Die Europäische Integration. Eine Cleavage?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Cleavage-Theorie
2.1 Die Cleavage-Theorie von Lipset und Rokkan
2.2 Definitionen und notwendige Elemente einer Cleavage

3. Die Europäische Integration und ihre Folgen
3.1 Charakterisierung der Europäischen Integration anhand eines historischen Umrisses
3.2 Konflikte durch die Europäische Integration

4. Analyse anhand der notwendigen Elemente von Bartolini und Mair und der Auswirkung auf die politische Ordnung
4.1 Das empirische Element: Die Sozialstruktur - Der Versuch einer Herleitung anhand der Einstellungen zum Europäischen Integrationsprozess
4.2 Das normative Element: Die Gruppenidentität
4.3 Das organisatorische/Verhaltens-Element: Der organisatorische Ausdruck
4.4 Die Auswirkung auf die politische Ordnung und die europäischen Parteiensysteme

5. Fazit und Ausblick

6. Abkürzungsverzeichnis

7. Literaturverzeichnis
7.1 Monographien
7.2 Zeitschriftenaufsätze
7.3 Beiträge in herausgegebenen Büchern
7.4 Arbeitspapiere
7.5 Internetseiten
7.6 Offizielles Dokument
7.7 Datensatz

1. Einleitung

Die Europäische Integration hat die Politik und Gesellschaft der daran beteiligten Länder maßgeblich gewandelt. Kompetenzen der Nationalstaaten wurden auf die europäische, supranationale Ebene verlagert, wodurch sich ihr Handlungsrahmen geändert hat. Er hat die politischen Parteien vor neue Aufgaben gestellt und sich auf ihre Programme ausgewirkt. In jüngsten Nationalwahlen haben rechtspopulistische und euroskeptische Parteien wie die „Wahren Finnen“ in Finnland, die FPÖ in Österreich oder die „Partei für die Freiheit“ in den Niederlanden große Erfolge einfahren können. Dabei erhielten sie auch aufgrund ihrer expliziten Positionen gegen den Europäischen Integrationsprozess hohen Zulauf. Vor allem durch die gegenwärtigen Eurokrise hat sich der politische Konflikt innerhalb der Nationalstaaten verschärft. Während einige PolitikerInnen und Parteien mehr Kompetenzen für die Europäische Union (EU) fordern, um die Probleme der Wirtschafts- und Finanzkrise zu lösen, wollen andere dies zum Schutz der nationalstaatlichen Souveränität verhindern und die Befugnisse der EU zurückdrängen. Diese Debatte und die daraus resultierenden Handlungen der politischen Akteure kann die Zukunft des Euros, den Verbleib des Staatenverbundes EU und damit das Leben der zukünftigen Generationen bestimmen. Ob es sich bei der Europäischen Integration um einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Konflikt handelt, welcher sich auf die europäischen Parteiensysteme ausgewirkt hat, werde ich in dieser Hausarbeit untersuchen. Dafür werde ich zuerst die Cleavage-Theorie von Lipset und Rokkan sowie den Prozess der Europäischen Integration und dessen Folgen aufzeigen. Anschließend werde ich anhand der drei notwendigen Elemente von Bartolini und Mair analysieren, ob es sich um eine Cleavage oder um einen von vielen politischen Konflikten handelt.

2. Die Cleavage-Theorie

2.1. Die Cleavage-Theorie von Lipset und Rokkan

Die Cleavage-Theorie geht auf die Politikwissenschaftler Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan zurück. In ihrem 1967 erschienenen Aufsatz „Party Systems and Voter Alignments“ verfolgen sie einen „makrosoziologischen Ansatz“ (Schoen 2009, 185) und führen die Entstehung der Parteien sowie der europäischen Parteiensysteme auf gesellschaftliche Spannungslinien, den sogenannten „Cleavages“ (zu Englisch: „Kluft“/ „Spalt“), zurück. Ihrer Ansicht nach seien vier grundlegende, polarisierende Cleavages aus der Nationalen sowie aus der Industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden (Lipset/Rokkan 1967, 14ff.). Erstere bezieht sich auf den europäischen Bildungsprozess der Nationalstaaten und dem daraus entstandenen sozio-kulturellen Konflikt. Dieser erfolgte zum einen zwischen den herrschenden, nationalen Eliten und den ethnischen, sprachlichen oder religiösen Minderheiten (Zentrum vs. Peripherie). Zum anderen tat er sich aufgrund des jeweiligen Herrschaftsanspruches des Nationalstaates und der Kirche auf (Staat vs. Kirche). Sozioökonomische Konflikte folgten durch die Urbanisierung im Zuge der Industriellen Revolution während des 19. Jahrhunderts. Dabei prägte sich eine Spannung zwischen den ländlichen GroßgrundbesitzerInnen und des Landadels sowie der wachsenden städtischen Unternehmerschicht aus (Land vs. Stadt). Aus dem ökonomischen Wandel „entwickelten sich Kapitaleigner und abhängig Beschäftigte als Träger entgegen gesetzter ökonomischer Interessen“ (Schoen 2009, 185) (Arbeit vs. Kapital).

