Übersetzungen des nigerianischen Pidgin-English ins Deutsche. Ken Saro-Wiwa, Wole Soyinka und Chinua Achebe


Diplomarbeit, 1999
68 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das nigerianische Pidgin English
2.1 Geschichte
2.2 Das Pidgin bei Saro-Wiwa, Soyinka und Achebe
2.2.1 Phonologie
2.2.2 Lexikosemantik
2.2.3 Syntax und Grammatik
2.2.4 Orthographie

3. Analyse der Übersetzungen
3.1 Ken Saro-Wiwa: Sozaboy
3.1.1 Inhalt und Sprache des Romans
3.1.1.1 Inhalt
3.1.1.2 Sprache
3.1.2 Analyse der deutschen Übersetzung von Sozaboy
3.1.2.1 Stilebenen
3.1.2.2 Lehnübersetzungen.
3.1.2.3 Namen
3.1.2.4 Afrikanische Wörter und Pidgin-Ausdrücke
3.1.3 Bewertung der Übersetzung
3.2 Wole Soyinka: The Road
3.2.1 Inhalt und Sprache des Stückes.
3.2.1.1 Inhalt
3.2.1.2 Sprache.
3.2.2 Analyse der deutschen Übersetzung von The Road
3.2.2.1 Stilebenen
3.2.2.2 Afrikanismen
3.2.2.3 Wortspiele
3.2.2.4 Übersetzungsfehler
3.2.2.4.1 Übersetzungsfehler bei Standard English
3.2.2.4.2 Übersetzungsfehler beim Pidgin
3.2.2.4.3 Auslassungen
3.2.3 Bewertung der Übersetzung
3.3 Chinua Achebe: Anthills Of The Savannah.
3.3.1 Inhalt und Sprache des Romans
3.3.1.1 Inhalt und Erzählstruktur
3.3.1.2 Sprache
3.3.2 Analyse der deutschen Übersetzung von Anthills Of The Savannah
3.3.2.1 Stil im Erzähltext
3.3.2.2 Stil in der wörtlichen Rede: Pidgin
3.3.2.3 Afrikanismen
3.3.2.4 Abkürzungen
3.3.2.5 Wortspiele und Übersetzungsfehler
3.3.3 Bewertung der Übersetzung

4. Vergleich der Übersetzungen
4.1 Realisierung des Pidgin

5. Schluß

Verzeichnis der Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Thema dieser Arbeit sind die verschiedenen Strategien, die bei der Übersetzung von Texten aus dem nigeria­nischen Pidgin English ins Deutsche zur Anwendung kom­men können. Hierzu sollen drei ausgewählte Beispiele einer solchen Übersetzung untersucht und auf die je­weils angewendete Übersetzungsstrategie hin überprüft werden. Diese drei Beispiele sind:

1. die von Gerhard Grotjahn-Pape angefertigte Über­setzung des Romans Sozaboy von Ken Saro-Wiwa (deutscher Titel gleichfalls Sozaboy);
2. die von Olga und Erich Fetter erarbeitete deutsche Übersetzung des Dramas The Road von Wole Soyinka (deutscher Titel: Die Straße);
3. die von Susanne Koehler angefertigte Übersetzung des Romans Anthills Of The Savannah von Chinua Achebe (deutscher Titel Termitenhügel in der Savanne).

Bei der Analyse soll zudem der Frage nachgegangen werden, ob die jeweilige Übersetzung treffend ist, ob Fehler begangen wurden und ob dem deutschen Leser ein angemessenes Bild der Sprachvariante vermittelt werden konnte.

Die Probleme, die bei der Übersetzung eines Pidgin auftreten können, entsprechen weitgehend den Pro­blemen, die generell jede regionale oder soziale Sprachvarietät in der Literatur bei deren Übersetzung aufwirft. Wie mit solchen Sprachvarietäten zu ver­fahren ist, wurde in der Translationswissenschaft schon früh untersucht. Dabei kamen die Wissenschaftler zu dem Schluß, daß nach Möglichkeit eine entsprechende Sprachvariante in der Zielsprache gefunden werden muß, um die Stilvariationen des Originals zu erhalten (vgl. Diller und Catford). Als Beispiel wurde häufig die deutsche Übersetzung des Musicals My Fair Lady an­geführt, bei dem das Cockney der Originalversion im Deutschen durch Berlinerisch übersetzt wurde.

