Theodor Storms „Ein Doppelgänger“. John Hansens Umwelt und der Einfluss auf sein Schicksal

Chronik einer gescheiterten Rehabilitation


Hausarbeit, 2008
17 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.Theodor Storms Leben als Einfluss auf den Text

3. John Hansen und John Glückstadt

4. Einflüsse auf Johns Leben
4.1. Negative Einflüsse
4.1.1. Wenzel
4.1.2. Gendarm Lorenz
4.1.3. Die Hebamme Grieten
4.2. Positive Einflüsse
4.2.1. Der Bürgermeister
4.2.2. Der Schreiner
4.2.3. Christine
4.3. Ambivalente Einflüsse
4.3.1. Küster-Marieken
4.3.2. Hanna

5. Der Brunnen als zentrales Motiv der Novelle

6. Zusammenfassung..

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In einer seiner letzten Novellen erzählt Theodor Storm eine Geschichte, die zu ihrer Entstehungszeit so aktuell war wie sie es heute noch ist. „Ein Doppelgänger“ handelt von John Hansen, der nach einer abgesessenen Haftstrafe in Glückstadt versucht, den Weg in das bürgerliche Leben wieder zu finden. Doch anstatt Vergebung und die Chance auf einen Neuanfang in der Bevölkerung seiner Heimatstadt zu finden, schlagen ihm zumeist lediglich Misstrauen und Zweifel entgegen. Es ergibt sich ein Teufelskreis aus dem Versuch, seine Ehre zurück zu gewinnen und den sich wiederholenden Fehlschlägen dieser Bemühungen, die zu immer größeren Problemen führen und letztlich im tödlichen Sturz John Hansens in einen Brunnen enden.

Der nun folgende Text soll zum einen die Frage klären, ob Storm mit seinem Werk „Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts üben wollte oder ob er das tragische Scheitern seines >Helden< als unabänderlichen, schicksalhaften Vorgang auffasste“1und zum anderen, welche Personen und Umstände positiven als auch negativen Einfluss auf John Hansens Leben hatten, sowie deren Auswirkungen auf sein weiteres Verhalten bis zu seinem Tode.

2. Theodor Storms Leben als Einfluss auf den Text

Bei vielen Autoren stellt sich bei der Interpretation ihrer Werke irgendwann zwangsläufig die Frage, inwiefern das eigene Leben und die eigenen Erfahrungen Grundlage oder Inspiration war. Ein Blick in Storms Biografie offenbart, dass man hier nicht lange suchen muss, um zumindest einen Teil seiner Inspirationsquelle aufzudecken. „Storm als gelernter Jurist, als Richter und Landvogt schien ja für die Gestaltung eines >kriminalistischen< Themas besonders prädestiniert zu sein“2.

In den 1840er Jahren betreibt Storm eine eigene Anwaltskanzlei, welche er allerdings aufgeben muss, da er sich weigert, nach der Niederlage Schleswig-Holsteins gegen Dänemark eine Loyalitätserklärung zu unterzeichnen. Storm siedelt über nach Potsdam und wird dort Gerichtsassessor; später Kreisrichter in Heiligenstadt. Nach Ende des Deutsch-Dänischen Krieges kehrt er in seine Heimat Husum zurück und wird dort zunächst Landvogt und später preußischer Amtsrichter.

Sein letzter Berufswechsel ist 1874 die Ernennung zum Oberamtsrichter. Diese Stellung behält er sechs Jahre und wird 1880 auf eigenen Wunsch pensioniert.

Viele Fälle und Ereignisse, die Storm in seinen fast vierzig Jahren als Richter erlebt hat, haben ihn offenkundig in seinem Schaffen beeinflusst. In einen Brief an Emil Kuhn schreibt er:

„Mein richterlicher und poetischer Beruf sind meistens in gutem Einvernehmen gewesen, ja ich habe sogar oft als eine Erfrischung empfunden, aus der Welt der Phantasie in die praktische des reinen Verstandes einzukehren und umgekehrt.“3

In vielen anderen Briefen an Familie und Freunde berichtet er von aktuellen Prozessen, die ihn aus diversen Gründen besonders beschäftigen. Meist handelt es sich bei ihm dabei um humanistische Gründe, die einen Fall besonders berichtenswert erscheinen lassen. Storm scheint damals schon nicht immer den Täter allein als Schuldigen zu se- hen. Auch das Umfeld eines Menschen erscheint dem Richter und Autor wichtig:

„[…]den haben die Verhältnisse auf diesen Platz gebracht.