Durch diese Interessenskonflikte, der Ausweitung des Wahlrechts auf alle StaatsbürgerInnen und durch die Entwicklung des politischen Wettbewerbs seien die politischen Parteifamilien wie die Liberalen, Konservativen, Sozialdemokraten und Regionalparteien entstanden. Diese nahmen die Interessen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen der jeweiligen Konfliktseite auf und vertraten sie im politischen Wettbewerb bzw. in den Parlamenten (Vgl. Lipset/Rokkan 1967, 14-23). Aufgrund der anhaltenden Wählerbindungen, den „alignments“ (Vgl. Ebd., 13), der sozialen Milieus, stellen sie am Ende ihrer Untersuchung die „FreezingHypothese“ auf. Nach dieser spiegele „das Parteiensystem der 1960er, mit wenigen aber bedeutsamen Ausnahmen, die Cleavage-Strukturen der 1920er wider“1 (Ebd., 50). Dadurch seien die heutigen Parteiensysteme „festgefroren“. Einige AutorInnen sehen ein Auftauen dieser Parteiensysteme durch neu entstandene Cleavages wie bspw. durch den Wertekonflikt zwischen Postmaterialismus und Materialismus aufgrund der „Silent Revolution“ (Inglehart 1977). Es ist offensichtlich, dass die Europäische Integration (EI) zu Konflikten innerhalb der europäischen Gesellschaften geführt hat. Allerdings bedeutet dies nicht automatisch, dass aus einer „Europäischen Revolution“ eine Cleavage folgte. Dies werde ich anhand von Definitionen und notwendigen Elementen untersuchen.

2.2. Definitionen und notwendige Elemente einer Cleavage

Innerhalb der Literatur existiert keine einheitliche, allgemein gültige Definition des Begriffs „Cleavage“ (Vgl. Elff 2004, 31-39). Der Politologe Franz Urban Pappi definiert „Cleavage“ als einen dauerhaften politischen „Konflikt, der in der Sozialstruktur verankert ist und im Parteiensystem seinen Ausdruck gefunden hat“ (Pappi 1977, 195; Hervorhebung im Original). Dieser trenne „die Befürworter[-] und Gegner[Innen] bei einer polit. Entscheidung“ (Pappi 2010, 110). Dabei setzt er das Abstimmungsverhalten der WählerInnen bei bestimmten Policy-Fragen in den Mittelpunkt. Ähnlich verfahren Rae und Taylor, welche eine Cleavage als „eine Unterteilung einer Gesellschaft in beispielsweise Religions-, Meinungs- und Wählergruppen“ (Rae/Taylor 1970, 23) bestimmen und den Schwerpunkt auf die Gruppenzugehörigkeit legen. Zwar beschreiben diese Definitionen charakteristische Merkmale einer Cleavage, doch kann dies auf nahezu jeden politischen Konflikt zutreffen (Vgl. Bartolini/Mair 1990, 215).

Weitaus hilfreicher ist der Versuch von Stefano Bartolini und Peter Mair, welche die Cleavage-Theorie durch drei notwendige Elemente konzeptionalisieren. Nach ihnen müsse eine Cleavage ein empirisches, ein normatives und ein organisatorisches/Verhaltens-Element beinhalten (Vgl. Bartolini/Mair 1990, 215-216). Jedes könne unterschiedlich ausgeprägt sein und sich unabhängig von den anderen Elementen verändern und sogar verschwinden (Ebd., 219-220). Sie kommen zu dem Schluss, dass eine Cleavage in erster Linie „als ein Verschluss von sozialen Beziehungen“2 (Ebd., 216) aufgefasst werden muss. In einem späteren Werk konkretisiert Bartolini den Bezug einer Cleavage zur Polity-Dimension und charakterisiert sie „als eine Verbindung zwischen der Sozialstruktur und der politischen Ordnung“3 (Bartolini 2000, 16). Knutsen und Scarbrough fügen hinzu, dass die Mitglieder jener „strukturell definierten sozialen Gruppe an der Werteorientierung der Gruppe haften [müssen] und die Partei unterstützen, welche diesen Werten eine politische Stimme gibt“4 (Knutsen/Scarbrough 1995, 500). Zusammenfassend muss eine Cleavage die drei notwendigen Elemente beinhalten und sich auf das Wahlverhalten und das Parteiensystem auswirken.

Eine weitere, grundlegende Voraussetzung ist eine historische Dimension, aus welcher sich jene Elemente, deren Beziehung zueinander sowie eine Konfliktlinie entwickeln kann bzw. konnte (Vgl. Lipset/Rokkan 1967, 2; Bartolini/Mair 1990, 220). Daher werde ich zuerst versuchen den Europäischen Integrationsprozess und seine wesentlichen Merkmale und Folgen durch einen historischen Umriss aufzuzeigen.

[...]


1 Vom Verfasser aus dem Englischen übersetzt.

2 Vom Verfasser aus dem Englischen übersetzt.

3 Ebd.

4 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Europäische Integration. Eine Cleavage?
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
Einführung in die Vergleichende Politikwissenschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V266952
ISBN (eBook)
9783656568124
ISBN (Buch)
9783656568070
Dateigröße
652 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Europa, Cleavage, Europäische Integration, Konfliktlinien, Parteien, Parteiensystem, Vergleichende Politikwissenschaft
Arbeit zitieren
Lucas Gerrits (Autor), 2011, Die Europäische Integration. Eine Cleavage?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266952

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