Das Heidenbild im Willehalm des Wolfram von Eschenbach


Seminararbeit, 2010
17 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Taufe - trennendes Merkmal zwischen Christen und Heiden

3. Darstellung der heidnischen Religion

4. Zusammenspiel von minne und Religion bei den Heiden

5. Ausgewählte heidnische Heldenportraits
5.1. Tesereiz – ein herausragender Minneritter
5.2. Rennewart – bringt den Christen als Werkzeug Gottes den Sieg
5.3. Terramer – Inbegriff des idealen Souveräns und Feldherrn

6. Darstellung der Heiden im Willehalm allgemein

7. Resümee

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Willehalm Wolframs von Eschenbach beschreibt den Kampf zwischen Christen und Heiden. Dieses Thema hat eine lange Tradition. Auch heute noch wird über Themen wie Ausländer und Andersgläubige immer wieder diskutiert. Noch vor Wolframs Willehalm war für die meisten Geschichtsschreiber aber stets eines klar: Andersgläubige wurden nicht so sehr als Menschen betrachtet, sondern eher, wie zum Beispiel im Rolandslied, als Vieh und somit stand fest, dass Menschen, die an eine andere Religion glauben als Christen, viel weniger, wenn nicht sogar eigentlich gar nichts wert waren.
In diesem Werk Wolframs von Eschenbach verlässt die Frau eines heidnischen Königs diesen, lässt sich taufen und heiratet einen christlichen Markgrafen. Damit sind im Grunde schon Probleme vorprogrammiert. Zum einen, da der Markgraf Willehalm dem heidnischen König Tybalt sozusagen die Frau geraubt hat (und auch einen Teil des Landes) und zum anderen, da Gyburc von der Heidin zur Christin wurde. Aus dem anfänglichen Zwist um eine Frau entwickelt sich relativ schnell ein Religionskampf von epischem Ausmaß.
Die folgende Arbeit soll das Heidenbild, das Wolfram in seinem Willehalm beschreibt, analysieren. Hierzu wird in einem ersten Schritt das Merkmal betrachtet, welches die Christen von den Heiden unterscheidet, nämlich die Taufe. Darauf aufbauend folgt in einer anschließenden Analyse eine Darstellung der heidnischen Religion, wie sie Wolfram seinem Leser vermittelt. Genauer gesagt soll hier geprüft werden, welche religiösen Vorstellungen Wolfram von den Heiden hatte (bzw. welche er zu vermitteln versucht) und in einem weiteren Punkt, wie minne und Religion zusammenspielen, ob beide harmonieren oder sich möglicherweise sogar völlig gegenseitig ausschließen.
An dieser Stelle bietet sich eine genauere Betrachtung einzelner ausgewählter Heiden an, um herauszufinden in welches Licht Wolfram diese rückt. Ziel der Analyse einzelner heidnischer Ritter wird es sein, herauszuarbeiten, ob diese als „Menschen“ angesehen werden, obwohl sie nicht der christlichen Position angehören. Wird ihnen womöglich sogar Bewunderung entgegengebracht oder sind sie nur etwas Fremdes, das nicht getauft wurde, und somit bekämpft werden muss.
Ergänzend zu den vorhergehenden Betrachtungen wird weiterhin eine kurze Darstellung angestrebt, die zeigen soll, wie die Heiden geschildert werden, wenn von den Heiden als Kollektiv die Rede ist.
In einem abschließenden Resümee werden die Ergebnisse der Arbeit gesammelt und ausgewertet. Hier soll sich zeigen, ob die Heiden als Vieh dargestellt werden, das abgeschlachtet werden muss, wie dies im Rolandslied der Fall ist, oder können auch diese - aus christlicher Sicht - nach Höherem streben? Nicht allen Heiden scheint der Weg in die Hölle vorherbestimmt.

