"King Philip’s War": Nordamerikas blutigster Indianerkrieg (1675 -1677)

Ein militärhistorischer Überblick


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2014
87 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Kontrahenten und das Land
2.1. Die Ureinwohner
2.2. Die Kolonien
2.3. Das Land

3. Ursachen des Krieges

4. Der Weg in den Krieg

5. Der Sommerfeldzug
5.1. Metacoms Flucht
5.2. Neuengland in der Defensive

6. Der Winterfeldzug
6.1. Die Sumpffestung
6.2. „Philips“ Wendepunkt
6.3. Der Tiefpunkt

7. Die militärische Wende
7.1. Die Offensive
7.2. Die Jagd nach „Philip“
7.3. Abschließende Operationen

8. Zwischen den Fronten zerrieben

9. Die Bilanz

10. Quellenangaben und Anmerkungen

1. Einleitung

Der Sumpfnebel am Morgen des 12. August 1676 verdeckte die Schatten der anschleichenden Männer, während das Konzert der Frösche jegliche verräterischen Geräusche schluckte. Nicht einmal die Hunde vor den improvisierten Hütten aus Baumrinde des kleinen Lagers schlugen Alarm, als sich die Schlinge um den meistgesuchten Mann Neuenglands zuzog. Über Monate von seinen Verfolgern bis zur Erschöpfung gejagt, hatten sich Metacom und seine kleine Schar Wampanoags in einem Sumpf in der Nähe des heutigen Bristols versteckt. Metacom war von den Weißen über eintausend Kilometer verfolgt, durch die Mohawks vernichtend geschlagen und von der Mehrzahl seiner Stammesgenossen verlassen worden. Nur Tage zuvor waren seine Frau und sein Sohn in Gefangenschaft geraten. Daher ergriff der von den Weißen als „König Philip“ bezeichnete Wampanoaghäuptling sein Gewehr und die Flucht, als der Angriff auf sein kleines Lager losbrach. Es gelang ihm in der Verwirrung, den Umschließungsring zu durchbrechen, und für einen Moment mag er geglaubt haben, ein weiteres Mal entkommen zu können. Doch ein Schuss aus der Waffe eines Stammesbruders, der als John Alderman in die Geschichte einging, bereitete der Flucht ein tödliches Ende[i]. Der Krieg, der seinen Namen trug, ging noch eine geraume Zeit weiter, wenn auch nicht in dem Ausmaß der vorherigen 14 Monate.

Bei dessen Ausbruch im Sommer des Vorjahres konnte niemand voraussehen, dass dies der blutigste Krieg in der gesamten Besiedlungsgeschichte jener Gebiete werden würde, die später als die Vereinigten Staaten von Amerika bekannt wurden. Die Folgen des als „King Philip‘s War“ bekannten Konfliktes waren für beide Seiten gravierend. Die Ureinwohner im heutigen Neuengland verloren den Rest ihrer Unabhängigkeit und wurden dezimiert. Die beteiligten „Vereinigten Kolonien“, 1636 gegründet und bestehend aus den Kolonien Plymouth, Massachusetts Bay, Connecticut und Rhode Island waren bankrott und erhielten wenige Jahre später eine direkte Kolonialverwaltung. Der folgende Beitrag beschäftigt sich mit den Ursachen und dem Verlauf dieser blutigen Auseinandersetzung im 17. Jahrhundert.

2. Die Kontrahenten und das Land

Eine vereinfachte Aufteilung der Kontrahenten in „Weiß“ und „Rot“ würde der Komplexität des Konfliktes nicht gerecht. Obwohl die Aussage richtig ist, dass die Ureinwohner in fast jeder Hinsicht als Verlierer aus dem Konflikt hervorgingen, bedeutet dies jedoch keineswegs, dass alle Ureinwohner auf der gleichen Seite kämpften. Ebenso waren die „Vereinigten Kolonien“ weitaus weniger vereinigt, als die Bezeichnung erwarten lässt. Vielmehr zeigt ein differenzierter Blick auf die jeweiligen Machtkonstellationen ein komplexes Beziehungsgeflecht.

2.1. Die Ureinwohner

Schätzungen zufolge lebten östlich des Hudson, zwischen Cape Cod und Maine um das Jahr 1600 auf 120 000 Algonkin sprechende Einwohner , die eine heterogene Bevölkerung mit einer Vielzahl von Dialekten und Bräuchen bildeten. Bis zur Ankunft der europäischen Siedler hatte die Urbevölkerung durch schwere Epidemien (um 1616) zwischen 80 und 85 Prozent abgenommen und bestand daher aus geschwächten Reststämmen, die sich aber zwischen 1640 und 1650 demographisch leicht erholten. Dabei ist die Bezeichnung „Stamm“ nicht unumstritten, weil die Sippen- und Dorfzugehörigkeiten eine weitaus wichtigere Rolle bei der Zuordnung von Loyalitäten gespielt hat. Dazu kamen ständige Neugründungen bzw. Abspaltungen. Der Überbegriff „Stamm“ beinhaltete daher fast immer eine Anzahl von Unterteilungen. Außerdem gab es eine Vielzahl kleinerer Dörfer und Gruppen, die durch Tributzahlungen an die mächtigeren Stämme gebunden waren. Die Algonkin pflegten einen halbnomadischen Lebensstil, verlegten ihre Dörfer im unerbittlichen Winter Neuenglands in den Schutz der Wälder, während sie im Sommer auf Lichtungen und entlang der Küste Landwirtschaft betrieben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Wikipedia, Lizenzstatus: COM:GFDL

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Stammesverbände und zugehörige Stämme

