Angst, Ängstlichkeit und Furcht

Ein Überblick zu konstruktivistischer und psychoanalytischer Entwicklungstheorie zur Angst


Essay, 2003
24 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Begrifflichkeiten

2. Theoretische Konzepte der Angstentstehung

3. Aspekte der Krankheitsbeurteilung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

Einleitung

„Wird`s besser ?

Wird`s schlimmer?

Fragt man alljährlich?

Seien wir ehrlich:

Das Leben ist immer lebensgefährlich.“ ERICH KÄSTNER

Umweltkatastrophen und Terror, Krieg und Verbrechen spiegeln den Hauptanteil unserer Nachrichten. Angst gehört fast wie eine Selbstverständlichkeit in unser alltägliches Leben. Obwohl über diese Emotion wenig kommuniziert wird, scheint es sich um ein Paradoxon zu handeln, dass Angst im Menschen fast allgegenwärtig zu sein scheint.

Im Folgenden möchte ich näher auf den Angstbegriff eingehen und im Zuge dessen eine Auswahl der wichtigsten theoretischen Konzepte vorstellen. Schwerpunkt dieser Arbeit wird die normale Angstentwicklung im Kindes- und Jugendalter sein. Ein Überblick über die Kriterien zur Diagnose einer Angststörung schließt die Arbeit ab.

1. Begrifflichkeiten

Was ist Angst?

Angst bedeutet ursprünglich „Enge“, „Beklemmung“. Das Wort ist urverwandt mit dem lat. angustus = eng. (Brockhaus, 1986, S.585)

Wissenschaftler und Psychologen versuchten Emotionen zu definieren, zu erklären und für uns fassbar zu machen. Vor allem Angst hat einen hohen Stellenwert in der Psychologie. Als wesentliches Element in der psychoanalytischen Theorie für Neurosenentstehung hatte sie für Siegmund Freud eine herausragende Stellung (Kleespies; 2003). Das Verständnis von Emotionen im Allgemeinen und Angst im Besonderen hängt somit auch mit der Theoriebegründung zusammen und dem daraus entstandenen Therapieansatz.

Somit verwundert es nicht, unterschiedliche Definitionen vorzufinden. Diese werden grob eingeteilt in Realdefinitionen und operationale Definitionen.

Realdefinitionen sind gekennzeichnet durch die Ersetzbarkeit des Wortes Angst mit Trieb, Hilflosigkeit, Spannungszustand, Stress und Gefühl. Sinnvoll erscheint dies vor allen Dingen dann, wenn dieser Terminus genau definiert wurde (Lazerus-Mainka & Siebeneick; 2000):

Einige Definitionsversuche aus psychologischer Richtung sind zum Beispiel: „Angst ist das Signal drohender Gefahr, des Anwachsens einer Bedürfnisspannung, gegen die der Mensch ohnmächtig ist“ (Freud, 1926, zitiert nach Lazerus-Mainka & Siebeneick; 2000). Nach Freud ist Angst ein Warnsignal vor einer drohenden Gefahr, die im Menschen Spannungen auslöst, welche beständig steigt und die der Mensch nicht willentlich beeinflussen kann.

Nach Fröhlich (1982, zitiert nach Lazerus-Mainka & Siebeneick; 2000) „ist Angst ein Gefühl, das sich beschreiben lässt als ein spannungsreiches, beklemmendes, unangenehmes, bedrückendes oder quälendes Gefühl der Betroffenheit und Beengtheit, das mit unterschiedlicher Intensität und im Zusammenhang mit einer Vielzahl von Situationen auftreten kann.“ Demnach hat Angst eine Varianz in ihrer Ausprägung. Die Ausprägung der Angst wird demzufolge durch die Situation bestimmt, in der sich eine Person befindet.

Horney (1951, zitiert nach Lazerus-Mainka & Siebeneick; 2000) drückt aus, dass “Angst das Gefühl der Hilflosigkeit ist gegenüber einer potentiell unfreundlichen Welt.“ Horney spricht hier das Empfinden einer Unfähigkeit an sich selbst aus, z.B. sich selbst zu schützen oder eigenständig zu handeln. Hieran geknüpft ist aber noch die Annahme des Menschen, die Welt stünde ihm beständig oder zu einem hohen Prozentsatz feindlich gegenüber. Dies sei Angst.