2. Die Taufe – trennendes Merkmal zwischen Christen und Heiden

Im Willehalm wird ein religiös zweigeteiltes Bild dargestellt. Auf der einen Seite finden sich die Christen und auf der anderen die Heiden. Beide unterscheiden sich durch ein wesentliches Merkmal, die touf[1]. So git der touf mir einen trost der mich zwivels hat erlost (1,23f.), heißt es im Prolog des Willehalm. Diese Aussage impliziert, dass nur die Getauften sich als Erlöste bezeichnen können, da sie durch diese vom zwivel erlöst wurden.
Das Vaterunser nennt die Getauften Kinder Gottes:

diner gotheit mich ane strit
der pater noster nennet
zeinem kinde erkennet.
(1,20-22)

Somit ist die Welt gespalten in Erlöste, also Kinder Gottes, und Verdammte. Greenfield bemerkt hierzu, dass die Heiden, „falls sie sich nicht taufen lassen, keinen Platz im Himmel erwarten können“[2]. Es besteht als Heide also aus christlicher Sicht, anhand dieser Aussagen, die Wolfram selbst im Prolog macht, nur durch die Taufe die Möglichkeit vom Unglauben erlöst zu werden und somit Kind Gottes zu werden.
Ein Punkt, der die Wichtigkeit der Taufe noch zu verdeutlichen vermag, soll an dieser Stelle ebenfalls angeführt werden. Im Ersten Buch, als Willehalm seine Sippe zum Kampf anspornt, sagt er zu diesen:

‚helde, ihr sult gedenken,
und lat uns niht verrenken
die heiden unsern glouben,
die uns des toufes rouben
wolden, ob sie möhten.
(17,3-7)

Willehalm weist hier seine Gefolgsleute darauf hin, dass sie sich durch die Heiden nicht den Glauben schwächen lassen wollen, denn diese würden ihnen die Taufe nehmen, wenn sie die Gelegenheit dazu hätten. Das Wort touf steht hier stellvertretend für das Christentum, da diese ja der Beginn einer jeden Gottes Kindschaft ist. Wenn die Heiden folglich gegen die Taufe vorgehen, dann gehen sie gegen die Christen an sich vor.
Soviel erst einmal als Vorbemerkung zu dem grundlegenden Unterschied zwischen den Heiden und den Christen.
Im Folgenden wird nun skizzenhaft veranschaulicht, wie im Willehalm die Religion der Heiden dargestellt wird.

3. Darstellung der heidnischen Religion

Als Heiden galten im Mittelalter alle Ungetauften, wie bereits erörtert wurde. Lediglich die Juden bildeten eine Ausnahme, weil sie nicht als Polytheisten angesehen wurden. Da die Muslime in einer Linie zu den antiken Römern und Griechen gesehen wurden, war es verbreitet zu glauben, dass diese mehrere Götter anbeten, obwohl sie in Wahrheit genau so monotheistisch sind, wie das Juden- oder Christentum.[3]
Die heidnische Religion wird auch im Willehalm polytheistisch dargestellt. Es werden Götter wie Apollo, Mahomet, Kahun und Tervagant genannt (449,23ff.).
Hervorzuheben ist hierbei, dass Wolfram „die religiöse Bindung der Heiden an ihre Götter und auch ihre kultischen Gebräuche nicht verspottet, sondern als ernst und respektgebietend [beschreibt]“[4]. Dies ist nicht selbstverständlich für die Zeit Wolframs, so zeigt das Rolandslied ein anderes Bild, in dem die Heiden „entweder vernichtet oder getauft werden müssen“[5].
Aber auch wenn hier die Gebräuche der Heiden akzeptiert werden, besteht dennoch kein Zweifel an der Falschheit ihrer Religion. Die Heiden können zwar daran glauben, wenn sie das wollen, aber es bringt ihnen im Grunde nichts: er selbe was vertoret, daz er an si geloubte (352,14f.).
Diese Falschheit wird untermauert durch zwei Stellen, in denen explizit geschrieben steht, dass die Heiden für die Hölle bestimmt sind:

Nu gedenke ich mir leide,
sol ir got Tervigant
si ze helle han benant
(20,10ff.)

Ouch vrumte der getouften wic
daz gehein der helle manec stic
wart en straze wis gebant
(38,25)

Es kann davon ausgegangen werden, dass Wolfram die polytheistischen Geschichten über die Heiden so wiedergegeben hat, wie sie zu seiner Zeit kursierten, da er womöglich die tatsächlichen religiösen Praktiken der Muslime gar nicht kannte.
Der Zusammenhang zwischen minne und Religion der Heiden soll im folgenden Absatz behandelt werden.
Weiterhin wird das „religiöse Selbstverständnis“ der Heiden anhand der Figur des Terramer in einem späteren Abschnitt erläutert bzw. erörtert.

