. 34.)

6. Zusammenfassung

Literatur

1. Einleitung

Kaum ein anderer Dichter des Mittelalters ist so gut dokumentiert wie Oswald von Wolkenstein. Er wird oft als der letzte Minnesänger bezeichnet, dem jedoch setzt Sieglinde Hartmann entgegen, dass Oswalds Werk keinesfalls von der Liebesthematik oder der höfischen Minnekonzeption dominiert wird. Oswald kreierte vielmehr eine neuartige Sprache, mit der er seine sinnlichen Wahrnehmungen ausdrückt und sein Kunstwerk aus eigenen Erfahrungen und Empfindungen formte.[1] Sein Werk umfasst geistliche wie auch weltliche Themengebiete. Die vorliegende Arbeit befasst sich mit Oswalds Lied Es leucht durch graw (Kl. 34). Das Lied schöpft aus unterschiedlichen Liedtraditionen und wird in der Forschung sowohl als Marienpreis als auch geistliches Tagelied typisiert. Inhaltlich vereinigen sich religiöse Themen mit Motiven der weltlichen Natur– und Liebesdichtung zu einer schwer zu durchleuchtenden Geschlossenheit.[2] Burghart Wachinger deutet Kl. 34 als ein an Maria gerichtetes Wecklied, dessen religiöser Charakter sich nicht sofort offenbart.[3]

In der vorliegenden Arbeit werde ich zunächst kurz auf die Biographie Oswalds eingehen, dem folgt eine kurze Beschreibung der Gattung Tagelied. Anschließend gehe ich kurz auf die Entwicklung der Marienlyrik im Mittelalter ein und welchen Stellenwert sie im Gesamtwerk von Oswald ausmacht. Demnach folgt der Text zu Kl. 34 mit einer Übersetzung von Sieglinde Hartmann und einer ausführlichen Analyse und Interpretation des Liedes.

2. Biographie Oswalds von Wolkenstein

Oswald von Wolkenstein (ca. 1376–1445) stammte aus einem Südtiroler Adelsgeschlecht. Im Alter von zehn Jahren verließ er bereits das Elternhaus und begab sich, in den Diensten eines Ritters, auf Reisen. So lernte er bereits in jungen Jahren verschiedne Länder und Gegenden kennen, die später auch in seinen Liedern Berücksichtigung fanden. Zurück in der Heimat stieg er schnell zu einem Berater des deutschen Kaiser Sigismund von Luxemburg auf. Dieser Umstand führte Oswald in den Jahren 1415–1416 an die bedeutsamsten Höfe Spaniens und Frankreichs. Dort erhielt er auch prachtvolle Ehrungen für seine Sangeskunst. In die Phase seiner ritterlichen Laufbahn fällt auch Oswalds Vermählung mit Margarete von Schwangau, einer schwäbischen Edeldame. Ein Besitzstreit um Oswalds Burg Hauenstein brachte ihn kurzeitig ins Gefängnis. Jedoch konnte die Situation bereinigt werden, prägte aber sein Leben und seine Liedkunst entscheidend mit. Nach 1425 setzte Oswald seine Karriere in Tirol fort und wurde nach dem Tod von Herzog Friedrich IV. von Österreich im Jahre 1439 in einen Vormundschaftsrat berufen, der die Geschäfte des unmündigen Herzogsohnes in der Grafschaft Tirol mitbestimmen sollte. Der mehrfach erkrankte Oswald konnte dieses Amt jedoch nicht lange bekleiden und starb am 2. August 1445 in Meran.

Oswalds dichterische Schaffensphase lässt sich auf den Zeitraum von 1400–1432 festlegen. In dieser Zeit entstanden etwa 132 Lieder und zwei Reimpaarreden. Die Lieder sind im Wesentlichen in drei Handschriften überliefert. Die Handschriften A und B sind im Auftrag von Oswald entstanden. Die Handschrift c stimmt mit der Handschrift B weitergehend überein und ist wohl größtenteils aus dieser abgeschrieben worden.[4]

Die Wolkenstein Forschung hat Oswalds Werk in drei thematische Bereiche gegliedert: Liebeslyrik, geistliche Gesänge und autobiographische Lieder. Jedoch entzieht sich Oswalds Werk einer Gliederung in einzelne Liedtypen. Johannes Spicker begründet dies folgendermaßen: „ Nicht das Aufgreifen eines bestimmten literarischen Typus markiert das Besondere im Werk Oswalds, vielmehr ihre Variation, die virtuose Inszenierung der Typenvielfalt.“[5] Tatsächlich gelingt es Oswald seine Liedtexte, mit virtuosen Sprachspielen, in eine gattungsuntypische Richtung zu kehren.[6]

