Rousseau und der Prozess der Selbsterkenntnis durch und in den "Rêveries"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Selbsterkenntnis in Rousseaus „Rêveries“
2.1 . Die Spannung zwischen der inneren und der äußeren Welt in den „Rêveries“
2.2 . Die Stille der Einsamkeit: Rousseau schreibt für Rousseau
2.3. Literarisierte Selbsterkenntnis: Auf der Suche nach dem Ursprünglichen

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis
4.1 . Primärliteratur
4.2 . Sekundärliteratur

1. Einleitung:

In meiner Hausarbeit möchte ich mich mit Rousseaus „Les Rêveries du promeneur solitaire“ befassen.

„ Sitôt que j’ai commencé d’entrevoir la trame dans toute son étendue, j‘ai perdu pour jamais l’idée de ramener de mon vivant le public sur mon compte et même ce retour ne pouvant plus être réciproque me serait désormais bien inutile. Les hommes auraient beau revenir à moi, ils ne me retrouveraient plus.”[1]

So äußert sich Rousseau in dem ersten Spaziergang der „Rêveries du promeneur solitaire“.

Die Frage, mit der sich diese Arbeit beschäftigen will, ist, für wen und warum hat Rousseau die „Rêveries“ geschrieben, wenn es, wie er selber sagt, niemand mehr gibt, an den er sich richten will? Welchen Nutzen sieht er in der Abfassung der „Rêveries“, wenn nicht um sich an einen Leser zu wenden?

Die These ist, dass Rousseau die „Rêveries“ brauchte um wieder den eigenen Selbsterkenntnisprozess vorantreiben zu können.

Ausgangspunkt für die Untersuchung ist das Buch „Literary Silences in Pascal, Rousseau, and Becket“ von Elisabeth Loevlie, in dem sie der Frage nachgeht, welche Bedeutung die gesellschaftliche Stille, die durch Rousseaus Rückzug entstanden ist, auf seine Selbsterkenntnis und die letztliche Abfassung der „Rêveries“ hatte. Außerdem befasst sie sich mit der Frage, wie er diese Stille in seinen „Rêveries“ literarisiert.

2. Selbsterkenntnis in Rousseaus „Rêveries“:

2.1 Die Spannung zwischen der inneren und der äußeren Welt in den „Rêveries“:

Einsamkeit hatte in vielen Rousseau‘schen Werken Erwähnung gefunden, wobei sich hierbei zwei Formen von Einsamkeit erkennen lassen. Zu der ersten Form der Einsamkeit lässt sich die Form zählen, die Rousseau in dem ersten Brief an Malesherbes beschreibt.

„Ich bin mit einer natürlichen Liebe zur Einsamkeit auf die Welt gekommen, eine Neigung, die in dem Maße nur zugenommen hat, als ich die Menschen besser kennenlernte. Mitten unter den Phantasiegebilden, die ich rings um mich versammle, finde ich besser meine Rechnung als mit den Wesen, die ich in der Welt sehe, und die Gesellschaft, die meine Einbildungskraft an meinem Zufluchtsort unterhält, macht mir vollends alle Gesellschaften, welche ich verlassen habe, zum Ekel. Sie vermuten mich unglücklich und von Melancholie verzehrt. O mein Herr, wie sehr Sie sich irren!“[2]

Rousseau sieht seine Neigung als eine seiner natürlichen Veranlagungen, dabei betont er welche große Freude er empfindet, wenn er mit sich und seiner Phantasie alleine ist.

Der Rückzug in die Einsamkeit wird von Rousseau hier als selbstbestimmter Rückzug beschrieben. Niemand hatte ihn dazu gezwungen, sondern er zieht sich aus eigenem Willen zurück und er lässt sich darin auch nicht von den Meinungen anderer über ihn oder auch über sein scheinbar seltsames Verhalten abhalten.

Dieser erste Form der Einsamkeit lässt sich am besten durch bewusstes Alleinsein beschreiben, sie ähnelt der Definition von Einsamkeit, wie sie später in der Aufklärung verstanden wird, als einen Ort der Selbstbesinnung und Selbstreflexion.

