Sprachwandel in Sprachbüchern

Ein Vergleich ausgewählter Sprachbücher des Klett- und Cornelsenverlages


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

29 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ebenen des Sprachwandels in den Schulbüchern
2.1 Lexikalischer Sprachwandel
2.1.1 Neologismen und Bedeutungswandel
2.1.2 Lehn- und Fremdwörter
2.1.3 Zwischenfazit
2.2 Semantik und Sprachgebrauch
2.2.1 Klett: Orientierung am ethnographischen Ansatz
2.2.2 Cornelsen: Orientierung am lexikographischen Ansatz

3. Probleme und Chancen im Kapitel Die eigene Sprache finden – Jugendsprache (Cornelsen 8, 125-140)
3.1 Jugendsprache im Schulbuch
3.2 Problemfelder im Kapitel Die eigene Sprache finden – Jugendsprache (Cornelsen 8, 125-140)
3.2.1 Erste Charakterisierungen der Problemfelder
3.2.2 Jugendsprache, Umgangssprache oder gesprochene Sprache?
3.2.3 Jugendsprache und Medienentwicklung. Was beeinflusst was?

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Eigenständigkeitserklärung

1. Einleitung

Lehrer gehören zu den „Normenwächtern der deutschen Standardsprache in ‚Wort und Schrift‘“, so heißt es in einem Beitrag von Volmert (2006, 95) zum Einfluss der Jugendsprache auf die mündliche und schriftliche Kommunikation im Unterricht. Dabei geht er nicht von einem „absolut gerichteten Wertesystem“ aus, das sprachliche und kommunikative Ausdrucksweisen auf ihre Angemessenheit hin bestimmen soll, sondern von ihrer Funktionalität innerhalb unterschiedlicher Kommunikationssituationen (vgl. Volmert 2006, 98). Mit anderen Worten: In der Schule muss ein Bewusstsein für Sprache entwickelt und geschult werden, um mit den Schülern über den Geltungsanspruch sprachlicher Normen reflektieren zu können. Dementsprechend heißt es im Lehrplan für die Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen:

„Zu einem bewussten Umgang mit der Sprache gehört die Reflexion über die Sprache, über ihre Strukturen, Regeln und Besonderheiten. Die Schülerinnen und Schüler sollen am Ende der Sekundarstufe I normgerecht sprechen und schreiben können.“ (2007, 11)[1]

Es soll nicht Gegenstand der Arbeit sein, die breite wissenschaftliche Debatte um die Norm und Normtoleranzgrenzen der deutschen Sprache auszubreiten[2]. Dennoch erfordert die Themenstellung der Arbeit sowie die zitierte Passage aus dem Lehrplan eine kurze Charakterisierung der Normenkonflikte, die für Schüler und Lehrer in der Schule eine Rolle spielen:

„Die Norm […] ist eine Auswahl der vom System bereitgestellten Möglichkeiten. Diese Auswahl wird von (einer bestimmten Gruppe von) Sprachbenutzern getroffen und ist dementsprechend zu akzeptieren und/oder zu hinterfragen. Solche Gedanken sind Schülern […] oftmals fremd.“ (Peschel 2009, 54).

Die Problematik, vor der Deutschlehrer hinsichtlich ihrer Fehleranalyse und Bewertungspraxis stehen, ist die Wandelbarkeit der Norm. Sprachliche Normen passen sich dem Usus der Sprachgemeinschaft an, erklärt Müller (vgl. 2009, 63): es gebe im Deutschen keine so festen Regeln wie in der Mathematik. Peschel (2009, 55) zitiert passend dazu die folgende Aussage Ágels (2008): „Die alte Norm ist noch nicht ganz verdrängt, die neue ist noch nicht voll etabliert. Es entsteht eine Normvarianz.“ Eben diese Normvarianz und der Normwandel verunsicherten viele angehende Lehrer, da man nicht von einem klaren Richtig oder Falsch ausgehen könne (vgl. Peschel 2009, 55). Müller (vgl. 2009, 77) spricht diesbezüglich von „relativen Normverstößen“, die auf manche Phänomene bezogen werden können: nämlich relativ zur Textsorte, denn auf die Aufgabenstellung komme es an. So sollten normierende Eingriffe gerechtfertigt sein, wenn es um Textverständlichkeit (grammatikalische, stilistische Verstöße) und die Angemessenheit sprachlicher Mittel (hinsichtlich der kommunikativen Handlungsziele) geht. Eine Relativierung normierender Eingriffe sollte dagegen zum einen in Bezug auf ein besonderes Ausdruckspotential bestimmter abweichender Formen der Sprachverwendung und zum anderen durch einen Hinweis auf die Phänomene des Sprachwandels relativiert werden (vgl. Müller 2009, 82).

