Jugendspezifischer Sprachgebrauch im Kontext sprachlicher Varietäten in der BRAVO


Seminararbeit, 2011
35 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Begründung und Relevanz des Themas
1.2 Allgemeine Vorgehensweise

2 Theoretischer Rahmen – Jugendsprache im Kontext sprachlicher Varietäten
2.1 Die Lebensphase Jugend und Jugendkultur
2.2 Die Jugendsprachen
2.2.1 Die sprachliche Varietät
2.2.2 Historische Entwicklung jugendspezifischen Sprachgebrauchs
2.2.3 Abgrenzung der Jugendsprachen zur Standardsprache
2.3 Die Jugendsprachforschung – Ein Überblick

3 Exemplarische Analyse
3.1 Der Untersuchungsgegenstand – Vorstellung und Begründung
3.1.1 Betrachtung des bildlichen und sprachlichen Erscheinungsbildes von Jugendzeitschriften
3.1.2 Die „Bravo“
3.2 Das Analysemodell der integrativen Textanalyse nach Klaus Brinker
3.3 Schwerpunkte und Zielerhebung der Untersuchungen
3.4 Die exemplarische Analyse
3.4.1 Funktionale Dimension
3.4.2 Strukturell-thematische Dimension
3.4.3 Strukturell-grammatische Dimension
3.5 Auswertung der Analyse

4 Abschließende Bemerkungen

Quellen- und Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Spricht man von „Jugendsprache“[1], so scheint deren Definition dezidiert zu sein. Diese Beschreibung jugendspezifischen Sprachgebrauchs impliziert, dass es sich um eine eigene Sprache handelt, die von allen Jugendlichen gesprochen wird, vergleichbar mit anderen Sondersprachen. Diese und ähnliche Fehldeutungen erschweren eine konkrete Begriffsbestimmung des Terminus. Peter SCHLOBINSKI insistiert auf der Notwendigkeit, die Jugend als heterogene Gruppe zu betrachten, die nicht durch die „eine“ Jugendsprache, sondern durch Variation gekennzeichnet ist (vgl. Schlobinski u.a. 1993: 37). Diese Aussage soll für den weiteren Verlauf dieser Arbeit richtungsweisend sein und die Basis für die folgenden Beiträge konstituieren.

1.1 Begründung und Relevanz des Themas

Seit 2008 wählt eine Jury bestehend aus Jugendlichen und Journalisten das „Jugendwort des Jahres“. Die Bewertung basiert auf Kriterien wie „Kreativität, Originalität, Verbreitungsgrad und Aktualität“ (http://www.jugendwort.de/jugendwort.cfm vom 22.02. 2012). Betrachtet man nun als Erwachsener Wörter wie „Gammelfleischparty“, „hartzen“, „Niveaulimbo“ und „Swag“, so bleiben Sinnzuschreibungsprobleme und Missverständnisse oftmals nicht aus. Diese Form der sich entwickelnden Sprachbarriere spiegelt sich auch in der Fülle der publizierten Wörterbücher wider, die es sich zur Aufgabe machen, jugendspezifische Ausdrücke in die allgemeinverständliche Hochsprache zu übersetzen. Die Relevanz und Aktualität des Themas wird auch mit Blick auf andere Medien mehr als deutlich. Allein im September des vergangenen Jahres erschienen im „Spiegel Online“ vier Artikel, die sich mit unterschiedlichen Sachverhalten jugendspezifischen Sprachgebrauchs beschäftigen (vgl. http://www.spiegel.de/suche/index.html?suchbegriff=jugendsprache vom 12.02.2012). Es scheint, als sei die Jugendsprache in aller Munde, wobei sie längst nicht von Allen gesprochen oder verstanden wird. Das Thematisieren von jugendspezifischen Sprechweisen ist jedoch nicht den Medien und Buchverlagen vorbehalten. Jugendsprache als Unterrichtsgegenstand erweist sich als relevant und äußerst vielseitig einsetzbar. Artikel aus Jugendzeitschriften zum Beispiel bieten Gelegenheit, linguistische, strukturelle und funktionale Besonderheiten der sprachlichen Varietät zu analysieren und darauf aufbauend über den eigenen Sprachgebrauch zu reflektieren. Die notwendige Differenzierung von formalen und umgangssprachlichen Ausdrucksweisen kann somit verdeutlicht, wirklichkeitsnah veranschaulicht und beispielsweise bei der Erprobung eines Vorstellungsgesprächs angewandt werden (vgl. Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Weiterbildung, Mainz 1998: 207).

