Die folgende Arbeit soll das Heidenbild, das Wolfram in seinem Willehalm beschreibt, analysieren. Hierzu wird in einem ersten Schritt das Merkmal betrachtet, welches die Christen von den Heiden unterscheidet, nämlich die Taufe. Darauf aufbauend folgt in einer anschließenden Analyse eine Darstellung der heidnischen Religion, wie sie Wolfram seinem Leser vermittelt. Genauer gesagt soll hier geprüft werden, welche religiösen Vorstellungen Wolfram von den Heiden hatte (bzw. welche er zu vermitteln versucht) und in einem weiteren Punkt, wie minne und Religion zusammenspielen, ob beide harmonieren oder sich möglicherweise sogar völlig gegenseitig ausschließen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Taufe - trennendes Merkmal zwischen Christen und Heiden
3. Darstellung der heidnischen Religion
4. Zusammenspiel von minne und Religion bei den Heiden
5. Ausgewählte heidnische Heldenportraits
5.1. Tesereiz – ein herausragender Minneritter
5.2. Rennewart – bringt den Christen als Werkzeug Gottes den Sieg
5.3. Terramer – Inbegriff des idealen Souveräns und Feldherrn
6. Darstellung der Heiden im Willehalm allgemein
7. Resümee
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Hausarbeit untersucht das Heidenbild in Wolfram von Eschenbachs Epos Willehalm. Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, dass der Autor seine heidnischen Figuren nicht als diffamierungswürdige Barbaren darstellt, sondern als ernstzunehmende, tugendhafte Akteure, die in ihrer ritterlichen Erscheinung den christlichen Rittern ebenbürtig gegenüberstehen.
- Die Funktion der Taufe als zentrales Trennmerkmal zwischen den Religionen.
- Die polytheistische Ausgestaltung der heidnischen Glaubenswelt bei Wolfram.
- Das Spannungsfeld zwischen minne (Frauendienst) und religiöser Identität.
- Die Analyse repräsentativer Heldenfiguren hinsichtlich ihrer Tugendhaftigkeit.
- Die kritische Abgrenzung Wolframs gegenüber dem traditionellen, intoleranten Heidenbild des Rolandsliedes.
Auszug aus dem Buch
5.1. Tesereiz – ein herausragender Minneritter
Die Figur des Tesereiz stellt Wolfram als den Inbegriff eines Minneritters dar: Vür war ich noch an wiben weiz, swelh riter het alsölhen site der Tesereiz wonte mite, daz der möht ir minne han. des wibes herze treit der man: so gebent diu wip den hohen muot. (83,6ff.)
In diesen Versen beschreibt Wolfram, dass ein jeder Ritter, der sich so verhält wie Tezereiz, mit der minne der Frauen rechnen könne und auch, dass dieser das Herz der Frauen immer bei sich trägt. Das bedeutet folglich, dass Tesereiz immer ein vorbildlicher Minneritter gewesen ist, da er sonst nicht als Vorbild für andere dienen könnte. Er bezeichnet ihn als minnære, was ihn eindeutig unter den Minnerittern hervorhebt. Als Beispiel sei hier Arofel genannt, dieser wird im Zusammenhang mit minne oder wibe genannt, nicht aber als minnære bezeichnet, obwohl er auch ein herausragender Minneritter ist.
Ebenso schreibt Wolfram, als Tesereiz gegen Willehalm kämpft, diesem das komplette „Tugendspektrum höfischer Kultur [zu], der Dichter spricht beiden – also auch dem Heiden – die höchste Sittlichkeit zu“. manheit, ellen, milte, güete, kiusche, hochgemüete, triuwe und zuht (87,16ff.). Tesereiz steht Willehalm in nichts nach. Er wird nicht als Unmensch beschrieben, der getötet werden muss oder ähnliches, ganz im Gegenteil, seine Beschreibung stellt ihn in Sachen Ritterlichkeit und Tugendhaftigkeit auf eine Stufe mit Willehalm.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Darstellung von Andersgläubigen in der Literatur ein und skizziert die Fragestellung zur differenzierten Behandlung des Heidenbildes bei Wolfram von Eschenbach.
