Menschen mit geistiger Behinderung zwischen Assistenz und Selbstbestimmung

Wie muss Assistenz aussehen, damit Selbstbestimmung möglich ist?


Hausarbeit, 2013

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1. Empowerment
1.1. Assistenz statt Betreuung
1.2. Selbstbestimmung mit Assistenz
1.3. Assistenz zur Lebensbewältigung
1.4. Zugehörigkeit und Sozialintegration

2. Generative Themen - das gemeinsame Dritte
2.1. Assistenz als prospektiver Dialog
2.2. Handlungsorientierung
2.3. Auseinandersetzung um die gerechte Platzierung der Akteure
2.4. Der Professionelle als Praktiker hegemonialer Regierungskunst

3. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Vorwort

In meiner Hausarbeit werde ich die Bezeichnung Menschen mit geistiger Behinderung benutzen. Dieser Begriff ist nicht frei von Diskriminierung und Abwertung. Es gab im Laufe der Geschichte immer wieder Versuche Menschen vor den Auswirkungen stigmatisierender Wörter zu bewahren, in dem die Wörter ausgewechselt wurden, meistens allerdings scheiterten diese Versuche. Daher werde ich den Begriff erst einmal weiter verwenden.

In der Fachwelt hat sich anstelle der Bezeichnung „Ambulant Betreutes Wohnen“ der Begriff „Unterstütztes Wohnen“ oder „Wohnen mit Assistenz“ weitgehend durchgesetzt. Ich werde jedoch in dieser Hausarbeit den Begriff, „Ambulant Betreutes Wohnen“ benutzen, da es der gebräuchliche Begriff in meiner Institution ist. Außerdem verwende ich den Begriff Nutzer, weil auch diese Bezeichnung die Übliche in meiner Institution ist, obwohl bei dieser Bezeichnung ein gemeinsames Interesse an einer Zusammenarbeit nicht erkennbar ist. Wenn in Zitaten andere Begriffe verwendet werden, habe ich diese beibehalten.

Ich möchte hier für den Personenkreis, der als geistig behindert bezeichnet wird die Definition der WHO und die von Georg Theunissen als Grundlage für meine Hausarbeit nehmen, weil sie mit sehr einfachen und klaren Worten die Beeinträchtigungen der Menschen mit geistigen Behinderungen im Ambulant Betreuten Wohnen darstellt.

WHO: „Geistige Behinderung bedeutet eine signifikant verringerte Fähigkeit, neue oder komplexe Informationen zu verstehen und neue Fähigkeiten zu erlernen und anzuwenden (beeinträchtigte Intelligenz). Dadurch verringert sich die Fähigkeit, ein unabhängiges Leben zu führen (beeinträchtigte soziale Kompetenz). Dieser Prozess beginnt vor dem Erwachsenenalter und hat dauerhafte Auswirkungen auf die Entwicklung“ (WHO, Internetquelle).

Georg Theunissen: „Geistige Behinderung [lässt sich] als ein Etikett betrachten, das Menschen auferlegt wird, die angesichts spezifischer Beeinträchtigungen auf kognitiver, motorischer, sensorischer, emotionaler, sozialer und aktionaler Ebene und darauf abgestimmter Bewältigungsstrategien einen entsprechenden ressourcenorientierten Unterstützungsbedarf zur Verwirklichung der Grundphänomene menschlichen Lebens benötigen, der von lebensweltbezogenen Maßnahmen nicht losgelöst betrachtet werden darf“ (Theunissen 2000, S. 43).

Einleitung

Seit dem 15.02.2013 arbeite ich im Lebenshilfewerk Kreis Herzogtum Lauenburg als pädagogische Mitarbeiterin im Bereich Ambulant Betreutes Wohnen. Um die Anforderungen an mich und meine Arbeit zu verstehen und zu klären, habe ich in dieser Hausarbeit den Begriff der Assistenz in Bezug auf die Arbeit mit Behinderten im Ambulant Betreuten Wohnen eingehender betrachtet. Diesen Anstoß, mich mit Assistenz und der veränderten Auffassung von Assistenz zu beschäftigen gab die Beschreibung des Familienzentrums in Melbourne von Timm Kunstreich in seinem 6. Blick im Grundkurs für Soziale Arbeit (Kunstreich 2009: 347). Die Idee sich als Sozialarbeiter_in überflüssig zu machen und den Menschen zuzutrauen, dass sie ihre Angelegenheiten in ihren Sozialitäten selbstbestimmt regeln können, finde ich sehr faszinierend und einleuchtend.