Etwas Sonnenschein zur rechten Zeit hätte vielleicht eine sehr edle Menschenpflanze zur Erscheinung gebracht.“4

Ebenso scheint ihm sehr bewusst zu sein, dass oftmals die Bevölkerung die Sühne eines verurteilten oder ehemaligen Straftäters nicht anerkennt, sondern der straffällig gewordene Zeit seines Lebens mit seiner Schuld konfrontiert wird - sogar, wenn er zum Tode verurteilt wird. Storms Meinung über ein derartiges Verhalten wird in einer Schilderung der Hinrichtung eines Sträflings sehr deutlich, wenn er schreibt: „[…] es wimmelte von Menschen; das Volk, die Bestie, war auf den Beinen“5.

Somit lässt sich zeigen, dass die Erfahrungen des Autors in seinem Beruf als Richter sein Bild von den Menschen, ihrem Einfluss aufeinander und dem Problem der Integration ehemaliger Häftlinge in normale soziale Strukturen entscheidend geprägt hat.

3. John Hansens und John Glückstadt

Der soziale Abstieg John Hansens beginnt mit seiner Entlassung aus dem Militärdienst. Aus dieser Zeit wird berichtet, dass er beinahe einen dänischen Kapitän niedergestochen hatte, weil dieser ihn beleidigte und das nach Ende seiner Dienstzeit noch „müßige, aber wilde Kraft“6in ihm ruhte. Da es ihm nicht möglich ist, sofort im Anschluss eine Stelle als Knecht zu bekommen, verbringt er einen Großteil seiner Zeit in einer Wirtschaft. An diesem Ort lernt er Wenzel kennen, der seinerseits wegen Trunksucht seine Arbeitsstelle verlor. Hansen und er werden Freunde. Bei den regelmäßigen Treffen in der Wirtschaft oder am Deich erzählt Wenzel John oftmals von „allerlei lustigen Spitzbuben- und Gewaltgeschichten“7, die den jungen Mann so sehr beeindrucken, dass in ihm der Wunsch aufkommt, selbst einmal so etwas zu erleben.

Mit diesem Entschluss brechen die beiden beim Exsenator des Dorfes ein und stehlen eine wertvolle Uhr, welche John einem Vettern zur Konfirmation schenkt. Hier schon stellen sich zwei Fragen: War die Straftat folge einer kriminellen Veranla- gung oder einfach nur Folge der Beeinflussbarkeit des jungen Mannes und seine durch Wenzels Räubergeschichten geweckte Abenteuerlust? Beabsichtigte John damit etwas Gutes oder etwas Böses? Denn auch wenn es außer Frage steht, dass die Entwendung fremden Eigentums nicht Rechtens ist, so beging er die Tat nicht, um sich selbst zu be- reichern, sondern um seinem Vettern ein Geschenk zu machen, welches er sich zu leis- ten aufgrund seiner Arbeitslosigkeit nicht im Stande gewesen wäre. Von einem Verbrechen mit direkt böser Absicht kann also nicht die Rede sein, dennoch brachten ihm der Einbruch und der Diebstahl sechs Jahre in der Zuchtanstalt in Glück- stadt ein. Der Name dieses Ortes wurde für die Bewohner seines Dorfes zu seinem neu- en Nachnamen und somit zum Symbol seiner Stigmatisierung. Obwohl er seine Schuld voll abgesessen hat, wird er den Namen Glückstadt doch nicht los. Nach der mit gutem Zeugnis bestätigten Entlassung aus dem Gefängnis sieht er sich wieder dem Problem der Arbeitslosigkeit gegenüber, denn die meisten möchten keinen ehemaligen Sträfling in ihren Dienst stellen. Letztlich bekommt er doch eine Stelle als Aufseher auf einem Acker, auf dem bezeichnender Weise früher der Galgen des Ortes stand.

Ebenso befindet sich dort ein Brunnen, auf dessen Symbolik später in diesem Text ge- nauer eingegangen wird. An seiner Arbeitsstelle lernt er dann seine spätere Frau Hanna kennen.

