In dieser Arbeit wird das Konzept der Virtual Community, das Howard Rheingold 1993 mit Erscheinen des Buches ‚The Virtual Community: Homesteading on the Electronic Frontier’ geprägt hat, vor dem Hintergrund technischer Entwicklungen und den daraus resultierenden Folgen erneut einer Analyse unterzogen.
‚Virtual Community’ wird als Konzept seit jeher problematisch wahrgenommen. Da die soziologische Definition von ‚Community’, also Gemeinschaft, deutlich von dem differiert, was unter ‚Virtual Community’ im allgemeinen Sprachgebrauch verstanden wird und wegen des Adjektivs ‚Virtual’ ist die Bezeichnung seit Erscheinen des Buches von Rheingold unzählige Male auf seine theoretische Anwendbarkeit geprüft worden.
Das Konzept ‚Virtual Community’ erlangt jedoch erst Hand in Hand mit der Entwicklung von Social Software während der Durchsetzung typischer Web 2.0 Anwendungen eine neue Relevanz.
Neben der Definition von Social Software wird eine analytische Annäherung an das Konzept ‚Virtual Community’ vorgenommen und zu seinem originären Ursprung zurückverfolgt. Die Vertreter der Theorie, dass Virtual Communities Gemeinschaften im soziologischen Sinne sind, konstruieren das Internet bzw. Virtualität als Sozialraum.
Eine wachsende Zahl von Nutzern und ständige Verfügbarkeit des Internet sind Voraussetzung für die Entstehung eines sozialen Handlungsraums. In diesem Kontext werden die Begriffe Kommunikation, Raum, das handelnde Subjekt, Sozialisation und Identitätskonstruktion definiert, da sie die theoretische Grundlage für die Definition einer ‚Virtual Community’ bilden.
Mittels des mediologischen Ansatzes erfolgt eine Einordnung von Internet und Virtualität und damit auch von ‚Virtual Communities’ in den historischen Kontext. Neuere Ansätze zur Definition virtueller Gemeinschaften, vor allem in der anglo-amerikanischen Communityforschung, ziehen zur Erklärung von ‚Virtual Communities’ die Oralitätsthese von Ong hinzu. Das besondere an der „Kultur“, die im Internet entsteht, ist, dass sie sowohl Kennzeichen
oraler als auch auraler Kulturen zeigt.
Im Fokus der Arbeit stehen folgende Fragen: Was ist eine ‚Virtual Community’ und was nicht? Wie sind Gruppen, Netzwerke und Gemeinschaften generell im Internet einzuordnen? Können im Internet Gemeinschaften im soziologischen Sinne entstehen oder gibt es nur Gruppen, Netzwerke, soziale Netzwerke und Imaginierte Gemeinschaften? [...]
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Inhaltsverzeichnis
III. Hauptteil
1. Auf den ersten Blick ein Problem
2. Das Internet - Eine kurze Bestandsaufnahme
2.1 Der Wandel im WWW von Web 1.0 zu Web 2.0
2.2 Wer nutzt das Netz?
3. Social Software und Virtual Community
3.1 Gemeinschaft und Gesellschaft nach Ferdinand Tönnies
3.2 Imagined Communities
3.3 Was ist nach soziologischer Definition soziale Gemeinschaft?
4. Kommunikation, CMC und Handlungsräume
4.1 Subjektkonstruktion, Sozialisation und Identität
4.2 Realität und Virtualität aus mediologischer Sicht
5. Oralität und Virtual Communities
6. Fazit – Gibt es Gemeinschaft im Netz?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Magisterarbeit untersucht das Konzept der "Virtual Community" vor dem Hintergrund aktueller technischer Entwicklungen, insbesondere des Web 2.0. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob im Internet Gemeinschaften im soziologischen Sinne entstehen können oder ob es sich lediglich um Gruppen oder soziale Netzwerke handelt. Ziel ist eine wissenschaftliche Einordnung des Begriffs unter Berücksichtigung soziologischer, mediologischer und kommunikationstheoretischer Perspektiven.
- Analyse der historischen Entwicklung des Internets (Web 1.0 bis Web 2.0).