Die Epidemiewellen der ersten Jahrhunderthälfte hatten die Kräfteverhältnisse verändert und zu politischen Veränderungen geführt. Neue Allianzen wurden geschmiedet, alte Bündnisse gebrochen. Die Narragansetts im Süden scheinen von den Epidemien verschont geblieben zu sein und waren die zahlenmäßig stärkste Stammesgruppe der Region. Im Südosten, zwischen Cape Cod und Rhode Island, waren die Wampanoags dominant. Vermutlich auch auf strategischem Kalkül beruhend, unterhielten diese gute Beziehungen zu den Neuankömmlingen, da sie, geschwächt durch Epidemien, ein stabiles Interesse daran hatten, Verbündete gegen den Druck der Narragansetts aus Westen und der Massachusetts aus dem Norden zu gewinnen. Da die Massachusetts aber durch die Epidemien ebenso geschwächt waren wie die Wampanoags, spielten sie bis zum Ausbruch von „King Philip’s War“ kaum noch eine politische Rolle. Wichtig für den Verlauf der Besiedlung waren außerdem die traditionellen Verbündeten der Kolonien, die „Mohegans“. Sie gehörten ursprünglich zu den Pequots, waren jedoch unter der Führung ihres berühmt-berüchtigten Sachem Unkas um 1636 unabhängig geworden. Kurz nach der Abspaltung hatten sie sich am „Pequotkrieg“ auf der Seite der Kolonisten beteiligt. Zusammen mit ihren traditionellen Feinde, den Narragansetts, führten sie die Streitmacht der Kolonisten im Mai 1637 zu den Dörfern der Pequots. Dort ereignete sich der Überraschungsangriff auf das Dorf „Mystic“, bei dem hunderte Pequots massakriert und der Krieg zugunsten der Kolonisten entschieden wurde.

Die Gebiete der Pequots und Mohegans lagen im Bereich der späteren Kolonie Connecticut. Zwischen diesen und den Narragansetts lag das Gebiet der Niantics, die ethnokulturell auch als ein Zweig der Narragansetts betrachtet werden können. Im zentralen Neuengland, westlich der Massachusetts und nördlich der Narragansetts, lag das Gebiet der Nipmucks. Aufgrund ihrer geographischen Nähe ging von ihnen die stärkste Bedrohung für Boston aus, welche mit circa viertausend Einwohnern die größte Siedlung Neuenglands war. Westlich der Nipmucks, im nördlichen Teil des Connecticut-Tals, lagen die Dörfer der Pocumtucks. Im Norden, in der Kolonie New Hampshire und im späteren Maine, lebten diverse kleinere Stammesgruppierungen, die weitestgehend als „Abenakis“ bezeichnet werden. Entlang der Küste lebten überwiegend „Wabenakis“, im Hochland die „westlichen Abenakis“.

Die Beziehungen zwischen den Stämmen waren durch Handel und Krieg geprägt. Die landwirtschaftlich aktiven Stämme des mittleren und südlichen Neuenglands unternahmen größere und komplexere Kriegszüge. Sie verfügten über dichtere Siedlungsmuster und zentralistische Dorf- und Stammesstrukturen, die die Interessen im strategischen Sinne definierten und nach Prioritäten ordneten. Dadurch waren sie auch sesshafter als die Jäger und Sammler, was wiederum das Territorialverhalten beeinflusste. Die Bevölkerungsdichte im nördlichen Neuengland lag nach archäologischen Befunden bei 41 Personen pro Quadratmeile, während im südlichen Neuengland von 287 Personen pro Quadtratmeile ausgegangen wird.[ii] Die gerodeten Flächen waren im Süden entsprechend begehrt und umkämpft, sichtbar vor allem an der siebenfachen Besiedlungsdichte im Vergleich zu nicht gerodeten Gebieten. Die saisonale Rotation der Bebauung der Felder verursachte Reibungen zwischen den Dörfern und den nomadischen Stämmen, wenn letztere sich auf den zur Schonung unbebauten Flächen niederließen. Imperialverhalten, bei dem expansionistisch vorgegangen wurde, andere Stämme unterworfen und zu Untertanen gemacht wurden, ist eine Eigenschaft, die sich ausschließlich bei den Landwirtschaft betreibenden Ureinwohnern findet, weil nur sie über die militärischen Möglichkeiten verfügten. So forderten sie Tribut ein, und vor allem unter den südlichen Küstenstämmen waren feudale Strukturen bereits im Ansatz erkennbar.[iii] Als westliche Grenze Neuenglands kann der Hudson betrachtet werden. Entlang dessen Westufer lebten im Süden die Mahicans und im Norden, ab dem heutigen Albany, die Mohawks. Letztere waren aggressive Nachbarn und zugleich der östlichste Stamm des gefürchteten Irokesenbundes. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts drangen Kriegstrupps der Mohawks bis ins östliche Massachusetts vor. Die Feindseligkeiten waren jedoch keineswegs einseitig; die Neuenglandindianer nutzten schon seit Jahrhunderten jede Gelegenheit, um die Dörfer der von allen Seiten bedrängten Mohawks anzugreifen. Erst durch die Gründung des Irokesenbundes im 16. Jahrhundert gab es für die Mohawks keine Bedrohung mehr aus dem Westen. Daher konnten sie sich verstärkt gegen die Stämme Neuenglands wenden und diese in die Defensive drängen. Militärisch besser organisiert und aggressiver als ihre östlichen Nachbarn, wurden sie ungefähr zur Zeit der Landung der Pilgerväter sogar zur existentiellen Bedrohung.[iv] Die fast zeitgleiche Festigung der Franzosen im Norden und Holländer im Süden verzögerte jedoch den Siegeszug der Irokesen, da sich die strategischen Prioritäten des Bundes dadurch veränderten.

Für die Ureinwohner Neuenglands setzte sich der Krieg entlang der westlichen Grenze trotzdem fort, wenngleich mit niedriger Intensität und überwiegend durch schnelle Raubzüge gekennzeichnet. Eine Invasion des Irokesenbundes blieb allerdings aus, da die Palisadenzäune um Neuenglands Indianerdörfer und deren Schutzabkommen mit den englischen Neuankömmlingen mäßigend auf die Mohawks wirkten.

Die zuvor genannten Palisadenzäune hielten allerdings nicht immer. So unterlagen die Pocumtucks 1664 einer Belagerung, nachdem sie zuvor eine Friedensdelegation unter der Führung des Mohawkhäuptlings Saheda hinterrücks niedergemetzelt hatten. Das Dorf wurde zerstört, die Einwohner massakriert.[v] 1666 scheiterte ein Versuch, sich an den Mohawks zu rächen; dabei kamen mehrere hundert Krieger verschiedener Stämme Neuenglands ums Leben.