In der jüngeren Translationswissenschaft entstanden neue, erweiterte Ansätze. So führt Waltraud Kolbe grundsätzlich fünf Möglichkeiten an, eine Sprach­varietät ins Deutsche zu übersetzen, wobei sie nicht nur regionale Dialekte, sondern auch explizit Pidgin- und Kreolsprachen in ihre Überlegungen mit einbezieht. Die von ihr erwähnten Übersetzungsmöglichkeiten sind:

1. die Übertragung in einen Dialekt;
2. die Übertragung in einen Soziolekt;
3. die Übertragung als gebrochenes Deutsch;
4. die Entwicklung einer Kunstsprache;
5. die Wiedergabe als Standardsprache (vgl. Kolbe S.278ff).

Vor allem die drei letztgenannten Übersetzungs­strategien führt Kolbe als Möglichkeiten zur Wieder­gabe einer Pidgin- oder Kreolsprache im Deutschen an, wobei sie bei jeder dieser Möglichkeiten auch deren Vor- und Nachteile erörtert. (vgl. ebd.).

Wie die jeweiligen Übersetzer ihrerseits bei ihrer doch recht unterschiedlichen Übersetzung des Pidgin in den untersuchten Werken vorgegangen sind, welche prak­tischen Strategien sie verwendet haben und auf welche Probleme sie gestoßen sind, soll in den folgenden Kapiteln untersucht werden.

2. Das nigerianische Pidgin English

Zunächst soll in diesem Kapitel auf einige allgemeine Aspekte des nigerianischen Pidgin eingegangen werden. Der erste Abschnitt beleuchtet die Entstehungs­geschichte des Pidgin, der zweite konzentriert sich auf seine sprachlichen Besonderheiten und belegt sie mit Beispielen aus den drei Originalwerken von Saro-Wiwa, Soyinka und Achebe.

2.1 Geschichte

Das in Nigeria gesprochene Pidgin gehört der größeren Sprachgruppe des West African Pidgin an, das in ähn­licher Form auch in den angrenzenden Staaten Kamerun, Togo, Benin und Ghana gesprochen wird und das sich vor allem durch den Sklavenhandel in Westafrika aus­gebreitet hatte. Das Gebiet des heutigen Nigeria hatte das Glück, relativ lange vom Sklavenhandel im großen Stil verschont zu bleiben, da die Küste des Niger­deltas für die europäischen Schiffe zunächst schwer zugänglich war (vgl. Holm S.429).

Während in den westlicheren Regionen der Küste, im heutigen Sierra Leone und in Liberia, der Sklaven­handel schon unter den Portugiesen im 16. Jahrhundert begonnen hatte und von den Engländern im 17. Jahr­hundert übernommen worden war, kamen erst im 18. Jahr­hundert die ersten Sklavenschiffe in die Gegend der heutigen Städte Lagos und Port Harcourt. Zu dieser Zeit hatte sich in den oben genannten Ländern in den zurückliegenden zwei Jahrhunderten schon ein relativ stabiles Pidgin entwickelt, das nun nach Nigeria "importiert" wurde.

Nachdem die Briten im Jahr 1807 den Sklavenhandel verboten hatten, blieb dennoch der Handel mit Palmöl und anderen Gütern ein wichtiger Faktor bei der Ver­breitung des Pidgin. Aber nicht nur Händler, sondern auch freigelassene Yoruba-Sklaven, die zunächst in Sierra Leone angesiedelt worden waren, kehrten sukzessive in ihre Heimat zurück und brachten ihre Kenntnisse des dort gesprochenen Krio nach Nigeria (vgl.Holm S.412).

Ab 1840 kamen auch Missionare aus England und Sierra Leone ins heutige Nigeria, und ab 1860 begannen die Engländer, nach und nach alle Gebiete im Nigerdelta zu annektieren. Wie überall in den englischen Kolonien Afrikas begann auch hier eine intensive Missionierung in Verbindung mit der Errichtung von Schulen und Krankenhäusern, und da am Ende des 19.Jahrhunderts die Medizin so weit fortgeschritten war, daß sich Europäer über längere Zeit in Afrika aufhalten konnten (vgl. Holm S.427), wurden die einheimischen Lehrer und Priester, die das Pidgin gesprochen hatten, langsam durch Europäer verdrängt und das Standard English be­gann seinen Einzug zu halten.

