Welche Handlung ist die moralisch wertvollere? Die Hilfe, die ich meinen Freund zukommen lasse, oder jene, die mein Feind genießt?
Im ersten Abschnitt der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ gibt uns Kant eine Vorstellung davon, wodurch eine Handlung einen moralischen Wert erlangt.
Moralisch wertvoll sei eine Handlung, sobald diese rein aus Pflicht ausgeführt werde. Es dürfe uns nichts weiter zu dieser Handlung motivieren, als die Pflicht oder genauer, die Achtung vor dem Gesetz. Das bedeutet, Neigungen wie Liebe oder Mitleid als Motiv machen eine Handlung nicht moralisch und somit ist Kant der Ansicht, nur die Hilfe meinem Feind gegenüber sei wirklich moralisch.
Intuitiv steht man dieser These eher skeptisch gegenüber.
Diese rigorose Sichtweise Kants veranlasste Schiller, das Gedicht „Gewissensskrupel und Decisium“ zu schreiben, welches diesen Zwiespalt überspitzt darstellt.
Auch in seiner philosophischen Schrift „Über Anmut und Würde“ bezieht sich Schiller auf die Position Kants zum moralischen Wert einer Handlung.
In dieser Hausarbeit wird der Weg Kants zu seinem Pflichtbegriff erläutert und in diesem Zusammenhang aufgezeigt, was Kant unter einer „moralisch wertvollen Handlung“ versteht. Anschließend wird Schillers Gegenposition aufgrund seiner Gedichte „Gewissensskrupel“ und „Decisium“ sowie seiner philosophischen Schrift „Über Anmut und Würde“ dargestellt. Zum Schluss werde ich zu einer Lösung kommen, die uns Kants These verständlich und akzeptabel macht. Dazu werde ich anhand des ersten Abschnittes untersuchen, ob und wo Kant seinen Aussagen zu viel Interpretationsspielraum gelassen hat.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 GRUNDLEGUNG ZUR METAPHYSIK DER SITTEN
2.1 Der gute Wille
2.2 Die Pflicht und die Neigung
3 DAS PROBLEM
3.1 Menschenfreund vs. Menschenfeind
4 REAKTION
4.1 Schiller – Über Anmut und Würde
4.2 Schiller - Gewissensskrupel und Decisium
5 WIE SOLLEN WIR KANT VERSTEHEN?
6 FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Pflicht und Neigung in Immanuel Kants „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“. Das Ziel ist es, Kants strikten Pflichtbegriff und dessen moralische Bewertung von Handlungen kritisch zu beleuchten, indem Schillers Gegenposition und seine philosophische sowie literarische Kritik (Gedichte) als Vergleichsfolie herangezogen werden, um zu einem tieferen Verständnis der kantischen Moralphilosophie zu gelangen.
- Untersuchung des Begriffs des „guten Willens“ bei Kant.
- Differenzierung zwischen pflichtmäßigen Handlungen und Handlungen aus Pflicht.
- Analyse der Schillerschen Kritik („Anmut und Würde“, „Gewissensskrupel und Decisium“).
- Diskussion über die moralische Bewertung menschlicher Handlungsmotive.
- Synthese zur Frage nach der Interpretation von Kants Rigorismus.
Auszug aus dem Buch
3.1 Menschenfreund vs. Menschenfeind
Die Art und Weise, in der Kant die Handlung aus reiner Pflicht und aus Pflicht mit Neigung beispielhaft darstellt, löst bei vielen seiner Leser Unmut aus. Zuerst beschreibt Kant den „Menschenfreund“(Kant: GMS, S. 398). Er charakterisiert ihn als jemanden, der ohne Eigennutz, aus reiner Freude und Liebe zu seinen Mitmenschen, Gutes tut. Der „Menschenfreund“ verspürt eine innere Zufriedenheit wenn er anderen Menschen helfen kann.
Man sollte meinen, diese Art von Mensch handelt ohne Zweifel äußerst moralisch. Kant ist jedoch anderer Meinung: „[…]aber ich behaupte, daß in solchem Falle dergleichen Handlung, so pflichtmäßig, so liebenswürdig sie auch ist, dennoch keinen wahren sittlichen Wert habe […].“(Kant: GMS, S. 398). Ein anderes Beispiel ist die Charakterisierung des Menschenfeindes.
