Die politische Theorie des Kosmopolitanismus in der Diskussion

Unter besonderer Berücksichtigung der Positionen von John Rawls, Charles Beitz und Martha Nussbaum


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

28 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Literaturübersicht

3. John Rawls
Das Völkerrecht

4. Charles R. Beitz
Gerechtigkeit und internationale Beziehungen

5. Martha C. Nussbaum
Jenseits des Gesellschaftsvertrages. Fähigkeiten und globale Gerechtigkeit

6. Vergleich

7. Schlussbetrachtung

8. Literatur

9. Eigenständigkeitserklärung

1. Einleitung

Die Kosmopolitanismusdebatte hat in den letzten Jahren, unter anderem wegen der zunehmend spürbaren Globalisierung, neuen Schub erfahren. Der Informationsfluss hat sich selbst im Vergleich zum Ende des letzten Jahrhunderts noch einmal drastisch verstärkt. Die Welt ist enger zusammengerückt, auch weil die immer größer werdenden Unterschiede der Lebensbedingungen der Menschen beständig leichter ersichtlich werden. Außerdem verlieren einzelne Nationalstaaten immer weiter an Bedeutung und supranationale Organisationen und Institutionen könnten schon in der näheren Zukunft immer größere Bedeutung erlangen. Hinzu kommt noch die stetig steigende und zunehmend undurchsichtige Rolle großer ökonomischer Komplexe, die überhaupt erst in globale Gerechtigkeitsstrukturen eingebunden werden müssen. Sofern diese schon heute vorhanden sind, bedarf es auch eines Ausbaus und einer Umgestaltung.

Aus diesen verschiedenen Gründen war es unumgänglich, auch die Theorien der globalen Gerechtigkeit weiterzuentwickeln. Trotzdem steht John Rawls am Anfang dieses Prozesses, weil er mit seiner liberalistisch-kontraktualistischen Theorie die Basis für eine Vielzahl westlicher Gerechtigkeitstheorien geschaffen hat. Dennoch erschien sein Standardwerk hierzu bereits vor fast vierzig Jahren. Die Welt hat sich in dieser Zeit verändert und jede noch so gute Theorie bedarf nach gewisser Zeit einer Anpassung. Aus diesem Grund kommen sowohl die Positionen von Charles R. Beitz und Martha C. Nussbaum mit in die Betrachtung. Die vertragstheoretische Position von Rawls steht hier verstärkt im Fokus. Vor allem seine Einschätzungen über den Verlauf von Verhandlungen und darüber, wer als Teilnehmer daran partizipieren soll. Des Weiteren wird zu erörtern sein, wie globale Gerechtigkeit in der heutigen Welt implementiert werden kann. Die Frage danach, ob der Staat hierbei auch weiterhin eine entscheidende Rolle spielt, muss differenziert betrachtet werden.

Des Weiteren ist zu erörtern, ob sich die vertragstheoretisch geprägte westliche Sicht auf Gerechtigkeitsvorstellungen adäquat mit der gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Situation auf dem Erdball auseinandersetzt. Sind allein liberal-westliche Vorstellungen prägend oder müssen auch andere Gesellschaftsentwürfe mit eingebunden werden? Können liberale Gesellschaften auch in Zukunft ihre demokratischen und liberalen Vorstellungen auf das Völkerrecht ausweiten, um die Sicherung der Grund- und Menschenrechte zu gewährleisten?

Außerdem ist zu diskutieren, in welcher Form zur globalen Gerechtigkeit weiter beigetragen werden kann. Geschieht dies in Form von Kooperationsverbänden, von Staaten, von nationalen oder internationalen Institutionen, von wirtschaftlichen Konzernen oder von einzelnen Individuen? In welchem Maße sich jeder einzelne beteiligen kann ist unter dem Aspekt der Fairness auch umstritten.

Aus diesen verschiedenen Gründen ist es interessant, unterschiedliche Denkansätze von Theoretikern der globalen Gerechtigkeit unter Berücksichtigung des Kosmopolitanismus gegenüberzustellen und deren Stärken und Schwächen herauszuarbeiten. Deswegen sollen im Folgenden die Positionen von John Rawls, Charles Beitz und Martha Nussbaum verglichen werden. Die Theorien von Rawls dienen dabei als Fundament, wobei sie von Beitz sogleich einer kritischen Prüfung unterzogen wurden. Nussbaums Ansatz ist etwas später entstanden und prüft, ob die Tauglichkeit der Theorien von Rawls auch im 21. Jahrhundert nach wie vor gegeben ist. Hierzu bedient sie sich nicht ausschließlich der politischen Theorie des Kosmopolitanismus, sondern auch der Empirie und des unter anderem von ihr entwickelten Fähigkeitsansatzes.