Nach der Unabhängigkeit Nigerias im Jahr 1960 blieb die offizielle Bildungs- und Regierungssprache Stan­dard English, während im alltäglichen Leben vor allem in den ethnisch gemischten Großstädten Pidgin ge­sprochen wird. Bei einer 1983 durchgeführten Befragung (vgl. Shnukal und Marchese, zitiert nach Holm S.429) gaben 16% der Bevölkerung an, das Pidgin als Mutter­sprache gelernt zu haben, wobei sehr viel mehr Personen es als ihre hauptsächlich verwendete Kom­munikationssprache bezeichneten. Vor allem in den Groß­städten zeichnet sich eine Tendenz zur Kreolisierung des Pidgin ab, viele Sprecher beherrschen aktiv nicht nur ihre Muttersprache, sondern sowohl das Pidgin als auch Standard English, wie man auch in den behandelten literarischen Werken erkennen kann, die zwischen 1965 und 1987 entstanden sind.

2.2 Das Pidgin bei Saro-Wiwa, Soyinka und Achebe

Die speziellen grammatikalischen, lexikalischen und se­mantischen Charakteristika des nigerianischen Pidgin lassen sich hier am besten anhand der drei behandelten Werke darstellen. In allen drei Vorlagen finden sich in den Pidgin-Sequenzen Merkmale aus allen Bereichen, in denen bei Pidgin- und Kreolsprachen Veränderungen auftreten können, von der rein phonologischen Ebene bis zu Veränderungen in Lexik, Semantik und Syntax. Im folgenden sollen die wichtigsten Merkmale des Pidgin anhand von Beispielen aus den Büchern von Saro-Wiwa, Soyinka und Achebe genannt werden.

2.2.1 Phonologie

Obwohl sich nur wenige phonologische Merkmale eines Pidgin anhand von geschriebenem Text darstellen las­sen, kann man die wichtigsten Veränderungen dennoch an der Schreibweise der Wörter erkennen, vor allem bei Saro-Wiwa, der sein Pidgin nicht den englischen ortho­graphischen Regeln anpaßt. So wird zum Beispiel das /θ/ zu /t/ vereinfacht ("tiefman", SB-engl. S.2, "tink", SB-engl. S.2), außerdem treten Vereinfachung von Konsonantenclustern auf ("tory" statt "story", SB-engl. S.3).

Ein weiteres phonologisches Phänomen der Pidgin-Sprachen ist die Ergänzung von einigen Substantiven mit einem finalen -oh, das der Betonung dient oder auch der Verdeutlichung, daß ein Wechsel im Gedanken­gang des Erzählers stattfindet ("whether it is true oh or it is not true", SB-engl. S.4, "not completely bald- oh", SB-engl. S.4, "na so I see-o", AOS S.179, vgl. Holm S.210f).

2.2.2 Lexikosemantik

Eines der auffälligsten lexikosemantischen Merkmale ist die Reduplikation einzelner Worte zur Betonung eines bestimmten Aspektes. Häufig angewandte Redupli­kationen von bestimmten Wörtern können sogar eine neue Bedeutung des Wortes hervorrufen (vgl. Holm S.88f). So bedeutet in Sozaboy small small häufig nicht "sehr klein", sondern "ein wenig" oder "leise", und true true kann die Bedeutung von really bekommen: "So I said I must go and look for him true true. So I keep my gun inside the pit and begin move small small [...]." (SB-engl S.100). Reduplikationen sind auch in den beiden anderen Werken häufig, so etwa bei Soyinka "fine fine girls" (TR S.156) und bei Achebe "shaky-shaky mouth" (AOS S.179).

Ein weiteres typisches Merkmal von Pidginsprachen sind semantische Erweiterungen, bei denen englische Wörter in ihrer Bedeutung erweitert und verändert werden (vgl. Holm S.101f). So kann etwa "traffic" bei Sozaboy auch "Verkehrspolizist" bedeuten (vgl SB-engl S. 2), und die Aufforderung go siddon (von to sit down) in The Road hat die Bedeutung "Beruhige dich". (vgl. TR S.153). Eine besonders bemerkenswerte semantische Er­weiterung stellt das Wort wonderful dar, das je nach Zusammenhang nicht nur "großartig", sondern auch im Gegenteil "schrecklich" bedeuten kann, also auch als Ausruf des negativen Erstaunens verwendet wird. Vgl. dazu etwa SB-dt. S.55: "And small time, she begin to cry. Wonderful!"

