Décadence. Rezeption oder Auseinandersetzung mit antiker griechischer Kunst


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Winckelmanns Ästhetik des Ideals

3. Schiller
3.1. Schillers Ästhetik vor dem Hintergrund seiner Antikenrezeption
3.2. Die Funktionen der tragischen und komischen Kunst bei Schiller

4. Rosenkranz' Ästhetik des Hässlichen

5. Nietzsche: Geburt der Tragödie
5.1. Der Dualismus zwischen Dionysos und Apollo
5.2. Bestimmung der Tragödie

6. Vergleich der verschiedenen Philosophien
6. 1. Behandlung der griechischen Kunstgattungen, Medien und Mittel der Kunst
6.2. Funktion der Kunst in der jeweiligen philosophischen Anschauung

7. Ergebnisse

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Kunst der griechischen Antike übt weit über ihre eigene Zeit bis heute einen Einfluss auf das Denken der Menschen aus und konnte im Laufe der Geschichte Europas immer wieder eine Renaissance feiern. Dabei ist neben den Bauwerken und Skulpturen, den Tragödien eines Aeschylos oder Sophokles, den Komödien eines Aristophanes vor allem der Mythos, der bis ins heutige philosophische und literarische Denken Eingang gefunden hat. Der komplexe Aufbau der griechischen Götterwelt kann als ein Ur-Kunstwerk angesehen werden, dass zahlreiche folgende Kunstwerke geschaffen oder inspiriert hat. Die Rezeption der griechischen Kunst muss je nach spezifischer Epoche verschieden ausfallen, da die Rezeption immer auch das Denken der bestimmten Zeit wiederspiegelt. Eine kulturgeschichtliche Epoche in Deutschland, in der die Rezeption der griechischen Antike wesentlich war, ist die Klassik, die man etwa auf das Ende des 18. Jahrhunderts festlegen kann. Das Antikenbild des Philologen Winckelmanns, der in der Schönheit der Formen der griechischen Skulpturen das Ideal der Kunst bestimmte, prägte diese kunstgeschichtliche Epoche und hat etwa die Ästhetik Friedrich Schillers beeinflusst. Im ausgehenden 19. Jahrhundert, eine Zeit, die man aus kulturgeschichtlicher Perspektive grob als Décadènce oder beginnende Moderne bestimmen kann, wandelt sich dieses Bild der idealen Schönheit der griechischen Kunst. Karl Rosenkranz verfasste sein Buch Ästhetik der Hässlichkeit, in dem die Hässlichkeit als ästhetisches Phänomen erstmals theoretisch erfasst wird. Friedrich Nietzsche bestimmte schließlich die Schönheit der griechischen Kunstwerke als Produkte eines Scheins, für den ein Gott verantwortlich ist.

In der vorliegenden Arbeit sollen die prägnanten theoretisch-ästhetische Schriften der genannten Philosophen und Wissenschaftler, in denen eine Rezeption oder Auseinandersetzung mit antiker griechischer Kunst stattfindet, vorgestellt werden. Ein umfassender Vergleich, der im Anschluss folgt, zeigt vor allem auch die Unterschiede zwischen den beiden spezifischen Epochen, wobei die Gemeinsamkeiten nicht vernachlässigt werden sollen, da auch diese wichtige Ergebnisse liefert nicht nur zum Verständnis der jeweiligen Philosophie, sondern auch der geistes- und kulturwissenschaftlichen Zeit, in der die Philosophien entstanden sind.

2. Winckelmanns Ästhetik des Ideals

Winckelmann hat mit seinen Schriften über die Nachahmung und über die antiken griechischen Statuen in Belvedere die Sicht seiner Zeit auf die Antike entscheidend mitgeprägt und die Antikenrezeption etwa eines Schillers beeinflusst.

Der Apollo im vatikanischen Belvedere stellt für ihn das „höchste Ideal der Kunst“[1] dar. Dessen Erschaffer hätte höchst idealistisch gearbeitet und „nur eben so viel von der Materie dazu genommen, als nöthig war, seine Absicht auszuführen und sichtbar zu machen.“[2] Winckelmanns Ästhetik ist somit charakterisiert durch Idealismus und Maß. Nicht mit übermäßigen Prunk, sondern mit Einfachheit erreicht der Künstler sein Ziel. Für Winckelmann stellt somit die bildnerische, im Speziellen die plastische Kunst die höchste Form der Kunst dar. Nachahmung meint hier nicht naturgetreue Abbildung, sondern Nachahmung des griechischen Ideals. Die Natur unterscheidet sich von der idealisierten Welt der Kunst.

