Die Illusion der Willensfreiheit

Gerhard Roth und ein neurobioligisches Menschenbild


Hausarbeit, 2012

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Menschenbilder
1.1 Das geisteswissenschaftliche Menschenbild
1.2. Das naturalistische Menschenbild
1.3 Auf dem Weg zu einem neuronalem Menschenbild?

2. Das neuronale Menschenbild nach Roth
2.1 Willensfreiheit als Tatsache oder lediglich ein Gefühl?
2.2 Das Libet-Experiment als Beweis für eine nicht existente Willensfreiheit?
2.3 Der neurobiologische Determinismus und die persönliche Schuldfrage
2.4 Der Homo neurobiologicus nach Roth

3. Fazit

Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Die Neurobiologie gilt als die neue Leitwissenschaft unserer Zeit. Aufgrund schneller Fortschritte in der neurobiologischen Forschung wird das Wissen über die Funktionsweise des Gehirns permanent vermehrt. Die aktuellen neurobiologischen Erkenntnisse werden vielfach diskutiert, idealisiert und kritisiert. Die Hirnforschung, als neuzeitliche Wissenschaft, revidiert aktuell unser geisteswissenschaftlich geprägtes Menschenbild. “Der Mensch als “handelndes selbstbestimmtes Subjekt” wird durch Ergebnisse der neurobiologischen Forschung in Frage gestellt. Dies schließt insbesondere eine Nivellierung der ursprünglich fundamentalen Unterschiede zwischen dem Menschen und der belebten und unbelebten Natur ein” (Pauen 2007, 41).

Natürlich können durch naturalistische Erklärungsmuster Akzente und Nuancen in der menschlichen Eigenwahrnehmung verändert werden. Ob neurobiologische Erkenntnisse unser Menschenbild verändern hängt nicht zuletzt davon ab, was wir als Erklärungsmuster akzeptieren und unter welchen Gesichtspunkten wir Experimente, wie das Libet-Experiment, interpretieren. Die wissenschaftliche Erörterung darüber, ob der Mensch ein selbstbestimmtes Wesen oder durch neuronal-determinierte Abläufe gesteuert ist, sorgt insbesondere unter Psychologen, Philosophen, Theologen und Neurologen für teils sehr emotionsgeladene Diskussionen.

Die bis dato sozialwissenschaftlich ausgerichtete Pädagogik hält sich bisher in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Erkenntnissen der Neurobiologie zurück. Großes pädagogisches Interesse an Ergebnissen der Hirnforschung besteht insbesondere im Bereich der Themen Bildung und Lernen. Man erhofft sich aufgrund gewonnener Kenntnisse hilfreiche Hinweise, um Lernprozesse und pädagogischen Förderungsbedarf effizienter gestalten zu können. “Die Heilpädagogik erhofft sich von differenzierteren hirnorganischen Befunden mehr diagnostische Aussagekraft und dadurch ein besseres Verstehen dieser Kinder, z.B. bei dem immer häufiger beobachteten Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) oder Kinder mit Autismus” (vgl. Speck 2008, 12).

Eine intensive pädagogische Auseinandersetzung mit dem neurobiologischen Menschenbild hat bisher nicht stattgefunden. Dabei beeinflusst das der Pädagogik allgemein zugrundeliegende Menschenbild maßgeblich die pädagogische Haltung und hat erheblichen Einfluss auf pädagogische Zielsetzungen und Interventionen, denn ändert sich das allgemeingültige Menschenbild, so ändert sich auch der pädagogische Auftrag.

Die in der pädagogischen Auseinandersetzung mit neurobiologischen Erkenntnissen zentrale Fragestellung muss sich zwangsläufig auf das der Neurobiologie zugrundeliegende Menschenbild beziehen, welches von führenden Neurobiologen kommuniziert wird. Zu Letzteren gehört der Neurobiologe Gerhard Roth, welcher die Auffassung vertritt, es gäbe weder einen freien Willen noch ein Selbst, welches als handlungssteuernde Instanz gelten kann. Vielmehr ist nach Roth das Bewusstsein durch rein naturwissenschaftlich beschreibbare Verschaltungen der neuronalen Organisationsstruktur determiniert. Den freien Willen des Menschen im traditionellen Sinn bezeichnet er als Illusion.

Die vorliegende Arbeit skizziert zunächst zentrale Aspekte eines geistes-wissenschaftlichen und naturalistischen Menschenbildes. Im Anschluss wird anhand der Begrifflichkeiten Willensfreiheit, Determinismus und Autonomie das neurobiologische Menschenbild Roths aufgezeigt. In einem abschließenden Fazit werde ich die zentralen Erkenntnisse des neurobiologischen Menschenbildes zusammenfassen und mögliche Auswirkungen für die erziehungswissenschaftliche Haltung aufgreifen.

1. Menschenbilder

Unser traditionelles Menschenbild ist geisteswissenschaftlicher Ausrichtung und geht davon aus, dass der Mensch in der Natur eine einzigartige Stellung einnimmt. Begründet durch den Besitz von Geist, Bewusstsein, Intelligenz, Verstand und Vernunft, das Sprachvermögen und insbesondere die spezifische gesellschaftliche Natur des Menschen (vgl. Roth 2003, 545). Biologisch gesehen gibt es jedoch keine Sonderstellung des Menschen. Die Sonderstellung des Menschen ist biologisch nicht begründbar und somit im Naturgesetz nicht verankert. Die Wissenschaft betrachtet somit den Menschen aus unterschiedlichen Perspektiven und gelangt zu unterschiedlichen Menschenbildern und damit verbundenen Fähigkeiten.

