Diese Hausarbeit soll die erste Annäherung an die Sozialpsychiatrie um den Aspekt der Selbst- und Mitbestimmung in der gegenwärtigen Praxis der klinischen Psychiatrie erweitern. Im Kern geht es dabei um die Frage, inwiefern der Anspruch, der sich aus ethischen und rechtlichen Normen sowie neueren Ansätzen in der Sozialen Arbeit ergibt, und die Wirklichkeit der psychiatrischen Behandlung im Hinblick auf die Selbst- und Mitbestimmung von Patienten derzeit übereinstimmen. Dazu sollen ausgehend von grundlegenden normativen Bestimmungen und der (Kurz-) Vorstellung des Empowerment-Konzepts auf Basis sozialwissenschaftlicher Fachliteratur in den ersten beiden Kapiteln, über Erfahrungen von dazu befragten Betroffenen im dritten Kapitel, in einem abschließenden Resümee Erkenntnisse im Hinblick auf die Fragestellung dieser Arbeit und künftiger Zielsetzungen psychiatrischer Praxis getroffen werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Der normative Rahmen von Patientenautonomie
1.1 Ethische Aspekte
1.2 Rechtliche Grundlagen
2. Neue Perspektiven: Das Empowerment-Konzept
2.1 Begriff und Definitionen
2.2 Grundgedanken
2.3 Konsequenzen für die Psychiatrie
3. Die Sichtweise von Psychiatrie-Erfahrenen
4. Resümee: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit in der Praxis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen dem theoretischen Anspruch auf Patientenautonomie und der gelebten Realität in der klinischen Psychiatrie, wobei insbesondere das Empowerment-Konzept als Impulsgeber für eine patientenzentrierte Praxis analysiert wird.
- Normative und ethische Grundlagen der Patientenautonomie
- Implementierung des Empowerment-Konzepts im psychiatrischen Kontext
- Subjektive Erfahrungen von Psychiatrie-Erfahrenen in der klinischen Versorgung
- Analyse der Arzt-Patienten-Beziehung und Paternalismusstrukturen
- Untersuchung von Mitbestimmungsmöglichkeiten im stationären Alltag
Auszug aus dem Buch
2.2 Grundgedanken
Als Vorläufer bzw. Grundlage für die Entstehung des Empowerment-Konzepts können das Salutogenese-Modell nach AARON ANTONOVSKY und die Selbsthilfebewegung in den 1970er Jahren gesehen werden, worauf hier jedoch nicht näher eingegangen werden soll. Die Empowerment-Idee hat sich inzwischen zu einem komplexen, multidim- sionalen Konzept entwickelt, dessen Kerngedanken nachfolgend dargestellt werden.
Ausgangspunkt des Empowerment-Konzepts ist eine deutliche Kritik am Menschenbild der traditionellen psycho-sozialen Praxis mit seinem weitgehend defizitären Blick auf Mängel, Schwächen und Unfähigkeiten sowie Versagen und Misslingen des Klienten. Das Konzept des Empowerments orientiert sich stattdessen an einer "Philosophie der Menschenstärken", die folgende sechs Bausteine umfasst:
1. Abkehr vom Defizit-Blickwinkel auf Menschen (mit Lebensschwierigkeiten) und der damit verbundenen Unterstellungen von Hilfebedürftigkeit;
2. Vertrauen in die individuellen Stärken und Kompetenzen, die es Menschen ermöglichen, ihr Leben auch in kritischen Phasen und biografischen Belastungen selbst zu meistern;
3. Achtung vor der selbstbestimmten Lebensweise, der Selbstverantwortung und dem Eigensinn des Anderen und Akzeptanz unkonventioneller Lebensentwürfe;
4. Respekt vor der eigenen Zeit und den eigenen Wegen des Klienten und Verzicht auf enge Zeithorizonte und standardisierte Hilfepläne;
5. Verzicht auf eine umfassende Thematisierung zurückliegender biografischer Verletzungen zugunsten einer Orientierung an der für den Einzelnen wünschenswerten Lebenszukunft;
6. Grundorientierung an einer 'Rechte-Perspektive', d.h. Menschen verfügen unabhängig von der Schwere ihrer Beeinträchtigungen über ein uneingeschränktes Wahlrecht im Hinblick auf die Gestaltung ihres Lebensalltags.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Hier wird das Thema der Arbeit in den Kontext der Sozialpsychiatrie eingeordnet und die Forschungsfrage zur Selbst- und Mitbestimmung in der Klinik formuliert.
1. Der normative Rahmen von Patientenautonomie: Das Kapitel beleuchtet die ethischen und rechtlichen Anforderungen an eine selbstbestimmte Patientenversorgung in Deutschland.
2. Neue Perspektiven: Das Empowerment-Konzept: Es erfolgt eine theoretische Herleitung des Empowerment-Begriffs und dessen praktische Bedeutung für die psychiatrische Versorgung.
3. Die Sichtweise von Psychiatrie-Erfahrenen: Die Arbeit präsentiert die Ergebnisse qualitativer Experteninterviews mit stationär behandelten Patienten bezüglich ihrer Autonomieerfahrung.
4. Resümee: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit in der Praxis: Abschließend wird die Diskrepanz zwischen geforderter Autonomie und den tatsächlichen Bedingungen in der klinischen Praxis kritisch reflektiert.
Schlüsselwörter
Selbstbestimmung, Patientenautonomie, Empowerment, Psychiatrie, Paternalismus, Sozialpsychiatrie, Partizipation, Psychiatrie-Erfahrene, klinische Praxis, stationäre Behandlung, Patientenrechte, Selbsthilfe, Therapie, Mitbestimmung, Empowerment-Konzept.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Möglichkeiten und Grenzen der Selbst- und Mitbestimmung von Patienten in der klinischen Psychiatrie unter Einbeziehung des Empowerment-Konzepts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den Kernbereichen gehören der ethisch-rechtliche Rahmen von Patientenautonomie, die theoretischen Grundlagen des Empowerment-Ansatzes sowie die empirische Sichtweise betroffener Patienten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, inwieweit der Anspruch auf eine selbstbestimmte psychiatrische Behandlung mit der klinischen Wirklichkeit übereinstimmt und wo Paternalismus fortbesteht.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Autorin führte eine qualitative Untersuchung in Form von Leitfadeninterviews mit zwei Probandinnen durch, die stationäre Erfahrungen in der Psychiatrie gesammelt haben.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Aufarbeitung des Empowerment-Konzepts und eine praxisorientierte Analyse der Patientenautonomie anhand der geführten Interviews.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Patientenautonomie, Empowerment, Mitbestimmung, Paternalismus und die therapeutische Beziehung zwischen Behandelnden und Patienten.
Wie bewerten die Interviewpartnerinnen ihre Mitbestimmung?
Die Aussagen zeigen ein ambivalentes Bild, in dem einerseits Mitsprache bei der Therapieplanung wahrgenommen wurde, andererseits aber grundlegende Alltagsentscheidungen stark fremdbestimmt blieben.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich der psychiatrischen Praxis?
Die Autorin schlussfolgert, dass die psychiatrische Behandlung noch immer paternalistische Züge trägt und der Anspruch auf echte Patientenautonomie in der stationären Versorgung bisher nur unzureichend realisiert ist.
- Arbeit zitieren
- Denise Krüger (Autor:in), 2013, Selbst- und Mitbestimmung in der klinischen Psychiatrie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267249