Hans Jakob Christoph von Grimmelshausens "Der abentheuerliche Simplicissimus Teutsch". Ein Bestseller?


Seminararbeit, 2011
29 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Der Simplicissimus als Bestseller

2 Der Autor von „Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“
2.1 Leben und Werk
2.2 Der Autor und seine Verleger

3 Das Werk „Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“
3.1 Inhalt
3.2 Ausgaben
3.3 Auflage und Preis
3.4 Rezeption

4 Bestsellerfrage
4.1 Literarische Bedeutung des Werkes
4.2 Werkinterne und -externe Bestsellerfaktoren
4.2.1 Werkintern
4.2.2 Werkextern
4.3 Argumente für einen Bestseller

5 Zusammenfassung

6 Titel der zeitgenössischen Simplicissimusausgaben

1 Der Simplicissimus als Bestseller

Ich wurde durchs Feuer wie Phoenix geborn.

Ich flog durch die Lüfte! Wurd doch nit verlorn. Ich wandert durchs Wasser, ich raißt über Landt, in solchem umbschwermen macht ich mir bekandt. Was mich offt betruebet und selten ergetzt. Was war das? Ich habs in diß Buche gesetzt, damit sich der Leser gleich wie ich itzt thue, entferne der Thorheit und lebe in Rhue.1

Diese Worte des Protagonisten Simplicissimus in „Der Abentheuerliche Simplicis- simus Teutsch“2 lassen sich auch auf die Geschichte des Werkes selbst übertra- gen. Der Schelm erlebt in dieser Schrift zahlreiche wilde Abenteuer. Doch auch das Buch selbst kann inzwischen auf eine stolze Geschichte zurück blicken. Noch zu Lebzeiten des Autors musste es Umarbeitungen, unautorisierte Hinzufügungen und Raubdrucke über sich ergehen lassen. Dann sah es seinen Autor und seinen Verleger streiten und schließlich voneinander scheiden. Doch die posthume Rezeptions- und Editionsgeschichte war mindestens genauso vielfältig und spannend.

Von besonderer Bedeutung für diese Arbeit ist die Editionsgeschichte, die im Laufe des 20. Jahrhunderts große Fortschritte machte, was die Einordnung der über- lieferten Ausgaben angeht. Einer der besten Kenner des Materials war Jan Hendrik Scholte. Sein Verdienst war die erste Untersuchung der Simplicissimus-Ausgaben mit philologisch-bibliographischen Methoden. Auf seiner Arbeit baute Manfred Koschlig auf, der in mehreren Abhandlungen wichtige Erkenntnisse über die Echt- heit verschiedener Elemente der Simplicissimus-Ausgaben veröffentlichte und auch das Verhältnis von Grimmelshausen und seinen Verlegern von Fehldeutungen reini- gen konnte. Hans Heinrich Borcherdt gelang es 1921 die Ausgaben in die richtige chronologische Reihenfolge zu bringen. Daher wissen wir heute gut über die Ausga- ben Bescheid, die zu Lebzeiten des Autors erschienen und für diese Untersuchung von großer Bedeutung sind. Bezüglich der frühen Rezeptionsphasen bestehen je- doch ganz klar noch Defizite in der Forschung. Erst in der Romantik nehmen die Dokumente mit Aussagen über Lesepublikum und Rezeption zu. Diese Tatsache erschwerte die vorliegende Arbeit, für die nur die frühe Rezeptionsphase wichtig ist.

Peter Heßelmann bezeichnete den Simplicissimus als „Bestseller“.1 Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass er sich über diesen Terminus viele Gedanken gemacht hat. Den Begriff des Bestsellers hört man heutzutage sehr häufig und jeder versteht, was damit gemeint ist. Trotzdem sollte man ihn nicht leichtfertig verwenden. Ziel dieser Arbeit ist es, das Versäumnis Heßelmanns aufzuholen und sich kritisch mit der Be- zeichnung „Bestseller“ für den Simplicissimus auseinanderzusetzen. Zunächst wer- den die wichtigsten Informationen über den Autor Grimmelshausen und sein Haupt- werk, den „Abentheuerlichen Simplicissimus Teutsch“ zusammengetragen und der Stand der Editionsforschung aufgeführt. Auf dieser Grundlage soll nach einer kri- tischen Betrachtung des Terminus „Bestseller“ darüber entschieden werden, ob es sich beim Simplicissimus tatsächlich um einen solchen gehandelt hat.