Neben ihrer deskriptiven Funktion wirken Menschenbilder vor allem normativ.

Menschenbilder fungieren als Vor- oder Leitbilder für Erziehungs- und Bildungsformen über Rechtspolitiken bis hin zu individuellen Lebensentwürfen und -stilen, also auf kollektiver ebenso wie auf individueller Ebene. Insofern sind sie ein unverzichtbares Element unseres demokratischen Gemeinwesens und sind ausschlaggebend für unser Selbstverständnis. Neben dem geisteswissenschaftlichen und naturalistischen Menschenbild stellt sich nun die Frage, inwiefern durch die Befunde der Hirnforschung ein neues Menschenbild konzipiert wird und welche Merkmale und Fähigkeiten dieses dem Menschen zuschreibt.

1.1 Das geisteswissenschaftliche Menschenbild

Das Menschenbild, das unsere westliche Zivilisation prägt, stammt aus den

Geisteswissenschaften. Das Geistige gilt hier als höchstes Sein des Menschen, das Naturgeschehen übersteigt und seine Freiheit, Individualität und Menschenwürde begründet (vgl. Roth 2003, 562). Das geisteswissenschaftliche Menschenbild geht davon aus, dass die Person ein Subjekt ist, das erleben kann und mit Bewusstsein ausgestattet ist, das in der Lage ist, seinen Willen selbst zu bestimmen und auszuüben. Die Freiheit des Willens besteht auch in der Wahlfreiheit, sich gegenüber der Umwelt unterzuordnen oder sich zu widersetzen. Ein zentrales Merkmal des geisteswissenschaftlichen Menschenbildes bildet somit der Mensch als “handelndes Wesen”. Der Mensch gilt als Kulturwesen mit einer zweifachen Geschichte, nämlich erstens der Kulturgeschichte, in die der Mensch hineingeboren wird, um in ihr, zweitens, eine biografisch-individuelle Geschichte zu durchlaufen (vgl. Janisch 2006, 79). Die geisteswissenschaftliche Haltung geht davon aus, dass geistige Phänomene wie z.B. das Bewusstsein, nicht durch materialistische Eigenschaften (etwa neurologisch beschreibbare Prozesse) ersetzt werden können. Der Mensch, als handelndes Subjekt, besitzt Bewusstsein, Selbstbewusstsein, Willensfreiheit und somit auch Verantwortung für sein Handeln, denn dieses scheint nicht determiniert, sondern frei wählbar.[1] Das Erkenntnisprinzip der Geisteswissenschaft definiert sich über das Verstehen. Aus der Beschaffenheit der Gegenstände geisteswissenschaftlicher Forschung wird die hermeneutische Methode des „Verstehens“ abgeleitet. Dementsprechend handeln wir aus Überlegungen, die Gründe für das Handeln ergeben, die zwar beeinflusst werden von Kontexten, nicht jedoch direkt von physikalischen Ursachen (z.B. Ampel auf Grün), denn die müssen erst geistig repräsentiert und verarbeitet werden („Losfahren“). Der Mensch zeigt, dass er handelt und weist zusätzlich eine innere seelische Struktur auf, deren funktionelles Zentrum im Selbsterleben bzw. dem personalen Selbst besteht. „Ein weiteres wichtiges Kriterium bildet die Sprache, die Erfahrung von Bedeutung und der Sinn, der über dem reflexhaften und automatisierten Verhalten steht. Letztlich ist die Person als Subjekt unhintergehbar als Träger des Intersubjektiven, was letztlich auch erst die Wissenschaft ermöglicht. Ein derartiges Menschenbild ist seit der Aufklärung Basis unserer Sozial- und Rechtsordnung“ (vgl. Höfling;Tretter 2012, 2).

[...]


[1] „ Dieses Konzept ist bis heute die Grundlage des abendländischen Gesellschafts-, Rechts- und Erziehungssystems. Es ist deshalb so erfolgreich, weil es unserem Empfinden entspricht. Bei den meisten Handlungen, die wir ausführen, haben wir das Gefühl, dass wir als bewusst denkendes, fühlendes und planendes Subjekt, als Ich, Verursacher des Großteils unserer Handlungen sind. Dieses Ich ist seinerseits bestimmt von Vernunft, von der Einsicht in die Sachlage und die Randbedingungen unseres Handelns und insbesondere in die Konsequenzen dieses Handelns (Roth 2003, 19).

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Illusion der Willensfreiheit
Untertitel
Gerhard Roth und ein neurobioligisches Menschenbild
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Aktuelle Debatten der Erziehungswissenschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V267010
ISBN (eBook)
9783656577621
ISBN (Buch)
9783656577645
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
illusion, willensfreiheit, gerhard, roth, menschenbild
Arbeit zitieren
Claudia Eichenberg (Autor:in), 2012, Die Illusion der Willensfreiheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267010

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