Dieser ist so sehr mit seinem eigenen Schicksal beschäftigt und in sich gekehrt, dass er sich absolut gleichgültig gegenüber dem Leiden und Schicksal seiner Mitmenschen verhält. Er verspürt kein Mitleid für die Not anderer. Trotzdem schafft er es, sich aus dieser Haltung herauszureißen und erledigt seine Pflicht, indem er hilft wenn er kann. „[…] aber fremde Not rühre ihn nicht, weil er mit seiner eigenen genug beschäftigt ist, und nun, da keine Neigung ihn mehr dazu anreizt, risse er sich doch aus dieser tödlichen Unempfindlichkeit heraus und täte die Handlung ohne alle Neigung, lediglich aus Pflicht […]“ (Kant: GMS, S. 398). Damit eine Handlung wirklich moralisch ist, darf diese nicht von Neigungen angetrieben sein, selbst wenn dabei eine pflichtmäßige Handlung das Ergebnis ist. Denn Neigungen gehen zwar manchmal konform mit der Pflicht, jedoch kann durchaus auch das Gegenteil zutreffen. Dieser Sachverhalt ist absolut willkürlich, und Willkür hat laut Kant nichts mit einem moralischen Prinzip zu tun (Kant: GMS, S. 411). Eine moralische Handlung ist somit nur vorhanden, wenn der Antrieb zur Handlung allein aus der Pflicht besteht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, wie Pflicht und Neigung den moralischen Wert einer Handlung nach Kant bestimmen, und skizziert das methodische Vorgehen unter Einbezug von Schillers Kritik.
2 GRUNDLEGUNG ZUR METAPHYSIK DER SITTEN: Dieses Kapitel erläutert Kants Ziel einer reinen Moralphilosophie, definiert den guten Willen als das einzige uneingeschränkt Gute und unterscheidet verschiedene Handlungstypen in Bezug auf die Pflicht.
3 DAS PROBLEM: Anhand der Beispiele des Menschenfreundes und des Menschenfeindes wird das Problem der moralischen Bewertung von Handlungen verdeutlicht, die aus Neigung oder Pflicht geschehen.
4 REAKTION: Dieses Kapitel beleuchtet Friedrich Schillers Kritik an Kants Rigorismus durch seine Schriften „Über Anmut und Würde“ sowie seine Gedichte „Gewissensskrupel und Decisium“.
5 WIE SOLLEN WIR KANT VERSTEHEN?: Es wird diskutiert, ob Kants Thesen als starres Konstrukt oder als methodisches Hilfsmittel zur Prüfung von Moralität zu verstehen sind, und es werden Abstufungen im moralischen Wert aufgezeigt.
6 FAZIT: Das Fazit stellt fest, dass die Pflicht der ausschlaggebende Punkt der Handlung sein muss, auch wenn eine Neigung diese begleiten kann, und fasst die Bedeutung der Vernunft als letzte Instanz zusammen.
Schlüsselwörter
Pflicht, Neigung, Guter Wille, Kant, Schiller, Moral, Ethik, Kategorischer Imperativ, Gesinnungsethik, Menschenfreund, Menschenfeind, Moralische Handlung, Vernunft, Anmut, Würde.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Spannungsverhältnis zwischen moralischer Pflicht und persönlicher Neigung im Kontext der Moralphilosophie von Immanuel Kant.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der Begriff des guten Willens, die Definition von moralischen Handlungen sowie die philosophische Auseinandersetzung zwischen Kant und Friedrich Schiller.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Erläuterung von Kants Pflichtbegriff und eine kritische Auseinandersetzung mit der Frage, was eine Handlung „moralisch wertvoll“ macht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Analyse und Kommentierung von Primärquellen (Kant) sowie deren kritische Prüfung durch Sekundärliteratur und Schillers Gegenposition.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die kantischen Beispiele (Menschenfreund/Menschenfeind), Schillers Kritik in „Über Anmut und Würde“ sowie seine Gedichte, um die Stringenz von Kants Argumentation zu hinterfragen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Pflicht, Neigung, Gesinnungsethik, Moralität und den Kategorischen Imperativ definiert.
Wie unterscheidet Schiller zwischen „Anmut“ und „Würde“?
Schiller definiert Anmut als Einklang von Pflicht und Neigung (das „Schöne“), während Würde auftritt, wenn Pflicht und Neigung sich entgegenstehen und die Pflicht durch Selbstbeherrschung obsiegt (das „Erhabene“).
Warum hält Kant die Handlung des Menschenfeindes für moralisch wertvoller als die des Menschenfreundes?
Für Kant ist die Handlung des Menschenfeindes reiner, da sie sicher frei von Neigungen erfolgt und somit ausschließlich durch die Vernunft und das Pflichtprinzip motiviert ist.
Was ist der Kern von Schillers Kritik an Kant?
Schiller kritisiert die Härte und den Rigorismus in Kants Pflichtbegriff, da dieser den Menschen in Vernunft und Sinnlichkeit zerreißt, anstatt ein harmonisches Miteinander von beidem anzustreben.
Kann man nach der Argumentation des Autors Kants Position als „abgeschwächt“ akzeptieren?
Ja, der Autor kommt zu dem Schluss, dass Kant auch „abgeschwächte“ Handlungen als moralisch anerkennen kann, sofern die Pflicht die grundlegende Basis bildet, auch wenn Handlungen aus reiner Pflicht den höchsten Wert besitzen.
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- Agnes Bledowski (Autor), 2013, Pflicht und Neigung bei Kant. Was bestimmt den moralischen Wert einer Handlung?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267839