Operationale Definitionen beziehen sich auf das Verhalten, das in einem Kontext gezeigt wird. Es werden vorausgehende oder begleitende Handlungen bzw.Phänomene beobachtet und beschrieben (Lazerus-Mainka & Siebeneick; 2000).Operationale Definitionen entspringen überwiegend aus dem behavioristischen Ansatz1. Die Definition von Skinner (1973, zitiert nach Lazerus-Mainka & Siebeneick,2000) besagt, dass Angst eine Vermeidungsreaktion ist. Diese Vermeidungsreaktion wurde durch einen bestimmten Mechanismus erlernt (siehe behaviorale Modelle).Watson und Rayner (1920, zitiert nach Lazerus-Mainka & Siebeneick, 2000) formulierten, dass Angst durch bestimmte angeborene Angstreize wie laute Geräusche, Haltverlust und Schmerzreize ausgelöst wird. Andere Angstreize würden durch klassisches Konditionieren2 erworben.

Allgemein lässt sich zusammenfassend sagen, dass Angst „ein Gefühl oder eine Stimmung der Beengtheit, Beklemmung oder Bedrohung, ein unangenehmer,spannungsreicher, oft quälender emotionaler Zustand bzw. ein negativer Erwartungsaffekt“ ist, „verbunden mit einer Minderung oder Aufhebung der willens-und verstandesmäßigen Steuerung der eigenen Persönlichkeit.“ ( Brockhaus, 1986).Angst wird prinzipiell von jedem Individuum subjektiv erlebt. Dieser Gefühlszustandwird als solcher auch nur von der erlebenden Person durch Introspektion zugänglich (Lazerus-Mainka & Siebeneick, 2000). Somit wird Angst von jedem Menschen anders erlebt. Dieses Gefühl wird durch die Beobachtung der eigenen Person wahrgenommen (= Introspektion). Für den Alltag bedeutet das, dass ein Mensch nur aus dem persönlichen Angsterleben berichten kann. Angst ist gekennzeichnet durch verschiedene Begleitsymptome, die je nach Ausprägungsgrad der Angst auftretenkönnen. Beispielsweise durch Unruhe, Erregung, Bewusstseins-, Denk-, oder Wahrnehmungsstörungen, durch den Anstieg von Puls- und Atemfrequenz,verstärkte Darm und Blasentätigkeit, Übelkeit, Zittern und Schweißausbruch (nach Pschyrembel, 1998, Brockhaus 1986).

Was ist Furcht?

Um eine genaue Differenzierung haben sich in den letzten Jahren Wissenschaftler in der Psychologie und Philosophie bemüht.

Unter Furcht wird vor allem eine Reaktion auf eine spezifische Gefahr verstanden,die sich auf Gegenstände, Lebewesen oder Umweltfaktoren beziehen kann. Dies bedeutet zum Beispiel, dass Furcht vor großen Hunden bestehen kann oder vor dunklen Räumen. Angst hingegen kann auch dann vorhanden sein, wenn kein bestimmter Auslöser da ist, auf den sich die Angst zurückführen lässt. Anders formulierte es Jaspers (1948, zitiert nach Lazerus-Mainka & Siebeneick, 2000): „Ein häufiges und qualvolles Gefühl ist die Angst. Furcht ist auf etwas gerichtet, Angst ist Gegenstandlos.“

Getrennt wird zwischen Angst und Furcht vor allem in den geisteswissenschaftlichen Bereichen, während in der naturwissenschaftlichen Arbeit die Begriffe häufig als Synonym verwendet werden. Wissenschaftler gehen davon aus, dass diese Begriffe zu indifferent in unserem Sprachgebrauch verwendet werden (Lazerus - Mainka, &Siebeneick, 2000). Um welchen „Angsttypus“ es sich handelt, wird meistens durch eine nähere Erläuterung der Angst versucht zu verdeutlichen, zum Beispiel „aktivierte oder latente Angst (Leyhausen, 1965, zitiert nach Lazerus - Mainka, & Siebeneick, 2000).

Angst und Ängstlichkeit

Nach Catell und Schreier (1961) sowie Spielberger (1972, zitiert nach LazerusMainka & Siebeneick, 2000) verweist Ängstlichkeit als Eigenschaft auf die Häufigkeit, mit der eine Person Angst erlebt hat oder wie sensibel ein Mensch für das Erleben von Angst ist. Somit definiert Angst die Intensität des Gefühlszustandes, wobei Ängstlichkeit eine Person kennzeichnet.

In diesem Kontext wird auch von trait anxiety gleichbedeutend mit Eigenschaftsangst gesprochen und state anxiety als Synonym für Zustandsangst gebraucht. Die Eigenschaftsangst weißt darauf hin, wie häufig eine Person in ihrem Leben Angst erlebt hat, während die Zustandsangst den Ausprägungsgrad und die Tiefe der erlebten Emotion beschreibt.