2. Literaturübersicht

Im Rahmen der Seminardiskussion über den Richtungsstreit um die Deutungshoheit in der Debatte zwischen Partikularisten und Kosmopolitisten, ging es in erster Linie darum, die ausdifferenzierten Positionen der herausragenden Theoretiker auf diesem Gebiet kennenzulernen, deutlich herauszukristallisieren und einander gegenüberzustellen. Zu diesem Zweck wurde als Grundlage der Diskussion das Buch „Globale Gerechtigkeit“, herausgegeben von Christoph Broszies und Henning Hahn, ausgewählt, weil in ihm Schlüsseltexte von verschiedenen Autoren, unter anderem Thomas Nagel, David Miller, Otfried Höffe, Thomas W. Pogge, Jürgen Habermas und Seyla Benhabib, mit divergierenden Standpunkten zur Partikularismus-Kosmopolitismus-Debatte vorgestellt werden.[1]

In dieser Arbeit soll es jedoch speziell um die Theorien und Ausführungen dreier Vordenker auf diesem Gebiet gehen. Besonders prägend für die Diskussion war John Rawls mit seinem Standardwerk „A Theory of Justice“, in dem er aus vertragstheoretischer Sicht die Beziehungen von Staaten untereinander thematisiert, sowie die Möglichkeit der Ausgestaltung eines organisierten Zusammenlebens darlegt, wobei den einzelnen Nationalstaaten dabei die tragende Rolle zukommt.[2] Die von Rawls postulierten Thesen in dem 1971 erschienenen Buch hat er über die Jahre weiterentwickelt, indem er eine Art politischen Liberalismus[3] konstruiert, der Gerechtigkeit lediglich auf eine Position der Fairness ausweitet, worauf sich sein letztes Werk „Justice as Fairness“ hauptsächlich konzentriert.[4] Um einen einzelnen aber charakteristischen Ansatzpunkt in diesem Ideenwettstreit aufzugreifen, bezieht sich John Rawls hierbei auf das Völkerrecht[5], was in dem in Rede stehenden Zusammenhang das Recht der Völker untereinander bzw. was dem Recht aller Völker gemein ist, bedeutet.[6] Hinzu kommt noch eine Übersicht der Positionen von Hobbes, Locke, Hume, Rousseau, Mill und Marx, unter spezieller Berücksichtigung von Gerechtigkeit, Rolle des Staates, Gesellschaftsvertrag und Rechtsprechung, die er im Rahmen seiner dreißigjährigen Lehrtätigkeit an der Universität von Harvard zusammengetragen und verdichtet hat.[7]

Eine konträre Position in dieser thematischen Auseinandersetzung nimmt Charles R. Beitz ein. In seinem Beitrag „Gerechtigkeit und internationale Beziehungen“[8] greift er Rawls Thesen besonders vor dem Hintergrund der Problematik der Ressourcenverteilung an. Darüber hinaus weist er auf die Implikationen einer in immer stärkerem Maße verflochtenen Weltwirtschaft hin, woraus er ableitet, dass Gerechtigkeitsprinzipien eher für die Welt als Ganzes, denn für die Vielzahl einzelner Nationalstaaten gedacht werden sollte. Dies baut er verstärkt in seinem Werk „Political Theory and International Relations“ aus, in dem explizit auf ökonomische Abhängigkeiten verwiesen wird.[9] Des Weiteren beschäftigt sich Beitz vorrangig mit der Frage nach weltweit allgemeingültigen Grundrechten für alle Menschen, die er im globalen Moraldiskurs bereits zu einer Art Lingua franca aufsteigen sieht.[10] Die Idee der Menschenrechte betrachtet er von ihrem Ursprung bis hinein in die Gegenwart, nicht nur von Befürwortern, sondern auch von Skeptikern, und vergleicht dabei Naturrechts- und Vertragstheorien, ohne den normativen Aspekt außen vor zu lassen.[11]