2. Die Taufe - trennendes Merkmal zwischen Christen und Heiden: Das Kapitel erläutert die religiöse Spaltung der Welt in Erlöste und Verdammte durch das Sakrament der Taufe als notwendige Voraussetzung für die Kindschaft Gottes.
3. Darstellung der heidnischen Religion: Hier wird untersucht, wie Wolfram das polytheistische Weltbild der Heiden vermittelt und dabei im Vergleich zu anderen mittelalterlichen Werken eine bemerkenswerte Respektlosigkeit gegenüber deren kultischen Gebräuchen vermeidet.
4. Zusammenspiel von minne und Religion bei den Heiden: Der Abschnitt beleuchtet, ob der Begriff der minne für die heidnischen Charaktere als eigenständiger, handlungsleitender Antrieb oder in direkter Konkurrenz bzw. Verbindung zu ihren Göttern fungiert.
5. Ausgewählte heidnische Heldenportraits: In diesem Kapitel werden exemplarisch Tesereiz, Rennewart und Terramer analysiert, um aufzuzeigen, wie ihre ritterlichen Eigenschaften sie als ebenbürtige Kontrahenten zum christlichen Lager positionieren.
6. Darstellung der Heiden im Willehalm allgemein: Das Kapitel thematisiert den Toleranzgedanken des Autors, der sich insbesondere in der Schonung gefallener Gegner und der wertschätzenden Beschreibung heidnischer Riten manifestiert.
7. Resümee: Die Schlussbetrachtung fasst zusammen, dass Wolfram von Eschenbach als Vorreiter einer toleranteren Sichtweise gilt, die heidnischen Figuren ihre menschliche Würde und ritterliche Tugend nicht abspricht.
Schlüsselwörter
Willehalm, Wolfram von Eschenbach, Heidenbild, Christentum, Mittelalter, Taufe, Minne, Toleranz, Religionskampf, Ritterlichkeit, Tugendbegriff, Tesereiz, Rennewart, Terramer, höfische Kultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Heidenbild in Wolfram von Eschenbachs Epos Willehalm und untersucht, wie der Dichter die heidnischen Akteure im Gegensatz zu zeitgenössischen Vorbildern zeichnet.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Die zentralen Felder sind die religiöse Differenzierung (Taufe), das Konzept der minne als Handlungsmotivation und die ritterliche Ethik der heidnischen Figuren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Wolfram die Heiden nicht als "Vieh" oder Untermenschen diffamiert, sondern ihre Menschlichkeit und Ritterlichkeit anerkennt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die zentrale Textstellen aus dem Willehalm interpretiert und mit bestehender Sekundärliteratur vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung religiöser Merkmale, des Zusammenspiels von minne und Religion sowie der detaillierten Charakterisierung von drei ausgewählten heidnischen Helden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Willehalm, Heidenbild, minne, Taufe, Toleranz, Ritterlichkeit, Tugend, Wolfram von Eschenbach.
Wie unterscheidet sich Wolframs Sicht auf Heiden von der im Rolandslied?
Während im Rolandslied Heiden oft als Vieh entmenschlicht und zur Vernichtung freigegeben werden, betont Wolfram bei den Heiden im Willehalm ihre Tugendhaftigkeit und den Respekt vor ihren kulturellen Leistungen.
Was bedeutet der Begriff "Minnemärtyrer" in Bezug auf die Figur Tesereiz?
Der Begriff beschreibt eine literarische Stilisierung, bei der der Tod eines heidnischen Ritters in Parallele zu christlichen Märtyrern gesetzt wird, um dem Heiden edle, ernstzunehmende Motive zuzusprechen.
Warum wird Terramer als "Inbegriff des idealen Souveräns" bezeichnet?
Terramer vereint in sich traditionelle Herrschertugenden wie fortitudo, sapientias und fidelitas und handelt nach nachvollziehbaren Motiven, was ihn aus Sicht der Heiden (und teilweise des Autors) zu einem respektablen Gegenspieler macht.
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- Michael Rößlein (Author), 2010, Das Heidenbild im Willehalm des Wolfram von Eschenbach, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267407