Da Ängstlichkeit oftmals mit Hilfe von Fragebögen diagnostiziert wird, ist Ängstlichkeit das, was die Fragebögen messen. Das bedeutet, dass das Ergebnis des Fragebogens von dem theoretischen Konstrukt und dem Verständnis von Ängstlichkeit abhängig ist. Daher muss im Vorfeld geprüft werden, ob das diagnostische Mittel geeignet ist, die zu treffende Aussage zu erfassen. Ein weiterer Aspekt ist, dass Fragebögen durch Reflexion des biographischen Gedächtnisses ausgefüllt werden (Lazerus-Mainka & Siebeneick, 2000). Das bedeutet, dass die Items durch die im Moment vorhandenen bzw. die zugänglichen Erinnerungen an bestimmte Situationen beantwortet werden. Zu berücksichtigen ist, dass kritische Lebensereignisse einen entscheidenden Einfluss auf die aktuelle Befindlichkeit haben, als auch auf die Reflexionsmechanismen. Dadurch ist das Ergebnis ein Teil des Selbstkonzeptes der Person und ihrer aktuellen Befindlichkeit.

2. Theoretische Konzepte der Angstentstehung

Um die pathologische Angstentstehung bzw. Angststörung zu verstehen, ist es notwendig, kurz auf die normale Angstentwicklung einzugehen. Zur Angstentwicklung wurde eine Vielzahl von Theorien erstellt, wobei die sehr unterschiedlichen Ansätze von rein naturwissenschaftlich-neuropsychologisch bis hin zu behavioristischen Modellen reichen. Die bestehenden Konzepte lassen sich grob in fünf Gruppen einteilen: psychoanalytische Modelle, behavioristische Modelle, kognitive Modelle und Bindungsmodelle (Essau, 2003).

Im Folgenden möchte ich mich auf diese fünf Gruppen beschränken. Steinhausen formulierte: „Ausschließlich naturwissenschaftlich orientierte und medizinische Modelle sind selten geeignet, psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen zu erklären.“ (Steinhausen; 2002).

Behavioristische Modelle

Der Behaviorismus beobachtet vor allem menschliches Verhalten und dessen Konsequenzen. Dabei werden Kognitionen und Motivationen ausgeklammert. Diese werden, da sie nicht von außen sichtbar sind, als unwissenschaftliche und nicht nachprüfbare Größen abgetan. Der Mensch wird als ein Wesen verstanden, welches nur durch Reaktion auf bestimmte Reize in seiner Umwelt agiert. Deshalb ist er weder gut noch böse.

Viele bedeutende Vertreter dieser Theorie überprüften ihre Hypothesen in Laborversuchen und Beobachtungen an Tieren.

Daraus entstanden ein großer Teil der Lerntheorien. Dieser Theorieansatz dominierte in Deutschland bis zur kognitiven Wende in den siebziger Jahren. Seitdem werden kognitive Theorien mit behavioristischen Ansätzen zunehmend miteinander verbunden, was sich auch in den Theorien niederschlägt. Die nachfolgenden vorgestellten Ansätze spiegeln zum Teil diese Entwicklung wieder.

[...]


1 Der Behaviorismus geht davon aus, dass das Verhalten durch Umweltbedingungen bestimmt wird. Der Mensch reagiert dementsprechend auf Umweltgegebenheiten und ist „weder gut noch böse“ (Zimbardo & Gerrig, 1999, S.12).

2 Klassisches Konditionieren: „Der Organismus erlernt eine neue Assoziation zwischen zwei Reizen[...]“ Einem neutralen Reiz, der zuvor keine spezifische Reaktion auslöste und einem bestimmten Reiz, der schon zuvor eine angeborene Reaktion auslöste. Diese werden miteinander verbunden. Das führt dahin, dass der neutrale Reiz zu der angeborenen Reaktion führt, die zuvor nur durch den bestimmten Reiz ausgelöst wurde (Zimbardo &Gerrig, 1999, S.209).

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Angst, Ängstlichkeit und Furcht
Untertitel
Ein Überblick zu konstruktivistischer und psychoanalytischer Entwicklungstheorie zur Angst
Autor
Jahr
2003
Seiten
24
Katalognummer
V268098
ISBN (eBook)
9783656590538
ISBN (Buch)
9783656590552
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Angst, Ängstlichkeit, Furcht, Psychoanalyse, Theorien zur Angstentwicklung, Diagnosestellung im Kindesalter
Arbeit zitieren
Agnes Huttenlocher (Autor), 2003, Angst, Ängstlichkeit und Furcht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268098

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