2 Der Autor von „Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“

Leider gibt es nur wenige Dokumente über die historische Person des Johann Jakob Christoph von Grimmelshausen. Dieser Tatsache ist es geschuldet, dass der Lebenslauf des Autors nur sehr bruchstückhaft belegt ist. Die Literaturwissenschaft behilft sich häufig damit, vermeintlich autobiographische Textstellen des „Abentheuerlichen Simplicissimus Teutsch“ auf die Biographie des Autors zu übertragen. Solche Versuche sind jedoch mit Vorsicht zu genießen, da es sich schließlich um eine fiktive Autobiographie handelt. Trotzdem weisen einige Geschehnisse im Simplicissimus große Ähnlichkeiten mit historischen Begebenheiten auf, die nicht selten auch in Verbindungen mit dem Lebensweg des Autors stehen.

2.1 Leben und Werk

Im Folgenden soll lediglich ein kurzer Abriss des Lebensweges von Grimmelshausen gegeben werden, um seine Person einschätzen zu können. Auf Details im Leben des Autors kann an dieser Stelle verzichtet werden, da diese für die Beweisführung des Bestsellerstatus keine Rolle spielen. Die Angaben im folgenden Absatz entnehme ich dem Aufsatz von Peter Heßelmann.2

Geboren wurde Johann (Hans) Jacob Christoph (Christoffel) von Grimmelshau- sen im Jahre 1621 oder 1622. Der Geburtsort war das hessische Gelnhausen, eine überwiegend protestantische Reichsstadt nordöstlich von Frankfurt am Main. Die Familie stammte aus Thüringen und war adeligen Ursprungs, was Grimmelshausen später veranlasste, sich wieder „von Grimmelshausen“ zu nennen, nachdem sein Großvater Melchior Christoph das „von“ gestrichen hatte. Bei diesem wuchs der junge Grimmelshausen auf. Er besuchte vermutlich einige Jahre die örtliche luthe- rische Lateinschule bis zur Zerstörung und Plünderung der Stadt Gelnhausen im Jahre 1634. Die folgende Zeit ist nur spärlich belegt. Grimmelshausens Leben war von nun an von Kriegserlebnissen geprägt. Vermutlich wurde er vom Trossknecht zum Soldaten und Musketier und schließlich zum Schreiber in der Offenburger Re- gimentskanzlei. 1649 wurde er als Regimentssekretär abgedankt. Noch im selben Jahr trat er zum Katholizismus über und heiratete Catharina Henninger. Zu die- ser Zeit nannte er sich bereits „von Grimmelshausen“. Was folgte, war eine Kar- riere als Verwalter und niederer Beamter. 1667 wurde er Schultheiß1 in Renchen. Dieses Amt bekleidete er bis zu seinem Tod am 17. August 1676. Im Zuge des niederländisch-französischen Krieges trat er kurz zuvor noch einmal in den Kriegs- dienst ein.

Es ist wichtig sich zu vergegenwärtigen, dass Grimmelshausen nicht zur gebildeten Elite seiner Zeit gehörte, sondern sein Lebenslauf einen klaren Kontrast zu denen zeitgenössischer Gelehrter darstellt. Im Gegensatz zu diesen konnte Grimmelshausen keine traditionelle humanistische Schul- und Universitätsausbildung vorweisen, sondern lediglich ein paar Jahre auf der Lateinschule. Dort lernte er zumindest Schreiben, Rechnen, Lesen, Religion und Musik.2 Selbstironisch kommentiert Grimmelshausen seinen ungebildeten Hintergrund:

Man weiß ja wohl dass Er selbst nicht studirt, gelernet noch erfahren: sondern so bald er kaum das ABC begriffen hatt / in Krieg kommen / im zehenjährigen Alter ein rotziger Musquedirer worden / auch allwo in demselben liderlichen Leben ohne gute disciplin und Unterweisung wie ein anderer grober Schlingel / unwissender Esel / Ignorant und Idioth, Bernheuterisch uffgewachsen ist.3

Trotz seiner mangelhaften systematischen Bildung wäre es vorschnell Grimmelshausen als „Bauernpoeten“ zu bezeichnen.