Englische Wörter werden nicht nur in ihrer Bedeutung erweitert, sondern auch miteinander kombiniert, um neue Bedeutungen zu erschaffen. Diese Morphem­kombinationen beruhen häufig auf Ausdrücken in den Substratsprachen. (vgl. Holm S.99) So findet sich bei­spielsweise in Sozaboy der Ausdruck eye water für Tränen (SB-engl. S.8) oder die Formulierung "look you for corner corner eye" (SB-dt S.14) im Sinn von "heimlich aus den Augenwinkeln herübersehen". Bei Anthills Of The Savannah findet man arm-robber für einen Dieb, der leicht tragbare Gegenstände stiehlt (vgl. AOS S.197) und go-slow für einen Verkehrsstau (AOS S.126).

Weiterhin enthalten die atlantischen Pidginsprachen auch noch einige Elemente der ursprünglichen Kolonial­sprache Portugiesisch (vgl. Holm S,90f). Die be­kanntesten beiden Wörter aus dieser Kategorie sind wohl picken (von portugiesisch pequeno, klein) für Kind und das Verb sabi (von portugiesisch saber, wissen, können) in der gleichen Bedeutung wie das Ursprungswort. Diese beiden Wörter finden sich in allen drei behandelten Werken, beispielsweise picken: SB-engl. S.6, TR S.198, AOS S.160 und sabi: SB-engl. S.1, TR S.154, AOS S.125. Auch aus den afrikanischen Substratsprachen sind noch viele Elemente im Pidgin erhalten geblieben (vgl. Holm S.74ff). Aus dem Grund­wortschatz zählt zum Beispiel abi im Sinn von "oder (etwa)" dazu (vgl. SB-engl. S.83, TR S.225) oder das Wort una für die zweite Person Plural: "Una go fit fight when war begin?" (SB-dt, S.96). Weitere häufige afrikanische Elemente sind Nahrungsmittel wie tombo (SB-engl.S.17, TR S.173) oder foo-foo (AOS S.114, vgl. Holm S.81). Auch Beleidigungen wie ashewo (SB-dt S.14) oder jagajaga (AOS S.127) sind oft aus afrikanischen Sprachen übernommen worden.

2.2.3 Syntax und Grammatik

Die hier besprochenen Phänomen stellen bei weitem kei­ne erschöpfende Auflistung der grammatikalischen Be­sonderheiten der Pidgin- und Kreolsprachen dar. Eine ausführliche Auflistung vor allem im Bereich der Syn­tax würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Es soll hier nur auf die auffälligsten Charakteristika einge­gangen werden.

Pidgin- und Kreolsprachen verwenden bei der Satz­konstruktion andere Strategien als das hochsprachliche Englisch. So werden zum Beispiel kompletive Aspekte, also Handlungen, die in der Vergangenheit schon abge­schlossen worden sind, durch einen besonderen marker -im nigerianischen Pidgin English ist dies done- ver­deutlicht (vgl. Holm S.161f). In Sozaboy findet man beispielsweise die Konstruktion "sleep done dey catch me" (SB-engl. S.5), in Anthills Of The Savannah den Satz "As government done fall now, na who go drink the beer?" (AOS S.197). Die normale Vergangenheit bleibt dagegen meistens unmarkiert. Zukünftige Aspekte werden mit go markiert (vgl. dazu das Beispiel zu una weiter oben). Aus der Kombination dieser beiden Elemente läßt sich sogar ein perfektives Futur bilden: "Does it mean that myself, my wife Agnes and my mama go don die finish by that time?" (SB-engl. S.90)

Negationen werden ähnlich wie in romanischen Sprachen durch das Einfügen eines einfachen no in den normalen Satzbau gebildet (vgl Holm S.171ff): "Gentleman no dey for dis world again" (TR S.225).