1.2 Allgemeine Vorgehensweise

Warum aber spricht die Jugend anders, welche Funktionen erfüllt dies und lässt sich die Jugendsprache als eigenständige sprachliche Varietät definieren? Welche Merkmale weisen jugendspezifische Sprechweisen auf? Die vorliegende Arbeit stellt Bemühungen an, diesen und anderen Fragen zum Thema Jugendsprache im Kontext sprachlicher Varietäten nachzugehen.

Um eine übereinstimmende Vorstellung der Termini „Jugend“ und „Jugendsprache“ zu gewährleisten, werden diese im nachfolgenden Kapitel definiert. Besondere Beachtung erfährt hierbei die Differenzierung zur Standardsprache. Im darauffolgenden Forschungs-überblick werden unterschiedliche sprachpragmatische und sprachsystematische Untersuchungen vorgestellt. Das dritte Kapitel konstituiert die exemplarische Analyse jugendspezifischen Sprachgebrauchs anhand integrativer Textanalyse ausgewählter Artikel aus der Jugendzeitschrift „Bravo“. Wie wird die Jugendsprache repräsentiert? Sind die Artikel in ihren jugendsprachlichen Merkmalen authentisch oder vielmehr „künstlich“, von Erwachsenen produzierte Formulierungen, die zum Ziel haben, den Sprech- bzw. Sprachstil Jugendlicher nachzuahmen? Die darauffolgende Auswertung der Analyse soll versuchen, mögliche Antworten auf diese Fragen zu finden.

Die für die vorliegende Arbeit genutzten Zeitungsartikel aus der Jugendzeitschrift „Bravo“ werden als Farbkopie im Anhang beigefügt. Es handelt sich hierbei um exemplarische Auszüge aus den Heften 8, 9 und 10 aus dem Monat Februar 2012. Um ein hohes Maß an Zuverlässigkeit bezüglich der Ergebnisse der Textanalyse gewährleisten zu können, werden vier ausgewählte Texte untersucht, worin sich der textuelle Umfang der Ausarbeitung begründet.

2 Theoretischer Rahmen – Jugendsprache im Kontext sprachlicher Varietäten

Obwohl es keine einheitliche Definition des Begriffs „Jugendsprache“ gibt, muss für den weiteren Verlauf dieser Arbeit eine genauere Bezeichnung für jugendliche Sprechweisen erfolgen. Es gilt im Folgenden zu untersuchen, ob jugendspezifische Sprechweisen als selbstständige Varietät anerkannt werden können. Hinsichtlich dieser Einteilung verweist Eva NEULAND auf die Frage, welche Menge und Typen sprachlicher Merkmale es zu bestimmen gilt, um eine Definition als selbstständige Varietät rechtfertigen zu können. Als problematisch erweist sich hierbei die Tatsache, dass ein gewisses Maß an Homogenität und Stabilität innerhalb der Varietät vorausgesetzt werden muss, um diese von anderen Varietäten differenzieren zu können (vgl. Neuland 2003: 137).

Bevor jedoch eine genauere Betrachtung von Jugendsprache im Kontext sprachlicher Varietäten erfolgt, scheint eine Beschreibung der Lebensphase Jugend und der sich darin befindenden und sich stetig entwickelnden Kultur sinnvoll.

2.1 Die Lebensphase Jugend und Jugendkultur

Allgemein umfasst die Lebensphase Jugend die Zeit zwischen Pubertät und Erwachsensein. Sie kann in drei Abschnitte gegliedert werden: Die frühe Jugendphase, auch pubertäre Phase genannt (12 - 17 Jahre); die mittlere Jugendphase (nachpubertäre Phase) von 18 - 21 Jahren und die späte Jugendphase (22 - 27 Jahre), welche als Übergang ins Erwachsenenalter bezeichnet wird. Jedoch beruht diese Einteilung auf statistischen Schätzungen und kann nicht verallgemeinert werden. Der Übergang von einer Teilphase zur nächsten ist oftmals verschwommen und nur schwer festlegbar. (vgl. Schäfers 1994: 29f und Hurrelmann 2007: 41). Der Zeitpunkt der einsetzenden Geschlechtsreife findet aber nach Ergebnissen der Shell Jugendstudie von 2002 immer früher statt (vgl. Hurrelmann/Albert 2002: 31).

