„Beim Adaptieren kann man nur wegwerfen.“ Diese Aussage Uwe Timms bezieht sich auf die Erfahrungen, die er beim Adaptieren seines eigenen Romans Morenga gemacht hat. Seine 1993 erschienene Novelle Die Entdeckung der Currywurst, in der es – entgegen aller Erwartungen, die der Titel hervorruft – weniger um die Currywurst, sondern vielmehr um eine Liebesgeschichte in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs geht, ist bereits drei Jahre nach ihrer Veröffentlichung von Isabel Kreitz adaptiert worden. Und auch hier sieht es so aus, als sei es im Zuge des Adaptionsprozesses unerlässlich, gewisse Kürzungsmaßnahmen vorzunehmen: Verglichen mit der Vorlage weist die Adaption zahlreiche Kürzungen auf. Da es sich beim Adaptieren offenbar um ein weit verbreitetes Phänomen handelt, den Stoff der Vorlage zu kürzen, werden diese Maßnahmen im Mittelpunkt der Betrachtung dieser Seminararbeit stehen. Im Rahmen dessen soll erarbeitet werden, welche Faktoren zu Komprimierungsmaßnahmen führen, welche Rolle sie im Adaptionsprozess spielen und wie sie sich in ihrem Ergebnis niederschlagen.
Zu Beginn werden die typischen Charakteristika des Adaptionsprozesses im Allgemeinen aufgezeigt. Daraufhin stehen die Umstände der Entstehung der Comic-Adaption im Fokus der Betrachtung, um zu ergründen, ob und inwiefern sich diese auf die Adaption ausgewirkt haben könnten. Anschließend werden die Kürzungen der Adaption im Vergleich mit dem Prätext beschrieben, um sie in einem nächsten Schritt kategorisieren zu können. Ein Blick auf Adaptionsverfahren in anderen Medien soll weitere Erklärungsansätze liefern. Abschließend erfolgen eine Betrachtung der Rezeption der Comic-Adaption sowie ein Fazit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Allgemeines zum Adaptionsprozess
3. Umstände der Entstehung der Comic-Adaption
3.1 Die Vorlage
3.2 Die Künstlerin
3.3 Der Verlag
3.4 Der Status des Comics in Deutschland
4. Kürzungen der Comic-Adaption
5. Auswirkungen der Entstehungsumstände auf die Comic-Adaption
6. Adaptionsverfahren in anderen Medien
7. Rezeption der Comic-Adaption
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Hintergründe und Ursachen für Kürzungsmaßnahmen bei der Comic-Adaption der Novelle "Die Entdeckung der Currywurst" von Uwe Timm durch Isabel Kreitz. Ziel ist es, zu ergründen, welche Faktoren – wie Verlagsinteressen, Zielgruppenadressierung oder medienspezifische Zwänge – zu den beobachteten Komprimierungen führen und wie diese sich im Gesamtergebnis des Comics niederschlagen.
- Analyse der Entstehungsumstände und Einflussfaktoren auf Adaptionen.
- Untersuchung der spezifischen Kürzungsmaßnahmen im Vergleich zur literarischen Vorlage.
- Erörterung der Rolle des Verlages und der Zielgruppe bei der inhaltlichen Gestaltung.
- Vergleich mit Adaptionsverfahren in anderen Medien wie Film und Hörspiel.
- Bewertung der Rezeption und des Erfolgs des resultierenden Comic-Werkes.
Auszug aus dem Buch
4. Kürzungen der Comic-Adaption
In diesem Kapitel soll erarbeitet werden, welche Kürzungen im Einzelnen vorliegen und ob die Möglichkeit besteht, diese zu kategorisieren, um sie besser ordnen und beschreiben zu können. Aus diesem Grund erfolgt zunächst eine nach den Kapiteln des Prätextes sortierte Auflistung der auffälligsten nicht übernommenen Elemente.
Im ersten Kapitel der Novelle erfährt der Leser, dass der Ich-Erzähler der Rahmenhandlung sieben Nachmittage mit Lena Brücker im Altersheim verbringt, wo sie ihm ihre Geschichte erzählt. Im Comic hingegen genügt ein einziger Nachmittag. Dass Frau Brücker Mutter von zwei Kindern ist, wird lediglich im Prätext geschildert (Vgl. DEdC 38) und ebenfalls nur dort bekommt der Ich-Erzähler ein Fotoalbum gezeigt, mit dessen Hilfe er und der Leser sich ein Bild von der Attraktivität der jungen Lena Brücker machen können (Vgl. DEdC 29-31). Zum Ende des Kapitels ringt Hermann Bremer zunächst mit sich, zieht sich sogar noch einmal an, um sich dann jedoch wieder auszuziehen und bei Lena Brücker zu bleiben (Vgl. DEdC 45-47). Dieser innere Konflikt wird nicht in den Comic übertragen, denn dort bleibt Bremer direkt in Lenas Bett und scheint sich nicht weiter mit seiner Fahnenflucht auseinanderzusetzen.