An dem eben zitierten Satz läßt sich auch ein wei­teres typisches Merkmal der Pidgin-Grammatik erkennen, nämlich die fehlende englische Pluralbildung. Das Wort gentleman verbleibt im Singular, der Plural wird durch das angefügte Partikel dey angezeigt (vgl. Holm S.193ff). Ebenso wie der Plural wird auch das Ge­schlecht häufig nicht markiert. Bei dem Satz "Zaza was looking at her straight for him eyes" (SB-engl. S.33) erscheint nur an erster Stelle das korrekte Personal­pronomen her, an zweiter Stellte steht him, obwohl sich dieses Pronomen auf dieselbe Frau bezieht.

Auch Possessiva können ohne Flexion durch einfache Aneinanderreihung von Nomen erreicht werden: "my mama house" (SB-engl. S.5) steht anstelle der um­ständlicheren Formulierung "the house of my mama" (vgl.Holm S.195ff).

Zum Schluß soll noch auf serielle Verbausdrücke einge­gangen werden, bei denen bestimmte Verben ohne Kon­junktion miteinander kombiniert werden (vgl. Hellinger S.164ff). Das resultierende "Verbkompositum" hat häu­fig eine gegenüber den Grundverben erweiterte Be­deutung. So bedeutet etwa tink say"glauben, be­haupten": "You tink say na my salary I use for all dese things?" (SB-engl. S.2). Vergleiche werden durch ein serielles pass mit der Bedeutung more than er­reicht: "He get experience pass me?" (TR S.154, vgl Holm S.188).

2.2.4 Orthographie

Für das nigerianische Pidgin existieren keine ein­heitlichen Orthographieregeln, wie es sie zum Beispiel für das Tok Pisin auf Papua-Neuguinea gibt. Da das Pidgin in Nigeria keinen offiziellen Status genießt, wurden auch keine einheitlichen Rechtschreiberegeln entwickelt. Die Schreibweise orientiert sich häufig an der lokalen Aussprache. So schreibt Achebe das Pidgin-Wort für soldier beispielsweise soja (vgl. AOS S.66), während Saro-Wiwa, dessen Roman im Gebiet der Ogoni spielt, in deren Sprache das weiche /ჳ/ nicht existiert[1], dasselbe Wort soza schreibt (vgl SB-engl. S.27).

In der folgenden Übersicht soll die Schreibweise einiger Vokabeln bei den drei Autoren verglichen wer­den. Die Seitenzahlen in Klammern beziehen sich auf Beispiele aus den jeweiligen Werken.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Analyse der Übersetzungen

3.1 Ken Saro-Wiwa: Sozaboy

3.1.1 Inhalt und Sprache des Romans

3.1.1.1 Inhalt

Der Roman Sozaboy von Ken Saro-Wiwa beschreibt die Erlebnisse eines jungen Nigerianers im Biafrakrieg 1967-1970. Mene, Hauptfigur und Ich-Erzähler des Bu­ches, lebt und arbeitet in Dukana, einem winzigen Dorf im Südosten Nigerias in der Nähe der Provinzhauptstadt Pitakwa (Port Harcourt). Menes Heimat liegt isoliert, und daher erfahren die Bewohner von Dukana so gut wie nichts über den Bürgerkrieg, der sich mit den Sezes­sionsbestrebungen der Region Biafra über ihnen zu­sammenbraut. Im Radio wird zwar über die neue Un­abhängigkeit Biafras berichtet, aber die einfachen Leu­te in Dukana, die außer ihrer Muttersprache nur Pid­gin-Englisch sprechen, können mit der hochtrabenenden "Grammatik" der Regierungserklärungen nichts anfangen und verstehen die neue Situation nur vage.

Die ersten Auswirkungen des Krieges, die die Bewohner von Dukana zu spüren bekommen, sind einerseits die Flüchtlingsströme aus dem Westen Nigerias, die über Pitakwa hereinbrechen und Mene und seinem Arbeitgeber, dem Fahrer eines Transportunternehmens, ein gutes Ge­schäft verschaffen, andererseits aber die plötzlich auftretende schmerzliche Salzknappheit und die immer häufiger stattfindenden "Kollekten" des Chiefs Birabee, der im Namen der neuen Regierung Geld einsammelt.