Die Lebensphase Jugend ist geprägt von einer intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen, sich noch entwickelnden Person, bedingt durch die Veränderungen des eigenen Körpers und der Psyche. Hierbei kommt es häufig zu Spannungen zwischen der Entwicklung der Ich-Identität, der persönlichen Individuation und der sozialen Integration. Ein wichtiges Ziel dieser Phase ist demnach eine Balance zwischen beiden zu finden und diese dann auch zu stabilisieren (vgl. Hurrelmann 2003: 117ff).

Besonders im kulturellen Bereich lässt sich eine verstärkte Individualisierung und Präsenz einer gesellschaftlichen Subkultur beobachten. Einige Soziologen betrachten die Bildung einer Subkultur als eine Reaktion auf eine unzureichende Gesellschafts- und Kulturstruktur. Die Orientierung an altershomogenen Gruppen ersetze zumindest teilweise Defizite in den Sozialisationsinstanzen wie die Familie oder Schule (vgl. Baacke 2007: 115 u. 127f). Die Jugend grenzt sich durch Mode, Musik und Sprache von den anderen Mitgliedern ihrer Gesellschaft ab. Sie besteht als eigenständige Lebensphase, hat aber gesellschaftlich gesehen immer noch einen eher marginalen Stellenwert. Die Jugend und ihre Kultur lassen sich nicht als ein ganzes, einheitliches soziales System beschreiben. Es bedarf einer differenzierten Betrachtung einzelner Aspekte, welche man in den Begriffen „Jugend“ und „Jugendkultur“ subsumieren kann. Diesbezüglich führt TENBRUCK an, dass die Jugend „wesensmäßig eine soziale Gruppe“ ist, jedoch gleichzeitig durch Vielfalt in weiteren „Gruppenbildungen in Erscheinung“ tritt, welche durch „das Bewusstsein gemeiner Art“ und die „auf sie wirkenden Kräfte und Bedingungen, sowie durch Überschneidung zwischen den Gruppen, gekennzeichnet ist.“ (Tenbruck 1965: 66). Die Jugend als soziale Gruppe lässt sich folglich in drei Ebenen gliedern, deren Grenzen jedoch nicht klar und starr zu sehen, sondern fließend sind: Die Ebene der „jugendlichen Subkulturen oder Jugendkulturen“ (Androutsopoulos 1998: 4); die Ebene der „virtuellen Großgruppe Jugend“ (Nowottnick 1989: 25) und die Ebene der Kleingruppen Gleichaltriger (vgl. David 1987: 9). Letztere, die sogenannten Peer-Groups, bilden bei der Ich-Entwicklung und Identitätsfindung eine entscheidende Rolle, da sie partiell die „kollektive Sozialisation“ (ebd.) vorantreiben und steuern. AUGENSTEIN beschreibt die Peer-Group als „jugendliche Eigen- und Erlebniswelt“ (Augenstein: 1998: 85), welche die Bildung eines Bewusstseins für „Regeln und Konventionen des Miteinanders“ (ebd.) fördert. Über die Sozialisationsfunktion hinaus schreibt DAVID der Peer-Group auch eine „Schutz- und Ausgleichsfunktion“ (David 1987: 9) zu, da sich der Einzelne meist an den anderen Mitgliedern der Kleingruppe orientiert und somit allen Mitgliedern Rückhalt gegenüber äußeren Faktoren wie Familie, Schule und Medien geboten wird (vgl. ebd.: 9f). Helmut HENNE beschreibt die Funktion der Peer-Group als Katalysator für die Entwicklung von Normen und Werten: „Der einzelne setzt sich emotional mit anderen gleich und übernimmt deren Werte und Motive in das eigene Ich; er grenzt sich gegen andere ab.“ (Henne 1986: 204). Die sich daraus entwickelnde Ich-Identität, alters- und gruppenspezifische Verhaltensmuster, Kleidung und vor allem auch Sprechweisen dienen den Jugendlichen als Mittel zur Selbstdarstellung, zur Abgrenzung zu Normen der Erwachsenenwelt und zur Demonstration von Gruppenzugehörigkeit. Die Mannigfaltigkeit der existierenden Peer-Groups und anderen jugendlichen Subkulturen verifiziert, dass es sich bei der sozialen Gruppe Jugend um kein homogenes System handelt. Vielmehr kann man eine „unüberschaubare Artenvielfalt oft widersprüchlichster Kulturen“ (Farin 2003: 70), die, wie bereits erwähnt, sowohl fließende Übergange und Gemeinsamkeiten als auch gravierende differenzierende Merkmale aufweisen, feststellen. Diese Observation spiegelt sich auch in der aktuellen Jugendforschung wider. Der Begriff „Szene“ löst den Terminus „Subkultur“ weitestgehend ab, um dem heterogenen Wesen des Systems gerecht zu werden (vgl. Bühler-Niederberger 2003: 19).