Dem kontrastiv gegenüber steht die Beschreibung wie er sie in den „Rêveries du promeneur solitaire“ vornimmt.

„Me voici donc seul sur la terre, n’ayant plus de frère, de prochain, d’ami, de société que moi- même. Le plus sociable et plus aimant des humains en a été proscrit par un accord unanime. Ils ont cherché dans les raffinements de leur haine quel tourment pouvait être le plus cruel à mon âme sensible, et ils ont brisé violemment tous les liens qui m’attachaient à eux.”[3]

Diese nun zweite Form der Einsamkeit ist keine selbstbestimmte Einsamkeit. Sie ist ein von außen auferlegter Zustand. Die Menschen hätten ihn in die Einsamkeit gezwungen, mehr noch beklagt er, ob er nicht ahnen konnte: „qu’une génération tout entière s’amuserait d’un accord unanime à m'enterrer tout vivant?“[4].

Es handelt als nicht um eine bestimmte Gruppe von Feinden, die ihn in die Einsamkeit treiben, sondern eine ganze Generation. Die Einsamkeit wird in Rousseaus Darstellung zu einem kompletten Stillstand der den gesellschaftlichen Tod beinhaltet. Rousseau sieht sich als am Leben, aber für die Gesellschaft, beziehungsweise eine ganze Generation, als nicht mehr existent.

Als Folge dieser „Vertreibung“ versinkt Rousseau in sein Innenleben, „puisque je ne trouve qu'en moi la consolation, l'espérance et la paix, je ne dois ni ne veux plus m'occuper que moi“[5].

Bronislaw Baczko sieht in Rousseaus Versinken in dessen Innenleben eine „Überwindung der eigenen Isolation“ wobei sich hierbei „das Bewußtsein des Individuums von seiner «eigenen Substanz» nährt“[6]. Aber wie Jörg Dünne aufzeigt ist „die Ekstase „reiner Innerlichkeit“ […] nur von kurzer Dauer“[7]. Doch warum begnügte sich Rousseau nicht mit der gefundenen Innerlichkeit seiner Rêveries, einem Zustand der zwischen Tagträumerei und Reflexion positioniert ist? Um diese Frage klären zu können, muss die Beschaffenheit der Rêveries näher betrachtet werden.

Der Zustand der Rêveries lässt sich am besten mit dem Wasserbild beschreiben, das Rousseau im fünften Spaziergang, in dem er seinen nachmittäglichen Aufenthalt auf dem Bielersee darstellt, entwirft. Die Bewegung des Wassers nimmt hierbei eine besondere Bedeutung ein:

„Le flux et le reflux de cette eau, son bruit continu mais renflé par intervalles frappant sans relâche mon oreille et mes yeux, suppléaient aux mouvements internes que la rêverie éteignait en moi et suffisaient pour me faire sentir avec plaisir mon existence, sans prendre la peine de penser.“[8]

Die Bewegung des Wassers ist hier immer gleich bleibendes und dennoch etwas stetig Vergängliches, eine ständige inkonstante Wiederholung. Elisabeth Loevlie zeigt auf, dass es, da Rousseau die Rêveries mit dem Wasser verbindet, auch eine Verbindung mit dem Selbst und der Bewegung des Wassers gibt[9].

Ähnlich wie in dem hin und her der Wellenbewegung bewegt sich auch Rousseaus Wahrnehmung während der Rêveries von außen nach innen, wie das Boot Rousseaus, das langsam auf den See abdriftet. Diese Wellenbewegung der Wahrnehmung führt zu einer „Einheit des Fühlen und Denken“[10], zu einem Gefühl des Existierens.

Das Selbst ist in dem gleichbleibenden Zustand, der den zuvor bestehenden Konflikt zwischen der Innern und Äußeren Welt aufhebt. Heinrich Meyer bezeichnet diesen Zustand, als „das Glück des „Beisichselbstseins““[11], oder man könnte es als einen Zustand des „an sich seins“ bezeichnen. Alle Dualität ist somit nicht gänzlich aufgelöst, aber doch weitestgehend verblasst.