Zu dieser Zeit lernt Mene in einer Bar in Pitakwa Agnes kennen, ein Mädchen, das in Dukana geboren wur­de, aber bis zum Kriegsausbruch in Lagos gelebt hatte. Agnes zieht nach Dukana zu ihrer Mutter, und im folgenden verliebt sich Mene in sie und will sie heiraten. Agnes stellt die Bedingung, daß Mene zur Armee gehen soll, um sie beschützen zu können. Mene ist sich nicht ganz schlüssig, vor allem, weil seine Mutter strikt dagegen ist. Nach und nach freundet er sich aber mit dem Gedanken an, auch unter dem Einfluß anderer Dorfbewohner, die ihn - halb im Scherz - an­stacheln und ihm den Spitznamen "Sozaboy" ("Soldatenjunge") verleihen, den er aber mit Stolz trägt. Schließlich ist es aber die schicke Uniform der Soldaten und der große "Respekt", den sie bei der zivilen Bevölkerung genießen, was für Mene den Aus­schlag geben, sich bei der Armee zu melden. Gegen wen und warum er überhaupt kämpfen muß, ist ihm allerdings völlig unklar, und seine Vorgesetzten unternehmen auch keine Anstrengungen, es ihm zu erklären:

No one seems to understand why war is impending or why it breaks out. No one seems really sure why they are fighting and whom: they are designated simply as 'the enemy'. To many eastern Nigerians caught up in the Biafra net, the motives for war and the nature of their adversaries must have seemed equally vague. (William Boyd, Vorwort zu Sozaboy, o.S.)

Der Krieg wird für Sozaboy zur Katastrophe: Ohne rich­tige Ausbildung und ohne je recht zu wissen, wie ihm geschieht, findet er sich mitten in den Kampf­handlungen an der Front wieder, seine Truppe wird zersprengt, seine Freunde getötet, er selber wird ver­letzt und vom "Feind" gefangengenommen, der ihn gesund­pflegt und prompt in seine eigenen Reihen aufnimmt. Als Sozaboy bei einem Kurierdienst in die Nähe von Dukana kommt und sein Dorf in Trümmern und leer vor­findet, desertiert er und macht sich auf eine monate­lange Odyssee durch das Chaos des Bürgerkriegs, um seine Mutter und Agnes wiederzufinden.

Als er, scheinbar endlich am Ziel angekommen, die Bewohner von Dukana in einem Flüchtlingscamp im zu­sammengeschmolzenen Rest-Biafra wiederfindet, wird er von Chief Birabee und dem Pastor Barika, die sich an den Hilfsgütern des Roten Kreuzes bereichern, an die biafranische Armee ausgeliefert. Als Deserteur und Ver­räter gebrandmarkt, entkommt er nur durch einen glück­lichen Zufall dem Erschießungskommando, daß ihn noch am Tag der Kapitulation hinrichten will. Nach dem Krieg kommt aber alles noch schlimmer: Nach Dukana zurückgekehrt, muß Sozaboy feststellen, daß eine Choleraepidemie unter den Einwohnern wütet und er für diese bisher unbekannte Krankheit verantwortlich gemacht wird: Er sei schon längst tot, umgekommen im Krieg, und jetzt räche er sich als Geist mit Juju an den Einwohnern Dukanas. Mene erfährt, daß seine Frau und seine Mutter schon lange tot sind. Sie waren die ersten und die einzigen direkten Kriegsopfer des Dorfes, als eine Bombe auf ihr Haus fiel. Enttäuscht und desillusioniert wendet sich Mene von Dukana ab.

3.1.1.2 Sprache

Die Sprache, in der Ken Saro-Wiwa seinen Helden die Geschichte erzählen läßt, entspricht dessen Ein­fachheit und Naivität. Sozaboy spricht ein Pidgin-Englisch, daß zwar so in der Realität nicht existiert[2], aber trotzdem dem Roman die beabsichtigte Authentizität verleiht. Die Menschen in Menes Heimat verstehen "korrektes" Englisch genausowenig wie sie die höhere Politik der Regierung und ihre Motive ver­stehen. Mene beschreibt den Biafra-Krieg nicht nur aus der Sicht des "kleinen Mannes", sondern auch in dessen Sprache:

No one in Nigeria actually speaks or writes like this but the style functions in the novel extraordinarily well. Sozaboy's narration is at times raunchily funny as well as lyrical and moving, and as the terror of his predicament steadily manifests itself, the small but colorful vocabulary of his idiolect paradoxically manages to capture all the numbing ghastliness of war far more effectively than a more expansive eloquence. (William Boyd, Vorwort zu Sozaboy, o.S.)