Noch deutlicher wird diese Kürzung, wenn man den Beginn des zweiten Kapitels der Literaturvorlage betrachtet: Bremers Gedankengänge und seine mit der Entscheidung verbundenen zwiespältigen Gefühle werden auf mehreren Seiten geschildert, sodass der Leser einen guten Eindruck davon bekommt, was für ihn auf dem Spiel gestanden haben muss (Vgl. DEdC 48-57). Im Comic ist hiervon nichts zu finden. Des Weiteren wird Bremer im Primärtext Augenzeuge von Prostitution und auch Lena Brücker erlebt den Sittenverfall dieser Zeit hautnah, als sie von zwei Luftwaffensoldaten in einem Wehrmachtlaster mitgenommen wird, wobei sich ihr einer der beiden plump nähert (Vgl. DEdC 54-58). Davon ist in Kreitz‘ Comic-Adaption nichts zu finden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der Adaption sowie die Forschungsfrage bezüglich der notwendigen Kürzungen bei Medienwechseln.
2. Allgemeines zum Adaptionsprozess: Erläuterung der Definition von Adaption und der Notwendigkeit von Veränderungen beim Transfer von einem literarischen Werk in ein anderes Medium.
3. Umstände der Entstehung der Comic-Adaption: Beleuchtung der Rahmenbedingungen, einschließlich Vorlage, Zeichnerin, Verlag und dem Status des Comics in Deutschland.
4. Kürzungen der Comic-Adaption: Detaillierte Auflistung und Kategorisierung der nicht übernommenen oder gekürzten Passagen aus der literarischen Vorlage.
5. Auswirkungen der Entstehungsumstände auf die Comic-Adaption: Untersuchung der Gründe für die Kürzungen, insbesondere im Hinblick auf Verlagsinteressen und die Adressierung eines jungen Publikums.
6. Adaptionsverfahren in anderen Medien: Vergleich der Adaptionsproblematik mit Film und Hörspiel, um Parallelen in der Komprimierung und Schwerpunktsetzung aufzuzeigen.
7. Rezeption der Comic-Adaption: Darstellung der öffentlichen Resonanz und Kritiken zur Adaption durch Isabel Kreitz.
8. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Ursachen für die Kürzungsentscheidungen und deren Beitrag zur Schaffung eines eigenständigen Werkes.
Schlüsselwörter
Adaption, Comic-Adaption, Die Entdeckung der Currywurst, Isabel Kreitz, Uwe Timm, Literaturverfilmung, Komprimierung, Kürzungsmaßnahmen, Medienwechsel, Rahmenhandlung, Verlagsinteressen, Werktreue, Geschichtsdarstellung, Adaptionsprozess, Novelle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Transformation der Novelle "Die Entdeckung der Currywurst" von Uwe Timm in eine Comic-Adaption durch Isabel Kreitz und untersucht dabei insbesondere die Gründe und Auswirkungen der vorgenommenen inhaltlichen Kürzungen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themenfelder sind der Prozess des Medienwechsels, die ökonomischen und gestalterischen Interessen von Verlagen und Künstlern sowie die Herausforderungen, eine literarische Vorlage in ein begrenztes Medium wie ein Comic-Album zu übertragen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die Faktoren zu identifizieren, die zu Komprimierungsmaßnahmen führen, und zu verstehen, welche erzählerischen Strategien genutzt werden, um trotz dieser Kürzungen eine schlüssige Adaption zu schaffen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Methode, bei der die Comic-Adaption direkt mit der literarischen Vorlage (dem Prätext) abgeglichen wird, ergänzt durch die Analyse von Interviewaussagen der Künstlerin und fachwissenschaftlicher Literatur zu Adaptionsprozessen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Entstehungsumstände, die tabellarische bzw. kapitelweise Aufarbeitung der Kürzungen, die Auswirkungen dieser Entscheidungen auf das Endprodukt sowie einen Vergleich mit anderen Medienformen wie dem Film.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Adaption, Medienwechsel, Komprimierung, Werktreue sowie die spezifische Auseinandersetzung mit der Comic-Adaption von Isabel Kreitz.
Warum wurden gerade die erotischen Aspekte der Vorlage im Comic so stark reduziert?
Dies wird primär auf die Ausrichtung des Verlags zurückgeführt, der in erster Linie Kinder und Jugendliche adressiert, weshalb das Werk einer "Entschärfung" unterzogen wurde, um Kritik von Jugendschutzbeauftragten zu vermeiden und die Vermarktbarkeit zu sichern.
Welchen Einfluss hatte das Format des "klassischen Albums" auf die Adaption?
Das auf 48 Seiten begrenzte Albumformat erzwang aus produktions- und kostentechnischen Gründen eine starke Straffung der Handlung, was die Zeichnerin dazu zwang, klare Schwerpunkte zu setzen und die Rahmenhandlung erheblich zu kürzen.
Wie wird das Fehlen einer Kapitelstruktur im Comic begründet?
Das Fehlen einer Kapitelstruktur wird als formale Entscheidung begründet, da das Seitenlayout und die visuelle Erzählweise durch das Zeitfenster eines einzigen Nachmittags bereits eine in sich geschlossene Struktur bieten, die eine kapitelweise Unterteilung überflüssig macht.
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- Lisa Kuhn (Autor), 2013, Kürzungen als Teil des Adaptionsprozesses, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266444