- Gemeinschaftssoziologische Untersuchung des Virtual-Community-Konzepts (u.a. nach Tönnies und Anderson).
- Mediologische Einordnung von Virtualität und sozialen Handlungsräumen.
- Empirische Betrachtung der Internetnutzung und der sozialen Folgen virtueller Räume.
Auszug aus dem Buch
2. Das Internet – eine kurze Bestandsaufnahme
Wenn in dieser Arbeit die Rede vom Internet ist, so wird der Begriff Internet synonym für den Begriff ‚World Wide Web’ (WWW) genutzt. ‚Web’ ist eine Verkürzung der Bezeichnung World Wide Web. Ebenfalls synonym für die Bezeichnung WWW ist mittlerweile der Begriff ‚Netz’ allgemein gebräuchlich - Netz ist wiederum die Verkürzung für Internet, also streng genommen nur vernetzte Rechner. Wenn mit Internet das WWW bezeichnet wird, so ist dies technisch und sachlich falsch.
Dadurch, dass aber allgemeiner Konsens über die Inhalte von Internet als Konzept besteht, wird in dieser Arbeit bewusst keine definitorische Beschränkung vorgenommen, da die oben genannten Termini dermaßen eng in den Alltagssprachgebrauch eingebunden sind, dass eine an dieser Stelle konzeptionell sicherlich sinnvolle inhaltliche Festschreibung langfristig vermutlich keinen Bestand hätte. Dementsprechend wird im Folgenden, sofern nicht gesondert gekennzeichnet, das Hypertextsystem World Wide Web auch als Internet, Web und Netz bezeichnet.
Als wichtig anzumerken bleibt allerdings: ‚Internet’ hat in der Vergangenheit auch schon anderen großen Computernetzwerken als Label gedient, so dass es zu generellen Verständigungsschwierigkeiten kommen kann, wenn man sich ältere wissenschaftliche Arbeiten zum ‚Internet’ ansieht. In den Beiträgen ist beispielsweise oft nicht das heutige World Wide Web mit ‚Internet’ gemeint, sondern das Usenet, das Unix User Network. Problematisch ist, dass Annahmen, die vor rund zwei Dekaden über ein Netzwerk wie das Usenet getätigt wurden, nicht zwingend übertragbar sind auf die Anwendungen, die heute im WWW zur Verfügung stehen, so dass schon allein aus diesem Grund eine Revision der vorliegenden Hypothesen und Begriffe zum Ent- und Bestehen von Virtual Communities sinnvoll ist. Rechnerverbünde bzw. -Netzwerke eint das Benutzen desselben Betriebssystems und der jeweilig dazugehörenden Programmiersprache. Die sich dem Nutzer aus diesen verschiedenartigen Computernetzwerken eröffnenden Möglichkeiten der Vernetzung der Rechner und die Probleme, die durch die einheitliche Bezeichnung der Netzwerke WWW und Usenet als Internet entstehen, werden im späteren Verlauf der Arbeit in Kapitel 5 erneut zur Diskussion gestellt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Auf den ersten Blick ein Problem: Die Einleitung thematisiert die Problematik des Begriffs "Virtual Community" und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der soziologischen Einordnung solcher Gemeinschaften im Internet.
2 Das Internet - Eine kurze Bestandsaufnahme: Dieses Kapitel zeichnet die technische Entwicklung des Internets vom Arpanet über das Usenet bis hin zum Web 2.0 nach und beleuchtet die Rolle der Nutzer.
2.1 Der Wandel im WWW von Web 1.0 zu Web 2.0: Hier wird der Übergang von statischen Inhalten zu partizipativen "Mitmach-Netz"-Strukturen und die ökonomische Bedeutung dieses Wandels analysiert.
2.2 Wer nutzt das Netz?: Das Kapitel untersucht quantitative Daten zur Internetnutzung, differenziert Nutzergruppen und diskutiert Aspekte der digitalen Spaltung (Digital Divide).
3 Social Software und Virtual Community: Es erfolgt die theoretische Annäherung an Virtual Communities, wobei Social Software als technischer Motor und Grundlage definiert wird.