Die Frage nach dem angemessenen Umgang mit der sprachlichen Norm impliziert also notwendig eine Auseinandersetzung mit Sprachwandelphänomenen. Im Lehrplan NRW (2007, 19) ist diese unter dem Kompetenzbereich Reflexion über Sprache aufgeführt. Im Themenbereich Sprachvarianten und Sprachwandel sollen die Schüler[3] am Ende der Jahrgangstufe 9 die folgenden Ziele erreicht haben:

- ausgewählte Erscheinungen des Sprachwandels kennen und bewerten: z.B. Bedeutungswandel, fremdsprachliche Einflüsse
- „Sprachen in der Sprache“ kennen und in ihrer Funktion unterscheiden: z.B. Standardsprache, Umgangssprache, Dialekt, Gruppensprache, Fachsprachen, gesprochene und geschriebene Sprache
- Mehrsprachigkeit […] zur Entwicklung der Sprachbewusstheit und zum Sprachvergleich nutzen

Wenn das endgültige Ziel des Kompetenzbereichs Reflexion über Sprache das normgerechte Sprechen und Schreiben ist, kann die Frage danach gestellt werden, wie die Schüler in ihren Schulbüchern durch die Behandlung von Sprachwandel dorthin geführt werden. In dieser Arbeit werden dazu exemplarisch vier Schulbücher – Deutschbuch 8 und 9 von Cornelsen (2009) und deutsch.werk 4 und 5 von Klett (2008)[4] – für die Sekundarstufe I des Gymnasiums auf diese Fragestellung hin untersucht. Beim Vergleich dieser Ausgaben der beiden Verlage war eine unterschiedliche Fokussetzung festzustellen, vor allem da dieser Teilbereich mit den anderen Teilbereichen in Reflexion über Sprache verbunden wird. Eine Leitfrage der Untersuchung ist daher außerdem: Was lernen die Schüler bei den entsprechenden Aufbereitungen?

Um sprachwissenschaftliche Ansichten, Sprachdidaktik und Realisierung in den Sprachbüchern sinnvoll miteinander zu verbinden und um Wiederholungen zu vermeiden, werden themenbezogenen Aufgabenbeispiele die Basis für die Darstellung des Sprachwandels in den Schulbüchern sein. Abschließend wird das Kapitel zur Jugendsprache in Cornelsen 8 intensiv betrachtet, um einige Problemfälle, aber auch eine sinnvolle Erweiterung innerhalb der Deutschdidaktik hervorzuheben.

2. Ebenen des Sprachwandels in den Schulbüchern

„Sprachwandel und Entwicklungstendenzen spielen sich auf allen Ebenen der Sprache ab. […] Kein Bereich der Sprache ist ohne Wandel.“ (Siehr 2009, 12). Dieser Sachverhalt erklärt vermutlich, weshalb eine separate Behandlung des Themenfeldes Sprachwandel in Schulbüchern weitgehend nicht stattfindet. Wie oben erwähnt, lassen sich häufig Verbindungen zwischen einzelnen Teilbereichen des Sprachbewusstseins finden. Im Folgenden wird man sehen, dass Sprachwandelphänomene vor allem im Bereich der Lexik, aber auch in den Bereichen der Orthographie und Grammatik sowie im (mündlichen) Sprachgebrauch angesprochen werden.