Insgesamt war Neuengland auch ohne weiße Siedler eine umkämpfte Region, in der politische und strategische Überlegungen durchaus das Handeln der jeweiligen einheimischen Akteure bestimmten. Seine Einwohner waren kriegsgewohnte Menschen, die Männer fähige Krieger auf der Suche nach Status und Anerkennung durch erfolgreiche Militärschläge und Raubzüge gegen ihre umliegenden Feinde. Dabei pflegten sie die klassischen Kleinkriegsfertigkeiten wie Täuschung, Überraschung, Hinterhalt und Geschwindigkeit. Dieser starke Gegensatz zum europäischen Kriegsverständnis führte zu der geringschätzigen Kategorisierung der einheimischen Kriegsführung als „skulking way of war“ – als Schleichkrieg.[vi]

Die politischen Hierarchien der Stämme waren, vor allem im Vergleich zu den staatlichen Strukturen der Europäer, flach und diffus. Ihre politischen Strukturen waren zunächst auf Dorfebene bezogen und, im Gegensatz zu den Irokesen, überwiegend patrilinear. Die „Sachems“ oder „Sagamores“ herrschten auf Dorfebene, wobei ihre Autorität sehr stark auf von ihrer Fähigkeit abhing, gesellschaftlichen Konsens und gute Beziehungen zu den „Geistern“ herzustellen.[vii] Jeder der hier erwähnten Stämme bestand daher aus einer eher losen „Konföderation“ von Dörfern und Sippengeflechten. So entschieden sich beispielsweise die Wampanoags auf der Insel Martha’s Vineyard dafür, dass sie sich aus dem Krieg heraushalten würden und beobachteten dessen Verlauf aus sicherer Entfernung.

Für die Ureinwohner war der Ausbruch von Feindseligkeiten in gewisser Hinsicht lediglich eine Fortsetzung der eigenen Konfliktmuster; daher schlossen sich Mohegans, Niantics und Pequots bei Kriegsbeginn den Engländern an. Die „Allianz“ um Metacom („King Philip“), insofern man von einer solchen sprechen kann, begrenzte sich auf einen Großteil der Wampanoags und Nipmucks, die später durch den Kriegsbeitritt der Narragansetts im Süden wie auch den Pocumtucks und Abenakis des nördlichen Neuenglands verstärkt wurde.[viii] Die traditionellen Feindschaften, Intrigen und Interessenkonflikte zwischen den Neuenglandstämmen verhinderten jegliche Form von pan-indianischem Handeln.

2.2. Die Kolonien

Die „Vereinigten Kolonien“, bestehend aus Plymouth (1620), Massachusetts (1628), Connecticut, (1635), Rhode Island (1636) und New Hampshire (1638), waren das politische Gerüst, aus dem „Neuengland“ bestand. Diese befanden sich häufig sowohl im inneren Interessenkonflikt als auch im Konkurrenzkampf mit der späteren Kolonie New York, die den Holländern 1664 entrissen worden war. Diese Konflikte zeigen, dass die englischen Kolonien zwar lose durch ihre Loyalität zur Krone und ihre sicherheitspolitischen Bedürfnisse gebunden waren, aber keineswegs als monolithischer Block betrachtet werden sollten. Zudem verfolgten die jeweiligen Gouverneure unterschiedliche Ziele in ihrer Indianerpolitik, stritten sich aber vor allem um Gebietsansprüche, wie beispielsweise New York und New Hampshire um das Gebiet zwischen dem Hudson und dem oberen Connecticut. Konsens bestand allerdings meist darin, dass die Ureinwohner auf Dauer den Lebensstil der Neuankömmlinge anzunehmen hatten und auch das Land nach europäischen Vorstellungen bewirtschaftet und verwaltet werden sollte.

Im Gegensatz zu ihren nordamerikanischen Gegnern waren die Europäer überwiegend in staatliche oder kommerzielle Strukturen eingebettet und handelten daher stärker aufgrund formaler Hierarchien, die bestimmende und einschränkende Funktionen erfüllten. Im Gegensatz zu den Ureinwohnern verfügten die Europäer über ein hohes Maß an Unterordnung, aber eine geringe „militärische Beteiligungsrate“[ix], d.h. relativ wenige militärisch aktive Männer im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße. Die Trennung von zivilen und militärischen Rollen wurde lediglich in Kriegszeiten durch die Mobilisierung von Milizen aufgehoben. Diese waren jedoch bestenfalls eine Improvisation und sollten sich vor allem in den Wäldern als nur bedingt wirksam erweisen.

Es ist demnach eher eine Eigenschaft von vorstaatlichen Kriegergesellschaften, dass alle körperlich fähigen Männer auch Krieger sind. Die Anzahl der militärisch Aktiven reduziert sich jedoch in staatlich gelenkten Gesellschaften, die eine wachsende Bevölkerung durch intensive Landwirtschaft, Handel oder Industrie unterhalten können und ihre militärischen Strukturen auf die notwendigsten Schutzbedürfnisse zurückfahren.

Persönliche Interessen, Rachegelüste oder Beleidigungen konnten unter solchen Bedingungen nur indirekt, z.B. in Form einer Eskalationsspirale, den Kriegszustand herbeiführen. Sie konnten zwar dazu beitragen, Kriege auszulösen, aber nicht zwangsläufig zu einer Kriegsentscheidung führen, da die Entscheidung über Krieg und Frieden in der Staatsräson lag. Durch erzwungene Disziplin und den Dienst für den Staat ist der militärische Akteur dieser absolut unterstellt bzw. untergeordnet. Wo lokale Entscheidungen solcher Akteure zum militärischen Handeln führten, beispielweise in abgelegenen Außenposten, bestand eine Verantwortung, einen solchen Schritt gegenüber ihrer Regierung bzw. dem Regenten zu erklären oder zu rechtfertigen. Gewöhnlich wurde Krieg nach staatlichen Interessenkriterien formal entschieden und der Kriegszustand öffentlich erklärt. Dadurch waren formale Abkommen für die Untertanen verbindlich und Fehlverhalten, d.h. der mutwillige Bruch von Abkommen, wurde gesetzlich geahndet.

Dafür war es zuträglich, dass die überwiegende Mehrheit der Kolonisten zivile Rollen erfüllte, nur die wenigsten Soldaten waren und es keinen informellen „Kriegerstatus“ gab. Die Sozialisation war nicht auf ein Dasein als „Krieger“ ausgerichtet.

