Religiös-ästhetische Aspekte japanischer Kultur in Oji Suzukis "A Single Match"


Hausarbeit, 2011

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Monolithische Interpretation

2. Dogen
2.1. Anachronismen in Dogens Zeitverständnis
2.2. Das Initial Home und die Reise zum Selbst

3. Das japanische Wort kage

Schlußbetrachtung

Literatur

Abbildungsverzeichnis

Alle Abbildungen aus:

Suzuki, Oji: A single match, in: ders.: A single match, Montréal: Drawn & Quarterly 2010., S. 53

Abbildung 1: Ebd., S57

Abbildung 2: Ebd., S. 56

Abbildung 3: Ebd., S. 57

Abbildung 4: Ebd., S. 59

Abbildung 5: Ebd., S. 63

Abbildung 6: Ebd., S. 66

Abbildung 7: Ebd., S. 77

Abbildung 8: Ebd., S. 81

Abbildung 9: Ebd., S. 78

Einleitung

Die Arbeit stellt sich die Frage inwieweit, die japanische Kulturzugehörigkeit Oji Suzukis in A Single Match Ausdruck findet und ob ein Verständnis außerhalb des kulturellen Zusammenhangs überhaupt möglich ist. Der Umfang der Arbeit erlaubt dabei lediglich das Aufgreifen eines Aspekts der japanischen Kultur, das Weltbild und Denken des Zen-Buddhismus. Dem voraus geht die Interpretation des Werks als Darstellung innerer Prozesse eines zentralen Protagonisten, wobei hier der Fokus auf der Verschränkung der Figuren liegen wird. Die modernen Interpretationen der Texte des Zen-Meisters und Dichters Dogen sollen den Zugang zu einer speziellen Philosophie bieten, deren als Teil der kulturellen und ästhetischen Umgebung verstandene Einfluss auf A Single Match diese Arbeit zu beweisen versucht und die erlaubt, das Spiel von Identität und Realität in kulturellen Begriffen zu diskutieren. Anschließend sollen anhand einer kurzen Analyse des japanischen Wortes kage weitere Motive des Werks in den religiös-ästhetischen Zusammenhang Japans eingeordnet werden.

Motivation dieser Fragestellung ist das Ergänzen der zu A Single Match zu findenden Rezensionen und Interpretationen, die auch unter Außerachtlassung der speziell japanischen Inhalte des Werks, die eine komplexe Metaphysik formulierenden Motive, als schlicht ‚surrealistisch’ subsumieren.[1]

Im folgenden werden die Panels nach den üblichen Konventionen westlichen Leseverhaltens nummeriert, von links nach rechts und von oben nach unten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Monolithische Interpretation

Ähnlich einem Gedicht erlaubt die formale Gestaltung A Single Matchs Rückschlüsse auf den Inhalt. Eine auf diesem Weg mögliche Interpretation, ist einige der auftretenden Personen, oder sogar alle äußeren Erscheinungen, als Teil des Protagonisten zu verstehen. Hauptaugenmerk soll hierbei auf den anachron auftretenden Personen liegen, die als Exfigurationen eines zentralen Bewusstseins verstanden werden können. A Single Match lässt sich in Rahmen- und Binnenhandlung teilen. Der Dialog des alten Händlers und des Jungen auf der verlassenen Straße bildet den Rahmen, innerhalb dessen die Binnenhandlung erzählt wird. Als Protagonist gesehen wird die Figur, die innerhalb der Binnenhandlung als handelnde Person die Vorgänge bestimmt und im Mittelpunkt der Darstellungen steht. Neben dem Protagonisten relevant sind die Figuren der Rahmenerzählung, der alte Händler und der Junge, sowie die Figuren der Binnenerzählung, der alte Händler, der junge Händler, der Junge auf dem Foto und das Kleinkind.