Obwohl Ken Saro-Wiwa den Idiolekt, in dem er Mene erzählen läßt, also selbst als Kunstsprache be­zeichnet, und William Boyd in seiner Einführung noch einmal ausdrücklich betont "[...] the language of the novel is a unique literary construct" (William Boyd, Vorwort zu Sozaboy, o.S.), so basiert diese Sprache doch eindeutig auf dem nigerianischen Pidgin, und es lassen sich zahlreiche Pidgin-typische Merkmale er­kennen.

So ist zum Beispiel ein häufiges grammatikalisches Phänomen, das auch bei der Übersetzung eine wichtige Rolle spielt, die Tatsache, daß Zeiten häufig nicht markiert werden, aus der reinen Grammatik also nicht ersichtlich ist, ob eine Handlung in der Gegenwart oder in der Vergangenheit stattfindet. In dem Satz "In fact I used to know English in the school and every time I will try to read any book that I see" (SB-engl. S.11) ist es zum Beispiel auf den ersten Blick schwer zu erkennen, ob sich die Aussage "I will try to read any book" auf die Vergangenheit, die Gegenwart oder auf beides bezieht. Der Übersetzer steht also vor dem Problem, wie er eine bestimmte Textstelle inter­pretieren soll, damit der Sinn des Originals nicht verändert wird.

Schon allein an diesem Beispiel kann man erkennen, daß die in Sozaboy verwendete literarische Kunstsprache, die aber dennoch auf dem in Nigeria gesprochenen Pidgin-Englisch beruht, besondere Anforderungen an den Übersetzer oder die Übersetzerin stellt. Um einen einheitlichen Text zu produzieren, der durchgängig Sinn ergibt und auch in einem einheitlichen Stil gehalten ist, muß sich der Übersetzer eine Strategie zurechtlegen. Gerhard Grotjahn-Pape, der den Roman ins Deutsche übertragen hat, bemerkt dazu selber:

Natürlich kann man diese "Sprache im Umbruch" mit ihren verschiedenen Ebenen nicht wörtlich übersetzen. Das Ergebnis einer wortgenauen Übertragung wäre sperrig, beinahe unverständlich geworden, und hätte damit dem Original, daß sehr flüssig und leicht zu lesen ist, überhaupt nicht mehr entsprochen. Das liegt natürlich daran, daß es eine Entsprechung, ein Pidgin-Deutsch etwa, nicht gibt. Natürlich gibt es im Deutschen Dialekte, aber kann ein junger Ogoni berlinern? Oder Ausländerdeutsch - aber wo ist da das Innovative, Kreative? (Grotjahn-Pape, Nachwort zu Sozaboy (dt.), S.267)

Nach eigenen Worten entschloß sich Grotjahn-Pape des­halb dafür, Mene reden zu lassen, "wie eben ein junger, nicht besonders gebildeter junger Mann so redet. Ganz normal." (ebd.) In den folgenden Ab­schnitten soll nun die deutsche Übersetzung durch Grotjahn-Pape anhand einiger ausgewählter Beispiele ge­nauer untersucht werden. Dabei soll die gewählte "Strategie" des Übersetzers analysiert werden, und es soll festgestellt werden, ob sie immer aufgeht.

3.1.2 Analyse der deutschen Übersetzung von Sozaboy

3.1.2.1 Stilebenen

Grotjahn-Pape wählt als Sprachstil für die deutsche Übersetzung wie gesagt hauptsächlich einen umgangs­sprachlichen Stil, den er aber streckenweise variiert und ergänzt, wobei er versucht, die verschiedenen Stil­ebenen des Originals im Deutschen nachzuahmen. So zitiert Mene zum Beispiel in Augenblicken höchster Not häufig Passagen und Formulierungen aus der Bibel, die er aber mit seiner eigenen, pidginisierten Sprechweise vermengt:

The bush catch my leg and wound me for body. My body all full of wound. Blood. The blood of our Lord Jesus Christ. Oh God, help me, I beg you in the name of Jesus. I will do everything you want. I will be good boy from now till kingdom come. (SB-engl. S.48)

In der deutschen Übersetzung wird daraus:

Der Busch hat mein Bein festgehalten, und ich habe geblutet. Überall habe ich geblutet. Blut, das Blut unseres Herrn Jesu Christi. Lieber Gott, bitte hilf mir, im Namen unseres Herrn Jesu Christi Amen. Ich will alles tun, was du willst. Ich will immer ein guter Junge sein, bis dein Königreich komme. (SB-dt. S. 70)