Spricht man nun von der Jugend als heterogene Gruppe, so scheint eine Heterogenitätsannahme jugendspezifischen Sprachgebrauchs nicht nur rational, sondern auch durchaus notwendig. Im folgenden Kapitel soll aus diesem Grund von Jugendsprachen bzw. jugendspezifischen Sprechweisen gesprochen werden, denn trotz stetigem, meist medialen Bemühungen, die Sprachen Jugendlicher als einheitlich und homogen zu präsentieren, existieren Varietäten innerhalb des Phänomens, welche internen und externen Einflüssen unterliegen und sich kontinuierlich wandeln.

2.2 Die Jugendsprachen

In Hinblick auf die soziale Bewertung jugendspezifischer Sprechweisen, können drei Tendenzen beobachtet werden. Einerseits zeugt ihre enorme mediale Präsenz von einem hohen Stellenwert, den Jugendlichkeit und somit auch Jugendsprachen in der heutigen Gesellschaft innehalten. Andererseits scheint aber auch ein negatives Stigma den Jugendsprachen anzuhaften. Begriffe wie „Sprachverfall“ oder „Sprachlosigkeit“ werden immer noch häufig als Synonyme für Jugendsprachen gebraucht. Oppositionell hierzu lassen sich jedoch vermehrt positive Positionen zu dieser Thematik wahrnehmen, welche jugendliche Sprechweisen als Sprachwandelerscheinungen definieren, ihre innovative und kreative Verwendung exponieren und sie als sprachliche Varietät qualifizieren (vgl. Deppermann/Schmidt 2001: 36).

2.2.1 Die sprachliche Varietät

Die Variationen jugendspezifischer Sprechweisen verbalisieren sich meist in mündlicher Form. In ihrem Wesen entsprechen sie einer „generationsspezifischen Übergangsvarietät“ (Dittmar/Bahlo 2008: 264), die während der Lebensphase Jugend die „Suche nach individueller und sozialer Identität […] sprachlich und kommunikativ zum Ausdruck bringt.“ (ebd.). Somit scheinen sie sich von den stationären, oftmals mehrere Generationen umfassenden und regional und sozial abhängigen Soziolekten und Dialekten abzugrenzen. Die in Kapitel 2.1 aufgeführten drei Ebenen der sozialen Gruppe „Jugend“ und ihrer Kultur machen deutlich, dass es sich als problematisch erweist, der Jugend eine bestimmte Sprache „in den Mund zu legen“.

Geht man von Jugendsprachen als Gruppensprachen aus, können die im vorangegangenen Kapitel erwähnten Ebenen auch auf die Sprache Jugendlicher übertragen werden. In der Großgruppe der Jugendlichen kann ihre Sprache einen generationsbedingten Soziolekt darstellen, welcher auch als „Konsum-Jugendsprache“ (Augenstein 1998: 25) bezeichnet werden kann. Gliedert man die Großgruppe in einzelne Szenen, ergibt sich auf der Ebene der Sprechweisen ein detaillierterer und differenzierterer Querschnitt. Durch ihren Sprachgebrauch nehmen die Mitglieder eine bestimmte Position innerhalb der Großgruppe ein. Sie formen eine Szene, welche eine für sie typische Sprechweise, die „Szenensprache“ (ebd.), innehat. Auf der Ebene der Kleingruppen, der Peer-Groups, ergibt sich eine „Ingroup-Sprache“ (ebd.), die für den gruppeninternen Gebrauch entwickelt wird und unter anderem die Funktion der Separation nach außen und gegenüber anderer Szenen erfüllt. Durch ihren lexikalischen Fundus entwickeln Gruppensprachen Varietäten im sogenannten Diasystem[2] einer Sprache (vgl. Fleischer u.a. 1993: 40). Diese Elemente sind in der jugendsprachlichen Lexik enthalten und evolvieren zu stilistischen Komponenten, die sich von ihrer ursprünglichen Bedeutung und Verwendung unterscheiden. Sie reflektieren „Eigentümlichkeiten einer sozialen Gruppe“ (ebd.: 39) und können so als Diktion der Gruppe bezeichnet werden. Eine Pauschalisierung von Jugendlichen als soziale Gruppe bleibt jedoch kritisch zu betrachten. Finden sich adoleszente Sprecher in Subkulturen oder Szenen zusammen, weisen sie auch gehäuft gemeinsame Ausdrücke und somit einen gemeinsamen Soziolekt auf, welcher für die übergeordnete Großgruppe nicht verbindlich ist.