Das Ideal der Kunst äußert sich für Winckelmann durch

eine edle Einfalt, und eine stille Größe, so wohl in der Stellung als im Ausdruck. So wie die Tiefe des Meers allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten, eben so zeiget der Ausdruck in den Figuren der Griechen bey allen Leidenschaften eine grosse und gesetzte Seele.[3]

Die Kunstwerke drücken nach dieser Ansicht in keinster Weise Leidenschaften oder starke Gefühle des Schmerzes oder der Freude aus, da aufgrund einer großen, gesetzten, innerlich ruhigen Seele diese Leidenschaften und Emotionen gebändigt werden können. Als Musterbeispiel nimmt Winckelmann die Laokoon Gruppe des griechischen Bildhauers Hagesandros. Laokoon war ein Priester Trojas, der die Einwohner vor der List der Griechen gewarnt hat und daraufhin zusammen mit seinen Söhnen von zwei von Athene geschickten Schlangen getötet wird. Die Laokoon Gruppe zeigt den Priester und seine Söhne kurz vor dem Tod. Obwohl Laokoon starke Schmerzen aufgrund des Schlangenangriffs empfinden muss, äußert sich dieser weder im Gesicht noch in der Stellung. In dem Bau der Figur sei die Größe der Seele und der Schmerz des Körpers gleichmäßig verteilt. Das Leiden des Laokoon gehe dem Betrachter an die Seele und er wünsche sich gleichzeitig, dieses Elend mit ebensolcher Größe ertragen zu können.[4] Wenn der Körper in heftigen, leidenschaftlichen Bewegungen dargestellt werden würde, befände er sich nicht in einem zu ihm passenden, sondern einem erzwungenen Zustand.[5] Auch die Darstellung eines Schreis aufgrund des heftigen Schmerzes muss in diesem Sinne unpassend sein, da es über den nach Winckelmann einzig angemessenen Ruhezustand der großen Seele hinausginge. Die Darstellung des Laokoon reiche über die „Bildung der schönen Natur“[6] hinaus. Wenn auch das Zeigen des Schreis der natürlichen Empfindung näher kommen würde, ist es in Winckelmanns Ästhetik dennoch unpassend, da es dem einzig passenden Ausdruck der ruhigen und gesetzten Seele widerspricht.

Weiterhin spielt die Form eine entscheidende Rolle in Winckelmanns Ansicht über die griechischen Meisterwerke. Eine „vorzügliche und edle Form“[7] etwa des Torso von Belvedere verleihe dem Werk Vollkommenheit und gleichsam Unsterblichkeit.

3. Schiller

3.1. Schillers Ästhetik vor dem Hintergrund seiner Antikenrezeption

Schillers Bild der griechischen Antike ist ein idealisiertes. Seiner eigenen Zeit, in denen er die politischen Wirren der französischen Revolution erlebt, setzt er das verklärende Bild des fernen, untergegangen alten Griechenlands entgegen. Diese Antithetik begegnet sowohl in seinen theoretischen Schriften als auch in seiner Lyrik, so zum Beispiel in seinem Gedicht Die Götter Griechenlands:

Wo jetzt nur, wie unsre Weisen sagen,

Seelenlos ein Feuerball sich dreht,

Lenkte damals seinen goldenen Wagen

Helios in stiller Majestät.[8]