Der fliegende Händler der Rahmenhandlung ist der Erzähler der Binnengeschichte. Schon die generelle Situierung dieser Szene, aber auch die Gestaltung des Übergangs der Erzählsituationen legen dies nahe. Der Erzähler tritt erst mit dem Beginn der Binnenerzählung auf. Zuvor gibt es Text nur in Form von Dialog. Panel 1 auf Seite 57 (Abb. 1) ist als Übergang zwischen diesen beiden Erzählsituationen zu verstehen. Der Text ist schon nicht mehr in einer Dialogblase, aber auch noch nicht in einer Erzählerblase. Auch die Reaktion des Jungen auf die zu Ende erzählte Geschichte weist deutlich auf die Verortung des Erzählers hin.[2] Somit kann der Händler der Rahmenhandlung als Erzähler identifiziert werden. Gleichzeitig besteht zwischen dem Jungen der Rahmenhandlung und dem der als Protagonist zu Beginn der Binnenerzählung auftritt eine auffällige Ähnlichkeit (Abb. 2 und 3).[3] Die Unbestimmtheit, mit der die Jungenfigur der Binnenerzählung gezeichnet ist, provoziert zusätzlich die beiden Figuren zu vereinen. Der Verkäufer scheint also eine Geschichte zu erzählen, in der, der auf der Straße kampierende Junge die Hauptrolle spielt. Es bestehen also Überlappungen zwischen Rahmenhändler und Protagonist, Rahmenjunge und Protagonist sowie Rahmenhändler und Rahmenjunge untereinander. Nach den beiden Rahmenfiguren tritt der „older travelling salesman“[4] auf, der ältere Händler. Zunächst fällt die Unbestimmtheit seiner Figur auf, da er ohne Gesicht gezeichnet ist. Auch hier werden also identitätsstiftende Versuche im Leser evoziert, der erst im weiteren Verlauf der Handlung Hinweise finden wird. Zum einen besteht zwischen dieser Figur und der des „young travelling salesman“[5], des jungen Händlers, die Übereinstimmung der groben Erscheinung als Händler und in der optischen Ähnlichkeit ihrer Gestalten allgemein. Zum anderen begegnet der Protagonist beiden an ähnlichen Orten, dem alten „at the edge of town“[6] und dem jungen „at the mouth of the town“[7]. Diese minimale Unterscheidung zwischen Rand und Mündung korreliert mit der kategorialen Unterscheidung von alt und jung.[8] Die Figuren stehen in einem Zusammenhang, wenn auch Unterschiede bestehen. Das Seitenlayout arbeitet mit dem Gestaltungsmittel der Verschiebung, die eine Überlappung andeutet. Panel eins und vier sind jeweils breiter als ihr Nachbar und erzeugen so ein

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ungleichgewicht und eine sie stärker verbindende Dynamik (Abb. 4 – 6). Diese Platzierung der Panels sorgt für ein dichteres Gefüge, sie wirken als Gesamtes weniger trennbar. Die Art des Seitenlayouts beziehungsweise der Gestaltung und Anordnung der Panels wiederholt sich und stellt somit, auch unter den Seiten Bezüge über die Form her. Auf Seite 63, auf der die Begegnung des Protagonisten mit dem Kleinkind gezeigt wird, entsteht durch die gleiche Anordnung der Panels wieder eine sie koppelnde Dynamik. Verbindungsherstellend sind hier außerdem die Onomatopöien, „toot toot boom“[9], die dem Protagonisten zum Ende hin ein zweites mal begegnen.[10] [11] Später erscheint im Bildvordergrund das halb im Sand vergrabene Bild eines Jungen mit Querflöte.[12] Inhalt und Form drängen hierbei darauf die Figuren zu vereinen. Inhaltlich hat der Protagonist zuvor den Wunsch geäußert Querflöte spielen zu wollen, und auch optisch besteht Ähnlichkeit zwischen den Figuren. Wieder unterstützt das Seitenlayout den verbindenden Eindruck. Nur beim jungen Händler[13] findet sich keine solche Gestaltung (Abb. 7). Dennoch bestehen deutliche Hinweise, dass auch hier die Figuren vereint werden können. Der Text in Panel zwei besagt „the boy stopped a young travelling salesman at the mouth of the town“[14], der bildhafte Teil des Panels zeigt einen jungen Händler mit halb verdunkeltem Gesicht. Es wird wieder das Verlangen erzeugt Identität herzustellen. Panel drei zeigt offenbar das Gesicht des jungen Händlers, einer Person die dem Protagonisten von Außen her begegnet. Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Der Text formuliert die Überschneidung von Protagonist und young travelling salesman.

Die Ähnlichkeit zur Person im Panel davor, und Sequenzialität des Erleuchtens eines zuvor verdunkelten Gesichts legen diese Zuordnung fest. Gleichzeitig beschreibt der Text: „Psshh! The boy’s face gleamed red and was quickly hidden again.“[15] Es scheint als sei der Hinweis über die Gestaltung hier nicht mehr nötig. Der Text benennt ganz deutlich das Gesicht, das scheinbar zum jungen Händler gehört, mit seiner Bezeichnung des Protagonisten. Zusätzlich benennt Panel eins der Seite 81 das Streichholz, das zuvor das Gesicht des jungen Händlers erleuchtet, als „the match lit for him [d.i. für den Protagonisten] earlier“[16]. Das bedeutet der junge Händler ist sowohl er selbst als auch der Protagonist. Seite 81 hat die Verschränkungsandeutung der Seitengestaltung nicht mehr nötig, die Überlappungen der Figuren ist hier so deutlich wie nirgends sonst. Diese drastische Verschränkung schließt damit auch rückwirkend den älteren Händler mit ein. „The match lit for him earlier“ kann alle Streichholzzündungen A Single Matchs in sich einschließen und bindet somit, wie der Titel selbst, das komplette Werk in ein Ganzes.