Martha C. Nussbaum sieht ebenfalls Teile von Rawls Argumentation kritisch. Ihre normative Argumentation untermauert sie vor allem durch Fakten, die die Ungerechtigkeit des derzeitigen Weltwirtschaftssystems und des gegenwärtigen Verteilungsstandes der globalen Ressourcen anprangern. Hierbei fordert sie Chancengleichheit für alle Menschen und eine Änderung des Zustandes, dass allein der Geburtsort für das Glück oder Unglück im Leben jedes einzelnen Menschen eine dominierende Position einnimmt.[12] Eine entscheidende Rolle auf dem Weg zu einer gerechteren Weltordnung spielt für sie die Bildung, insbesondere für die Ausgestaltung einer funktionierenden Demokratie.[13] Darüber hinaus fordert sie, die Gerechtigkeitsdebatte nicht ohne die Ökonomen zu führen, weil ein Durchbruch auf diesem Gebiet ohne die Berücksichtigung von ökonomischen Problemen und Zwängen illusorisch sei.[14] Trotzdem deutet sie wiederholt an, dass der Verweis auf ein, in welcher Kategorie auch immer, gutes Bruttosozialprodukt kein Ausweis oder keine Garantie für eine hohe Lebensqualität ist.[15] Auf Rawls Konstrukt des politischen Liberalismus geht sie ebenfalls ein, indem sie ihn um die Option des perfektionistischen Liberalismus erweiter und ihm gegenüberstellt.[16]

3. John Rawls – Das Völkerrecht

Die Ideen, welche John Rawls in dem Abschnitt über das Völkerrecht darlegt, bilden die Grundlage für die Analyse, sowohl von Rawls eigenen Ausführungen, als auch von denen Beitzens und Nussbaums, weil sich die beiden anderen Autoren in ihren Texten immer wieder auf die Rawlssche Argumentation beziehen und versuchen, diese in Teilen zu widerlegen. Sie sind geprägt von politischem Liberalismus, was dazu führt, dass zunächst geklärt werden muss, wie stark sich dieser auf die Theorien auswirkt.

Hierzu lässt sich die Frage nach dem Umgang mit nichtliberalen Gesellschaften heranziehen, vor dem Hintergrund, aus einer im Gegenteil liberalen politischen Gesellschaft zu stammen. Dies ist völkerrechtlich von Bedeutung, weil nicht davon ausgegangen werden kann, nur mit gleichdenkenden, liberalen Gesellschaften konfrontiert zu werden. Tyrannische oder diktatorische Regime, welche die eigene Bevölkerung unterdrücken und die Menschenrechte nicht achten, können nicht als voll akzeptierte Mitglieder ihren Platz unter den Regierungen der Völker einnehmen. Allerdings, so führt Rawls aus, wäre es ebenso intolerant, von allen Gesellschaften zu verlangen, liberal zu sein. Wenn es Gesellschaften gibt, die einen vernünftigen Weg gefunden haben, das Zusammenleben in ihrer Gemeinschaft zu organisieren, ohne zwangsläufig liberal sein zu müssen, wäre dies zu akzeptieren. Die Akzeptanz anderer Gesellschaftsordnungen setzt ein liberales Gesellschaftsmodell voraus, solange politische und gesellschaftliche Institutionen vorhanden sind, welche die Möglichkeit einer vernünftigen völkerrechtlichen Zusammenarbeit garantieren.[17]

Das Schlüsselwort ist hierbei vernünftig. Wie ist es in diesem Zusammenhang zu definieren? Tyrannische und diktatorische Regime sind für Rawls eindeutig als unvernünftig einzustufen. Selbiges gilt auch für Staaten, mit einer aggressiven, expansionistischen Doktrin und auch für Staaten, die aus religiösen Gründen den Krieg, ganz nach Clausewitz, als „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“[18] ansehen. Dennoch bedarf es einer Untergrenze, deren Unterschreitung auch von liberalen Gesellschaften nicht zu tolerieren ist. Hierfür werden drei Bedingungen angeführt: Die Bereitschaft zur friedlichen Koexistenz und der damit einhergehende Verzicht auf Angriffskriege, eine, nach den Maßstäben des eigenen Volkes, funktionierende und gerechte Justiz und die Achtung der Menschenrechte.[19]

[...]