2.1 Lexikalischer Sprachwandel

Im Vergleich zu den anderen Ebenen der Sprache ist die Lexik die schnelllebigste, weshalb Sprachwandel sich immer zuerst auf der lexikalischen Ebene des Wortschatzes zeigt (vgl. Wolf-Bleiß 2009, 83). Vermutlich liegt der Fokus der Sprachwandeldarstellung in den Schulbüchern daher meist auf der Lexik. Im Lehrplan NRW (2007, 50) wird in diesem Zusammenhang besonders auf die Kenntnis – und in Jahrgangstufe 9 zudem auf die Bewertung – von Bedeutungswandel und fremdsprachlichen Einflüssen hingewiesen.

2.1.1 Neologismen und Bedeutungswandel

Neologismen können als Neulexeme oder in Form von Neubedeutungen bereits bestehender Worte auftreten und sind besonders beeinflusst von sprachexternen Bedingungen, wie zeitliche, ökonomische, politische, soziale und kulturelle Faktoren (vgl. Wolf-Bleiß 2009, 84). Wolf-Bleiß (2009, 85) hebt in Bezug auf Neologismen die Kommunikationsaufgabe und das Kommunikationsziel hervor, denn die „kommunikativen Bedürfnisse einer Sprachgemeinschaft bestimmen […] den Aufbau und den Umfang des Lexikons (Wortschatzes).“ Die Frage ist nun, wie das Phänomen der Neologismen in den Schulbüchern aufgearbeitet wurde und welche Ziele damit bei den Schülern erreicht werden (können).

Dem Thema „Begriffe“ wird in Cornelsen 8 ein ganzes Kapitel (S. 85-104) im Bereich Nachdenken über Sprache gewidmet. Es beginnt mit der Definition des Begriffs „Anstand“ durch das Herausarbeiten von Synonymen und Antonymen, durch Zuhilfenahme von Wörterbüchern (Bedeutungswörterbuch und Herkunftswörterbuch) und Herausstellen von Wortfeldern, Wortfamilie, Redewendungen und Ableitungen, die aus dem Wort geläufig sind. Anschließend sollen die Schüler lernen, Begriffe voneinander abzugrenzen (hier: Anstand und Würde). Es wird dazu in einer Aufgabenstellung das Wort „Ritterlichkeit“ genannt, das in einer literarischen Erzählung vorkommt, und nach seiner Definition gefragt. Vermutlich wird dieser Archaismus verwendet um auf einen Bedeutungs- bzw. Begriffswandel anzuspielen, was in der Aufgabenstellung jedoch nicht explizit deutlich wird. Abschließend wird in Cornelsen 8 auf Sprachmanipulation im öffentlichen Sprachgebrauch eingegangen: ein Text soll auf seine Wortneuschöpfungen hin gelesen werden. Die Aufgabenstellungen dazu lauten: a) Schreibt die neu kreierten Wörter (Neologismen) heraus. b) Zerlegt sie in ihre einzelnen Bestandteile. Was stellt ihr fest? Die Aufmerksamkeit der Schüler soll hier auf Komposita und metaphorische Umschreibungen wie „Möglichkeitenmosaik“[5] gelenkt werden. In einer nächsten Aufgabe wird den Schülern verdeutlicht, dass Neologismen im öffentlichen Sprachgebrauch manipulativ verwendet werden können, wenn z.B. beschönigende Worte (wie „Entsorgungspark“ anstelle von „Müllhalde“) verwendet bzw. kreiert werden.

Man erkennt deutlich, dass der Sprachwandel hier nicht im Vordergrund steht. Der Fokus liegt eher auf der „Erschließung und korrekten Anwendung von Wortbedeutungen“ und der Erweiterung des Wortschatzes sowie dem Verständnis metaphorischen Sprachgebrauchs (Lehrplan NRW 2007, 49). Das Sprachwandelphänomen Neologismus wird hier lediglich in die Lehrplansequenz Sprachliche Formen und Strukturen in ihrer Funktion eingeschoben. Bis auf eine Aufgabe im Kapitel Jugendsprache, das an späterer Stelle näher untersucht wird, lassen sich in diesem Schulbuch keine weiteren Beispiele zum lexikalischen Sprachwandel finden.