Als die antike griechische Religion noch das Bewusstsein des Menschen bestimmte und im übertragenen Sinne die Götter des Olymps herrschten, war die Welt eine „schöne“, geprägt von „Freude“, „Wonnedienst“, „Selige[n] Geschlechter[n]“ und „Schöne[n] Wesen“[9]. Darüber hinaus vermittelt das Gedicht einen Einheitsgedanken von Natur, Kunst und Menschen. Das kommt auch in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen zum Ausdruck. Der zeitgenössische Mensch sei nur ein Bruchstück des Ganzen, bei den Griechen seien Sinne und Geist noch nicht getrennt worden und Phantasie und Vernunft hätten eine Einheit gebildet.[10] Zur Veredelung des Menschen müsse die schöne Kunst angewandt werden, die der Künstler erlernt, indem er „unter fernem griechischen Himmel zur Mündigkeit reif[t]“[11] Das idealisierte Dasein „unter griechischem Himmel“ umfasst nach Schiller eine edlere Zeit, die über den historischen Zeitverlauf hinweggesetzt wird und „jenseits aller Zeit“[12] steht. So hat der Künstler aus dieser Zeit, in der er die absolute Einheit seines Wesens findet, die Form seiner Kunst zu nehmen.[13] Was beklagt wird, ist der Verlust dieser Einheit des Wesens in Schillers eigener Zeit. Die Kunst beziehungsweise die Erziehung durch die Kunst soll dabei helfen, diese Einheit wiederherzustellen. Der Grieche habe sich weiterhin an der Natur orientiert und seiner eigenen Sinnlichkeit alle Rechte zugestanden aus der Sicherheit, nicht von ihr bestimmt und beherrscht zu werden.[14] Die Dichtung zeige, dass alle Leidenschaften und Gefühle sich frei äußern können und nicht vor den Regeln der Sittlichkeit zurückgehalten werden. Der Held des homerischen Epos etwa spürt sein Leiden stark, wird aber niemals davon überwältigt.[15] Für Schiller ist der Grieche ein „vernünftig empfindendes Wesen, eine moralische Person, und für diese ist es Pflicht, die Natur nicht über sich herrschen zu lassen, sondern sie zu beherrschen.“[16] Die bloße sinnliche Natur des Menschen hält Schiller nicht für darstellungswürdig. Wenn nur die Sinne angesprochen werden, falle der Geist und damit auch das Prinzip der Freiheit des Menschen „der Gewalt des sinnlichen Ausdrucks“[17] zum Opfer. Diese reinen Sinnlichkeiten seien jedoch „durch einen edlen und männlichen Geschmack“[18] von der Kunst ausgeschlossen. Das Pathetische im Tragischen sei nur ästhetisch, wenn es erhaben ist und Erhaben ist es nach Schiller nur dann, wenn in der Darstellung des Leidens gleichzeitig ein moralischer Widerstand gegen das Leiden gezeigt wird, der auf die Vernunft des Menschen verweise.[19] Eben dies erkennt Schiller in den Kunstwerken der alten Griechen.

So kommentiert auch er die Laokoon Gruppe und Winckelmanns Beschreibung derselben:

Wie wahr und fein ist in dieser Beschreibung der Kampf der Intelligenz mit dem Leiden der sinnlichen Natur entwickelt, und wie treffend die Erscheinungen angegeben, in denen sich Thierheit und Menschheit, Naturzwang und Vernunftfreiheit offenbaren![20]

[...]


[1] Winckelmann, Joachim Johann: Beschreibung des Apollo im Belvedere in der Geschichte der Kunst des Alterthums. In: Kleine Schriften, Vorreden, Entwürfe. Hrsg. v. Walther Rehm. Berlin 1968, S. 267.

[2] Ebd.

[3] Ders.: Gedanken über die Nachahmung. In: Kleine Schriften, Vorreden, Entwürfe. Hrsg. v. Walther Rehm. Berlin 1968, S. 43.

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. ebd., S. 44.

[6] Ebd.

[7] Ders., Beschreibung des Torso von Belvedere. In: Kleine Schriften, Vorreden, Entwürfe. Hrsg. v. Walther Rehm. Berlin 1968, S. 173.

[8] Schiller, Friedrich: Die Götter Griechenlands. (1788). Zitiert nach: http://www.kerber-net.de/literatur/deutsch/lyrik/schiller/goettegr.htm. Zuletzt eingesehen am: 13.02.2011.

[9] Ebd.

[10] Vgl. ders.: Über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795) 6. Brief. Zitiert nach: http://www.wissen-im-netz.info/literatur/schiller/prosa/aestherzieh/06.htm. Zuletzt eingesehen am. 13.02.2011.

[11] Ebd., 9. Brief.

[12] Ebd.

[13] Vgl. ebd.

[14] Vgl. ders.: Über das Pathetische (1795). Zitiert nach: ttp://www.wissen-im-netz.info/literatur/schiller/werke/phil/pathetische.htm. Zuletzt eingesehen am: 13.02.2011.

[15] Vgl. ebd.

[16] Ebd.

[17] Ebd.

[18] Ebd.

[19] Vgl. ebd.

[20] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Décadence. Rezeption oder Auseinandersetzung mit antiker griechischer Kunst
Hochschule
National & Kapodistrian University of Athens  (Germanistik)
Veranstaltung
Deutsche Literatur und griechische Antike
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V266763
ISBN (eBook)
9783656579243
ISBN (Buch)
9783656579212
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsche, Goethe, Winckelmann, Fin de Siècle, Décadence, Schiller, Tragödie, Ästhetik
Arbeit zitieren
Florian Bauer (Autor), 2011, Décadence. Rezeption oder Auseinandersetzung mit antiker griechischer Kunst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266763

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