Erschwert wird das Verständnis des Protagonisten auch durch sein Altern, dessen Sprünge an zwei Stellen signifikant sind. Der erste große Alterssprung findet in einer Blumenwiese statt[17], der zweite im Sternenhimmel.[18] Jeweils wird der Akt des Fragens mit dem Prozess des Eindringens verknüpft. Die gleichartige Gestaltung lädt ein, die Seiten zu vergleichen wobei grundlegend zwei Unterschiede auffallen: Der Ort der ersten Entwicklung ist irdisch, die Blumenwiese ist sinnlich erfahrbar. Der Ort der zweiten Entwicklung hingegen ist transzendent, er übersteigt irdische und sinnliche Kategorien. Auch die Antworten auf die die Umgebung betreffenden Fragen differieren nicht nur wegen der unterschiedlichen Lokalität. Während die Antworten des ersten Schrittes die Namen der Blumen noch nennen, bleiben die Antworten des zweiten unbestimmt, die Bezeichnungen der Sterne werden nicht genannt. Sprache wird an dieser Stelle Thema, die Motiviertheit der Begriffe steht dem Akzeptieren der Arbitrarität gegenüber. Das sich darin offenbarende Progressive sichert die Einheit des Protagonisten in der Interpretation als persönliche Weiterentwicklung und unterstreicht gleichzeitig ein Thema A Single Matchs, das Erwachsenwerden.

Erinnerte oder gegenwärtige Teile des Ichs werden in der äußeren Welt für den Protagonisten erlebbar und die vielen heraldischen Verschränkungen lassen die Grenzen zwischen ihnen zunehmend verschwimmen. Die anachrone Darstellung innerer Bestandteile im Außen, die gleichzeitig durch die Verschränkungen ihr Monolithisches behalten, weisen Analogien zum Zeitverständnis des Zen-Buddhismus auf, und können in dessen Spiegel näher betrachtet werden.

[...]


[1] Vgl. Mautner, http://www.tcj.com/reviews/a-single-match/.

[2] Suzuki, „A Single Match“, S. 84.

[3] Dies überwindet auch den leicht abgewandelten Zeichenstil, der die beiden Teile A Single Matchs formal unterscheidet. Eine weitere formale Differenz ist das aus vielen kleinen Panels bestehende Seitenlayout.

[4] Suzuki, „A Single Match“, S. 59, P. 2.

[5] Ebd., S. 77, P. 2.

[6] Ebd., S. 59, P. 2.

[7] Ebd.; S. 77, P. 2.

[8] Interessant ist hier die attributive Einteilung von jung zum Mund, als sinnlicher Apparat des in sich Aufnehmens, und alt an den Rand, ein Ort außerhalb des Zentrums, der als Position erst die Sicht auf ein Umfasstes freigibt. Der Jugend wird Sinnlichkeit, dem Alter Transzendenz zugeordnet, wie an späterer Stelle ein weiteres Mal. Vgl. Suzuki, „A Single Match“, S. 69 und S. 73. Gleichzeitig stehen Raum und Zeit hier in Zusammenhang, räumliche Koordinaten entsprechen Punkten in der Zeit.

[9] Suzuki, „A Single Match“, S. 63 und 80.

[10] Siehe hierzu auch: Das Initial Home und die Reise zum Selbst, S. 10.

[11] Strenggenommen ist schon die Motivation der Suche, einen Jungen zu finden der genau so gut Mundharmonika spielt wie er, und das daraus hervorgehende Auffinden des Kindes, ein Anhaltspunkt der die Figuren einander annähert.

[12] Suzuki, „A Single Match“, S. 66, P. 4.

[13] Ebd., S. 77.

[14] Ebd., S. 77, P. 2.

[15] Ebd., S. 77, P. 3.

[16] Suzuki, „A Single Match“, S. 81, P. 1.

[17] Ebd., S. 69.

[18] Ebd., S. 73.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Religiös-ästhetische Aspekte japanischer Kultur in Oji Suzukis "A Single Match"
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Germanistik)
Veranstaltung
Japanische Comics und ihre westliche Rezeption
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V267532
ISBN (eBook)
9783656586074
ISBN (Buch)
9783656586081
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Manga, Comic, a single match, oji, suzuki, japan, dogen, spiegelman, monodrama, kulturwissenschaften, buddhismus, zen
Arbeit zitieren
Nico Ries (Autor), 2011, Religiös-ästhetische Aspekte japanischer Kultur in Oji Suzukis "A Single Match", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267532

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