Jedes signifikante militärische Vorhaben bzw. jeder Feldzug musste nicht nur den staatlichen Segen haben, sondern auch staatlich organisiert, ausgestattet, logistisch unterstützt bzw. versorgt und finanziert sein. In der Masse handelte es sich bei den Kolonialstreitkräften um eine Milizarmee, weil Berufssoldaten für die Kolonien kaum finanzierbar waren. 1675 verfügte allein Massachusetts über 73 Kompanien Miliz. Jeder Bezirk (county) unterhielt zwölf Kompanien Infanterie und eine berittene Kompanie. Bei den Kompaniestärken kann von einer Sollstärke von siebzig Mann für die Infanterie und fünfzig Mann für die Kavallerie ausgegangen werden. Diese Milizstreitkräfte bestanden noch immer überwiegend aus Bauern, die durch Lehrer oder Schneider befehligt wurden und deren Kampfwert zunächst entsprechend bescheiden war.[x]

Die staatliche Kontrolle des Militärs und der rationalen Identifizierung von nationalen Interessen führte allerdings auch zu einer disziplinierten Zielstrebigkeit und Kontinuität im militärischen Handeln. Die schon erwähnte Unterordnung von Religion und Tradition war ein kompetitiver Vorteil der europäischen Akteure. Neben den technologischen Ressourcen entwickelten sich auch Vorteile in der Organisation, Disziplin, Kampfmoral, Initiative, Flexibilität und Befehlskette, die sich gegen nichtwestliche Gegner, auch nach taktischen Rückschlägen, im Zusammenspiel als Erfolgsfaktoren erwiesen.[xi] Der Gegner wurde nicht das Opfer von saisonalen Raubzügen und Vertreibung, sondern unterlag der militärischen Macht nachhaltiger Feldzüge. Die Streitkräfte der Kolonien suchten nicht nach Gelegenheiten, um bei begrenzten Streifzügen den Gegner mit „Nadelstichen“ zu bekämpfen, vielmehr wollten sie die Entscheidungsschlacht. Dieser Ansatz war nicht zuletzt durch das staatliche Interesse an Kostenminimierung eine grundlegende Eigenschaft europäischer Kriegskultur. Der daraus gewonnene strategische Vorteil ermöglichte Staaten, notfalls über Jahre hinweg Krieg zu führen. Auch wenn die europäischen Außenposten Nordamerikas sich immer an der Peripherie der westlichen Zivilisation befanden, so konnten sie sich bei der existentiellen Frage trotzdem auf deren Unterstützung im Sinne von Ressourcen und technologischer Innovation verlassen.

Auf taktischer Ebene jedoch bezahlten Bürgerheere im Kleinkriegsszenario einen hohen Preis. Europäische Militärdisziplin beinhaltete eine rigide Verteilung von Rollen, die die Bewegungsmöglichkeiten bzw. den Spielraum für Eigeninitiative der Soldaten im Gefecht erheblich einschränkte und so zu Nachteilen führte, die sich negativ auf die Militärleistung auswirkten, sobald der Gegner nicht in offener Feldschlacht kämpfte. Der Vorteil der Disziplin europäischer Armeen, die grundsätzlich darauf abzielte, die Wirkung zu maximieren, indem möglichst alle Kämpfer gemeinsam und gleichmäßig agierten, erwies sich in den Wäldern Nordostamerikas als Nachteil. Die Formalausbildung konzentrierte sich sowohl auf das Bilden von Schlachtformationen, den Gleichschritt und die Einhaltung von Reih und Glied, als auch auf den mechanischen Ablauf von Lade- und Feuerprozeduren. Die Trommel diente als Kommunikationsmedium und Fahnen ermöglichten den Heerführern den Überblick im „Nebel des Krieges“. Kompanien, Bataillone und Regimenter wurden zu Anfang des 17. Jahrhunderts in mehreren europäischen Ländern zu regelmäßigen Manövern zusammengezogen, um mit den jeweiligen Einheiten und Waffengattungen den koordinierten Großkampf zu üben.[xii] Die Milizverbände Neuenglands trafen sich ebenfalls zu diesem Zweck, traten in Reih und Glied an und feuerten meist auf den offenen Wiesen vor ihren Ortschaften ihre Salven auf einen imaginären Feind, der sich nach ihren Vorstellungen ebenso aufstellen und verhalten würde. In ungünstigem Terrain und bei einem kriegsgewohnten Gegner, der aus der Deckung mit Eigeninitiative und Selbständigkeit kämpfte, erwiesen sich die meisten dieser Ausbildungsziele als unzureichend oder gar hinderlich.[xiii] Daher fielen bei Ausbruch der Kämpfe vor allem die häufig exponiert vorgehenden Offiziere dem gezielten Feuer eines meist unsichtbaren Gegners zum Opfer. Dieses Vorgehen der Indianer wurde von den Kolonisten als „Feigheit” ausgelegt, war aber aus militärischer Sicht höchst effektiv.[xiv] Anstatt sich auf die eingeübten Formationen verlassen zu können, waren die Milizen im Verlauf des Krieges gezwungen, die kämpferischen Fähigkeiten ihrer Männer stärker auszubauen.

Ein weiterer integraler Aspekt der damaligen europäischen Kriegsführung war auch das Plündern. Geplündert wurde die Zivilbevölkerung vorwiegend deswegen, weil die dadurch gemachte Beute eine wichtige materielle Kompensation für mangelhafte Bezahlung darstellte und von den Soldaten somit als ihr Recht betrachtet wurde. Aber im Gegensatz zur einheimischen Kriegskultur unterschieden die Europäer zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten, behandelten diese unterschiedlich und kannten Moralkategorien wie „gerechter Krieg“ oder „Verbrechen im Krieg“. Dies zeigte sich auch in der europäischen Reaktion auf das außergewöhnliche Grauen des Dreißigjährigen Krieges und der darin besonders hervorgehobenen Rolle marodierender Söldnerhaufen. Unter Gefechtsbedingungen konnten sich Individuen oder Gruppen selbstverständlich solchen Kategorien entziehen, wie dies auch des Öfteren geschah, riskierten dabei allerdings staatliche Sanktionen.[xv] In europäischen Heeren wurden individuelle Grausamkeiten generell entmutigt bzw. aus disziplinarischen Überlegungen heraus auch nicht ohne weiteres geduldet, während im Gegensatz dazu die einheimische Kriegskultur Nordamerikas individuelle und kollektive Grausamkeiten häufig ausdrücklich ermutigte und zur Schau stellte.