4. Zusammenspiel von minne und Religion bei den Heiden

Es ist offensichtlich, dass auf beiden Seiten, bei den Christen wie den Heiden, zum einen im Zeichen der minne gekämpft wird (vgl. 361,10-14; 402,24f.) und zum anderen auch im Zeichen der Götter: die durh unser gote alhie ze wer und durh diu wip den lip verlurn (338,2f.).

An diesen Versen zeigt sich, dass die Ungetauften der Frauen und der Götter wegen kämpfen. Doch es stellt sich die Frage, ob der minne- Begriff der Heiden identisch ist mit dem der Christen. Bei den Christen sind Frauen minne und Gottes minne aufeinander bezogen, es ist eine doppelte minne, sie ist irdisch und himmlisch (vgl. 16,30ff.; 299,26f.). Bei den Heiden hingegen scheint allein die minne der entscheidende Kampf-Antrieb zu sein: ir her almeistic frouwen mit zimierde santen dar (423,8f.). Edle Frauen, die die Ritter zum Kampf gesandt haben, das impliziert, dass diese auch für deren minne kämpfen. Es ist ebenfalls explizit von almeistic minnen her (26,9) die Rede und dass sie durh pris und durh der wibe lon (25,9) kämpfen. Bumke bemerkt hierzu, dass „die minne für sie [so sehr] Handlungsantrieb [ist], daß alles alles andere, auch Terramers Gebot, dahinter zurücktritt: den diu minne her gebot / noch mere dan durch sine bete (254,26f.)“[6]. Das führt zu dem Schluss, dass beide, minne sowie gote, unabhängig voneinander als Handlungsmotivation dienen können. Das belegt auch Terramers Aussage, als er bemerkt, dass, als ihm der erste Bart wuchs, die Minne ihn stärker unterwarf, als einer seiner Götter (vgl. 338,12ff.). Hier wird eine Art Konkurrenz zwischen beiden angesprochen, was wiederum als Bestätigung dafür gelten kann, dass beide unabhängig voneinander betrachtet werden können und nicht aufeinander bezogen sind. Bumke meint ebenso, dass „die Heiden in den Dienst der minne treten [können] wie in den Dienst der gote. Man kann einen der beiden Mächte bevorzugen und die andere vernachlässigen.“[7] So folgen die jungen Ritter der minne, genauso, wie Terramer seinen Göttern. Der minne -Dienst scheint folglich ebenfalls eine Art Religion für die Heiden zu sein, denn sie ist genauso Handlungsmotivation wie die Götter.[8]

[...]


[1] Wolfram von Eschenbach: Willehalm. 3., durchgesehene Auflage. Text der Ausgebe von Werner Schröder. Übersetzung, Vorwort und Register von Dieter Kartschoke. Berlin/New York 2003, V. 1,23 (Im Folgenden werden die Versangaben direkt hinter den Zitaten in Klammern angegeben).

[2] Greenfield (1998), S.236.

[3] Vgl. Naumann (1925), S. 80-101.

[4] Greenfield (1998), S. 250.

[5] Ebd.

[6] Bumke (1959), S. 170f.

[7] Ebd., S.172.

[8] Vgl. Ebd., S. 174.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Heidenbild im Willehalm des Wolfram von Eschenbach
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften / Lehrstuhl für Deutsche Philologie des Mittelalters)
Veranstaltung
Seminar: Willehalm
Note
3,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V267407
ISBN (eBook)
9783656577867
ISBN (Buch)
9783656577843
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mediävistik, Willehalm, Mittelalter, Wolfram von Eschenbach, minne, Liebe, Heiden, Heide, Religion, Tesereiz, Rennewart, Terramer, Christen
Arbeit zitieren
Michael Rößlein (Autor), 2010, Das Heidenbild im Willehalm des Wolfram von Eschenbach, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267407

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