3.1 Gemeinschaft und Gesellschaft nach Ferdinand Tönnies: Das Kapitel verortet die soziologischen Ursprünge des Gemeinschaftsbegriffs bei Tönnies als Ausgangspunkt für die Analyse virtueller Strukturen.
3.2 Imagined Communities: Auf Basis von Benedict Andersons Theorie wird untersucht, inwiefern Virtual Communities als "vorgestellte Gemeinschaften" verstanden werden können.
3.3 Was ist nach soziologischer Definition soziale Gemeinschaft?: Hier wird eine präzise soziologische Definition von Gemeinschaft erarbeitet, die als Maßstab für die Bewertung virtueller Formen dient.
4 Kommunikation, CMC und Handlungsräume: Das Kapitel analysiert die Bedeutung von computervermittelter Kommunikation (CMC) für soziale Handlungsräume und die Identitätskonstruktion.
4.1 Subjektkonstruktion, Sozialisation und Identität: Es wird erörtert, wie Persönlichkeit und Identität in einer digitalisierten Umwelt durch Sozialisationsprozesse geformt werden.
4.2 Realität und Virtualität aus mediologischer Sicht: Mediologische Ansätze werden genutzt, um das Verhältnis von Virtualität zur sozialen Realität konstruktivistisch zu verorten.
5 Oralität und Virtual Communities: Die Oralitätsthese von Walter Ong wird auf das Internet übertragen, um die Kommunikationsformen und kulturellen Aspekte virtueller Gemeinschaften besser zu verstehen.
6 Fazit – Gibt es Gemeinschaft im Netz?: Abschließende Zusammenführung der Ergebnisse und Beantwortung der Frage nach der Existenz von Gemeinschaft im Internet.
Schlüsselwörter
Virtual Community, Internet, Soziologie, Gemeinschaft, Web 2.0, Social Software, Kommunikation, CMC, Sozialisation, Identität, Mediolgie, Digital Divide, Netzwerkgesellschaft, Oralität, Virtuelle Realität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Konzept der "Virtual Community" kritisch aus soziologischer Perspektive, um zu klären, ob es sich dabei tatsächlich um Gemeinschaften im klassischen Sinne oder um moderne netzbasierte Sozialformen handelt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die theoretische Fundierung des Gemeinschaftsbegriffs, die medientechnische Entwicklung des Internets vom Web 1.0 bis zum Web 2.0 und die Analyse von Kommunikationsformen und sozialen Identitäten in virtuellen Räumen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, das Konzept der Virtual Community theoretisch zu schärfen und zu prüfen, ob und wie im Internet Gemeinschaften entstehen, die soziologischen Kriterien standhalten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine interdisziplinäre theoretische Herleitung, die gemeinschaftssoziologische Ansätze (Tönnies, Anderson) mit mediologischen Theorien (Debray, Ong) verbindet und durch empirische Beobachtungen der Netznutzung ergänzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Bestandsaufnahme der Internetentwicklung, eine theoretische Begriffsbestimmung sozialer Gemeinschaft, eine Analyse von Kommunikation (CMC) und Handlungsräumen sowie eine mediologische Untersuchung der Virtuellen Realität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Virtual Community, Soziologie, Gemeinschaft, Web 2.0, Social Software, Kommunikation, Identität, Mediolgie, Digital Divide, Netzwerkgesellschaft.
Welche Bedeutung hat das Web 2.0 für das Konzept der Virtual Community?
Web 2.0 bildet durch den Einsatz von Social Software und partizipative Strukturen die technische Grundlage, die das Konzept der Virtual Community neu belebt und deren wirtschaftliche wie mediale Relevanz massiv gesteigert hat.
Welche Rolle spielt die "Oralität" bei der Untersuchung virtueller Gemeinschaften?
Die Arbeit nutzt die Oralitätsthese von Walter Ong, um zu zeigen, dass die Kommunikation in sozialen Netzwerken und virtuellen Räumen strukturelle Ähnlichkeiten zu oralen Kulturen aufweist, was die Gemeinschaftsbildung begünstigen kann.
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- Karoline Schulte-Frohlinde (Autor), 2008, Virtual Community. Gruppe, Gemeinschaft oder Netzwerk?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266428