Der am deutlichsten sichtbare Unterschied zwischen den einheimischen und europäischen Akteuren war ihre Ausrüstung. Im 17. Jahrhundert lag der Nutzen von Schusswaffen vor allem darin, dass sie die Fähigkeit besaßen, Rüstungen in einem Abstand von ca. 60 bis 100 Schritt zu durchschlagen – allerdings mit einer fragwürdigen Treffgenauigkeit, je nach Schusswaffenmarke und Schütze. Die Bogen der Einheimischen waren auf vierzig Schritt genau und hatten eine maximale Reichweite von circa 120 Schritt.[xvi] Trotzdem bestand für die Europäer aufgrund der Reichweite und vor allem der Wirkung zumindest beim effektiven Feuern ein Vorteil, da die Europäer auf Masse und Durchschlagskraft statt Treffgenauigkeit des einzelnen Projektils setzten und offenbar wenig Zielgenauigkeit erwarteten.[xvii] Im Zeitalter der Muskete verließen sie sich auf eine erhöhte Wirkung durch den Einsatz von mehr als einer Bleikugel pro Schuss, was zwar die Trefferquote erhöhte, aber wiederum die Reichweite und die Durchschlagskraft reduzierte.

Das Laden der Waffen war umständlich und zeitraubend. Im besten Fall konnte ein geübter Schütze unter optimalen Bedingungen einen Schuss pro Minute abgeben. Während der Zeit, die ein Musketenschütze benötigte, um seine Waffe einmal nachzuladen, konnte ein indianischer Krieger vier bis fünf Pfeile abschießen.[xviii]

In der ersten Hälfte des Jahrhunderts gehörten Schusswaffen aufgrund ihrer Unzuverlässigkeit, Ungenauigkeit, Unhandlichkeit und umständlichen Ladepraktiken nicht zum ausschlaggebenden Aspekt der Kriegsführung in Nordamerika. Zu oft kam es zu Fehlzündungen durch Pulvernässe. Dies behinderte den Einsatz der Waffe bei regnerischem Wetter und hob außerdem das Risiko von Fehlzündungen bei Nacht oder Nebel. Abgesehen davon war die Notwendigkeit einer glühenden Zündschnur bei den frühen Luntschlossmusketen gerade im Guerillaszenario, bei dem Verbergen und Anschleichen einen integralen Bestandteil der Kriegsführung darstellten, eine Gefahr, da hierdurch die eigene Position für den Gegner sichtbar wurde. Die Waffen waren umständlich, mussten beim Feuern auf Zielstöcke gelegt werden und selbst mit den verbesserten Waffentypen nach 1648 gab es viele solche Probleme. Daher war für die Kontrahenten auch der Umgang mit Hieb- und Stichwaffen wichtig, denn sobald die Schusswaffe entladen war, war der Schütze häufig gezwungen, im Nahkampf zu bestehen. Hier verfügten die Ureinwohner, durch den geschickten Umgang mit Kriegkeulen und Kampfbeilen zwar über einen Vorteil, ihre europäischen Gegner besaßen jedoch Harnische und Stahl als ausgleichenden Rüstungsvorteil. Die Harnische erwiesen sich allerdings als unpraktisch und körperlich außerordentlich belastend im unwegsamen Terrain.

Trotzdem setzten sich die Schusswaffen im Laufe des 17. Jahrhunderts langsam durch. Kamen in Europa um 1600 auf jeden Mann mit Schusswaffe noch fünf Pikeniere, so entstand bis 1680 ein Verhältnis, bei dem auf jeden Pikenier fünf Musketiere kamen.[xix] In den Kolonien schritt diese Entwicklung schneller voran, da es keinem gegnerischen Heer auf offenem Schlachtfeld zu begegnen galt, sondern sich die Gegner im Dickicht verbargen, aus dem Hinterhalt schossen, zuschlugen und verschwanden, gegen die die schwerfälligen Pikeniere mit ihren umständlichen Brustpanzern kaum ernsthafte Erfolge erzielen konnten. Diese Rüstungen, obwohl im Nahkampf von Nutzen, wurden im Laufe der Zeit durch Lederkutten und Jacken ersetzt, da diese leichter, den Mobilitätsanforderungen des Kleinkriegs in der Wildnis gewachsen waren und dennoch einen Schutz gegen Pfeile bieten konnten.[xx]

Waffentechnisch war der Wandel von der Luntschloss- zur Steinschlossmuskete eine bedeutende Verbesserung. Die zahlenmäßig schwachen Kolonialstreitkräfte führten diese innerhalb von zwanzig Jahren, zwischen 1640 und 1660, als Standardwaffe ein. Sie war nicht nur zuverlässiger, leichter und handlicher, sondern brachte auch die Einführung von vorgepackten „Patronen“, jeweils bestehend aus einer in Papier verpackten Bleikugel und Schießpulver. Dies verkürzte den Ladevorgang für die regulären Truppen, während Waldläufer und Milizionäre entlang der kolonialen „Frontier“ dank ihre persönlichen Fähigkeiten im Umgang mit Waffen kaum von den Patronen Gebrauch machten. Sie bevorzugten es, Schießpulver und Blei zu kaufen und den Ladevorgang mit einem Pulverhorn durchzuführen.

Durch die Einführung neuer Waffentechnologie verdoppelte sich die Feuerrate der Soldaten auf zwei bis drei Schuss die Minute. Die Reichweite erhöhte sich auf 150 Schritt, da die Papierverpackung obendrein die positive Nebenwirkung hatte, dass sie den Druck in Kammer und Lauf steigerte.