Ebenso können jugendspezifische Artikulationsweisen als Varietät bezeichnet werden, wobei eine genaue Zuordnung nicht problemlos erfolgen kann. Sicherlich bequem und unkompliziert wäre es, die Jugendsprachen in die Diastratik einzugliedern. Da sich aber innerhalb der Gruppe verschiedene soziale Gemeinschaften formen, ist auch diese Zuweisung kritisch zu bewerten (vgl. Neuland 2003: 137 & Neuland 2008: 67f).

Auch Merkmale diaphasischer Varietäten fließen in die Jugendsprachen ein. Jugendliche gebrauchen „ihre“ Sprache unter Gleichaltrigen und, wenn auch seltener, im Dialog mit Erwachsenen (vgl. Nabrings 1981: 88). Bei der Gesamtkonsideration wird auch ein dialektales Ingrediens deutlich, denn jugendliche Peer-Groups unterschiedlicher Regionen verwenden regionsspezifische Ausdrücke (vgl. ebd.: 140).

Obgleich eine genaue Zuordnung zu einem dieser Erklärungsansätze sich als schwierig erweist, bleibt es unerlässlich, die Entwicklung von Jugendsprachen unter dem Einfluss verschiedener außersprachlicher Faktoren zu untersuchen, welche aufgrund ihres Einflussgehalts gradiert werden können. Primär beeinflusst werden Jugendliche durch Alter, Geschlecht, Gruppe und Situation. Als sekundäre Einflussfaktoren gelten Bildungsgang, Generation, soziale Herkunft, Subkulturen und Region. Am weitesten entfernt von den Jugendlichen sind laut NEULAND der gesellschaftliche Kontext, Medien und Zeitgeschichte (vgl. Neuland 2003: 138). Zusammenfassend führt sie an: „Jugendsprachen entstehen und funktionieren nicht autonom in einem gesellschaftlichen Vakuum; vielmehr werden die jeweiligen sprach- und kulturgeschichtlichen Verhältnisse in ihnen gespiegelt.“ (Neuland 2003a: 95). Jugendsprachen als sprachliche Varietäten sind demnach unterschiedliche Realisierungsformen einer gemeinsamen Sprache. Ihre differenten Merkmale und Erscheinungen resultieren häufig aus dem sprachlichen und außersprachlichen Umfeld und sind demnach abhängig von ihrer Umwelt (vgl. Berruto 1987: 264). Eine genauere Betrachtung dieser Einflussfaktoren erfolgt in Kapitel 2.2.3.