3. Das Tagelied

Etwa um 1200 bildete sich das Tagelied, als eine Untergattung des Minnesangs heraus. Die Bezeichnung tageliet wird erstmals in Ulrich von Liechtensteins Frauendienst um 1255 offenbar: „ Dieu tageliet maniger gern sanc (1633, 1)“.[7] Eine andere Variante, die Ulrich sowie Neidhart gebraucht, ist der Begriff tagewîse. Über den Ursprung des mittelhochdeutschen Tagelieds herrscht weitestgehend Unklarheit. Die Forschung geht davon aus, dass es in einem volkstümlichen Lied wurzelt, das mit der heimischen Frauenklage verwandt ist. Die Tagelieder sind in den großen Liederhandschriften gemeinsam mit den Minnekanzonen überliefert und wurden erst seit dem Spätmittelalter als eine zusammenhängende Gattung hervorgehoben. Das Tagelied besteht wie die Minnekanzone aus Stollenstrophen, daher lassen sich Gattungsspezifikationen nur über den Inhalt erschließen. Im Fokus des Tagelieds steht ein Liebespaar, das sich nach einer gemeinsamen Liebesnacht am Morgen trennen muss. Ein Wächter leitet den Weckruf ein und veranlasst die Liebenden, sich zu verabschieden.[8] Folgende Gegebenheiten sind typisch für den Handlungsrahmen eines Tagelieds: Die Personenkonstellation besteht aus dem Liebespaar, meist einer Dame und einem Ritter, die nicht miteinander verheiratet sind, und der Figur des Wächters. Die Handlung spielt sich ein einem geschlossen Raum, im Schlafgemach der Dame oder einem Versteck, ab. Der Wächter, sofern vorhanden, befindet sich nicht in diesem abgeschlossenen Raum. Der Morgen wird durch den Weckruf eingeleitet, der in der Person des Wächters, des Sonnenaufgangs oder auch durch Vogelgesang erfolgen kann. Der Tagesanbruch bedeutet den Abschied der Liebenden voneinander und ist meist mit Trauer und Klage verbunden. Im Gegensatz zum Hohen Minnesang, in dem der Ritter vergebens um die Dame wirbt und die Liebe einseitig und unerfüllt bleibt, sind im Tagelied, wenn auch heimlich, die Liebenden miteinander verbunden.[9] Helmut de Boor charakterisiert das Tagelied als einen Einbruch in den Hohen Minnesang, der es erlaubt die naturgegebene wechselseitige Liebe, zumindest fiktiv, auszuleben. Dem Tagelied wird eine Art Ventilfunktion zugeschrieben, die es den Liebenden gestattet, die erfüllte Liebe, im Gegensatz zu den strengen Konventionen der Hohen Minne, auszuleben. Allerdings schränkt de Boor die Ventilfunktion auf die fiktive Ebene ein, als eine Art Illusionsdichtung.[10]

Das Tagelied erfreute sich großer Beliebtheit, dessen Erfolg auch im 14. und 15. Jahrhundert, nach dem Ende des klassischen Minnesangs, anhielt. Die verschiedenen Gestaltungsmöglichkeiten der Grundsituation machten es anfällig für Parodien, aber auch um religiöse Themen und Anliegen zu vermitteln. So etablierte sich im 13. Jahrhundert das geistliche Tagelied, das in der Regel den Weckruf des Wächters entlehnt und die erotische Situation mittels Allegorien in eine Heilsbotschaft wandelt.[11]