Der humoristische Effekt, der im Original durch die Durchsetzung des archaischen, biblischen Englisch mit Pidgin erzielt wird, bleibt in der deutschen Übertra­gung erhalten. Die deutsche Version bedient sich zudem zur besseren Kontrastierung der beiden Sprachstile auch des im Original nicht vorkommenden (und wohl auch schlecht möglichen) lateinischen Genitivs und macht die Formelhaftigkeit des Stoßgebets noch durch das ohne Punkt und Komma heruntergebetete "im Namen un­seres Herrn Jesu Christi Amen" deutlich.

Mene verwendet aber nicht nur bei solchen Stoßgebeten archaisch anmutende Formulierungen, sondern benutzt sie auch im normalen Sprachgebrauch:

"But lo and behold, when we reach there now, Inspector Okonkwo was crying." (SB-engl. S.2)

In der Übersetzung wird daraus:

"Aber siehe, als wir hingekommen sind, da hat In­spektor Okonkwo geweint [...]." (SB-dt. S.8)

Obwohl "siehe" im Deutschen bestimmt ungewöhnlicher ist als lo and behold im Englischen, versucht Grotjahn-Pape auch hier, den sprachlich gemischten Stil in der Übersetzung zu imitieren. An einer Stelle verwendet er eine solche archaisierende Formulierung sogar, um ein afrikanisches Wort zu übersetzen:

"That will make plenty palaver and wuruwuru will begin." (SB-engl. S.8)

"Weil dann gibt's Heulen und Zähneklappern." (SB-dt. S.17)

Auch an anderen Stellen des Romans, an denen ver­schiedene Stilebenen eine Rolle spielen, ist die Über­setzung treffend, so zum Beispiel, wenn sich Mene mit seinem gebildeteren Kriegskameraden Bullet unterhält, der Standard English spricht und den Mene deshalb manchmal nicht versteht:

"Look, Sozaboy, we are in war front, o.k. And in the war front, there are all sorts of people. [...] There is only one thing which binds them all. Death. And everyday they live, they are cheating death. That man came to celebrate the fact."

"Bullet," I said, "I beg you, no make too much grammar for me. Try talk the one that I will understand. No vex because I ask you this simple question."

"No, I no dey vex. [...] What I am saying is that all of us who are here can die any time. [...] So while we live, we must drink. Because, as you know, man must wak." (SB-engl. S.94f)

Bullet wechselt also absichtlich das sprachliche Re­gister, um Mene klarzumachen, was er sagen will. In der deutschen Version hört sich das folgendermaßen an:

"Sieh mal, Sozaboy, wir sind hier an der Front, das weißt du. Und an der Front gibt es alle möglichen Arten von Menschen. [...] Nur eins verbindet sie miteinander, und das ist der Tod. Und an jedem Tag, den sie überleben, schlagen sie dem Tod ein Schnippchen. Dieser Mann ist gekommen, um das zu feiern."

[...]


[1] vgl. Grotjahn-Pape, Nachwort zu Sozaboy, SB-dt S.265

[2] Saro Wiwa selbst beschreibt das "rotten English" seines Buches so: "a mixture of Nigerian Pidgin English, broken English and occasional flashes of good, even idiomatic English." (SB-engl.. "Author's Note", o.S.)

Ende der Leseprobe aus 68 Seiten

Details

Titel
Übersetzungen des nigerianischen Pidgin-English ins Deutsche. Ken Saro-Wiwa, Wole Soyinka und Chinua Achebe
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Englische Sprach- und Übersetzungswissenschaft
Note
1,7
Autor
Jahr
1999
Seiten
68
Katalognummer
V266525
ISBN (eBook)
9783656570561
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Konvertierte Fassung, Original war 1st Word Plus (Atari ST) Konvertierungsfehler sind nicht auszuschließen, insbesondere bei Sonderzeichen und Format.
Schlagworte
übersetzungen, pidgin-english, deutsche, saro-wiwa, wole, soyinka, chinua, achebe
Arbeit zitieren
Benjamin Fischer (Autor), 1999, Übersetzungen des nigerianischen Pidgin-English ins Deutsche. Ken Saro-Wiwa, Wole Soyinka und Chinua Achebe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266525

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