[1] Vgl. Broszies, Christoph; Hahn, Henning (Hrsg.): Globale Gerechtigkeit – Schlüsseltexte zur Debatte zwischen Partikularismus und Kosmopolitanismus, Berlin, 2010.

[2] Vgl. Rawls, John: A theory of Justice, Cambrige, 1971.

[3] Vgl. Rawls, John: Political Liberalism, Columbia University Press, New York, 1996.

[4] Vgl. Rawls, John: Justice as Fairness – A Restatement, Harvard University Press, Cambridge & London, 2001.

[5] Vgl. Rawls, John: Das Völkerrecht, in: Broszies, Christoph; Hahn, Henning (Hrsg.): Globale Gerechtigkeit – Schlüsseltexte zur Debatte zwischen Partikularismus und Kosmopolitanismus, Berlin, 2010, S. 55-103, Aus dem Amerikanischen übersetzt von Michael Bischoff.

[6] Vgl. Rawls, John: Das Völkerrecht, S. 55.

[7] Vgl. Rawls, John: Lectures on the History of Political Philosophy, Harvard University Press, Cambridge & London, 2007.

[8] Vgl. Beitz, Charles R.: Gerechtigkeit und internationale Beziehungen, in: Broszies, Christoph; Hahn, Henning (Hrsg.): Globale Gerechtigkeit – Schlüsseltexte zur Debatte zwischen Partikularismus und Kosmopolitanismus, Berlin, 2010, S. 175-208, Aus dem Amerikanischen übersetzt von Henning Hahn.

[9] Vgl. Beitz, Charles R.: Political Theory and International Relations, Princton University Press, Princeton, 1979.

[10] Vgl. Beitz, Charles R.; Goodin, Robert E. (Hrsg): Global Basic Rights, Oxford University Press, Oxford, 2009.

[11] Vgl. Beitz, Charles R.: The Idea of Human Rights, Oxford University Press, Oxford, 2009.

[12] Vgl. Nussbaum, Martha C.: Jenseits des Gesellschaftsvertrages – Fähigkeiten und globale Gerechtigkeit, in: Broszies, Christoph; Hahn, Henning (Hrsg.): Globale Gerechtigkeit – Schlüsseltexte zur Debatte zwischen Partikularismus und Kosmopolitanismus, Berlin, 2010, S. 209-241, Aus dem Amerikanischen übersetzt von Robin Celikates, Eva Engels und Christoph Broszies.

[13] Vgl. Nussbaum, Martha C.: Not for Profit – Why Democracy needs the Humanities, Princeton University Press, Princeton & Oxford, 2010.

[14] Vgl. Nussbaum, Martha C., Sen, Amartya (Hrsg.): The Quality of Life – A study prepared for the World Institut for Development Economics Research (WIDER) of the United Nations University, Clarendon Press, Oxford, 1993.

[15] Vgl. Nussbaum, Martha C.: Creating Capabilities – The Human Development Aproach, Harvard University Press, Cambridge & London, 2011.

[16] Vgl. Nussbaum, Martha C.: Perfectionist Liberalism and Political Liberalism, in: Philosophy & Public Affairs, Band 39, Punkt 1, S. 3-45.

[17] Vgl. Rawls, Das Völkerrecht, S.56.

[18] Clausewitz, Carl von: Vom Kriege, Berlin, 1832, S. 27.

[19] Vgl. Rawls, Das Völkerrecht, S. 99.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die politische Theorie des Kosmopolitanismus in der Diskussion
Untertitel
Unter besonderer Berücksichtigung der Positionen von John Rawls, Charles Beitz und Martha Nussbaum
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Demokratie und Außenpolitik
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
28
Katalognummer
V267466
ISBN (eBook)
9783656582069
ISBN (Buch)
9783656580591
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
John Rawls, Charles R. Beitz, Martha C. Nussbaum, Kosmopolitanismus, Globale Gerechtigkeit, Kontraktualismus, Fähigkeitsansatz, Rolle des Staates, Globalisierung, Vertragstheorien, Gesellschaftsvertrag, Völkerrecht, Grundrechte, Menschenrechte, Ressourcenverteilung
Arbeit zitieren
Marcus Helwing (Autor:in), 2013, Die politische Theorie des Kosmopolitanismus in der Diskussion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267466

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