4. Marienlyrik im Mittelalter

Die Forschung nimmt an, dass der Marienkult den Anfang der Frauenverehrung bildete. Die Verbreitung der Marienverehrung setzt man etwa um 1200 an. Im lateinischen Abendland gab es seit dem 5. Jahrhundert eine Mariendichtung, die dokumentiert ist. Im 12. Jahrhundert erreichte die Mariendichtung ein nicht gekanntes Ausmaß, das nicht nur dem theologischen Interesses an Maria zu schulden ist, sondern aus der Volksfrömmigkeit und dem Glauben des Volkes erwachsen ist.[12] Die frühe Marienlyrik huldigte Maria fast ausschließlich in ihrer Funktion als Mutter Gottes und als Himmelskönigin. In der Entwicklung behielt sie diese Attribute zwar bei, wandelte sich aber zunehmend zu einer gütigen milden Mittlerin, die um das Wohlergehen der Menschen bemüht ist. Auch die Mariensymbolik wurde immer vielfältiger. Die Symbolik des Alten Testaments wurde zunehmend durch eine Symbolik, basierend auf der Auslegung des Hohelied, ergänzt. So entstanden in der Mitte des 12. Jahrhunderts vermehrt Marienlieder und Gebete in der Volkssprache, die ihre Vorbilder in lateinischen Hymnen fanden.[13] Das mittelalterliche Marienbild setzte sich nicht nur aus der Symbolik des Alten Testaments zusammen. Das christliche Bild der Gottesmutter haben auch das griechische Eleusis und die ägyptische Isis geprägt. Wie der Begriff „Gottesmutter“, so entstammt auch der Begriff „Himmelskönigin“ der Isisliturgie. Auch von den germanischen Göttinnen hat das Marienbild liebliche und anmutige Eigenschaften angenommen, die jedoch überwiegend im Volksglauben eine Rolle spielten. Aus der Deutung des Hohelied, wo die Braut mit Maria gleichgesetzt wurde, konnten alle Bilder, die dort die Geliebte bezeichnen, als Attribute Marias in die Marienlyrik aufgenommen werden, so zum Beispiel Sonne, Mond, Morgenröte, Blume, Rose, Lilie, Myrrhe oder Zimt.[14] Die Braut des Hohelied wurde im Mittelalter auf dreifache Weise allegorisch gedeutet: die Braut als Kirche, die Braut als Maria und die Braut als Seele des Gläubigen. Der liebende Freund oder Bräutigam ist bei allen drei Deutungsweisen Gott oder Christus.[15]

[...]


[1] Vgl. Hartmann, Sieglinde: Deutsche Liebeslyrik vom Minnesang bis zu Oswald von Wolkenstein oder die Erfindung der Liebe im Mittelalter, Wiesbaden 2012, S. 197.

[2] Vgl. Hartmann, Sieglinde: Zur Einheit des Marienliedes Kl. 34. Eine Stilstudie mit Übersetzung und Kommentar, in: Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein Gesellschaft 3, 1984/1985. S. 25.

[3] Vgl. Wachinger, Burghart: Blick durch die braw. Maria als Geliebte bei Oswald von Wolkenstein, in: Wachinger, Burghart (Hrsg.): Lieder und Liederbücher. Gesammelte Aufsätze zur mittelhochdeutschen Lyrik, Berlin/New York 2011, S. 302–303.

[4] Vgl. Hartmann (2012), S. 198–200.

[5] Zit. nach Müller, Ulrich; Springeth, Margarete (Hrsg.): Oswald von Wolkenstein. Leben–Werk–Rezeption, Berlin/New York 2011, S. 211–212.

[6] Vgl. Hartmann (2012), S. 201–202.

[7] Zit. nach Honemann, Volker; Tomasek, Tomas (Hrsg.): Germanistische Mediävistik , 2., durchges. Auflage, Münster 2000, S. 227.

[8] Vgl. Honemann, Volker; Tomasek, Tomas (Hrsg.): Germanistische Mediävistik , 2., durchges. Auflage, Münster 2000, S. 227–228.

[9] Vgl. Ackerschott, Julia: Die Tagelieder Oswalds von Wolkenstein. Kommunikation, Rolle und Funktion, Trier 2013, S. 72–74.

[10] Vgl. Weddige, Hilkert: Einführung in die germanistische Mediävistik, 7. Auflage, München 2008, S. 260–261.

[11] Vgl. Spicker, Johannes: Oswald von Wolkenstein. Die Lieder, Berlin 2007, S. 86.; ferner: Vgl. Wacht auf, wacht auf, es taget! Bern 2002. Onlinequelle: [http://www.unibe.ch/unipressarchiv/heft114/beitrag2.html; Stand: 11.8.2013].

[12] Vgl. Kesting, Peter: Maria–Frouwe. Über den Einfluss der Marienverehrung auf den Minnesang bis Walther von der Vogelweide, München 1965, S. 90.

[13] Vgl. Kesting (1965), S. 42.

[14] Vgl. Bindschedler Maria: Mittelalter und Moderne. Gesammelte Schriften zur Literatur. Zur Feier des 65. Geburtstages. Hrsg. von Andre Schnyder, Bern/Stuttgart 1985, S. 107–109.

[15] Vgl. Wachinger (2011), S. 307.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Oswald von Wolkenstein, Es leucht durch graw (Kl.34). Marienpreis oder Liebeslyrik?
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik)
Veranstaltung
Oswald von Wolkenstein. Leben im Werk
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
23
Katalognummer
V266415
ISBN (eBook)
9783656565079
ISBN (Buch)
9783656565031
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
oswald, wolkenstein, marienpreis, liebeslyrik
Arbeit zitieren
Kerstin Scheibel (Autor), 2013, Oswald von Wolkenstein, Es leucht durch graw (Kl.34). Marienpreis oder Liebeslyrik?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266415

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