Nicht jeder, der auf dem Lande lebt, ist ein Bauer; und nicht jeder, der ein Herz für die Bauern hat, wenn er schreibt, ist ein Bauernpoet. Grim- melshausens Umgang waren keineswegs nur Bauern; für ihn als Re-gimentssekretär, Schreiber, Schaffner, Gutsverwalter, Burgvogt, Makler, Geschäftemacher, Pferdehändler, Wirt, Schultheiß und Gerichtsherr waren seine „Herren“, d. h. seine Dienstherren, die seine äußere Existenz bestimmenden Auftraggeber [...] Grimmelshausen war alles andere als ein Bauer. Er wurzelte weder im Bürgertum noch im Bauerntum. Er glaubte an seine adelige Abkunft.1

In seinen Werken thematisiert er stets die aktuellen Wissensdiskurse seiner Zeit, unter anderem in den Gebieten Theologie, Politik, Astrologie und Medizin. Sein Wissen über die Bauernkultur, das in seinen Werken immer wieder anklingt, schöpft er nicht aus eigener Erfahrung, sondern eignete er sich durch Studien an.2 Der lebenserfahrene Grimmelshausen war äußerst belesen. Er nutzte verschiedene Bibliotheken und machte damit seine fehlende akademische Ausbildung wett. Die zahlreichen literarischen Quellen, die im Simplicissimus zu finden sind, fließen in raffinierter Montagetechnik ins Werk ein.3

Als Hauptarsenal für den Simplicissimus diente Garzonis Piazza Universale. Dessen Einfluss auf den Simplicissimus wies Scholte nach. Grimmelshausen nutzte unter anderem die Bibliothek von Dr. Johannes Küffer Jr., vermutlich auch die vom Freiherrn Philipp Hannibal von Schauenburg.4

Er war jedoch nicht nur auf schriftliche Quellen angewiesen: Eine „Mischung von Erfahrungs- und Bücherwissen, von Lebensweisheiten und Lesefrüchten bestimmt Grimmelshausens Verhältnis zu den gelehrten Diskursen seiner Zeit [...].“5

Sämtliche Werke Grimmelshausens erschienen innerhalb eines nur neunjährigen Zeitraumes, nämlich von 1666 bis 1675. Sein Gesamtwerk umfasst die sechs Roma- ne des simplicianischen Zyklus, neun kleinere Schriften, vier historische Romane, vier Traktate und einen Kalender. Alle diese Werke sind im Druck erschienen. Ins- gesamt ergibt das eine Menge von circa 3000 Druckseiten. Leider ist keines der Manuskripte erhalten.

Nur wenige Werke Grimmelshausens wurden unter seinem richtigen Namen ver- öffentlicht. Er nutzte Anagramme zur Verschlüsselung seiner Identität. Der Abentheu- erliche Simplicissimus wurde unter dem Namen German Schleifheim von Sulsfort herausgegeben. Weitere Beispiele für solche Anagramme sind: Samuel Greifnson vom Hirschfeld, Simon Lengfrisch von Hartenfels, Erich Stainfels von Grufens- holm und Melchior Sternfels von Fuchshaim. Einige Werke wurden jedoch auch mit einfachen Pseudonymen und drei selbstständige Veröffentlichungen mit dem Namen Grimmelshausen versehen. Diese Menge an Pseudonymen führte dazu, dass die historische Person des Grimmelshausen und sein Gesamtwerk erst relativ spät wieder entdeckt wurden.1