Etwas differenzierter und expliziter auf Sprachwandel bezogen geht das aufbauende Deutschbuch (Cornelsen 9) vor. Zwar erinnert das Kapitel Stolz und Ehre – Begriffen Bedeutungen zuordnen (S.95-114) zu Beginn sehr an das eben beschriebene Kapitel aus Cornelsen 8, dennoch findet man explizitere Aufgabenstellungen, die auf Sprachwandel aufmerksam machen. Beispielsweise wird anhand zweier Lexikonartikel (von 1793 und 1999) herausgearbeitet, welchen Wandel der Ehrbegriff in 200 Jahren genommen hat und später, inwieweit sich der Begriff „Familienehre“ durch die hohe Anzahl an muslimischer Bevölkerung in Deutschland gewandelt hat. Während in Cornelsen 8 also hauptsächlich auf Neulexeme oder Neukompositionen eingegangen wurde, wird das Wissen der Schüler nun um die Neubedeutungen (als Teilbereich der Neologismen) erweitert (vgl. zu den Begriffen Wolf-Bleiß 2009, 87).

In beiden Deutschbüchern des Cornelsen-Verlags finden wir jeweils ein umfassendes Kapitel zur Lexik, das in beiden Fällen in Bezug auf Neologismen jedoch nur in Ansätzen und eher implizit den Sprachwandel anspricht. Die Aufmerksamkeit der Schüler wird in diesen Kapiteln stark auf eine inhaltliche Auseinandersetzung – beispielsweise mit den Themen Anstand und Ehre – und methodische Herangehensweisen[6] gelenkt, sodass ein konkreter Bezug zum Neologismus als Sprachwandelphänomen seitens der Schüler vermutlich nicht hergestellt wird. Es wird dennoch annähernd ein Bewusstsein dafür geschaffen, welche nicht-linguistischen Faktoren in die Herausbildung von Neologismen/Sprachwandel einfließen.

[...]


[1] Obwohl die zu untersuchenden Schulbücher einerseits für G8 (Cornelsen) und andererseits für G9 (Klett) ausgelegt sind, stimmen die entsprechenden Passagen aus den jeweils relevanten Lehrplänen überein und können somit für beide Varianten gelten. Im Schulbuch des Klettverlages für die Jahrgangstufe 10 lassen sich keine für diese Hausarbeit relevanten Inhalte vorfinden, sodass der Umfang und die Dichte der jeweiligen Inhalte ebenfalls miteinander verglichen werden können.

[2] Siehe dazu u.a. verschiedene Aufsätze in Hennig, Mathilde/Müller, Christoph (Hrsg.): Wie normal ist die Norm? Sprachliche Normen im Spannungsfeld von Sprachwissenschaft, Sprachöffentlichkeit und Sprachdidaktik. Kassel University Press.

[3] Hier und im Folgenden wird, der Einfachheit halber, auf die differenzierende Ausführung „Schülerinnen und Schüler“ verzichtet.

[4] Zur besseren Übersicht werden die Schulbücher im Folgenden Cornelsen 8 und 9 sowie Klett 4 und 5 genannt.

[5] Wobei bei diesem Beispiel wissenschaftlich gesehen evtl. ebenfalls von einer Individualbildung (vgl. Wolf-Bleiß 2009, 86) die Rede sein könnte.

[6] Die Aufgabenstellungen variieren nicht nur in diesem Kapitel stark in der methodischen Herangehensweise. Dies herauszustellen ist für diese Hausarbeit nicht elementar, jedoch hinsichtlich des Lernerfolgs der Schüler erwähnenswert. Es wäre an anderer Stelle zu diskutieren, ob diese enorm hohe Vielfalt an methodischen Herangehensweisen/Arbeitstechniken und die sehr starke inhaltliche Auseinandersetzung mit den Themen die Schüler von den eigentlichen Zielen im Bereich Reflexion über Sprache nicht zu sehr ablenkt.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Sprachwandel in Sprachbüchern
Untertitel
Ein Vergleich ausgewählter Sprachbücher des Klett- und Cornelsenverlages
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
29
Katalognummer
V267212
ISBN (eBook)
9783656572992
ISBN (Buch)
9783656572954
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sprachwandel, sprachbüchern, vergleich, sprachbücher, klett-, cornelsenverlages
Arbeit zitieren
Carina Zebrowski (Autor), 2013, Sprachwandel in Sprachbüchern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267212

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