Die Ureinwohner hatten ein weitaus größeres Verständnis für die moderneren Schusswaffen als die Siedler, da diese oftmals die erhebliche Investition scheuten und keinen Anlass sahen, ihre veralteten Luntschlossmusketen durch Steinschlossmusketen zu ersetzen. Neuengland hatte seit 1636 keinen Krieg mehr erlebt und viele Siedler verließen sich auf die eigene zahlenmäßige Überlegenheit. Hatte man unter weitaus schlechteren Umständen die mächtigen Pequots bezwungen, so würde wohl kein Indianer es wagen, die explosionsartig anwachsende Siedlerbevölkerung anzugreifen. Alle Versuche seitens der Kolonialregierung, die Verfügbarkeit von Schusswaffen für die Indianer einzuschränken, scheiterten. Später wurden diese Einschränkungen nicht nur aufgehoben, sondern betende Indianer ab 1652 sogar zum Wehrdienst in den Milizeinheiten der Kolonie Massachusetts verpflichtet. Zusammen mit jenen Indianern, die in der Nähe von Ortschaften wohnhaft waren oder arbeiteten, mussten sie an den regelmäßigen Übungstagen der Lokalmilizen teilnehmen.[xxi]

Daher waren diese meist besser bewaffnet als die Siedler. Schon ab 1640 waren Schusswaffen ein wachsender Bestandteil der Bewaffnung jener Indianerstämme, die im direkten Kontakt mit einer der drei Kolonialmächte standen. Waren die Engländer und Franzosen oft bemüht, den Handel mit Schusswaffen zu unterbinden bzw. so gering wie möglich zu halten, handelten die Holländer eher offen mit dieser begehrten Ware. Die eindeutige Präferenz für Steinschlossmusketen zeigte, wie pragmatisch die Indianer beim Waffenkauf vorgingen. Sie ließen sich auch nicht mit qualitativ minderwertigen Waffen vertrösten, sondern suchten gerade jene Waffen, die möglichst wenig Blei und Schießpulver benötigten. Sie bevorzugten kleinere, sowohl für die Jagd als auch für den Krieg geeignete Kaliber, da sie hervorragende Schützen waren und ohnehin auch die kleineren Bleikugeln meist ihr Ziel fanden.[xxii] Insgesamt waren zu Kriegsausbruch vermutlich weit über die Hälfte der aufständischen Krieger im Besitz von Schusswaffen.

Ergänzend zu den waffentechnologischen Vorteilen der Europäer sind auch der Einsatz domestizierter Tiere und der Gebrauch von Befestigungsanlagen als militärische Aspekte hervorheben.

Der Einsatz von Tieren war vielfältig und wichtig. Trag- oder Zugtiere trugen zur Effektivität und Effizienz der Kommunikations- und Versorgungsnetze bei. Die Heere Europas deckten dadurch einen Großteil ihrer logistischen Bedürfnisse ab, wobei sie sich auf ein vorhandenes Straßen- und Wegenetz verlassen konnten.[xxiii]

Für die Anforderungen der Kolonialfeldzüge waren diese jedoch nur bedingt geeignet. In offenem Terrain, wie es beispielsweise der Konquistador Hernando Cortez in Mexiko vorfand, zeigte sich noch die absolute Überlegenheit der europäischen Militärtechnologie, doch die Urwälder der beiden amerikanischen Kontinente verwandelten den Vorteil zum Nachteil. Hernando de Soto, dessen Expedition 1539 bis 1543 über 6000 Kilometer zurücklegte, den Großteil davon im bewaldeten Südosten der heutigen USA, verlor die meisten seiner Nutztiere und vermied daher Waldkämpfe.[xxiv] Vor dem Bau von Straßen und demzufolge gerade im Falle von Feldzügen entlang der bewaldeten Hügeln und Täler der nordöstlichen „Frontier“ erwiesen sich die Karren und sogar die Pferde der Europäer nur selten als Vorteil. Im Gegenteil, sie behinderten die offensiven militärischen Anstrengungen, ins Feindesland vorzudringen, indem sie jegliche Hoffnung auf unentdeckten Vormarsch und den damit verbundenen Überraschungseffekt schwinden ließen. Die Tiere warnten Gegner durch Hufschlag oder Bellen. Sie konnten nur in begrenzter Anzahl auf den Wasserwegen transportiert werden oder zeigten sich in anderer Hinsicht den Anforderungen des Kampfes in bewaldeten Gebieten nicht gewachsen.[xxv] Insofern waren diejenigen die effektiveren Kämpfer, die mit Rucksäcken schwer bepackt große Distanzen zu Fuß oder mit dem Kanu zurücklegen konnten.

Im Kampf waren Kampfhunde und Pferde nur taktisch, d.h. innerhalb der Kolonien oder bei Militärunternehmen in unmittelbarer Nähe der Siedlungen sinnvoll, denn sie verliehen den Europäern verbesserte Möglichkeiten, fliehende Gegner über offenes Terrain zu verfolgen und sich durch die Witterungsfähigkeiten der Tiere gegen Hinterhalte zu schützen. Berittene hatten auf Lichtungen und offenen Wiesen bzw. Feldern den Kampfvorteil, der dann aber in bewaldetem Gebiet größtenteils schwand. Aufgrund der bis 1675 schon fortgeschrittenen Rodung und des Wegnetzes sicherten sowohl Reit-, Trag- und Zugtiere, wie auch einige berittene Einheiten trotzdem die Versorgung und die schnelle Verlegung von Truppenteilen innerhalb der Kolonien.

Was Befestigungen anbetrifft, so waren solche zu diesem Zeitpunkt eine übliche Sicherheitsmaßnahme. Kleinere Forts, vor allem jedoch sogenannte „Garnisonshäuser“, aus Stein und mit Notvorräten ausgestattet, dienten dem Schutz der Ortschaften. Hier sollte die Zivilbevölkerung im Ernstfall Zuflucht finden und gegen Angriffe ausharren können. Eroberte Gebiete oder auch strategisch wichtige Flussübergänge wurden während des Krieges durch Forts gesichert. Auch die Ureinwohner sahen die Vorzüge des westlichen Festungbaus, und mindestens vier nennenswerte Forts europäischer Bauart wurden zum Schutz von Dörfern eingesetzt: das Hauptdorf der Mohegans um 1643, als die Bedrohung durch die Narragansett am stärksten war; die „Sumpffestung“ der Narragansett vor Ausbruch des „King Philip’s War“; ein Dorf der Pocumtucks im Connecticut –Tal und ein weiteres im heutigen Ossipee (New Hampshire) die sich zwischen 1650 und 1670 mit Befestigungsanlagen vor Angriffen der Mohawks schützten.

2.3. Das Land

Das heutige Neuengland ist aus ökologischer Sicht nur bedingt mit dem des 17. Jahrhunderts zu vergleichen. Die durch die Ankunft der Europäer hervorgebrachten oder beschleunigten Veränderungen bei Fauna und Flora sind dermaßen ausgeprägt, dass sie eine umfassende Rekonstruktion des Konfliktes erschweren. Die heutigen Örtlichkeiten der ehemaligen Schlachtfelder reflektieren diesbezüglich nur noch sehr bedingt die damalige Realität.