2.2 Der Autor und seine Verleger

Grimmelshausen versuchte zunächst seine Erstlingswerke das „Satyrische Pilgram“ und den „Keuschen Joseph“ bei Johann Christoph Nagel in Straßburg zu veröffentlichen. Dieser kündigte die Werke in beiden Herbstkatalogen von 1665 an. Es kam jedoch nie zu deren Erscheinen. Nagel hatte noch vor der Ankündigung des Werkes sein Verlagsrecht aberkannt bekommen. Nachdem dieser erste Versuch seine Werke zu veröffentlichen gescheitert war, fand Grimmelshausen in Wolff Eberhard Felßecker seinen ersten eigentlichen Verleger. Zur Leipziger Herbstmesse 1666 erschien bereits der erste Teil des „Satyrischen Pilgrams“.2

Interessanterweise wurde dies jedoch nur von Felßecker gedruckt und vom Leip- ziger Georg Heinrich Frommann verlegt. Für den „Keuschen Jospeph“ hingegen übernahm Felßecker den Verlag selbst. Dieser war damals auf den Messen nicht selbst vertreten, sondern unterhielt ein Komissionsverhältnis mit Frommann, dem er dafür ab und an ein kleineres Werk „seiner“ Autoren zum Verlag überließ. Wich- tig ist, dass Felßecker vor dem Jahr 1669 mit einer Ausnahme keine Titel in den Messkatalogen publiziert hatte und überregional auch nicht bekannt war, sondern als Kalenderdrucker eher als unbedeutend zu gelten hat. Felßecker wurde also erst mit dem Simplicissimus bekannt und erfolgreich, was als Erklärung für seine spä- teren Versuche dienen kann den Erfolg Grimmelshausens für sich zu monopolisie- ren.3

Um 1670 erreichte Felßeckers Verlag der Grimmelshausenschen Schriften ihren Höhepunkt. Laut Koschlig erschien sein letztes Werk bei Felßecker 1672 unter dem Titel „Verkehrte Welt“. In diesem Jahr trennte sich Grimmelshausen von seinem Nürnberger Verleger Felßecker und arbeitete von da an mit dem Straßburger Verleger Georg Andreas Dollhopf zusammen.4

Alle weiteren Werke des Autors seien laut Koschlig daraufhin in Straßburg er- schienen. Die wahrscheinlichsten Gründe dafür seien in der Ausschlachtung des Simplicissimus durch Felßecker zu suchen (siehe 3.2).

[...]


1 D. H. Breuer, 2005, S. 10.

2 Im Folgenden auch oft nur mit Simplicissimus bezeichnet.

1 vgl. Heßelmann, 2008, S. 12.

2 vgl. Heßelmann, 2008, S. 7-10.

1 Eine Art Bügermeisteramt mit folgenden Aufgaben: Steuereintreibung, Finanzverwaltung, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, Ausübung von Polizeigewalt, niedere Gerichtsbarkeit.

2 vgl. D. Breuer, 1999, S. 12.

3 Grimmelshausen, 1666.

1 Koschlig, 1965, S. 36.

2 vgl. Koschlig, 1965, S. 98.

3 vgl. Heßelmann, 2008, S. 9/10.

4 vgl. Scholte, 1953, S. 152/153.

5 Martin, 2008, S. 32.

1 beide Absätze vgl. Heßelmann, 2008, S. 9/10.

2 vgl. Koschlig, 1939, S. 7-15.

3 vgl. Koschlig, 1939, S. 51-55.

4 vgl. Koschlig, 1966, S. 327.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Hans Jakob Christoph von Grimmelshausens "Der abentheuerliche Simplicissimus Teutsch". Ein Bestseller?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Buchwissenschaft)
Veranstaltung
Bestseller der Frühen Neuzeit
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
29
Katalognummer
V268051
ISBN (eBook)
9783656586241
ISBN (Buch)
9783656586302
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beststeller, Simplicissimus, Grimmelshausen
Arbeit zitieren
Lena Augustin (Autor), 2011, Hans Jakob Christoph von Grimmelshausens "Der abentheuerliche Simplicissimus Teutsch". Ein Bestseller?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268051

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