2.2.2 Historische Entwicklung jugendspezifischen Sprachgebrauchs

Bereits im 16. Jahrhundert zeigte die Forschung reges Interesse an der Jugend und ihren Sprechweisen, wobei der Fokus zu jener Zeit vor allem auf der akademischen, männlichen Jugend lag. Durch soziale Institutionen wie Universitäten und Schulen wurde die Entwicklung und Verbreitung jugendspezifischer Sprechweisen begünstigt und gefördert. Die sogenannte Studenten- oder Burschensprache variierte zunehmend von der Standardsprache und verdeutlichte die Abgrenzung der Studentengemeinschaft zum Rest der Gesellschaft (vgl. Neuland 2003a: 101f). Helmut HENNE sieht hier eine Verbindung in dem Ursprung der Entstehung der Studentensprache und dem aktuellen Sprachgebrauch Jugendlicher, denn das Bedürfnis nach einer Abgrenzung zum Rest der Gesellschaft und einer Bindung innerhalb der Gruppe sei damals wie heute vorherrschend (vgl. Henne 1986: 6). Jugendsprachen sind demnach keine Phänomene der modernen Zeit, sondern seit Jahrhunderten präsent und spiegeln den soziokulturellen Wandel der jeweiligen Gesellschaft wider (vgl. Neuland 2003a: 91). Historische Sprechweisen Jugendlicher können demnach als „zeit- und sozialgeschichtliche Vorläufer“ (ebd.: 94) der uns heute bekannten Jugendsprachen bezeichnet werden.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts erfuhr die Sondersprachforschung einen Entwicklungsschub und Sprachen bestimmter Berufsgruppierungen fanden mehr Aufmerksamkeit. Als weiterer Vorläufer der aktuellen Jugendsprachen kann hierbei die Schüler- bzw. Pennälersprache gezählt werden (vgl. Henne 1986: 6). Wie auch bereits bei der Studentensprache, funktioniert sie als Symbol der Solidarität innerhalb der „Gruppe Schüler in der Institution 'Schule'“ (ebd.: 10) und als Distanzierungsmaßnahme nach außen. Weiterhin konnten Untersuchungen feststellen, dass die Pennälersprache strukturelle Gemeinsamkeiten mit den heutigen Jugendsprachen aufweist. Es werden damals wie heute häufig Präfixe zur Erweiterung oder Veränderung der Verbsemantik verwendet, wie beispielsweise „abkratzen“ und „anpumpen“ im 19. Jahrhundert oder „abcoolen“ und „anmachen“ im 20./21. Jahrhundert (vgl. Henne 1986: 10f).

Einen weiteren wichtigen Punkt auf der Entwicklungslinie der heutigen Jugendsprachen markiert das „Halbstarken-Chinesisch“ (Schlobinski/Heins: 1998: 9). Dieses entstand kurz nach dem zweiten Weltkrieg während des Wiederaufbaus im Zuge der Jugendbewegung der sogenannten „Halbstarken“ (David 1987: 6). Nur etwa zwanzig Jahre später folgte im Zuge der 68er-Bewegung und einer aufstrebenden Popkultur die „Teenager- oder Twensprache“ (ebd.), welche durch verstärkten Gebrauch von Anglizismen gekennzeichnet war. Die in den sechziger Jahren bereits begonnene Politisierung der Jugendsprachen wirkte auch noch in den siebziger und achtziger Jahren nach (vgl. ebd.: 9f). In den darauffolgenden Dekaden wurde jedoch schnell eine neue Entwicklung erkennbar. Jugendliche Sprecher begannen, vermehrt Aspekte von Sport, Freizeitgestaltung, Beziehungen und Musik zu thematisieren, was ihr aktueller Sprachgebrauch ebenfalls reflektiert. Die Vielfältigkeit und Vielzahl von Jugendsprachen lässt sich demnach unter anderem auf die Heterogenität der Jugend selbst und deren Szenen zurückführen. Wie genau eine Differenzierung zwischen Jugend- und Standardsprache erfolgt und wodurch sie gekennzeichnet ist, soll im folgenden Abschnitt thematisiert werden.

[...]


[1] Fortan ohne Anführungszeichen

[2] Das Diasystem beschreibt ein übergeordnetes System, in dem verschiedene Systeme in Abhängigkeit voneinander funktionieren. (vgl. http://www.linguistik-online.uni-kiel.de/germanistik/bockmann/material/ diasystem.pdf vom 23.02.2012)

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Jugendspezifischer Sprachgebrauch im Kontext sprachlicher Varietäten in der BRAVO
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Germanistik)
Veranstaltung
Sprachliche Varietäten
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
35
Katalognummer
V267178
ISBN (eBook)
9783656570028
ISBN (Buch)
9783656570073
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die als Anhang erwähnten Quellenartikel sind in dieser Veröffentlichung nicht enhalten!
Schlagworte
Bravo, Jugendsprache, Varietät, Soziolinguistik, Jugendliche, Pubertät, Sozialisation, Jugendzeitschrift, Sondersprache, Linguistik, Jugendsprachforschung, Standardsprache, Lebensphase Jugend, integrative Textanalyse, Klaus Brinker, funktionale Dimension, strukturell-thematische Dimension, strukturell-grammatische Dimension, Analyse
Arbeit zitieren
Janine Lacombe (Autor), 2011, Jugendspezifischer Sprachgebrauch im Kontext sprachlicher Varietäten in der BRAVO, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267178

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