Die Ehe mit ihr und die Geburt der gemeinsamen Tochter Christine stellen für John ein Stück bürgerliche Normalität wieder her, nach der er sich seit seiner Haftentlassung sehnt. Doch auch dieses Glück ist nicht von langer Dauer. Die Familie lebt in armen Verhältnissen und die finanziellen Sorgen, besonders nach dem Tod von Hannas Mutter, lassen bei John alte Wunden wieder aufbrechen, der seine Schuld bis dahin immer noch nicht verarbeitet hat:

„wo aber eine Hand erbarmungslos an jene offene Wunde seines Lebens rührte, wo er’s nur glaubt, da fielen die starken Arme ihm an seinen Leib herunter[…]“8

Es kommt immer wieder zu häuslicher Gewalt, die auch das Bild der Familie beim Rest der Gemeinde prägen, obwohl sie nicht mitbekommen, dass auf die lautstarken Auseinandersetzungen zwischen John und Hanna die beiden sich jedes Mal in den Armen liegen und sich küssen.

Trauriger Höhepunkt dieser emotionalen Wechselhaftigkeit ist der Tod Hannas durch Johns fahrlässige Aggressivität. In Zeiten ihrer größten Armut schlägt Hanna ihrem Mann vor, er solle doch durch Wollspinnerei Geld verdienen; eine Tätigkeit, die er in seiner Zeit als Häftling in Glückstadt gelernt hat. Dies steht aber im absoluten Gegenteil zu Johns innigstem Wunsch, endlich mit seiner Vergangenheit abzuschließen. Er wird über diesen Vorschlag so wütend, dass er sie im Laufe der Auseinandersetzung von sich fort stößt, woraufhin sie sich unglücklich am Kopf verletzt und aufgrund dieser Verlet- zung stirbt.

Auch hier ist wieder die Frage, ob John für sein Handeln allein verantwortlich zu ma- chen ist. Schuld am Tod seiner Frau sind zwar einerseits sein aufbrausendes Tempera- ment und seine übermäßige Kraft, andererseits aber eben auch die finanziellen Sorgen, die daher rühren, dass er aufgrund der ihm immer noch nachgetragenen Vergangenheit keine Chance auf eine besser bezahlte Arbeitsstelle erhält. Somit ist dieser Schicksals- punkt in seinem Leben erneut ein Zusammenwirken von äußeren Einflüssen und seiner eigenen Unbeherrschtheit.

[...]


1Grimm, Günter: Storms „Ein Doppelgänger“. Soziales Stigma als modernes Schicksal. In: H. Denkler (Hrsg.): Romane und Erzählungen des bürgerlichen Realismus. Stuttgart: 1980, S.325 ff. S.329

2Ebd. S. 326

3An Emil Kuhn, vom 21.8.1873. In: P. Goldammer (Hrsg.): Theodor Storm: Briefe. Berlin/Weimar: 1972. Bd. 2, S.69

4An Constanze, vom 10.10.1863. In: Theodor Storm. Ein rechtes Herz. Sein Leben in Briefen dargestellt von Bruno Loets. Wiesbaden: 1951, S. 238.

5An Ludwig Pietsch, vom 22.2.1862. In: Blätter der Freundschaft. Aus dem Briefwechsel zwischen Theodor Storm und Ludwig Pietsch. Mitgeteilt von Volquart Pauls. Heide in Holstein: 1939, S.73.

6Storm, Theodor: Ein Doppelgänger. Ditzingen: Reclam. 2003, S. 21

7Ebd.

8Ebd, S.8

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Theodor Storms „Ein Doppelgänger“. John Hansens Umwelt und der Einfluss auf sein Schicksal
Untertitel
Chronik einer gescheiterten Rehabilitation
Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
3,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V268281
ISBN (eBook)
9783656585886
ISBN (Buch)
9783656585855
Dateigröße
637 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theodor, storms, doppelgänger, john, hansens, umwelt, einfluss, schicksal, chronik, rehabilitation
Arbeit zitieren
Florian Biehl (Autor), 2008, Theodor Storms „Ein Doppelgänger“. John Hansens Umwelt und der Einfluss auf sein Schicksal, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268281

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