Die Topographie des Landes als relative Konstante besteht aus der Küste und einer Küstenebene, die sich bis zum Fuß der Appalachen erstreckt. Deren bis zu 1200 Meter hoch gelegenen Hügel und Bergketten werden durch die zwei großen Flusstäler des Connecticut und des Hudson unterbrochen, die sich von Norden nach Süden ziehen. Das Tal des Hudson bildet die Westgrenze der Region, die Atlantikküste stellt die die Süd- und Ostgrenze dar, mit vorgelagerten Inseln, einer Vielzahl von mehr oder weniger großen Halbinseln und Buchten. Felsige Küsten und das Hochland des zentralen und nördlichen Neuenglands boten ideale Versteckmöglichkeiten und erschwerten den Kolonisten die Suche nach Aufständischen. Das Land war zudem von dichten Mischwäldern bedeckt, unterbrochen von Lichtungen, einer Vielzahl von Teichen und großen Sümpfen. Die Wälder der Region wurden von Süden nach Norden dichter und undurchdringlicher.[xxvi]

Im zentralen und südlichen Neuengland wurden Bäume nach Ankunft der Europäer verschwenderisch gerodet, um die landwirtschaftliche Nutzung und den Schiffbau zu ermöglichen oder Feuerholz zu gewinnen. Um 1675 produzierten die fünfzig Holzmühlen im Umkreis von Boston ungefähr drei Millionen Meter an Brettern und Planken, ein großer Teil davon als Exportware. Bis 1680 betrug allein der jährliche Holzbedarf der Fischindustrie Neuenglands beim Räuchern circa 50 000 große und 250 000 kleinere Bäume. Die Abholzung der ursprünglichen Wälder Neuenglands war in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts schon in vollem Gange.[xxvii] Die ohnehin dünnen Böden wurden durch den Verlust der Wälder trockener und wärmer, die Wildbestände vertrieben. Neuengland veränderte sich erkennbar. An die Stelle von Wäldern, Tümpeln und Sümpfen traten Ortschaften, Felder und Wiesen. Biberdämme waren verschwunden und deren regulierende Wirkung auf Flüsse ging verloren, ebenso wie die der immer mehr schwindenden Wälder. Die Welt der Ureinwohner änderte sich innerhalb eines halben Jahrhunderts auf eine Weise, die sie als beängstigend empfunden haben müssen.

Mit Hinblick auf die topographischen Gegebenheiten bilden die Flüsse die Hauptverkehrsadern des amerikanischen Nordostens. Im zentralen und südlichen Neuengland fließen die wichtigsten von ihnen entlang einer Nord-Süd-Achse, wobei im 17. Jahrhundert die Flusstäler durch die Fruchtbarkeit ihrer Böden über einen strategischen Stellenwert als Nahrungsquelle verfügten. Im Norden fließen der Merrimack und einige andere kleinere Flüsse Richtung Osten, wodurch sich diese für die mit Kanus ausgestatteten Ureinwohner als schnelle Angriffswege gegen Küstensiedlungen erwiesen.

Ein Vielzahl kleinerer Flüsse und Bäche durchzogen das Land und hatten die Kolonisten gezwungen, Brücken zu bauen. Diese wurden im Verlauf des Krieges häufig zerstört oder waren beliebte Stellen für Hinterhalte.

Die frühen Siedler berichteten von der immensen Vielfalt der Tier- und Vogelwelt.[xxviii] Diese jedoch nahm kontinuierlich ab, weil eine Grundlage der Handelsbeziehungen zwischen Siedlern und Ureinwohnern Pelze, Häute und Wildfleisch waren. Wie groß die Rolle dieser Güter war, zeigt sich darin, dass die Ortschaften Wethersfield, Hartford, Windsor und Springfield an den Ufern des Connecticut ursprünglich als Pelzhandelsstationen gegründet worden waren. Entlang des Merrimack waren es die Ortschaften Concord, Chelmsford und Lancaster. Der Biber und der Otter wurden schon zur Mitte des Jahrhunderts selten, bis 1672 war der Truthahn ausgerottet, Elche und Rehe zahlenmäßig stark reduziert. Vor allem importierte Schweine verwüsteten das Land und verdrängten indigene Tierarten. Auch sie erzeugten eine Vielzahl von Konflikten zwischen Siedlern und Einheimischen, setzten sich aber auch bei den Ureinwohnern als Nahrungsquelle durch (siehe unten). Bis zum Ausbruch des Krieges hatten viele Indianer die Tierhaltung der Siedler angenommen und ein signifikanter Anteil der Fleischgewinnung bestand bereits aus den Erträgen europäischer Nutztiere. Diese Entwicklung erzeugte eine verstärkte Abhängigkeit von der europäischen Tierhaltung als Nahrungsquelle und reduzierte die Mobilität der Ureinwohner, die sich nicht mehr in gleichem Maße wie früher auf die Versorgung durch die Natur verlassen konnten.

Diese Abhängigkeit bestand auch in militärischer und technologischer Hinsicht. Metallwerkzeuge und europäische Waffen hatten sich durchgesetzt, wobei die Krieger neben den erworbenen Musketen aber nach wie vor Pfeil und Bogen, Kriegskeulen und –beile zum Einsatz brachten.

[...]


[i] Rekonstruktion in Anlehnung an die Darstellung von Philbrick, Nathaniel, Mayflower - A Story of Courage,

Community, and War, Viking Press, New York, 2006, S. 335-36.

[ii] Vgl. Cronon, William, Changes in the Land – Indians, Colonists, and the Ecology of New England, New York, 1983, S. 42

[iii] Jennings (1976: 155) versucht diese Tendenz abzuschwächen, indem er behauptet, dass Indianer, im Gegensatz zu Europäern, die Einwohner der eroberten Gebiete vertreiben, aber nicht unterwerfen wollten. Dabei scheint er die Verhaltensmuster vieler Stämme zu ignorieren. Das Königreich des„Wahunsonacock“, des Sachem der Powhatans, von den Engländern auch „Powhatan“ genannt, der 30 Stämme unter seine Kontrolle gebracht hatte, stellt ein besonderes Beispiel dar, da die von ihm beherrschten Stämme die ersten waren, die im Untersuchungsgebiet überhaupt mit einer permanenten Siedlung von Europäern zu tun hatten. Außerhalb des Untersuchungsgebietes bot auch die politische Struktur der Stämme des Mississippi-Tals Beispiele, die seine Aussage widerlegen. Als ultimatives Gegenbeispiel könnte selbst Cahokia dienen.