Wie kann Assistenz aussehen, damit der/die Assistent_in sich so überflüssig wie möglich und so nützlich wie nötig macht? Ist das überhaupt machbar und wie muss ich arbeiten, damit ich das möglich machen kann? Ich werde im ersten Teil der Hausarbeit das Empowerment-Konzept kurz vorstellen, da im Empowerment-Konzept Assistenz so angelegt sein soll, dass sie sich nach Möglichkeit überflüssig machen kann. Dafür habe ich den Text aus dem Handbuch von Hans-Uwe Otto und Hans Thiersch zum Thema Empowerment von Mike Seckinger und das Buch Empowerment und Heilpädagogik von Georg Theunissen und Wolfgang Plaute benutzt, um mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Da vieles für mich neu war, habe ich mich von den Literaturangaben der Autoren leiten lassen, um noch weitere Meinungen kennenzulernen und habe sie in meine Ausführungen mit einfließen lassen.

Im weiteren Verlauf werde ich mich mit dem Empowerment-Konzept und den veränderten Anforderungen an den Helfer auseinandersetzen. Dabei untersuche ich den Begriff Selbstbestimmung und Selbstbemächtigung von Menschen mit Behinderungen im Hinblick auf die Rolle des Assistenten und werfe einen kritischen Blick auf die Positionierung und die Rolle von Behinderten in unserer Gesellschaft.

Für die Anforderungen, die an den Assistenten und seine Haltung gestellt werden, finde ich eine Definition von Theunissen/Plaute sehr hilfreich und möchte sie hier zitieren: „Zum Verständnis von Behinderung werden Lebenssituation, Lebensereignisse, lebensweltliche Zusammenhänge, Interaktionen und individuelle Bedürfnisse als wesentlich, ja bedeutsamer als persönliche Charakteristika oder individuelle Schädigungen erachtet, die immer in einer reziproken Wechselbeziehung mit der sozialen und ökologischen Umwelt stehen" (Theunissen/Plaute 1995: 18).

1. Empowerment

„Empowerment steht für einen Prozess, in dem Betroffene ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen, sich dabei ihrer eigenen Fähigkeiten bewusst werden, eigene Kräfte entwickeln und soziale Ressourcen nutzen (vergl. Rappaport 1985; 1987; Stark 1989). Leitperspektive ist die selbstbestimmte Bewältigung und Gestaltung des eigenen Lebens“ (Theunissen/Plaute:1995, S: 12).

Theunissen/Plaute betonen, dass die Betreuung geistig behinderter Menschen nicht mehr nach herkömmlichen Konzepten geschehen soll, in denen der Professionelle der Experte ist, sondern der Behinderte gilt als Experte in eigener Sache und somit nicht mehr als belieferungsbedürftiges Mängelwesen (vergl. Theunissen/Plaute:1995, S: 11). Seckinger stellt fest, dass die „Grundannahme von Empowerment darin liegt, dass die Machtverhältnisse innerhalb einer Gesellschaft maßgeblich zur Entstehung von menschlichem Leid und gesellschaftlichen Problemen beiträgt und deshalb eine Veränderung der Machtverhältnisse Gegenstand psychosozialer Arbeit sein muss“ (Seckinger 2011: 313). Auch Sohns stellt dar, dass „Empowerment […] demnach ein Konzept (ist), das bestehende Machtverhältnisse kritisch überprüft und Veränderungen anstrebt. Dazu gehört zunächst, bestehende Machtpositionen zu analysieren und eigene Ohn-Macht-Positionen systematisch in mehr Selbstbestimmung umzuwandeln“ (Sohns 2007:76f).

Es geht hier also nicht nur um eine pädagogische Frage, wie gehe ich mit dem geistig Behinderten um, sondern vielmehr um eine Parteinahme für die Rechte und Interessen dieser Zielgruppe. Der/die Assistent_in will nicht mehr dabei unterstützen, wie der/die

Behinderte ein sozial angepasstes Leben führt, sondern es geht um die Begleitung und Unterstützung dieser Menschen, damit sie ihre Angelegenheiten eigenverantwortlich managen können. Es ist ein Konzept, „das erfolgreich Prozesse sozialer Aktion mit einer professionellen Haltung [verbindet], die sich konsequent den individuellen und kollektiven Ressourcen der Menschen zuwendet“ (Lenz/Stark 2002: 7).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Menschen mit geistiger Behinderung zwischen Assistenz und Selbstbestimmung
Untertitel
Wie muss Assistenz aussehen, damit Selbstbestimmung möglich ist?
Hochschule
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie - Das Rauhe Haus
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
20
Katalognummer
V267204
ISBN (eBook)
9783656579434
ISBN (Buch)
9783656579427
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
menschen, behinderung, assistenz, selbstbestimmung
Arbeit zitieren
Verena Held (Autor), 2013, Menschen mit geistiger Behinderung zwischen Assistenz und Selbstbestimmung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267204

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Titel: Menschen mit geistiger Behinderung zwischen Assistenz und Selbstbestimmung



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