Dieses bedeutet für Rousseau zwar eine kurzzeitige Überwindung der Isolation, in die er sich durch die Angriffe seiner Widersacher versetzt sieht, doch beraubt dieser Zustand der Rêveries Rousseau des dualistischen Zustandes, den er benötigt um seine Selbsterkenntnis weiter voran zu treiben, da die Rêveries, ähnlich wie der Zustand des „an sich seins“ auf dem Bielersee, kein dualistischer Zustand sind und er sich somit keinem reflektierbarem Objekt gegenüber sieht, an das er jegliche Erkenntnisprozesse knüpfen könnte.

2.2 Die Stille der Einsamkeit: Rousseau schreibt für Rousseau:

Rousseau, der sich durch seine Widersacher in die Einsamkeit gedrängt sieht, beginnt erneut zu schreiben. Nach seinen Werken „Les Confessions“ und „Dialogues- Rousseau juge de Jean-Jacques“ beginnt er ein neues autobiographisches Werk zu verfassen.

Was sich als ein roter Faden durch all seine autobiographischen Werke zieht, ist die Rechtfertigung seines Handelns, als auch der Versuch der Darstellung seiner selbst, als der der er ist. Diese sollten dazu dienen Verleumdungen, die über ihn verbreitet worden waren, aus dem Weg zu räumen. Trotzdem sah er sich einem gesellschaftlichen Schweigen gegenüber. Jean Starobinski fasste Rousseaus Situation wie folgt zusammen:

[...]


[1] Jean-Jacques Rousseau: Les Rêveries du promeneur solitaire; Edition avec Dossier; Paris; Flammarion, 1997, S. 58.

[2] Jean-Jacques Rousseau: Vier Briefe an Malesherbes, In: Schriften 1, Hg. v. Henning Ritter, Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag, 1988, S.478.

[3] Jean-Jacques Rousseau: Les Rêveries du promeneur solitaire; Edition avec Dossier; Paris; Flammarion, 1997, S. 55.

[4] Jean-Jacques Rousseau: Les Rêveries du promeneur solitaire; Edition avec Dossier; Paris; Flammarion, 1997, S.56.

[5] Jean-Jacques Rousseau: Les Rêveries du promeneur solitaire; Edition avec Dossier; Paris; Flammarion, 1997, S.60.

[6] Bronislaw Baczko: Rousseau, Einsamkeit und Gesellschaft, Wien, Europa Verlag Wien, 1970, S.212.

[7] Jörg Dünne: Asketisches Schreiben, Rousseau und Flaubert als Paradigmen literarischer Selbstpraxis in der Modern; Reihe Romanica Monacensia Band 65; Tübingen; Günther Narr Verlag Tübingen; 2003, S. 157.

[8] Jean-Jacques Rousseau: Les Rêveries du promeneur solitaire; Edition avec Dossier; Paris; Flammarion, 1997, S. 114.

[9] Elisabeth Loevlie: Literary Silences in Pascal, Rousseau, and Becket; Oxford; Oxford University Press, 2003, S.158.

[10] Heinrich Meier: Über das Glück des philosophischen Lebens, Reflexionen zu Rousseaus "Rêveries" in zwei Büchern; München; Beck Verlag; 2011, S. 158.

[11] Heinrich Meier: Über das Glück des philosophischen Lebens, Reflexionen zu Rousseaus "Rêveries" in zwei Büchern; München; Beck Verlag; 2011, S. 156.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Rousseau und der Prozess der Selbsterkenntnis durch und in den "Rêveries"
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für neuere deutsche und europäische Literatur)
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
17
Katalognummer
V268253
ISBN (eBook)
9783656584681
ISBN (Buch)
9783656584629
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rousseau, prozess, selbsterkenntnis, rêveries
Arbeit zitieren
Sandra Offermanns (Autor:in), 2013, Rousseau und der Prozess der Selbsterkenntnis durch und in den "Rêveries", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268253

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