[iv] Vgl. Turney-High, Harry, Holbert, Primitive War – Its Practice and Concepts, University of South Carolina Press, 1971 (Second Edition), S.171

[v] Vgl. Richter, Daniel, K., The Ordeal of the Longhouse – The Peoples of the Iroquois League in the Era of European Colonization, University of North Carolina, 1992, S. 99

[vi] Vgl. Malone, Patrick, M. The Skulking Way of War – Technology and Tactics among the New England Indians, Madison Books, New York, 2000, S. 23

[vii] Vgl. Nash, Gary, B.: Red, White and Black – The Peoples of North America, New Jersey, 2000, S. 79

[viii] Vgl. Mandell, Daniel, R. King Philip’s War – The Conflict over New England, Landmark Events in Native American History, Infobase Publishing, 2007, S. 80

[ix] Vgl. Keegan, John: A History of Warfare, Random House, London, 1993, S. 224

[x] Vgl. Schultz, Eric B. and Tougias, Michael J.: King Philip’s War – The History and Legacy of America’s Forgotten Conflict, Countrymen Press, Woodstock, 1999, S. 21

[xi] Vgl, Hanson, Victor, Davis, Why the West has Won – Carnage and Culture from Salamis to Vietnam, Random House, New York, 2001, S. 21-24

[xii] Vgl. Roberts, Keith, Matchlock Musketeer 1588-1688, Osprey Publishing, Oxford, 2002, S. 23

[xiii] In solchen Fällen verließen sich europäische Heerführer auf ihre Berufssoldaten bzw. Söldner, die sich als gute Kämpfer erwiesen und deren Einsatz alle europäischen Kolonien in Nordamerika ihre Existenz verdanken. Sie erwiesen sich als einfallsreich und hartnäckig. Obwohl von Historikern oft mit Geringschätzung behandelt, gibt es keine Kolonie, die nicht irgendwann in der Gründungsepoche durch deren Einsatz der Vernichtung entging.

[xiv] Das Schießen auf bewegliche Ziele war den englischen Milizionären fremd, während Indianer diesbezüglich durch die Jagd vorgeprägt waren. Mehrere Quellen belegen die rote Überlegenheit beim Schießen (Malone, 2000: 52, 66)

[xv] Inwiefern die Einstellung der Kolonisten bzw. Siedler mit der staatlichen Indianerpolitik im Konflikt lag, wird an anderer Stelle im vorliegenden Text ausführlicher behandelt.

[xvi] Vgl. Malone, S. 12

[xvii] Berücksichtigt man den Arbeitsaufwand verbunden mit der Herstellung von Pfeilen gegenüber Bleikugeln, konnten sich die Europäer deren verschwenderischen Einsatz ökonomisch rechtfertigen.

[xviii] Vgl. Gleach, Frederic, W. Powhatan’s World and Colonial Virginia – A Conflict of Cultures, University of Nebraska Press, Lincoln, 1997, S. 46

[xix] Vgl. Childs, John, Warfare in the Seventeenth Century, Cassel & Co, London, 2001, S. 209

[xx] Vgl. Ferling, John, E., A Wilderness of Miseries – War and Warriors in Early America, Contributions in Military History, No. 22, Greenwood Press, Westport, Connecticut, 1980, S. 12

[xxi] Malone, S. 50

[xxii] Vgl. Eames, Steven, “Weapons, Firearms”, in Gallay, Allen (ed.), Colonial Wars of North America 1512-1763, Garland Publishing, New York, 1996, S. 786

[xxiii] Wobei Verpflegungsengpässe so gut wie dauerhaft vorhanden waren und von den Soldaten erwartet wurde, dass sie sich auf Kosten der Landbevölkerung verpflegten. Marodierende Söldner im schlimmsten Falle, aber auch plündernde Soldaten, waren die direkte Konsequenz dieses Ansatzes.

[xxiv] Vgl. Hudson, Charles, Knights of Spain, Warriors of the Sun – Hernando de Soto and the South’s Ancient Chiefdoms, University of Georgia Press, Athens, 1997

[xxv] Angesichts der wichtigen Rolle, die das Kanu diesbezüglich spielte, waren Trag- und Reittiere besonders hinderlich, da sie lediglich auf schweren Transportkähnen untergebracht werden konnten. Die Kähne wiederum erwiesen sich bei den vielen Stromschnellen als problematisch, umständlich und schränkten somit die Mobilität der Truppe erheblich ein.

[xxvi] Cronon, S. 110. Ab 1630 wurden die hoch gewachsenen Bäume des nördlichen Neuenglands für den Schiffbau der Royal Navy eingesetzt. Als 1654 die Ostseegebiete nicht mehr für die Flotte zugänglich waren, wurden die Wälder Neuenglands die einzig verbleibende Quelle für die Hauptmasten englischer Kriegsschiffe. 1660 bemerkte ein Beobachter, dass die meisten Masten direkt aus den Sägemühlen des heutigen Kittery, Wells und Portland stammen, alle gelegen am Ufer des Merrimack.

[xxvii] Vgl. Purvis, Thomas and Balkin, Richard, Colonial America to 1763, Almanacs of American Life, Library of Congress, 1999, S. 10

[xxviii] Vgl. Cronon, S. 25

Ende der Leseprobe aus 87 Seiten

Details

Titel
"King Philip’s War": Nordamerikas blutigster Indianerkrieg (1675 -1677)
Untertitel
Ein militärhistorischer Überblick
Autor
Jahr
2014
Seiten
87
Katalognummer
V266781
ISBN (eBook)
9783656576297
ISBN (Buch)
9783656576280
Dateigröße
1103 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
king, philip’s, nordamerikas, indianerkrieg, überblick
Arbeit zitieren
Dr. Stephan Maninger (Autor), 2014, "King Philip’s War": Nordamerikas blutigster Indianerkrieg (1675 -1677), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266781

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "King Philip’s War": Nordamerikas blutigster Indianerkrieg (1675 -1677)


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden